12.03.2026

Kuba allein auf der Welt

zurück

Kuba allein auf der Welt

Wegen der aggressiven Blockadepolitik der USA steht das Land kurz vor dem Kollaps – auch, weil es seine Wirtschaft nie reformiert hat

von Christophe Ventura

Anfang Februar in Havanna: nichts zu kaufen in der staatlichen Apotheke picture alliance/Yomiuri Shimbun/ap
Audio: Artikel vorlesen lassen

Ist dies nun das Ende der kubanischen Revolution? US-Präsident Donald Trump und sein Außenminister Marco Rubio scheinen fest entschlossen, dieses Ende herbeizuführen. Für ihre nächste imperiale Beute in Lateinamerika wenden sie die Methode an, die sich bereits gegen Venezuela bewährt hat. Denn Gegner der Vereinigten Staaten haben für Trump und seine Regierung in deren Einflussgebiet nur eine Möglichkeit: Unterwerfung.

Aber es gibt zwei Wege dorthin. Der eine wären Verhandlungen – allerdings mit einer Pistole am Kopf –, die zu einem „Deal“ nach den Bedingungen der USA führen müssen. Wenn diese Option nicht funktioniert, kommt, wie in Caracas, die andere ins Spiel: Anwendung roher Gewalt. Der Herr im Weißen Haus legt die Regeln fest, er bestimmt Tempo und Ende des Spiels. In der Konfrontation hat er einen entscheidenden Vorteil: seine Unberechenbarkeit. Er kann jederzeit seine Meinung ändern und plötzlich zuschlagen. Entsprechende Inszenierungen seines Imperiums haben mittlerweile fast schon Ritualcharakter.

Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seine jeweils tagesaktuelle Tendenz ein paar Journalisten mitzuteilen – wie am 16. Februar 2026: Eine militärische Intervention in Kuba? „Das wäre keine besonders schwierige Operation, wie Sie sich vorstellen können. Aber ich glaube nicht, dass das notwendig sein wird.“

Nach der spektakulären Entführung des venezolanischen Präsidenten Maduro am 3. Januar hat Washington Caracas zunächst befohlen, die Erdöllieferungen an Kuba sofort einzustellen. Inzwischen dürfen wieder kleinere Mengen geliefert werden, selbst von US-Firmen, jedoch nur für den Privatsektor, nicht an den Staat. Aber der kubanische Staat benötigt das Öl für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Versorgung. Er ist nun in einer Situation, mit der er nicht fertig werden kann, und die US-Regierung weiß das.

Kuba leidet an einem zweifachen Problem: Auf der einen Seite das Imperium, das zerstören will, womit ihm ein kleines Land über sechs Jahrzehnte die Stirn geboten hat: Unabhängigkeit, Revolution, Kommunismus. Auf der anderen Seite seit dem Ende des Kalten Krieges die eigene Unfähigkeit, die strukturellen Probleme zu lösen, die sein politisches und wirtschaftliches Modell mit sich bringt.

1991, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, geriet Kuba tief in die Krise, die als período especial, als „Sonderperiode in Friedenszeiten“ bezeichnet wurde. Fidel Castro, Staats- und Parteichef der KP, kommentierte sie später folgendermaßen: „Unser Land erlitt einen vernichtenden Schlag, als von einem auf den anderen Tag die Supermacht zusammenbrach und uns alleinließ, ganz allein, und wir alle Märkte für den Zucker verloren, keine Lebensmittel mehr bekamen, keinen Treibstoff.“1 In Kuba wurde wenig hergestellt, und die wichtigsten Produkte – damals vor allem Zucker, Tabak und Zitrusfrüchte – gingen übers Meer nach Moskau und in die sozialistischen Bruderländer.

Ab 2015 ließ der wirtschaftliche Druck zumindest von einer Seite ein wenig nach. Ende 2014 hatten Kuba und die USA einen Prozess zur Normalisierung ihrer Beziehungen begonnen, auf kubanischer Seite geleitet von Fidels Bruder und Nachfolger ab 2006 Raúl Castro. 2015 wurden die Botschaften der verfeindeten Nationen in den beiden Hauptstädten wiedereröffnet – 54 Jahre nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen im Januar 1961. Im Folgejahr, im Februar 1962, hatten die USA ein bis heute gültiges Embargo gegen den Karibikstaat verhängt, das die Regierung in Havanna stets als eine „Blockade“ betrachte.

Schließlich besuchte im März 2016 Barack Obama als erster US-Präsident die Insel, seit Präsident Calvin Coolidge im Jahr 1928 den Malecón, die Uferpromenade von Havanna, entlanggeschlendert war. In Obamas Augen war die Politik, die von Präsident John F. Kennedy (1961–1963) begonnen und von dessen acht Nachfolgern – mit manchen Erleichterungen oder Verschärfungen – fortgesetzt worden war, eindeutig gescheitert. Er lockerte die Sanktionen gegen Kuba, was dem Tourismus Aufschwung gab und die Einfuhr von Devisen und US-Exporten erleichterte. Auf diesen drei Pfeilern beruhte dann auch die von Raúl Castro initiierte Erneuerung des kubanischen „Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells einer sozialistischen Entwicklung“.

Die Fokussierung auf den Tourismus (in der Luxus- ebenso wie in der Massenversion), der kontrollierte Zugang für internationales Kapital, um Wachstum und Entwicklung vor Ort zu fördern, sowie der massive Zustrom an Dollars (dessen Währungsparität mit dem einheimischen Peso angestrebt wurde) sollten die Zukunft der Revolution sichern – und den ökonomischen Druck mildern.

Diese Neuausrichtung ging einher mit einer allmählichen Öffnung der Wirtschaft: Handwerksbetriebe und kleine Geschäfte konnten gegründet werden. Der Export medizinischen Fachpersonals wurde auf weitere Länder ausgedehnt, seit den 2000er Jahren war er vor allem nach Venezuela gegangen.2 Mit den Einnahmen daraus konnte die Insel ihre Energie-Importe bestreiten. Venezuela, das mit seinen Lieferungen fast den gesamten Erdölbedarf Kubas deckte, stieg mit der Zeit zum wichtigsten Handelspartner auf. 2014 umfasste sein Anteil 45 Prozent des kubanischen Außenhandels, was 20 Prozent des damaligen Bruttoinlandsprodukts (BIP) entsprach.3

Als Obama nach Kuba reiste – eine Entscheidung, die nicht nur von seinen Gegnern, sondern auch im eigenen Lager kritisiert wurde –, glaubte die kubanische Regierung, endlich würde eine neue Zeit anbrechen. Doch ihre „Erneuerung des sozialistischen Modells“ sah immer noch keine Reform der Produktionsstruktur vor, mit der das Land seine Grundbedürfnisse an Energie, Nahrungsmitteln und Industrieanlagen hätte decken können. All das sollte mit den Devisen bezahlt werden, die man dank der neuen Strategie einnehmen zu können glaubte.

Der von Krankheit gezeichnete Fidel Castro schrieb dem US-Präsidenten, der ein Treffen mit ihm abgelehnt hatte, wenige Tage nach dessen Besuch einen Brief, der mit dem Titel „Bruder Obama“ in der KP-Zeitung Granma veröffentlicht wurde. Indirekt wandte er sich darin auch an die kubanische Regierung. Er zeigte sich skeptisch, was die Annäherung an Washington betraf, stellte Fragen zur Wirtschaftsstrategie seines Landes und betonte, „dass wir dank der Anstrengungen und der Intelligenz unseres Volks durchaus in der Lage sind, die Nahrungsmittel und materiellen Reichtümer herzustellen, die wir benötigen. Wir sind nicht darauf angewiesen, dass das Imperium uns Geschenke macht.“

Die Idee, den Tourismus als Motor der Veränderung der kubanischen Wirtschaft zu nutzen, sah er kritisch: Eine Branche, die allein auf „landschaftliche Schönheit“ setze und Fremden die „kulinarischen Spezialitäten“ der Insel anbiete, verdiene „keinerlei Aufmerksamkeit“, sofern sie dem Land nicht Dollars in Hülle und Fülle einbringe.

Dies schrieb Fidel Castro 20 Jahre nach dem Ende der Sonderperiode. Kuba importierte immer noch 80 Prozent seiner Energie, seiner Konsum- und Industriegüter, sogar Lebensmittel. Das Wenige, das die Insel noch exportierte – Zucker, Tabak, Zitrusfrüchte, Erze, wenn man von den medizinischen Dienstleistungen absieht –, ging zum größten Teil nach China, ein kleiner Teil auch nach Spanien. Heute, 10 Jahre später, ist die wirtschaftliche Situation diesbezüglich unverändert.

Nach Obamas Besuch entwickelte sich nichts wie vorgesehen. Gleichzeitig zu den Annäherung an Kuba hatten die USA 2015 nämlich ein neues Kapitel in den Beziehungen zu Venezuela aufgeschlagen und begonnen, Akteure und Institutionen des Maduro-Regimes mit Sanktionen zu belegen. Die bereits kriselnde Wirtschaft Venezuelas brach vollends zusammen, als die USA in Trumps erster Amtszeit ab 2017 Wirtschaftssanktionen verhängten, ab 2019 auch gegen den venezolanischen Erdölsektor.

In Kuba wurden die Reformen, die Raúl Castro angekündigt hatte, nur teilweise umgesetzt und führten zu zahlreichen neuen Problemen, wie Inflation und einem Maß an sozialer Ungleichheit, wie es im nachrevolutionären Kuba unbekannt gewesen war.4 Die Grenzen eines wirtschaftlichen Neuaufbruchs, der nur auf eine Strategie gesetzt hatte – nämlich die verstärkte Eingliederung eines nichtkapitalistischen, abhängigen Landes in den globalen Kapitalismus –, waren schnell erreicht.

Zudem war Kubas Wirtschaft – selbst nach Maßstäben der Staaten des kommunistischen Machtbereichs – extrem verstaatlicht. Seit den 1960er Jahren regelt hier eine strikte zentrale Planwirtschaft fast alle Bereiche des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, von der Landwirtschaft über universitäre Ausbildung oder Straßenbau bis hin zur Schuhmacherei. Der Staat beschäftigt zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung.

Politisch machte die Wahl Donald Trumps 2016 allen Zukunftshoffnungen ein Ende, mit der Normalisierung war es schlagartig vorbei. Während seiner ersten Amtszeit verhängte der Präsident 243 Strafmaßnahmen gegen Kuba, die darauf abzielten, den Tourismus zu unterbinden sowie ausländische Investitionen und die Geldüberweisungen der kubanischen Exilgemeinde zu stoppen, vor allem aus Florida (1,8 Millionen der 2,5 Millionen Kubaner:innen in den USA leben dort).

2021 setzte Trump Kuba erneut auf die Liste der Terror-Unterstützer-Staaten. Mit der Coronapandemie begann dann ein Niedergang, der bis zur aktuellen Krise führte. Sie führt erneut vor Augen, dass Kuba es immer noch nicht geschafft hat, wirtschaftlich unabhängiger zu werden.

Seit Jahrzehnten streiten Fachleute und Aktivist:innen über die Frage, ob diese Situation eher auf das Embargo oder auf die Politik und Ideologie der Regierung zurückzuführen ist. Heute scheinen diese Debatten zweitrangig. Denn Kuba steht kurz vor dem Zusammenbruch.

Die Insel ist allein, wie Fidel Castro schrieb. China und Russland zeigen kein besonderes Interesse, sich den Absichten von Präsident Trump und Außenminister Rubio in Lateinamerika entgegenzustellen. Marco Rubio hat seine gesamte politische Karriere darauf ausgerichtet, einen Regimewechsel in dem Land zu erreichen, das seine Eltern vor der Revolution verließen.

Venezuela ist als wichtigster Unterstützer weitgehend aus dem Spiel. Guatemala stoppte, um Washington gefällig zu sein, im Februar 2026 sein Einwanderungsprogramm für kubanisches Gesundheitspersonal. Auch Nicaragua, der historische Verbündete Kubas, gab dem Druck nach und setzte die Visafreiheit für kubanische Staatsangehörige, die sich auf der Durchreise in die USA befinden, außer Kraft. Das Weiße Haus hat zudem allen Ländern, die Kuba Erdöl liefern, mit Strafzöllen gedroht. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum kündigte jedoch an, weiterhin zu liefern. In der „Sonderperiode“ konnte Kuba noch auf die Unterstützung von Algerien, Angola und einigen lateinamerikanischer Staaten zählen. Diesmal sieht es anders aus: Unterstützung gibt es nur, wenn Washington es gestattet, etwa im Rahmen künftiger Verhandlungen mit der kubanischen Regierung unter Miguel Díaz-Canel.

Kubas Zukunft kann niemand vorhersagen, aber die Rahmenbedingungen von Verhandlungen sind bekannt. Die Regierung in Havanna könnte versuchen, ihr politisches System zu retten und zugleich den wirtschaftlichen Forderungen der USA nachzukommen – etwa durch die Öffnung des Landes für die Dollar-Millionen aus Florida. Dort lebt eine große wohlhabende, revanchistisch gesinnte Community kubanischstämmiger Amerikaner:innen und wartet auf ihre Chance. Das Schnellboot mit zehn Bewaffneten, das am 25. Februar von der kubanischen Küstenwache aufgebracht wurde, steht mutmaßlich mit diesen Kreisen in Verbindung. Die sechs Überlebenden wurden mittlerweile in Havanna wegen Terrorismus angeklagt.

Eine Öffnung wäre für Kuba in jeden Fall ein Drahtseilakt, der zu internen Spaltungen führen könnte, wenn sich Teile des Staatsapparats zu weiteren Zugeständnissen an die USA bereiterklären – etwa die Freilassung von politischen Gefangenen oder die Genehmigung zivilgesellschaftlicher Organisationen, vielleicht sogar von lokalen Oppositionsgruppen. Derartigen Reformen würden sich andere Teile des Apparats, vor allem die Armee, vermutlich widersetzen.

Und wie sehen die Pläne Washingtons aus? Plant man, Kuba wie Venezuela unter Kuratel zu stellen, um die Insel in ein Touristenparadies nach dem Vorbild Floridas zu verwandeln, mit Marinas, Luxushotels und Golfplätzen? Bis vor ein paar Monaten hätte das niemand geglaubt, aber inzwischen ist es denkbar.

1 Zitiert nach: Fidel Castro und Ignacio Ramonet, „Fidel Castro. Mein Leben“, Berlin (Rotbuch) 2008, S. 399.

2 Vgl. Renaud Lambert, „Kuba aktualisiert seinen Sozialismus“, LMd, Oktober 2017.

3 Pavel Vidal Alejandro und Susanne Gratius, „Cuba y una posible pérdida del sostén venezolano: vulnerabilidades macroeconómicas y riesgos políticos“, Real Instituto Elcano, Madrid, 5. Februar 2026.

4 Siehe Maïlys Khider, „Schlange stehen für fünf Würstchen“, LMd, November 2023.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Christophe Ventura ist Redakteur bei LMd, Paris.

Le Monde diplomatique vom 12.03.2026, von Christophe Ventura