Balkan-Orientalismus
von Jean-Arnault Dérens

Lange Zeit stand „der Balkan“ im Ruf von etwas Fremdem – leicht unheimlich, aber faszinierend. Jedenfalls in der Vorstellungswelt „des Westens“, für den dieses „andere Europa“ zugleich Traum und Schrecken war: wild und ursprünglich, aber von einer faszinierenden Authentizität, die der modernen Welt abhandengekommen war. Und damit Stoff für Abenteuer und Fantasien aller Art.
Ein sehr besonderes Beispiel ist die ruritanische Romanze. Dieses literarische Genre entstand Ende des 19. Jahrhunderts im angelsächsischen Raum, um sich später in ganz Europa auszubreiten. Der Schauplatz Ruritanien ist eine Operettenmonarchie, die für sämtliche Balkan-Klischees herhalten muss. Erfunden wurde das Fantasieland vom englischen Schriftsteller Anthony Hope in seinem 1894 veröffentlichten Roman „The Prisoner of Zenda“, der so erfolgreich war, dass der Stoff mehrfach verfilmt und sogar als Musical aufbereitet wurde.
Ruritanien war das erste in einer nicht endenden Reihe fiktiver Länder, die irgendwo in Südosteuropa angesiedelt sind. Dabei changieren die Namen zwischen slawisch und germanisch, wofür Syldavien und Bordurien in den „Tim und Struppi“-Comics von Hergé die prominentesten Beispiele sind.1
Diese Fantasieländer sind fast durchweg Monarchien, Großherzogtümer oder Fürstentümer, deren Herrscher durch Usurpatoren entmachtet wurden oder ohne Nachfahren verschieden sind. Die Rettung erfolgt durch einen glücklichen Zufall – in Gestalt eines Fremden, der sich in dem ihm gänzlich unbekannten Land mit dem Herrscher anfreundet oder sich gar als dessen Erbe erweist.
Eine Ausnahme bildet die allererste ruritanische Romanze „Prinz Otto“, 1885 verfasst von dem Schotten Robert Louis Stevenson: Hier wird der faule Herrscher des Fürstentums Grunewald abgesetzt und das Land zur Republik.
Diese Kleinstaaten wecken natürlich Assoziationen insbesondere mit dem Habsburger Reich, das 1867 zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie wurde. Die k.u.k. Monarchie war nach der Einigung Italiens das letzte staatliche Gebilde, das sich aus etlichen Kronländern und Fürstentümern zusammensetzte. Wobei deren Vereinigung unter der Krone der Habsburger durch die aufkommenden nationalen Bestrebungen infrage gestellt wurde.
Ruritanien-Romane sind meist Utopien, die in einer undefinierbaren Gegenwart spielen, die aber in etwa der Entstehungszeit der Romane entspricht. Die einzige politische Botschaft, die sie vermitteln, ist eine nostalgische Sehnsucht nach archaischen Institutionen. Das Volk ist in der Regel der Obrigkeit treu und fast immer passiv. Und äußerst geschickt wird das Phänomen ignoriert, das die Epoche zwischen 1789 und 1914 geprägt hat: das Aufkommen der Nationalismen.
Diese Epoche war für den Balkan eine sehr besondere Zeit, in der nationale Legenden geboren wurden. Als viele Balkanländer, die auf diverse Weise und unterschiedlich lang der osmanischen Herrschaft unterstanden hatten, ihre Unabhängigkeit erlangten, drückten die „Großmächte“ ihnen fremde Dynastien auf, um sie unter Aufsicht zu behalten.
1832 wurde Otto, der zweite Sohn des bayerischen Königs Ludwig I., zum König Othon von Griechenland gekrönt. Ihm folgte 1863 der dänische Prinz Wilhelm von Schleswig-Holstein-Sonderborg-Glücksburg, der als König Georg I. bis 1913 regierte. Ein weiterer ausländischer Prinz, aus dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen, wurde 1866 als Carol I. König von Rumänien. In Bulgarien kam 1887 ein Spross des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha als Fürst Ferdinand I. auf den Thron. Nur in Albanien, Montenegro und Serbien kamen einheimische Dynastien zum Zuge. In Albanien wollten die Europäer 1913 dem jungen Staat zunächst den deutschen Prinzen Wilhelm zu Wied aufzwingen, doch der konnte sich nur sechs Monate auf dem Thron halten.
Dass auf dem Balkan nicht erbberechtigte Mitglieder europäischer Fürstenfamilien installiert wurden, hat das abschätzige Bild von der Region maßgeblich geprägt. Damals fühlten sich die Europäer berufen, die Welt durch Kolonisation zu zivilisieren. Doch der Balkan wurde nicht kolonisiert; vielmehr bekam er „Schutzmächte“.

Mitteleuropäische Fantasien
Die bulgarische Historikerin Maria Todorova hebt hervor, dass der „Balkanismus“ – anders als der von Edward Said beschriebene „Orientalismus“ – kein imaginiertes „Gegenbild“ zum Westen beinhaltete, sondern eher die Vorstellung eines unfertigen, verkümmerten Teils des Westens, das aufgrund jahrhundertelanger Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich zurückgeblieben war und auf den Weg einer „normalen“ Entwicklung gebracht werden müsse.2
Eine Ausnahme war Bosnien-Herzegowina. Seit dem 15. Jahrhundert osmanisches Gebiet, wurde es 1878 auf dem Berliner Kongress dem Habsburger Reich unterstellt. Als es dann 1908 von Wien annektiert wurde, lautete die ideologische Begründung ähnlich wie bei den britischen oder französischen Kolonien: Österreich sei berufen, Bosnien-Herzegowina die „Zivilisation“ zu bringen.
Der Topos von der Europäisierung des Balkans lebte nach dem Jahr 2000 wieder auf. Die Staaten Südosteuropas sollten an die Europäische Union herangeführt werden, damit sie ihre schlechte Regierungsführung überwinden, also die ewige Korruption, autoritäre Praktiken und „archaische“ Gewohnheiten hinter sich lassen. Kurzum: Die Region sollte eine tiefgreifende Metamorphose vollziehen.
Im Rückblick ist der Balkan offenbar dazu verdammt, zu jedem Rendezvous mit der Geschichte zu spät zu kommen. Nachdem die osmanischen Fesseln den Eintritt in die Moderne verzögert hatten, führten die Kriege der 1990er Jahre dazu, dass auch der postkommunistische Transformationspfad verspätet eingeschlagen wurde.
Das erklärt womöglich, warum die Zugehörigkeit zum Balkan ein Makel ist, den die Nationalisten aller Länder lieber dem Nachbarvolk anhängen. Und dass immer noch erbittert darüber diskutiert wird, ob Slowenien, Kroatien oder Rumänien zu jener schwer einzugrenzende Zone zwischen Adria, Ägäis und Schwarzem Meer gehören, für die der Begriff „Balkanhalbinsel“ erst 1808 von dem deutschen Geografen Johann-August Zeune geprägt wurde, während sie bis dahin allgemein „Europäische Türkei“ genannt wurde.
Diese Halbinsel weckte gleichwohl allerhand Begehrlichkeiten. Damit habe ich nicht die Italiener im Auge, die in Erinnerung an die Macht Venedigs von der wirtschaftlichen Ausbeutung oder gar Eroberung dieser adriatischen Überseeregion träumten. Und auch nicht Geografen wie den Bretonen Guillaume Lejean, der Südosteuropa von 1857 bis 1870 im Auftrag des zweiten französischen Kaiserreichs mit seinen Landkarten und Zeichnungen erfasste.
Ich denke vielmehr an Unternehmungen ganz besonderer Art. Etwa an die Engländerin Edith Durham, die 1900 eher zufällig ihre erste Reise in die Balkanregion unternahm. Die 37 Jahre alte unverheiratete Aquarellmalerin aus gutbürgerlichen Londoner Kreisen fuhr auf ärztliches Verordnung an die Adria und gelangte dabei bis Montenegro. 1908 folgte ihre zweite, nicht ungefährliche Reise, deren Resultat das 1909 veröffentliche Buch „High Albania“ war. Es wurde zum Standardwerk über Albanien, das sich durch den quasi ethnologischen Blick der Reisenden auszeichnet, die ihr fremde gesellschaftliche Praktiken beschreibt, ohne sie zu bewerten.
Eine weit progressivere Optik als die konservative Durham hatte die englische Schriftstellerin und Feministin Rebecca West (1892–1983). Sie verfasste ein berühmt gewordenes Buch über ihre Balkanreise im Jahr 1937, das 1941 unter dem balladenhaften Titel „Schwarzes Lamm und grauer Falke“ erschien. Doch anders als Durham entwickelte West kein vertieftes Verständnis für die bereiste Region. Die „Fortschritte“, die sie registrierte, bemaß sie an nicht hinterfragten westlichen Standards, aber ansonsten erlebte sie den Balkan als Exotikum. Das zeigte auch ihre Begeisterung über die lokale Kost, wobei sie ihre Essgelage mit Unmengen von Fleisch und triefendem Honiggebäck als leicht barbarisches Erlebnis schilderte. Ihre Botschaft lautete: Politisch sollte sich der Balkan dem Westen anverwandeln, zugleich aber seine wilde Vitalität bewahren, die im Rest Europas nicht mehr zu finden war.
Das Ruritanien-Motiv wurde in vielen Varianten durchgespielt. 1929 erging an linke Abgeordnete des französischen Parlaments der Hilfeaufruf eines kleinen unbekannten Volkes. Die Erfindung des Landes „Poldévie“, dessen Bevölkerung „unter dem Joch einiger Dutzend Großgrundbesitzer ächzte“, war ein Coup der rechtsextremen „Action francaise“, die den „moralischen“ Interventionismus des Parlaments verspotten wollte.
Den Begriff benutzte der spätere Vichy-Kollaborateur Marcel Déat in einem am 4. Mai 1939 veröffentlichten Leitartikel mit dem Titel „Müssen wir für Danzig sterben?“. Darin behauptete er, dass „die französischen Bauern nicht die geringste Lust haben, ihr Leben für die Poldeven zu opfern“.
2019 erfand der Schriftsteller Aurélien Bellanger das Fürstentum Karst, das er in der Region um Triest, Istrien und Rijeka ansiedelte, die nach 1945 ein Zankapfel zwischen Italien und Jugoslawien und bis vor Kurzem zwischen Italien, Slowenien und Kroatien war. Bellanger wollte sich damit über Europa mokieren, das im Titel des Buches als „Kontinent der Sanftheit“ firmiert.4 Damit greift einer der wenigen Romane, die den Aufbau von Nachkriegseuropa zum Thema haben, auf einen „imaginierten Balkan“ zurück, um ein angeblich „reales“ Bild Europas zu zeichnen.
1 Siehe die Hergé-Bände „König Ottokars Zepter“ (1939) und „Der Fall Bienlein“ (1956).
3 Rebecca West, „Black Lamb and Grey Falcon“, New York (Penguin Books) 1982.
4 Aurélien Bellanger, „Le Continent de la douceur“, Paris (Gallimard) 2019.
Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld
Jean-Arnault Dérens ist Journalist.


