Was wird aus Rojava?
Nach dem Vormarsch der syrischen Regierungstruppen steht die Zukunft der kurdischen Autonomie auf dem Spiel
von Günter Seufert

Die kurdische Bevölkerung in Syrien und der Türkei durchlebte in den ersten beiden Monaten dieses Jahres ein Wechselbad der Gefühle.
Im Januar überrollten die Truppen des syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa in nur wenigen Tagen die Stellungen der kurdisch dominierten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) und eroberten 80 Prozent von Rojava, wie die kurdische Bezeichnung für den von der SDF kontrollierten Norden und Nordosten des Landes lautet.
Am 30. Januar sah sich die SDF gezwungen, mit der Regierung einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Der sah nicht nur die Entflechtung der Fronten und den Rückzug der mit schweren Waffen ausgestatteten SDF-Verbände aus den kurdischen Stadtvierteln vor. Die Regierung von Rojava musste auch die Öl- und Gasfelder und damit die wirtschaftliche Grundlage ihrer Selbstverwaltung an Damaskus abtreten. Zudem musste sie die Kontrolle der Grenzübergänge zur Türkei aufgeben und zusagen, nichtsyrische – sprich türkische – Kommandeure und Kämpferinnen der SDF zu entlassen.
Damit war Anfang Februar der Traum der syrischen Kurden zerronnen, ihre mehr als zehn Jahre praktizierte Selbstverwaltung auch unter der neuen islamischen Regierung in Damaskus fortsetzen zu können. Dass die türkische Armee den Vormarsch der aus früheren dschihadistischen Milizen bestehenden syrischen Regierungstruppen unterstützte, war zu erwarten. Doch dass jetzt Jets und Drohnen der USA, an deren Seite die SDF seit 2014 den Islamischen Staat (IS) bekämpft hatten, Luftaufklärung für al-Scharaas Truppen leisteten, schockierte nicht nur die Führung der syrischen Kurden.
Während in Raqqah viele arabische SDF-Kämpfer Schlange standen, um sich von den neuen Machthabern registrieren zu lassen, vollzogen die kurdischen Verbände den geordneten Rückzug in die mehrheitlich kurdisch besiedelten Städte al-Hasaka und Qamischli. Jenseits der Grenze, in den kurdischen Gebieten der Türkei, gingen die Leute massenhaft auf die Straße, um gegen die Unterstützung von al-Scharaas Offensive durch Ankara und für den Erhalt der Selbstverwaltung zu demonstrieren. Obwohl in der Türkei seit mehr als einem Jahr erneut über die Lösung der Kurdenfrage verhandelt wird,1 gingen die Sicherheitskräfte mit aller Härte gegen die Demonstranten vor.
In Ankara zeigte sich Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan mit dem Ende der kurdischen Autonomie im Nachbarland höchst zufrieden. Jubel herrschte auch in den türkischen Regierungsmedien, und in den sozialen Netzwerken überschlugen sich die nationalistischen Stimmen. Seit Monaten hatte die Türkei die Trump-Regierung und die neuen Machthaber in Damaskus gedrängt, der kurdischen Autonomie ein Ende zu machen. Jetzt schien das Ziel erreicht.
Doch dann betrat erstmals und völlig überraschend die zentrale Figur der soeben zu Grabe getragenen Selbstverwaltung die internationale Bühne. Am 15. Februar hatte Mazlum Abdi, der kurdische Oberkommandierende der SDF, einen Auftritt bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Gerufen hatte ihn kein Geringerer als Marco Rubio, Außenminister derselben Regierung, die gerade ihr militärisches Bündnis mit den Kurden aufgekündigt hatte. In München zeigte sich Abdi an der Seite von Asaad al-Schaibani – dem Außenminister des syrischen Regimes, dessen Truppen nur Wochen zuvor die Kurden zum Rückzug gezwungen hatten.
Was wollte die Trump-Regierung damit signalisieren? Man sieht im Damaszener Regime einen militärischen und geopolitischen Partner. Aber man will auch – zumindest aktuell – die Kurden Syriens vor Massakern bewahren, wie sie die Alewiten und Drusen des Landes erleben mussten. Zugleich erhält sich Washington damit einen innersyrischen Machtfaktor, der die Einhegung der Al-Scharaa-Regierung ermöglicht.
Abdi bekam in München nicht nur einen Fototermin mit Rubio und al-Schaibani. Der syrische Kurdenführer traf sich auch mit US-Senator Lindsey Graham, einem der treuesten Gefolgsleute Trumps, und mit weiteren republikanischen und demokratischen Senatoren. Er konferierte mit den Außenministern des Irak und Saudi-Arabiens. Er wurde von Frankreichs Präsident Macron als „Freiheitskämpfer“ begrüßt und erörterte mit Barham Salih, dem Hohen Flüchtlingskommissar der UN, die Lage der Binnenflüchtlinge im Norden Syriens.
Dass die türkischen Regierungsmedien den Auftritt des SDF-Chefs in München ignorierten, verwundert nicht. Aber nicht nur sie: Auch das Auswärtige Amt in Berlin schwieg darüber, dass Abdi in München Außenminister Johann Wadephul getroffen und sich bei ihm für die Einladung nach Deutschland bedankt hatte. Einzig im arabischen und im türkischen Programm der Deutschen Welle wurde darüber berichtet.

Labile Hoffnung und kleine Erfolge
Diese Zurückhaltung ist verständlich. Im vorigen Jahr wurden an deutschen Oberlandesgerichten erneut mehrere Strafverfahren gegen mutmaßliche Mitglieder der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung eröffnet. Und Abdi war zwischen 1997 und 2003 unter seinem Nom de Guerre Sahin Çilo auch in Europa als Führungskader der PKK unterwegs. Die Türkei führt ihn seit Langem auf ihrer Roten Liste für Interpol.
Das lässt den Schluss zu: Ohne Drängen der USA hätte die Bundesregierung die Einreise von Abdi nicht gestattet. Schließlich liegt Berlin viel an einer guten Beziehung zu Ankara, allein schon, um abgelehnte türkische Asylbewerber abschieben zu können.
Für die syrischen Kurden war die Einladung Mazlum Abdis nach München ein historischer Erfolg. Erstmals in der Geschichte des Landes hat ein Kurde sein Volk auf internationaler Ebene repräsentiert – ein Schritt in Richtung Anerkennung als legaler und legitimer politischer Akteur.
Der Auftritt Abdis an der Seite von Schaibani spiegelt die neuesten Entwicklungen in Syrien wider. Bereits Mitte Januar hatten Abdi und al-Scharaa eine Vereinbarung unterzeichnet, die den Kurden Syriens eine begrenzte Autonomie zubilligte. Nach dem siegreichen Vorstoß seiner Truppen wollte al-Scharaa davon zunächst nichts mehr wissen. Erst Druck aus Washington und Paris führte dazu, dass er die Inhalte – wenn auch mit Abstrichen – erneut anerkannte. Das Ergebnis war die Vereinbarung vom 30. Januar.
Dass die SDF sich aus den mehrheitlich arabisch besiedelten Territorien um Raqqah zurückziehen musste, hat es dem syrischen Interimspräsidenten sicher erleichtert, den Kurden die verwaltungsmäßige und polizeiliche Kontrolle über die mehrheitlich kurdisch besiedelten Enklaven (Kobani und al-Hasaka mit Qamischli und Derik) zu überlassen.
Doch die Kurden erreichten noch mehr. Al-Scharaa ernannte für das Gouvernement al-Hasaka einen kurdischen Gouverneur und berief einen Kurden zum stellvertretenden Verteidigungsminister in Damaskus. Eine Präsidialverordnung garantiert dem kurdischen Bevölkerungsteil feste Quoten an Parlamentssitzen und an Verwaltungsposten; Kurdisch wird offiziell als eigene Sprache anerkannt; Kurdinnen und Kurden, denen das Assad-Regime die Staatsbürgerschaft entzogen hatte, erhalten sie zurück.
Ein zentraler Punkt ist die Zukunft der bewaffneten kurdischen Einheiten. Damaskus – und noch entschiedener Ankara – hatten stets darauf bestanden, dass die Einheiten aufgelöst werden und die Kämpfer als Individuen der neuen syrischen Armee beitreten. Das war für die kurdische Seite unannehmbar. Denn die Massaker, die al-Scharaas Soldaten in Latakia im Westen des Landes an schutzlosen Alewiten und in Suweida im Süden an Drusen begangen haben, liegen nur wenige Monate zurück.
Die neue Vereinbarung sieht vor, dass die SDF-Truppen im Raum von al-Hasaka in Form von drei Brigaden – etwa 15 000 bis 20 000 Soldaten – in die syrische Armee eingegliedert werden. In Kobani verbleibt eine Brigade mit 5000 bis 7000 SDF-Kämpfern. Zweifellos bleibt die Situation trotzt des Abkommens extrem labil, und das Vertrauen der kurdischen Seite in die Regierung von Damaskus geht gegen null.
Doch eine Reihe von Faktoren gibt Grund für vorsichtige Hoffnung. Nach dem schnellen kurdischen Rückzug kam es offenbar nur in wenigen Fällen zu gewalttätigen Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung. Das Horrorszenario von Massakern wie in Latakia und Suweida ist glücklicherweise nicht eingetreten. Zudem waren die Kämpfe nicht allzu verlustreich.
Die SDF wurde deshalb so schnell geschlagen, weil die allermeisten ihrer arabischen Kämpfer auf Geheiß ihrer Stammesfürsten zu den Regierungstruppen übergelaufen sind. Geld spielte dabei eine zentrale Rolle, und sicher hat auch Ankara mittels seiner Geheimdienste mitgemischt.2
Entscheidend für die Zukunft der Kurden in Syrien ist aber zweifellos die Politik der USA, das heißt: wie Washington seine Beziehungen zu Ankara, zu Damaskus und zu den syrischen Kurden ausbalanciert. Zwar lässt Donald Trump nichts auf den türkischen Staatspräsidenten kommen und setzt wie Erdoğan auf die Stärkung der syrischen Zentralregierung. Das Schicksal der langjährigen kurdischen Verbündeten der USA gegen den IS ist ihm egal. Doch im Washingtoner Kongress sieht es ganz anders aus. Hier hat Erdoğan ein extrem schlechtes Image: wegen seiner Nähe zu Putin, wegen seiner konfrontativen Politik gegenüber Griechenland und wegen seiner scharfen Kritik an Israel.
Deshalb hatten die Senatoren Lindsey Graham (Republikaner) und Richard Blumenthal (Demokraten) leichtes Spiel, als sie am 29. Januar 2026 ein Gesetz unter dem Titel „Save the Kurds“ einbrachten. Der Entwurf drohte der Regierung in Damaskus als Antwort auf ein militärischen Vorgehen gegen die Kurden mit der Wiederbelebung von Sanktionen gegen Syrien. In diesem Fall wollten die Senatoren zudem das Dschihadistenbündnis Haiat Tahrir al-Scham, das früher von al-Scharaa angeführt wurde, erneut auf die Terrorliste setzten.
Zwar verhinderte die prokurdische Gesetzesinitiative im Senat die Offensive der syrischen Armee gegen die Kurdengebiete nicht. Doch sie brachte Trump dazu, auf al-Scharaa einzuwirken, die am 30. Januar geschlossene Vereinbarung über eine begrenzte kurdische Autonomie zu unterschreiben. So wurde ein Endkampf zwischen SDF- und Regierungstruppen vermieden.
Im Grunde liegt ein Ausgleich zwischen Damaskus und den Kurden auch im Interesse Trumps. Angesichts der ethnischen Vielfalt Syriens, des Misstrauens zwischen den Volksgruppen und der institutionellen Schwäche der Zentralregierung kann nur eine begrenzte Autonomie für die Minderheiten – nicht nur die kurdische – erneute Kämpfe vermeiden und das Land stabilisieren.
Die Einbindung der Kurden ins politische System des Landes ist noch aus einem anderen Grund wichtig. Sie kann verhindern, dass unter den syrischen Kurden erneut die PKK bestimmend wird, die in der Vergangenheit nie zögerte, wenn es ihr nötig erschien, sich mit Iran zu verständigen. Für Trump ist Syrien nur eines der Felder im großen Duell mit Teheran. Sein Ziel ist, das Mullah-Regime zu schwächen oder ganz zu beenden. Dem müssen sich alle Player im Nahen Osten unterordnen – nicht nur die Kurden Syriens, sondern auch der türkische Präsident Erdoğan.
Der musste nun erneut erleben, dass seine „Freundschaft“ mit Trump diesen nicht davon abhält, seine politischen Ziele zu verfolgen. Vor Beginn des US-israelischen Krieges gegen Iran hatte die Türkei wochenlang versucht, einen solchen Angriff zu verhindern. Der Sicherheitsapparat der Türkei befürchtet, dass eine Schwächung der iranischen Zentralregierung den Kurden im Land politischen Auftrieb gibt. Jetzt haben die USA die iranischen Kurden offen aufgefordert, sich gegen das Regime zu erheben.
Nicht zufällig haben am 22. Februar fünf iranisch-kurdische Parteien, von der sozialdemokratischen Komala über die eher konservative KDP-I bis zu dem PKK-Ableger PJAK eine enge Zusammenarbeit vereinbart und erklärt, sie seien prinzipiell bereit, zum Sturz des Regime beizutragen.3 Donald Trump persönlich hat drei Führungspersonen der irakischen Kurden angerufen und von ihnen verlangt, den iranischen Kurden logistische Unterstützung zu gewähren. Zudem ist der israelische Geheimdienst Mossad seit Langem unter den irakischen und iranischen Kurden aktiv.
Gleich zu Beginn des Krieges haben Israel und die USA gezielt Militär- und Polizeieinheiten im iranischen Kurdengebiet angegriffen, um einen Aufstand iranischer Kurden zu erleichtern. Am 6. März erklärte Khalil Nadiri, Sprecher der Kurdischen Freiheitspartei (PAK), deren Hauptquartier im Nordirak liegt, die Militanten der Partei seien bewaffnet und bereit loszuschlagen, sobald die USA eine Bodenoffensive starten. Zurückhaltung herrscht dagegen bei den Kurden des Irak, die seit 1992 eine autonome Region regieren und viel zu verlieren haben.
In jedem Fall hätte der türkische Staatspräsident gern ein Syrien nach dem Modell der Republik Türkei: einen strikt zentralistischen Staat mit eingebauter Kurdophobie. Dieses Wunschdenken blendet freilich aus, dass die politischen, wirtschaftlichen und institutionellen Schwächen der Zentralregierung in Damaskus ein „türkisches“ Syrien undenkbar machen.
Ankara besteht noch immer auf der kompletten Auflösung der SDF. Allerdings mehren sich die Stimmen – von Oppositionsführer Özgür Özel, von Ex-Diplomaten wie auch von konservativen und liberalen Intellektuellen – die für einen Ausgleich der Türkei mit den syrischen Kurden plädieren. Sie verweisen auf das Beispiel der kurdischen Regionalregierung im Nordirak, die heute eng mit Ankara kooperiert.
Die türkische Führung ist auch nicht bereit, ihre Truppen aus den syrischen Regionen Afrin, Manbidsch, Tall Abyad und Ra’s al-‘Ain abzuziehen. Sie bleiben bis auf Weiteres im Nachbarland, um zu signalisieren, dass man jederzeit militärisch eingreifen könnte.
Um die kurdische Selbstverwaltung zu schwächen, wurde wochenlang der türkisch-syrische Grenzübergang Mürsitpınar blockiert – und damit die Versorgung der syrischen Stadt Kobani, die seit Mitte Januar von syrischen Regierungstruppen eingekesselt ist. Von den Lastwagen mit Hilfsgütern für die Bevölkerung der Stadt, die durch Flüchtlinge auf etwa 500 000 angewachsen ist, können nur wenige passieren. Auf Anordnung des Gouverneurs von Urfa wurde der Grenzübergang am 18. Februar erneut geschlossen.
Bereits vor einem Jahr, am 27. Februar 2025, hat Abdullah Öcalan, der inhaftierte Führer und Chefideologe der PKK, seine Organisation zur Selbstauflösung aufgerufen. Diesen Schritt hat die Partei dann im Mai vollzogen; im Juli 2025 verbrannte eine erste Gruppe von PKK-Kämpfern und -Kämpferinnen symbolträchtig ihre Waffen.
Seither wartet die kurdische Bevölkerung darauf, dass der türkische Staat ihnen entgegenkommt: dass willkürlich vom Innenministerium abgesetzte kurdische Bürgermeisterinnen und Bürgermeister ihre Ämter zurückerhalten; dass schwerkranke Inhaftierte entlassen werden, dass Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte umgesetzt und politische Gefangene freigelassen werden.
Bislang wartet sie vergebens. Noch immer sind prominente Persönlichkeiten hinter Gittern: die ehemaligen Co-Vorsitzenden der legalen prokurdischen Partei HDP, Selahattin Demirtaş und Figen Yüksekdağ, die frühere Abgeordnete Leyla Güven, die frühere Co-Bürgermeisterin der kurdischen Metropole Diyarbakır Gülten Kışanak; und auch der Menschenrechtler Can Atalay, den eine kurdisch-sozialistisches Allianz ins Parlament gewählt hat.
Dass Ankara jegliche kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien weiter ablehnt, rührt auch daher, dass die syrischen Kurden sprachlich und verwandtschaftlich eng mit den Kurden der Türkei verbunden sind. Ohne die türkisch-kurdische PKK hätte es keine Selbstorganisation der syrischen Kurden in dieser Form gegeben. Daraus schließt man in Ankara, dass die Idee der Selbstverwaltung in die Türkei überspringen könnte. Folglich – so die Überzeugung – müssen auch die syrischen Kurden militärisch entmachtet werden, bevor sich der türkische Staat auf eine Lösung der eigenen Kurdenfrage einlassen kann.
Die Türkei wird also auch in Zukunft alles tun, um die verbliebenen Strukturen der kurdischen Selbstorganisation zu unterminieren. Und damit auch das ideologische Fundament, das die PKK und ihr Führer Abdullah Öcalan gelegt haben, sprich die Prinzipien von strikter Säkularität, Gleichberechtigung der Geschlechter sowie religiöser und kultureller Pluralität.
Dabei hat die Regierung in Ankara nach wie vor viele Hebel in der Hand und als Faustpfand die Person Abdullah Öcalan, mit dessen Haftverschonung oder gar Freilassung sie locken kann. Öcalans Autorität ist unter den Kurden der Türkei und Syriens ungebrochen, trotz seiner ideologischen Kehrtwendungen und des offensichtlichen Scheiterns seiner Strategie im eigenen Land. Der kurdischen Führung im Nordirak fühlt sich hingegen nur eine Minderheit der syrischen Kurden verbunden. Dort dominiert seit Generationen der religiös-konservative und wirtschaftsliberal orientierte Barzani-Clan.
Ankara dürfte darauf drängen, dass Damaskus die politischen und bürokratischen Posten, die es den Kurden versprochen hat, mit Barzani-treuem Personal besetzt. Sollte auch das nicht funktionieren, könnte die Erdoğan-Regierung noch immer Einheiten der von ihr gegründeten, ausgebildeten und finanzierten Nationalen Syrischen Armee gegen die Kurden mobilisieren. Die Integration dieser türkischen Stellvertretertruppe in die Neue Syrische Armee unter dem Kommando von Damaskus ist zwar beschlossen aber noch längst nicht abgeschlossen.
Allerdings ist es nicht nur die antikurdische Politik Ankaras, die eine künftige – und sei es nur begrenzte und lokale – kurdische Selbstverwaltung in Syrien noch vereiteln oder sabotieren könnte. Eine Gefährdung stellt auch das neue Regierungssystem in Damaskus dar. Die syrische Übergangsverfassung ist strikt zentralistisch. Ihre Ausarbeitung lag fast ausschließlich in den Händen islamistischer und arabisch-nationalistischer Ideologen. Und auch weite Kreise der säkularen Opposition wollen von Sonderrechten für Kurden wenig wissen.
In dieser Verfassung sind die Rechte der nationalen und religiösen Minderheiten nicht konkret aufgeführt. Der Staatspräsident verfügt über sehr weitreichende Kompetenzen. Und Ahmed al-Scharaa entwickelt bereits die Neigung, seine Familie an der neu gewonnen Macht zu beteiligen.
Einer seiner älteren Brüder, Hazem al-Scharaa, darf als Vizepräsident eines „Obersten Wirtschaftsrats“ mit den Golfstaaten über finanzielle Unterstützung und Investitionen verhandeln. Und sein Bruder Maher, der in Russland studierte, ist als Generalsekretär des Präsidialamtes unter anderem für die Beziehungen zu Moskau zuständig.
Eine Chance für die syrischen Kurden könnte darin liegen, dass die administrativen Kapazitäten der Regierung noch sehr begrenzt sind. Den Herrschern in Damaskus kommt es also gelegen, wenn die Kurdengebiete sich eine Zeit lang selbst verwalten und versorgen können.
In jedem Fall ist die halbautonome Regierung von Rojava zu Realismus verdammt. „Wir wollen Autonomie“, erklärte Mazlum Abdi nach seinem Auftritt in München gegenüber dem US-Sender PBS. „Aber unter den gegenwärtigen Bedingungen akzeptiert uns die Regierung in Damaskus nur, wenn wir uns mit lokaler Selbstverwaltung begnügen.“4
Als Abdi gefragt wurde, wie seine SDF auf einen Bruch der Vereinbarung durch Damaskus reagieren würde, lautete die Antwort: „Ich will oder wünsche nicht, dass es so kommt. Aber wenn der Deal gebrochen wird, nehmen wir die Kämpfe wieder auf. Es ist absolut ausgeschlossen, dass wir die kurdischen Regionen aufgeben.“
1 Siehe „Erdoğans Kalkül“, LMd, Juni 2025.
4 „Kurdish general on peace deal with Syria and hopes for the future“, PBS News, 23. Februar 2026.
Günter Seufert ist ehemaliger Leiter des Centrums für angewandte Türkeistudien bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.
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