Arbeitskampf in Souss-Massa
Das Agrobusiness in Marokko bekommt immer mehr Gegenwind
von Eva Tapiero

Cocktailtomaten, Kirschtomaten, Paprika und Peperoni am Fließband einpacken – jeweils ein Kilo pro Netz – so sieht der 14-Stunden-Job von Touria Jaouhar an sechs Tagen in der Woche aus. Nur montags hat sie frei. An einem solchen Montag treffen wir sie in den bescheidenen Räumlichkeiten des Kulturvereins, der in Aït Melloul, einer mittelgroßen Stadt in der Region Souss-Massa, Ausflüge für Beschäftigte in der Landwirtschaft organisiert.
Jaouhars Arbeit ist anstrengend – und gefährlich, erzählt sie uns: „Wenn ich an der Maschine stehe, muss ich sehr aufmerksam sein. Aber manchmal bin ich zum Umfallen müde. Da könnte es schon passieren, dass ein Finger in die Maschine gerät, und der wär dann ab.“ Die 47-Jährige kann auch nicht zu Hause wohnen, weil der Bus ihres Arbeitgebers nicht bis in das weiter entfernte Viertel fährt, in dem sie mit ihrer Mutter und ihren Kindern in einem kleinen Haus lebt. Für das winzige Zimmer in der Nähe ihrer Arbeit zahlt sie 500 Dirham (46 Euro) im Monat. Ihre Familie sieht sie nur an ihren freien Tagen. „Es macht mich traurig, dass ich nicht mit meinen Kindern zusammenleben kann. Inzwischen sind sie groß. Aber es war schon immer so, ich hab mich dran gewöhnt. Meine Mutter hat sie großgezogen.“
Jaouhar verdient 17 Dirham pro Stunde, etwas mehr als 1,50 Euro. Das ist nicht viel, doch zumindest hat sie einen Angestelltenvertrag, und den hat sie sich vor mehr als zehn Jahren regelrecht erkämpft. Mit ein paar dutzend Kolleginnen hat sie Druck gemacht, erzählt sie. Sie haben gestreikt und nicht aufgehört zu protestieren. Heute sind sie alle regulär beschäftigt und sozialversichert.

Solche Arbeitskämpfe sind in Souss-Massa, einer der wichtigsten Agrarregionen Marokkos, keine Seltenheit. 85 Prozent des Frühgemüses und 65 Prozent der Zitrusfrüchte des vor allem für Europa bestimmten Exports werden hier angebaut,1 mit einer jährlichen Wachstumsrate von durchschnittlich 6,2 Prozent seit 2015.2
Der 2008 vom damaligen Landwirtschaftsminister und heutigen Premierminister Aziz Akhannouch angestoßene Plan Maroc Vert (PMV) beschleunigte diese Entwicklung. Der frühere Unternehmer Akhannouch, der von 2003 bis 2007 auch Regionalratspräsident von Souss-Massa war, beauftragte damals die Unternehmensberatung McKinsey mit der Ausarbeitung des PMV.
Das 2020 ausgelaufene Maßnahmenpaket basierte auf zwei Säulen: „Entwicklung einer modernen Landwirtschaft mit hoher Wertschöpfung“ und „bedürfnisorientierte Unterstützung kleiner und mittelgroßer Betriebe“. Kritiker bemängeln die Exportorientierung des PMV zulasten der Ernährungssouveränität, die nicht in den Blick genommen worden sei.3
Der Boom der Zitrusplantagen von Souss-Massa setzte jedoch lange vor der Einführung des Plans ein. Zwischen 1976 und 2012 verdoppelte sich deren Anbaufläche, sie wuchs in den Jahren 1985/86 von 19 000 auf 21 600 Hektar an, erreichte Mitte der 2000er Jahre 33 080 Hektar und nahm 2012 fast 40 000 Hektar ein.4
Die gesamten Agrarexporte legten zwischen 2008 und 2018 um 117 Prozent zu und die Einnahmen stiegen von 15 auf 33 Milliarden Dirham (umgerechnet von 1,38 auf 3,04 Milliarden Euro). Laut der marokkanischen Agentur für landwirtschaftliche Entwicklung (ADA) wuchs das landwirtschaftliche Bruttoinlandsprodukt in diesem Zeitraum „jährlich um 5,25 Prozent gegenüber 3,8 Prozent in anderen Sektoren, mit einem zusätzlicher Mehrwert von 47 Milliarden Dirham“.5
Bei den Beschäftigten in der Landwirtschaft kam allerdings nicht viel davon an. Der tägliche Mindestlohn liegt hier immer noch bei 93 Dirham (8,50 Euro) und der Nettomonatslohn (26 Arbeitstage) bei 2255 Dirham (207 Euro). In der Industrie, im Handel und in der selbstständigen Erwerbstätigkeit beträgt das monatliche Grundeinkommen dagegen durchschnittlich 3045 Dirham (etwa 280 Euro), für 191 Arbeitsstunden pro Monat.
In Souss-Massa wird regelmäßig gegen die harten Arbeitsbedingungen und niedrigen oder teilweise sogar rechtswidrigen Löhne demonstriert, mit Sitzstreiks und anderen kollektiven Aktionen, was von den marokkanischen Medien und sozialen Netzwerken allerdings nur selten aufgegriffen wurde. In den vergangenen drei Jahren haben insbesondere die Proteste mit starker Beteiligung von Frauen auf dem Land zugenommen, und das „oft an Orten, von denen zuvor noch nie jemand gehört hatte“, berichtet die Soziologin Samira Mizbar, die in Rabat für den Obersten Rat für Bildung, Ausbildung und wissenschaftliche Forschung arbeitet.
Auch die Politikwissenschaftlerin Fayrouz Yousfi von der Queen Mary University of London forscht über ländliche Protestbewegungen in Marokko. Ihrer Meinung nach hat „die Selbstermächtigung der Frauen, die früher wegen ihrer vermeintlichen Fügsamkeit bevorzugt in der Landwirtschaft beschäftigt wurden, dieses Rollenverständnis auf den Kopf gestellt“. Viele Frauen seien durch das Engagement von Gewerkschaften politisiert worden und haben seit Mitte der 2000er Jahre in großen Privatbetrieben Schulungen organisiert, um den Landarbeiterinnen die Bedeutung gewerkschaftlicher Organisation am Arbeitsplatz nahezubringen.6
In Oulad Teima, 40 Kilometer östlich von Agadir, bereitet sich Hassan Lhouijeb, Vorsitzender einer Ortsgruppe der Gewerkschaft Fédération nationale du secteur agricole (FNSA), auf eine Demonstration in einem nahe gelegenen Betrieb vor, die am Nachmittag stattfinden soll. Sein Telefon klingelt: Es gab mal wieder einen Unfall. Ein Pick-up ist umgekippt, zwei Frauen sind tot. Auf dem Land werden die Beschäftigten oft auf offenen Ladeflächen oder motorisierten Lastendreirädern, sogenannten chariots, hin- und hergefahren – eigentlich werden so nur Waren oder Tiere transportiert.
Lhouijeb nimmt uns in seinem Wagen mit. Wir fahren eine lange, gerade Straße entlang durch eine Landschaft aus Gewächshäusern. Hinter den hohen Mauern sieht man nur die Giebel hervorlugen. Am Straßenrand vor dem Betrieb, an dessen gemauertem Eingang eine fuchsiafarbene Bougainvillea rankt, haben sich schon etwa 100 Arbeiter:innen versammelt. Es werden Transparente entrollt und Megafone hervorgeholt.
Khadija T., 57 Jahre alt, zeigt uns ihre Hände: „Mir geht es bloß um meine Rechte. Ich habe Rheuma und kann einfach nicht mehr im Gewächshaus arbeiten. Ich möchte nur eine andere Tätigkeit zugeteilt bekommen.“ Der 45-jährige Hassan E. pflegt die Tomatenpflanzen, die zwei bis drei Meter in die Höhe wachsen. Daher muss er auf Stelzen arbeiten: „Seit 21 Jahren lauf ich tagtäglich stundenlang mit vier Kilo an jedem Bein herum.“ Er klagt über körperliche Erschöpfung und fehlende Anerkennung seiner Arbeit.
Saïd Ourrous kennt all diese Probleme nur zu gut. Der FNSA-Vorsitzende in der benachbarten Provinz Aït Amira kann aber auch davon berichten, was sich dank der Gewerkschaftsarbeit konkret verbessert hat: „Dort, wo wir vertreten sind, haben wir zum Beispiel dafür gesorgt, dass Kleinbusse eingesetzt werden. Die Beschäftigten sind versichert, arbeiten in der Regel nicht mehr als acht Stunden am Tag und werden insgesamt besser behandelt.“
In den Verpackungsbetrieben ist die Mobilisierung der Beschäftigten dagegen viel schwieriger, erklärt er uns. Die Arbeitgeber würden generell mauern und oft nur fünf oder sechs Monate am Stück einstellen. Unter solchen Bedingungen ist ein gewerkschaftlich organisierter Arbeitskampf kaum möglich. Obwohl das bitter nötig ist, denn die Arbeitstage in dieser Branche können gut und gern 16 Stunden dauern.
Skeptisch ist Ourrous auch in Bezug auf die Anpassung des Mindestlohns in der Landwirtschaft an das interprofessionelle garantierte Mindestgehalt (Smig): „Eigentlich soll das bis 2028 geregelt sein. Aber das hatten sie auch schon mal für 2022 angekündigt und es ist nichts passiert.“
Im Zentrum von Aït Amira besuchen wir die sogenannte Jobbörse, die jeden Tag um sechs Uhr morgens startet. Es ist noch dunkel und kalt. In den ersten kleinen Läden werden die Rollläden hochgezogen.
Ein paar Dutzend Frauen sind schon da. Dass sie mitten in der Nacht aufgestanden sind und eine Tagesmutter für die Betreuung ihrer Kinder bezahlt haben, wird womöglich ganz umsonst gewesen sein. Denn hier gibt es keine Jobgarantie. Die Tagelöhnerinnen verdienen in der Regel zwischen 70 und 90 Dirham am Tag (etwa 6,50 bis 8,50 Euro) bei marokkanischen, französischen, spanischen oder auch niederländischen Unternehmen.
„Wir sind nicht nur wütend, wir sind stinksauer“, ruft eine Frau. Wofür es gute Gründe gibt, zum Beispiel schlechte Bezahlung, prekäre Beschäftigung und steigender Lebensmittelpreise. Ein Mann mit ausgemergelten, müden Gesichtszügen tritt aus den Reihen der versammelten Arbeiterinnen hervor und spricht über die Jugendlichen, die im September auf die Straße gegangen sind, nachdem acht Frauen im Krankenhaus von Agadir gestorben waren. „Die Mütter dieser Jugendlichen stehen heute auch hier“, sagt der Mann. Ihre Kinder „protestieren, weil sie sich nicht einmal ein Paar Schuhe leisten können“.
Die Soziologin Samira Mizbar bestätigt den Zusammenhang zwischen den Sitzstreiks der Landarbeiter:innen und den landesweiten Jugendprotesten „GenZ 212“ (212 ist die Vorwahl von Marokko), die bis in den Oktober 2025 hinein andauerten. Beide forderten verbesserten Zugang zur Gesundheitsversorgung, soziale Gerechtigkeit, ein Ende der politischen Korruption und – Ironie der Geschichte – den Rücktritt von Premierminister Akhannouch, dem Urheber der exportorientierten Landwirtschaftsreform.
Zu deren Gegnern gehört auch Kabda El-Hachimi, der Vorsitzende der Marokkanischen Vereinigung für Menschenrechte (AMDH) in Inezgane und Aït Melloul. Bei unserem Treffen warnt er davor, die Minze in den Tee zu tauchen. Sie sei pestizidverseucht, sagt er und erzählt von der Gewalt, der die Beschäftigten in der Landwirtschaft ausgesetzt seien: „Es gibt immer wieder Proteste und Streiks. Doch es gibt eine Komplizenschaft zwischen den Behörden und den Unternehmen, damit die Anforderungen der Abnehmer in Europa auch ja erfüllt werden.“
In Lqliâa, einige Kilometer weiter, machen sich ein paar Arbeiter an der beschädigten Fassade des Postgebäudes zu schaffen. Im Schriftzug „Marokko“ fehlt seit den GenZ-212-Protesten der Buchstabe A. Hier kam es zu dem blutigsten Zwischenfall der Proteste: Am 1. Oktober wurden drei junge Männer von Sicherheitskräften erschossen. Die Behörden behaupten, die Beamten hätten bei einem Angriff auf eine Gendarmeriestation in Notwehr gehandelt. Diese Version ist allerdings umstritten, auch wenn die Proteste zweifelsfrei gewaltsam verliefen.
Man müsse sich nur die Lebensrealität in dieser „bewusst marginalisierten“ Gegend anschauen, sagt die Forscherin Yousfi: „Wenn man sieht, welche Gewinne in dieser Region erwirtschaftet werden und in welchem Zustand sich die Städte und Dörfer befinden – komplett ohne Infrastruktur; Menschen, die in schäbigen Behausungen ohne Wasser, Strom oder Anschluss an die Kanalisation leben“, dann verstünde man auch, woher diese große Wut kommt. Hinzu kommt, dass die Orte mit dem Zuzug der Landarbeiter:innen komplett alleingelassen wurden – allein die Bevölkerung von Lqliâa hat sich innerhalb der vergangenen 30 Jahren verfünffacht.
Die jüngste Protestbewegung der marokkanischen Jugend wurde zwar innerhalb von wenigen Wochen mit zahlreichen Festnahmen und hunderten Inhaftierungen zerschlagen. Doch das Bewusstsein für soziale Rechte wächst. Dass es in der Monarchie wieder zu Aufständen kommt, ist nur eine Frage der Zeit.
1 Siehe die Statistiken zur Landwirtschaft für das Jahr 2017, soussmassa.ma/en/agriculture/.
Aus dem Französischen von Claire Schmartz
Eva Tapiero ist Journalistin.


