12.03.2026

Der Gefängnisstaat

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Der Gefängnisstaat

In El Salvador hat Präsident Nayib Bukele die Bandengewalt eingedämmt und den Rechtsstaat abgeschafft

von Tom Stevenson

Cecot-Gefängnis, Tecoluca, El Salvador SALVADOR MELENDEZ picture alliance/ap
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Jahrzehntelang war El Salvador ein verrufenes Land. In den 1980er Jahren wegen des Bürgerkriegs und der berüchtigten Todesschwadronen, danach wegen der brutalen Bandenkriminalität. Doch heute, unter Präsident Nayib Bukele, sind die pandillas, die das Land im Griff hatten, endgültig erledigt. Die beiden größten Gangs – Mara Salvatrucha (MS-13) und Barrio 18 (mit zwei Fraktionen) – wurden zerschlagen.

Noch Mitte der 2010er Jahre war das Gewaltniveau in El Salvador ähnlich hoch wie in Syrien oder im Irak; doch bis 2024 nahm die Zahl der Morde um 98 Prozent ab. Der Grund dafür war, dass zahllose Bandenmitglieder im Gefängnis landeten – insgesamt etwa 3 Prozent der erwachsenen männlichen Bevölkerung wurden eingekerkert. Damit habe man, so Bukele im April 2025, „die Mordmetropole der Welt zum sichersten Land der westlichen Hemisphäre gemacht“.

El Salvador hat also, um den Ruf der Gesetzlosigkeit loszuwerden, einen anderen Rekord gebrochen: Es ist das Land mit dem höchsten Bevölkerungsanteil von Gefängnisinsassen. Dabei blieb Rechtsstaatlichkeit auf der Strecke. Seit das Parlament auf Drängen Bukeles 2022 den Ausnahmezustand verhängt und damit die Grundrechte aufgehoben hat, können Menschen ohne richterlichen Beschluss – und ohne Begründung – verhaftet werden.

Bukele nutzte die neuen Machtbefugnisse auch, um Oppositionelle einzubuchten oder ins Exil zu treiben. Der „coolste Diktatur der Welt“, wie er sich selbst bezeichnet, behauptet, er habe das staatliche Gewaltmonopol wiederhergestellt; tatsächlich hat er den Staat übernommen und sein persönliches Gewaltmonopol etabliert. Seit er den USA das salvadorianische Gefängnissystem als Offshore-Gulag angedient hat, ist Bukele der Darling der MAGA-Rechten, die ihn als visionären Führer feiern. In Wahrheit besteht seine Leistung schlicht darin, ein Land mit massiver staatlicher Gewalt „befriedet“ zu haben.

Seine Karriere entspricht auf den ersten Blick dem bekannten Muster: Ein Mitglied der herrschenden Klasse inszeniert sich opportunistisch als Gegner des Establishments. Der 1981 geborene Sohn einer Oligarchenfamilie ist jedoch alles andere als ein Außenseiter. Er absolvierte die private Eliteschule Escuela Panamericana, sein Hochschulstudium brach er ab, um in das Business seiner Familie einzusteigen, erst mit einem Nachtclub, dann mit dem Import von Motorrädern.

In die Politik geriet der junge Bukele über die Werbeagentur seiner Familie, die unter anderem für die Frente Farabundo Martí de la Liberción Nacional (FMLN) arbeitete. Die Partei war Anfang der 1990er Jahre aus der gleichnamigen Guerillaorganisation hervorgegangen. Die Rolle des Spindoctors und Imagepflegers lag ihm, aber er war zu talentiert, um im Hintergrund zu bleiben.

Bukeles politische Aufstieg hängt eng mit der Struktur der alten Machteliten El Salvadors zusammen. Seit der Ära von Maximiliano Hernández Martínez, der 1931 durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen war, wurde das Land als Joint Venture des Militärs und einer kleinen Kaste von Großgrundbesitzern betrieben. 1979 begann die von den USA gestützte Junta ihren brutalen Feldzug gegen die FMLN, damals eine Koalition von linken Guerillagruppen und rebellierenden Bauern. In diesem Bürgerkrieg waren die paramilitärischen Kräfte der Junta für die allermeisten der über 70 000 Todesopfer verantwortlich, konnten aber keinen klaren Sieg erringen.

Der Krieg endete mit dem Friedensabkommen von Chapultepec im Januar 1992. Seitdem konkurrierten die – legalisierte und domestizierte – FMLN und die gemäßigter gewordene rechte Oligarchenpartei Arena um die Parlamentsmehrheit, wobei allerdings Arena stets den Präsidenten stellte.

Der Krieg hatte die salvadorianische Wirtschaft zerstört und eine Generation junger Männer ohne Perspektiven hinterlassen; in El Salvador entstand ein System korrupter Strukturen und krimineller Gewalt. „Die Politik in diesem Land wurde schon immer vom Präsidenten gemacht – und das ist bis heute so“, sagt Rubén Zamora, der 1994 der Präsidentschaftskandidat einer linken Koalition war. Doch seit dem Ende des Kriegs war kein Präsident so mächtig wie Bukele. Seine Partei Nuevas Ideas schmückt sich mit der Parole vom „sozialen Wandel“. Tatsächlich praktiziert er eine Art Lehensherrschaft.

Zamora kennt Bukele seit seinen politischen Anfängen: „Er sprach so gut, und er wirkte so, als wollte er wirklich etwas Neues. Aber heute kann man sagen: Die beiden großen Diktatoren dieses Landes sind Martínez und Bukele. Und sie haben vieles gemeinsam.“

2012 wurde der 30-jährige Bukele zum Bürgermeister eines Vororts von San Salvador gewählt. Er war damals Kandidat der FMLN und gab sich „als lässiger Typ, mit Baseballcap und einer Menge progressiver Wahlversprechen“, wie sein ehemaliger Lehrer Oscar Picardo erzählt. Seine kommunalen Projekte pries Bukele als Vorhaben von landesweiter Bedeutung, aber manche Leute sahen in ihm nur einen typischen vendedor de humo, einen, der heiße Luft verkauft.

Im nächsten Schritt kandidierte Bukele 2015 als Bürgermeister der Hauptstadt. Nach seinem Sieg, der ihn im ganzen Land bekannt machte, ging er auf Distanz zur FMLN, die für ihn nur ein Steigbügelhalter gewesen war. 2017 wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Picardo erzählte von seinem Plan, eine neue Bewegung zu gründen. Die sollte „weder links noch rechts“ sein, also das alte Parteiensystem überwinden. Aber die Partei Nuevas Ideas war von Anfang an eine Ein-Mann-Show, in der alles vom Vorsitzenden entschieden wurde: „Fast alles, was er tut, ist improvisiert“, glaubt Picardo. „Nichts ist wirklich durchgeplant und alles ist möglich.“

Am 3. Februar 2019 gewann Bukele die Präsidentschaftswahlen. „Damals glaubten wir alle an ihn“, erzählte mir Ronal Umaña, ein ehemaliger Parlamentarier und alter Freund von Bukeles Vizepräsidenten Félix Ulloa. Die Leute hatten genug von dem Hin und Her der zwei Parteien. „Er trat an mit dem Versprechen, das Ungleichgewicht zwischen den wenigen Reichen und der Mehrheit der Armen zu korrigieren.“

Für viele Fans von damals kam das böse Erwachen am 9. Februar 2020, als der Präsident mit Soldaten ins Parlament marschierte, um die Absegnung eines seiner Projekte durchzusetzen. Im Rückblick meint Umaña: „Bukele hat uns getäuscht. Er wusste von Anfang an, was er wollte und in welche Richtung er gehen würde.“

In seinen ersten Amtsjahren gab Bukele oft und gerne Interviews. Heute werden seine Termine mit internationalen Medien von Florida aus von einem Profi aus dem Umfeld Trumps gemanagt. Seine engsten Berater sind Familienmitglieder. Bruder Karim organisierte eine Zeit lang seine internationalen Auftritte, Bruder Yusuf ist für Kontakte mit Unternehmen zuständig; Parteichef von Nuevas Ideas ist ein Cousin namens Xavier Zablah. Und zwei Schulkameraden des Präsidenten bekleiden Ministerämter.

Seine Erfolge im Kampf gegen die Maras preist Bukele als „Wunder“. Während die bekannteren Drogenkartelle Lateinamerikas ihre Gewinne mit dem Drogenschmuggel nach Europa und Nordamerika machen, war das Hauptgeschäft der salvadorianischen Gangs der weniger profitable Straßenverkauf. Ihr Geschäftsmodell beruhte auf der Kontrolle des Absatzgebiets, nicht der Handelsströme. Zudem erpressten sie Schutzgelder und „Lizenzgebühren“ für Minibus-Linien.

Sowohl MS-13 als auch Barrio 18 haben ihre Wurzeln in der Bandenkultur von Los Angeles. Bürgerkriegsflüchtlinge aus El Salvador hatten dort eigene Banden gegründet, um sich gegen die Dominanz der mexikanische Mafia zu behaupten. Viele von ihnen wurden ab den 1990er Jahren aus den USA abgeschoben (allein 150 000 in der Amtszeit von Obama). Die Maras brachten aus Kalifornien das System der Revierkontrolle mit, das sie in ihrem schwachen, vom Krieg zerrütteten Land implantierten.1

In San Salvador waren die Gangs fest in den comunidades, den einzelnen Stadtvierteln, verankert. Zwar konzentrierte sich das Schutzgeldgeschäft vor allem auf die Innenstadt, aber ihre Basis hatten die Gangs in den Slums und dicht bewohnten Arbeitervierteln, wo sie enormen Druck auf die Bevölkerung ausüben konnten. Besonders im Osten der Hauptstadt hatten die Gangs viele Viertel unter ihrer Kontrolle. Die Leichen, die sie regelmäßig produzierten, warfen sie in die Entwässerungsgräben entlang der Stadtautobahn oder verscharrten sie in den nahe gelegenen Hügeln. Mit der Zeit entwickelten sich die Maras zu einer Art Lokalverwaltung in Vierteln, die der Staat nicht kontrollieren konnte oder wollte.

Invasion im Armenviertel La Campanera

Das Armenviertel La Campanera liegt am nordöstlichen Rand von Salvador. Hier war eine Hochburg der Mara Salvatrucha. Entlang der Gassen, die fischgrätenartig von der Hauptstraße abzweigen, stehen einfache, unverputzte Betonstrukturen mit Wellblechdächern. Straßennamen und Hausnummern gibt es nicht. Die Behörden behaupten, fast alle Leute, die in La Campanera wohnen, seien früher direkt oder über ein Familienmitglied mit der MS-13 verbunden gewesen. Als die Gang hier noch das Sagen hatte, konnte niemand ohne ihre Erlaubnis das Viertel betreten. Lieferwagen mussten ihre Waren an der Hauptstraße abladen, die den einzigen Zugang zu der Siedlung darstellt.

Nachdem 2022 der Ausnahmezustand ausgerufen worden war, wurde La Campanera in einer quasi militärischen Operation von den Sicherheitskräften eingenommen. Hunderte Menschen wurden zusammengetrieben und abtransportiert, niemand wusste, wohin. Bei Häusern, die den Gangs angeblich als Versteck gedient hatten, wurden die Dächer abgerissen, damit keiner mehr darin wohnen konnte.

Heute stellt die Regierung La Campanera als Musterbeispiel einer erfolgreichen Wiederbelebung hin. Die Polizeistation, die früher die Zufahrt zu der Siedlung bewachte, wurde ins Innere verlegt, ist aber noch nicht besetzt. Die Graffiti der MS-13 sind unter Wandgemälden verschwunden; ein kleiner Park ist neu hergerichtet. In der Straße reihen sich kleine Geschäfte aneinander, in einem werden mit Schokolade überzogene Melonenscheiben verkauft. Die Inhaberin hat die Invasion erlebt, Schreie in der Nacht und das Krachen eingetretener Türen; überall Polizisten und Soldaten. Früher hat die MS-13 bei ihr jede Woche 10 Dollar abkassiert. Jetzt, wo die Gang weg ist, plant ihre in den USA lebende Schwester einen Besuch; vorher hatte sie zu viel Angst. Das Geschäft läuft nicht gut, aber mit einer Wohnadresse in La Campanera hat sie keine Chance auf einen Job in der Stadt.

Dass der Alltag in El Salvador heute sicherer ist, wird niemand bestreiten. Die Regierung erklärt den Erfolg mit ihrem konsequenten manodurismo – der Politik der harten Hand. Damit hatten es vor Bukele zwar schon andere versucht, aber nie derart entschieden und rücksichtslos. Ganz zu trauen ist dieser Behauptung nicht. Als Bukele im Juni 2019 sein Amt antrat, war die Mordrate von ihrem Höchststand 2015 bereits um die Hälfte zurückgegangen. Und in den ersten drei Jahren seiner Präsidentschaft verhielt er sich gegenüber den Gangs kaum anders als seine Vorgänger: kämpferisch in der Rhetorik, aber in der Praxis auf Koexistenz ausgerichtet.

Von 2019 bis zu Beginn des Ausnahmezustands 2022 sank das Gewaltniveau weiter. Bukele sieht das als Erfolg seines Konzepts der „Territorialkontrolle“, seiner ersten Anti-Gang-Maßnahme. Die war jedoch auf begrenzte Gebiete konzentriert – weshalb sie nicht erklären kann, warum die Mordquote im ganzen Land zurückging.

Zu Beginn seiner Amtszeit setzte Bukele auf eine Kombination von gezielten Festnahmen und diskreten Verhandlungen mit dem Ziel, die Gewalt auf die Slums zu beschränken. Heute bestreitet der Präsident derartige Abmachungen, aber das kann man ihm nicht abnehmen. Schon als Bürgermeister der Hauptstadt hatte er sich auf Deals mit den Gangs eingelassen.

Nach einem Bericht der Internetzeitung El Faro reichen die Verbindungen zwischen Bukele und einer Fraktion von Barrio 18 zumindest bis 2014 zurück: Im Wahlkampf um den Bürgermeisterposten soll das Team des Kandidaten Bukele für 250 000 Dollar die Unterstützung von Barrio 18 erkauft haben.2

Fünf Jahre später begrüßte die MS-13 die Wahl Bukeles zum Präsidenten mit den Worten: „Wir vertrauen auf Gott und den neuen Präsidenten Nayib.“ Und der neue Präsident ließ in seinen ersten Amtsjahren zu, dass Bandenmitglieder ihre Bosse im Gefängnis von Zacatecoluca besuchen konnten. Dafür unterstützten ihn die Gangs erneut bei den Parlamentswahlen von 2021.

Erst Ende März 2022 brach Bukele mit diesen Verbündeten, indem er den Ausnahmezustand erklären ließ. Als Reaktion auf drei Massaker der Gangs mobilisierte er das Militär und die Policía Nacional Civil. Die nahmen jede Person fest, die irgendwie mit den Maras zu tun hatte.

Innerhalb eines Jahres wanderten über 60 000 Menschen ins Gefängnis, nur ein paar tausend kamen wieder frei. Es gab es keine regulären Gerichtsverfahren, die Verhafteten hatten kein Recht auf einen Anwalt und kaum Chancen auf eine Berufung. In der Regel wurden sie zu lebenslangen Gefängnisstrafen verurteilt.

Fast alle Bosse der MS-13 landeten in der Haftanstalt von Zacatecoluca (30 Kilometer östlich der Hauptstadt), von wo aus sie versuchten, ihre Operationen weiterzuführen. Doch sie verfügten nicht mehr über ihr altes Organisationssystem. Das territoriale Netz der Maras war weitgehend zerstört, auch wenn tausende ihrer Mitglieder auf dem Land untergetaucht waren.

Vielleicht gingen die Gangs davon aus, dass sie sich über kurz oder lang wieder mit Bukele arrangieren würden. Doch der Präsident hatte verstanden, dass Volkes Stimme die brutale Niederschlagung der Maras verlangte. Zum Symbol der neuen Ära wurde das Centro de Confinamiento del Terrorismo (Cecot), ein neues Hochsicherheitsgefängnis „zur Eindämmung des Terrorismus“. Es liegt 75 Kilometer südöstlich von San Salvador, hinter einem doppelten Ring von 9 Meter hohen Betonmauern, bewehrt mit 19 Wachtürmen.

Das Cecot besteht aus 8 Trakten mit jeweils 32 Hafträumen, in denen jeweils bis zu 80 Häftlinge untergebracht sind. Die etwa 15 000 Insassen, von denen die wenigsten je vor einem Gericht gestanden haben, schlafen auf Metallpritschen. Ihre Zellen dürfen sie einmal am Tag für eine halbe Stunde verlassen, immer in Fesseln. Alle fünf Tage werden ihnen die Köpfe rasiert. Die Decken der Zellen bestehen aus Metallgittern, auf denen Wärter patrouillieren. Die Häftlinge haben keinerlei Kontakt mit der Außenwelt; in der ganzen Umgebung ist der Mobilfunkempfang unterdrückt.

Gefängnisse, in denen Menschen einfach verschwinden, gibt es nicht nur in El Salvador. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Polizeistaat Bukeles und, sagen wir, dem von al-Sisi in Ägypten: die Sichtbarkeit. In Ägypten will man die Brutalität geheim halten; selbst darüber zu recherchieren ist gefährlich.

Die Bukele-Regierung dagegen präsentiert ihr Spezialgefängnis öffentlich. Trumps Heimatschutz-Ministerin Kristi Noem posierte vor einem Käfig mit Gefangenen. Und mehrere Youtube-Videos zeigen immer denselben Gang durch dieselben zwei Blöcke mit überfüllten, aber sauberen Zellen, aus denen Männer mit tätowierten Gesichtern durch die Gitterstäbe starren.

Im Cecot werden, wie der Name schon sagt, Bandenmitglieder als Terroristen behandelt, offenbar nach dem Vorbild von Guantanamo. Ein Problem der Masseninhaftierung besteht darin, dass sie die Gangs stärken kann, denn Gefängnisse sind ein guter Ort für die Rekrutierung neuer Mitglieder. In El Salvador gibt es viele ältere Gefängnisse wie Zacatecoluca, in denen die Maras seit Jahrzehnten aktiv sind. Das Cecot stellt wohl den Versuch dar, genau das zu erschweren. Und doch sind die Gangs bis heute nicht verschwunden.

Ich habe mehrere Regierungsmitglieder um Interviews gebeten. Zuerst sagten sie begeistert zu, doch dann mussten sie melden, dass Bukeles Büro die Genehmigung verweigert hatte. Einzig Alejandro Gutman, der Chef des Direktorats für Integration, war zu einem Treffen ohne Genehmigung bereit. Wir trafen uns in seinem Büro in Mejicanos, einem Arbeiterviertel von San Salvador. Im Vorzimmer hingen Porträtfotos von Bukele und seiner Gattin.

Gutman ist Argentinier, er kam 2004 nach El Salvador. Damals hatte er die Idee, in Vierteln, die von Bandengewalt geprägt waren, soziale Fußballprojekte aufzuziehen: „Der Sport sollte als Lehre fürs Leben dienen“, erzählt er, „aber letztlich hat sich das Leben der Leute nicht groß verändert“. Ihr Alltag blieb von „Elend und Gewalt“ bestimmt. „El Salvador besteht eigentlich aus zwei Welten. Da sind die Menschen, die Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Beschäftigung, Unterhaltung und Kultur haben, kurz: ein politisches und emotionales Leben. Und dann gibt es die Menschen in Vierteln, in denen niemand sonst auch nur eine Stunde, geschweige denn einen ganzen Tag verbringen will; die Einzigen, die das tun, sind die Leute, die dort leben, und die Polizei.“

Diese soziale Spaltung soll das Direktorat für Integration beseitigen, sagt Gutman. Bukele sei der erste Politiker gewesen, der seine Ideen verstanden habe. Als der Präsident ihn vor drei Jahren in seine Regierung holte, habe er sich mit ihm sofort wunderbar verstanden. „Vor ihm kannte ich niemanden, der Interesse für wirklichen Wandel gezeigt hätte.“

Verbale Bekenntnisse zum Wandel und zur Überwindung der gesellschaftlichen Kluft passen bestens in Bukeles Konzept. In Wahrheit ist die Armut im Land seit seinem Amtsantritt aber weiter gewachsen. Gutman meint, die Zahlen der UN und der Weltbank würden die Lage nicht angemessen erfassen: „Integration bedeutet das Gefühl, dass du Teil dieser Welt bist und dass die anderen dich als Teil dieser Welt wahrnehmen.“ In diesem qualitativen Sinne sei das Land auf dem richtigen Weg.

Gewiss muss man die Daten hinterfragen, mit denen internationale Organisationen die Armut messen. Aber wenn Armut zu den Faktoren gehört, die den Aufstieg der Gangs ermöglicht haben, wären quantifizierbare Verbesserungen durchaus zu begrüßen. Von der sozialen Entwicklung, die Gutman so lobt, habe ich in San Salvador keinerlei Anzeichen gesehen. Wie jeder Besucher der Stadt verbrachte ich sehr viel Zeit in Verkehrsstaus. Bukele hat, wie seine Vorgänger, kein öffentliches Busnetz geschaffen. Vielmehr hat er das letzte kommunale Verkehrsprojekt 2022 eingestellt, weshalb man ständig an stillgelegten Bushaltestellen vorbeikommt.

Auch die Menschenrechts-NGOs werden weiter eingeschüchtert. Am 18. Mai 2025 wurde Ruth López verhaftet, eine der bekanntesten Kritikerinnen der Regierung, die bei Cristosal, der Menschenrechtsorganisation für Zentralamerika, die Abteilung für Korruptionsbekämpfung geleitet hatte. Ihr wird „Beteiligung an der Unterschlagung staatlicher Gelder“ vorgeworfen. Cristosal hat seine Tätigkeit in El Salvador inzwischen „aus Sicherheitsgründen“ eingestellt.

Ingrid Escobar kam die Opposition gegen Präsident Bukele ebenfalls teuer zu stehen. Sie leitet die NGO Socorro Jurídico Humanitario (Humanitäre Rechtshilfe), die Familien von Gefangenen mit Rechtsberatungen unterstützt. Mit ihr hatte ich ein Interview verabredet, doch kurz vor dem verabredeten Treffen musste sie untertauchen.

Bukeles Nachfolger als Bürgermeister von San Salvador, der Arena-Politiker Ernesto Muyshondt, wurde im Juni 2021 unter Hausarrest gestellt, landete in der Psychiatrie und wurde später zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Viele Bukele-Gegner haben das Vertrauen in die Möglichkeiten demokratischen Widerstands verloren.

Anfang September 2021 entschied das Oberste Gericht, das Bukele mit ihm ergebenen Richtern besetzt hatte, dass der Präsident eine zweite Amtszeit anstreben darf, was das Gericht 2014 noch ausgeschlossen hatte. So konnte Bukele im Februar 2024 wiedergewählt werden, zugleich gewann seine Partei Nuevas Ideas 54 der 60 Parlamentssitze. Weitere drei gingen an Kleinparteien, die mit Bukele verbündet sind.

Am 31. Juli 2025 verabschiedete das Parlament mit den üblichen 57 zu drei Stimmen dann ein Gesetz, das dem Präsidenten eine unbegrenzte Zahl von Amtszeiten gewährt und die Amtsperiode von fünf auf sechs Jahre verlängert.

Zu den letzten verbliebenen oppositionellen Abgeordneten gehört Marcela Villatoro von der Arena. Wir trafen uns in ihrem Büro im verlassen wirkenden Parlamentsgebäude. „Bukele hat alles in der Hand, alle Institutionen“, klagte Villatoro, „er hat den Staat gekapert.“ Eine Opposition brauche er nur, um zu behaupten, dass das Land keine Diktatur sei.

Viele von Bukeles Kritikern wollen nicht wahrhaben, dass der Präsident immer noch beliebt ist. Umfragen bescheinigen ihm Zustimmungswerte von 90 Prozent. Seine Gegner stehen solchen Erhebungen jedoch skeptisch gegenüber, da sie oft von Unternehmen mit Verbindungen zur Regierung durchgeführt werden. Zudem scheint es angesichts der Verdopplung der extremen Armut im Land unwahrscheinlich, dass so viele Bukele weiterhin unterstützen. Der Sieg über die Gangs hat keine Friedensdividende erbracht, und das Wirtschaftswachstum ist anhaltend schwach.

Edwin Segura von der Oppositionszeitung La Prensa Gráfica hat eine Erklärung für die anhaltende Popularität des Präsidenten: „Für die Menschen ist die Verbesserung der persönlichen Sicherheit eben sehr wichtig.“ Im Juni 2025 lag die Zustimmung zu Bukele bei 85 Prozent. Bei der neuesten Umfrage von La Prensa Gráfica Ende Januar 2026 sogar bei 92 Prozent. Bei der Frage nach der größten Leistung Bukeles nannten 70 Prozent „die Verbesserung der Sicherheit im Lande“.

Bukele bezeichnet die Opposition gern als „marginal“. Dennoch hat seine Regierung per Gesetz beschlossen, alle Personen und Gruppen, die Geld aus dem Ausland erhalten, in einer Datenbank zu erfassen. Das ist in einem Land, das zu weiten Teilen von Rücküberweisungen von Emigranten lebt, so ziemlich jeder. Die Maßnahme zielt gegen die Opposition und Menschenrechts-NGOs, die als Handlanger „ausländischer Interessen“ denunziert werden.

In Wirklichkeit sind die einzigen ausländischen Kräfte, die sich in El Salvador einmischen, die Vereinigten Staaten. Viele Jahre unterstützte Washington die berüchtigten Todesschwadronen, deren Spezialität außergerichtliche Hinrichtungen waren. Die US-amerikanische Botschaft in San Salvador ist die größte in ganz Zentralamerika.

In Trumps erster Amtszeit war Ronald Johnson US-Botschafter in El Salvador, ein Ex-CIA-Mann, der im Bürgerkrieg der 1980er Jahre eine Rolle als Berater der salvadorianischen Armee gespielt hatte. Johnson entwickelte eine enge persönliche Beziehung zu Bukele, und prompt stellten die US-Dienste ihre Nachforschungen über Absprachen des Präsidenten mit den Gangs ein. Dafür bekam der Botschafter einen eigens für ihn geschaffenen Orden umgehängt.

El Salvadors Präsident ist – ebenso wie Brasiliens Jair Bolsonaro, Argentiniens Javier Milei und neuerdings auch José Antonio Kast in Chile – mehr als nur ein politisches Nebenphänomen der Ära Trump, auch wenn er enger mit den USA verbunden ist als jeder andere lateinamerikanische Anführer. Als Joe Biden im Weißen Haus saß, zahlte Bukele einen Preis für die Nähe zu Trump: Die US-Justiz interessierte sich für seine Verbindungen zu den Gangs, ein Teil der US-Hilfsgelder wurde an die salvadorianische Zivilgesellschaft umgeleitete.

Jetzt, in Trumps zweiter Amtszeit, erlebt Lateinamerika offenbar eine Rückkehr zur Doktrin der 1980er Jahre, in der die USA Militärjuntas unterstützt haben. Als Marco Rubio im Februar 2025 durch Zentralamerika tourte, verkündete er: „ American leadership is back in the Western hemisphere.“ Der Hegemon ist zurück. Und sein zentralamerikanischer Wunschpartner ist Nayib Bukele, der die Maras besiegt hat.

Während seines Stopps in San Salvador gab Rubio bekannt, dass Bukele zugestimmt habe, Deportierte jeder Nationalität aus den USA aufzunehmen und sie „gegen eine Gebühr“ in El Salvador zu inhaftieren. Tatsächlich überstellten die USA dann mehrere Hundert venezolanische Staatsbürger – mutmaßlich Mitglieder der Bande Tren de Aragua – nach El Salvador, um sie ohne Gerichtsverfahren im Cecot inhaftieren zu lassen. Später wurden sie im Zuge eines Gefangenenaustauschs nach Venezuela zurückgeschickt.

Die Niederschlagung der Gangs wird Bukele positiv angerechnet werden, wie sein Vermächtnis auch sonst aussehen wird. Möglich war das aber nur, weil die Gangs von El Salvador für die panamerikanische organisierte Kriminalität eine untergeordnete Rolle spielten. Bukele hat diesen kleinen Teil beseitigt – zum Vorteil der Salvadorianer –, aber die Gangs existieren weiterhin in Guatemala, Honduras, Mexiko und den USA.

Für El Salvador stellt sich die Frage, wie die Zukunft einer Gesellschaft aussehen wird, deren junge Männer in so großer Zahl im Knast sitzen. Bukeles Pläne laufen letztlich darauf hinaus, das Land zu einem Offshore-Internierungslager für die USA zu machen. Was für Aussichten.

1 Vgl. Philippe Revelli, „Gegeneinander und auch gegen den Rest Amerikas“, LMd, März 2004.

2 Zu den Enthüllungen von El Faro und Bukeles Reaktion siehe Cecibel Romero und Toni Keppeler, „Der Leuchtturm soll schweigen. Die investigative Internetzeitung El Faro in El Salvador steht im Fadenkreuz von Präsident Bukele“, LMd, Berlin, Dezember 2020.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Tom Stevenson ist Journalist.

© London Review of Books; für die deutsche Übersetzung LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 12.03.2026, von Tom Stevenson