Sport und Business in Ruanda
von Michael Pauron

Ganz Kigali war schon in den Regenbogenfarben des Internationalen Radsportverbands UCI für die bevorstehende Straßenrad-Weltmeisterschaft (21. bis 28. September 2025) geschmückt, als am 18. September ein Misston aus 6000 Kilometer Entfernung die gut geölte Kommunikation des ruandischen Regimes störte.
Am Flughafen Brüssel-Zaventem wurde dem belgischen Journalisten Stijn Vercruysse ohne Angabe von Gründen das Boarding für seinen Flug nach Kigali verweigert – obwohl er eine vom ruandischen Sportminister und dem UCI unterzeichnete Akkreditierung besaß. Der Journalist vermutete, dass der Grund seine kritische Berichterstattung war. Kurz zuvor war er im Osten des Kongo unterwegs gewesen, um über den Vormarsch der M23-Rebellen zu berichten, die von ruandischen Streitkräften unterstützt werden.1
Nichts sollte die Rad-WM stören, die nach der Fußball-WM in Südafrika 2010 das zweitgrößte globale Sportereignis war, das je in Afrika ausgetragen wurde.
Eine Woche lag verschafften die Wettkämpfe dem ostafrikanischen Land eine besondere Sichtbarkeit mit Bildern von jubelnden Fans vor einer idyllischen Naturkulisse. Die Weltmeisterschaft im Straßenradsport wurde in 33 Länder übertragen, mit mehr als 300 Millionen Fernsehzuschauern.
Während die UCI und die Rennfahrer:innen die gute Organisation des Events lobten, kritisierten andere, dass Ruanda das Ereignis für Sportswashing missbrauche. Präsident Kagame, seit 2000 an der Staatsspitze und 2024 mit 99,18 Prozent der Stimmen wiedergewählt, wolle die internationale Aufmerksamkeit von den Grundrechtsverletzungen in Ruanda ablenken – und der umstrittenen Einmischung in der DR Kongo. Anfang März verhängten die USA, die in der DR Kongo eigene Interessen verfolgen, gezielte Sanktionen gegen Mitglieder der ruandischen Streitkräfte (siehe dazu den Beitrag von Fanny Pigeaud auf Seite 14).
Neben der Imagepflege erhofft sich das Regime von den massiven Investitionen in den Sport konkrete ökonomische Vorteile, insbesondere beim Tourismus, der 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts generiert. Vom beeindruckenden Wirtschaftswachstum – durchschnittlich 8 Prozent pro Jahr zwischen 2021 und 2024 – profitiert allerdings vor allem „eine Elite im formellen Sektor“, wie der UN-Sonderberichterstatter Olivier de Schutter nach seinem Besuch in Ruanda im Mai 2025 schrieb: „Das reichste 1 Prozent in Ruanda kassiert 20 Prozent des Nationaleinkommens, das ist fast doppelt soviel, wie die ärmere Hälfte insgesamt besitzt.“2 Es gibt aber auch ermutigende Entwicklungen, zum Beispiel sind Armut und Kindersterblichkeit stark zurückgegangen.3
Aktuell liegt Ruanda beim Index für die menschliche Entwicklung (HDI) auf Rang 159 von 193 – 40 Prozent des Staatshaushalts hängen weiter von internationaler Hilfe ab. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Sportinvestments kritisch gesehen werden. Für den Schriftzug „Visit Rwanda“ auf den Trikots von Arsenal und Paris Saint-Germain (PSG) – Eigentümer des Clubs ist Katar – zahlt Ruanda jährlich 13,5 Millionen Dollar an den englischen und zwischen 12 und 17 Millionen Dollar an den französischen Fußballclub.
Während Arsenal den Marketingvertrag inzwischen beendet hat, hat PSG seinen Kontrakt kürzlich bis 2028 verlängert – ungeachtet der französischen Protestaktion „Stop Visit Ruanda“, die 55 000 Unterschriften gesammelt hatte.4 Seit April 2025 macht auch Atlético Madrid für rund 10 Millionen Dollar im Jahr Werbung für das Reiseland Ruanda. Und am 29. September 2025 wurden ähnliche Verträge mit den US-Clubs Los Angeles Clippers (Basketball) und Los Angeles Rams (American Football) vereinbart.
Mit solchen Investitionen gewinnt das Regime nicht nur internationale Sichtbarkeit, sondern auch Sympathien in der eigenen, traditionell sehr fußballbegeisterten Bevölkerung. Aimable Bayingana, früherer Sprecher der Kagame-Partei Ruandische Patriotische Front (RPF), kann sich noch an die Fußballturniere der RPF-Bataillone während des Guerillakriegs in den 1990er Jahren erinnern. Kaum war nach dem Friedensabkommen von Arusha 1993 eine Waffenruhe in Kraft getreten, die den Krieg zwischen Paul Kagames Rebellenarmee und der Regierung unter Präsident Juvénal Habyarimana vorübergehend stoppte, wurde der Armée Patriotique Rwandaise Football Club (APR FC) gegründet.

Bald auch Formel-1-Gastgeber?
Der wurde zunächst von kontinentweiten Wettbewerben ausgeschlossen, zählt heute aber zu den Spitzenvereinen des Landes. „Der Sport hielt die Truppen in Form, lehrte sie Disziplin und baute Spannungen ab“, erzählt Bayingana, der von 2007 bis 2019 auch Präsident der Rwanda Cycling Federation (Ferwacy) war.
Beim Wiederaufbau des Landes nach dem millionenfachen Völkermord an den Tutsi zwischen April und Juli 1994 setzte die RPF auf die gemeinschaftsstiftende Funktion von Sport. In zahllosen Überlebendenberichten wird auch die positive Wirkung regelmäßiger Bewegung erwähnt.5 Heute dient der Sport dazu, das Ideal einer aktiven „friedlichen Gesellschaft“ zu fördern, in der die Bevölkerung „einen gesunden Lebensstil“ pflegt, heißt es im Entwicklungsplan des Sportministeriums.
Wenigstens einmal im Monat sollen alle Ruander sonntagmorgens Sport treiben. Auf dem mehrere Kilometer langen Athletikparcours rund um Kigalis neuen Golfplatz trainieren täglich hunderte Hauptstädter:innen. Und überall in den Cafés und Geschäften hängen Bildschirme, auf denen europäischer Fußball läuft.
Laut dem Belgier Ivan Wulffaert, ehemals Chef der Brauerei Skol, dem langjährigen Hauptsponsor des lokalen Radsports, war die Rad-WM keine Idee „von Strategen, die in einem Büro überlegt haben, wie man das Fahrrad nutzen kann, um Ruanda zu fördern und ‚reinzuwaschen‘. Als wir 2015 angefangen haben, über die WM nachzudenken, mit Aimable, Olivier Grandjean, dem früheren Direktor der Tour du Rwanda, und ein paar anderen, hatten wir vor allem das Ziel, die ruandischen Radfahrer unter die ersten 30 zu bringen“, erzählt er im Fahrradtrikot, an sein Rennrad gelehnt.
Präsident Kagame habe sich erst am Ende des Bewerbungsprozesses, 2018, persönlich engagiert. Und von da an „hat es uns nicht mehr an Geld gemangelt“, ergänzt Aimable Bayingana.
Die Logistik für die WM habe den Staat 16 Millionen Dollar gekostet, erzählt Sportministerin Nelly Mukazayire, als wir uns an einem Stand von „Visit Rwanda“ im Kigali Convention Center treffen. „Aber alles Geld wurde lokal investiert und hat ruandischen Unternehmen geholfen, also der Bevölkerung.“ Hinzu kommt allerdings die UCI-Gebühr, die Sheja Vallière, Sprecher des Rwanda Development Board (RDB) vage mit „5 bis 10 Millionen Dollar“ angibt.
Die Aktivitäten sind Teil der Entwicklungsstrategie, die Kagame 2007 mit der Gründung des sogenannten Präsidentenbeirats (Presidential Advisory Council, PAC) startete, in den er bekannte Intellektuelle und Investoren aus dem In- und Ausland einlud. Ohne Industrie, zu klein und zu dicht besiedelt für intensive Landwirtschaft, sollte Ruanda nach den Vorstellungen des PAC einen umweltschonenden Luxus- und Geschäftstourismus mit wenigen, aber begüterten Besuchern ausbauen und – nach dem Modell Singapurs und Monacos – zum internationalen Finanzplatz und Standort neuer Technologien aufsteigen.
Luxemburg berät das Land beim Aufbau des Kigali International Financial Centers, und zum Emir von Katar, Tamin bin Hamad al Thani, pflegt Kagame ebenfalls beste Beziehungen. Katar vermittelte auch bei den – letztlich immer wieder scheiternden – Verhandlungen mit der DR Kongo.
Für Kagames Geschäfte zählt vor allem, dass Katar mit 49 Prozent Aktionär der Luftfahrtgesellschaft RwandAir und mit 60 Prozent am Bugesera International Airport beteiligt ist, an dem 25 Kilometer südöstlich der Hauptstadt noch gebaut wird. Das Emirat wird den Flughafen, der voraussichtlich 2027 eröffnet werden soll, auch managen und ist folglich sehr daran interessiert, dass der Tourismus in Ruanda boomt.
„Wenn du auf Kunden mit viel Geld aus bist, setzt du nicht auf Billigklubs“, erklärt der frühere Torhüter Eric Eugène Murangwa, der dem Sport buchstäblich sein Leben verdankt. Die Killer standen 1994 schon in seinem Haus, doch als sie den Profifußballer erkannten, ließen sie von ihm ab.6
1997 emigrierte Murangwa nach Großbritannien, wo er die Stiftung Football for Hope, Peace and Unity gründete, die 2018 in Ishami Foundation umbenannt wurde. Murangwa will mit seiner Stiftung vor allem dazu beitragen, den Lebensstandard seiner Landsleute zu verbessern: „Wir sind davon überzeugt, dass man mit Sport viel erreichen kann, sowohl ökonomisch als auch gesellschaftlich.“
Kagames Entwicklungsplan scheint bislang aufzugehen. Nach Angaben des Development Boards hat sich der Umsatz im Tourismus seit der Einführung der Marke „Visit Rwanda“ 2018 bis Ende 2024 auf 600 Millionen Dollar verdoppelt. In ein paar Jahren, ist sich RDB-Sprecher Sheja Vallière sicher, werde man die Milliarde knacken.
Selbst die einzige Oppositionspartei – in Ruanda existiert nur eine äußerst eingeschränkte Vereinigungs- und Redefreiheit7 – hat nichts mehr an Kagames Plänen auszusetzen. „Anfangs haben wir sie kritisiert“, erzählt der Parteivorsitzende der Green Party Frank Habineza, der bei den vorigen Präsidentschaftswahlen 0,5 Prozent der Stimmen bekam. „Wir fanden, das Geld wird zum Fenster rausgeworfen. Man hätte es besser direkt in die Entwicklung des Landes investieren sollen.“ Doch konkrete Ergebnisse wie etwa die 25-Millionen-Dollar-Investition des früheren Basketball-Profis Masai Ujiri hätten sie dann doch überzeugt.
Im Juli 2025 eröffnete Ujiri, der bis 2002 aktiver Spieler und danach Funktionär in der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA war, zusammen mit Präsident Kagame den Zaria Court. Die riesige Anlage mit Vier-Sterne-Hotel, Sportanlagen und Co-Working-Spaces liegt im Stadtviertel Rimera direkt neben dem Fußballstadion Amahoro (45 000 Sitzplätze) und der Basketball-Arena BK (10 000 Sitzplätze).
Der Zaria Court ist ein typisches Produkt der internationalen Basketball-Netzwerke. Kigali ist heute einer der wichtigsten Austragungsorte der Afrikanischen Basketball-Liga, die 2019 von der Fédération internationale de Basket (Fiba) und der NBA ins Leben gerufen wurde. Letztere wird dafür in den USA parteiübergreifend kritisiert. Im US-Senat warfen etwa die Republikanerin Marsha Blackburn und der Demokrat Jeff Merkley der NBA vor, sie pflege „Beziehungen zu Diktatoren und Despoten“.8
Seit 2024 findet auch ein Tennis-ATP-Turnier in Ruanda statt, gesponsert vom früheren Champion Yannick Noah. Außerdem hat sich das Land mit Unterstützung des siebenfachen Weltmeisters Lewis Hamilton als Gastgeber für ein Formel-1-Rennen beworben – das letzte Rennen auf dem Kontinent fand 1993 in Südafrika statt.
Dass Fürst Albert von Monaco am 28. September 2025 bei der Medaillenübergabe der Radsport-WM neben Kagame stand, wurde bereits als Zeichen gedeutet, dass Monaco die Kandidatur Ruandas gegen den Mitbewerber Südafrika unterstützen wird. Allerdings hat Ruanda noch gar keine Rennstrecke.
1 Siehe Erik Kennes und Nina Wilén, „Kongos Schwäche, Ruandas Stärke“, LMd, März 2025.
6 Amnesty international, „Rwanda 2024“, www.amnesty.org.
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Michel Pauron ist Journalist.


