07.05.2026

KI im Widerstand?

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KI im Widerstand?

Anthropics Scheinstreit mit dem Pentagon

von Félix Tréguer

Marion Verboom, Achronie 44, 2023, Gips und Harz, H 254 cm, Ø 62 cm
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Erst schien es so, als hätte die freie Welt einen neuen Helden gefunden: Dario Amodei. Der 43-jährige US-Amerikaner ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Anthropic, dem Hauptkonkurrenten von OpenAI auf dem Markt für künstliche Intelligenz (KI). Den Schlagzeilen der internationalen Presse zufolge verkörpert er den Widerstand gegen die faschistoiden Irrungen der US-Regierung.

Anthropic sei „das KI-Start-up, das Donald Trump zu widersprechen wagt“ (Le Monde, 11. Februar 2026), indem es sich den Anordnungen des Pentagons verweigert; ein Unternehmen, dessen „mutige Haltung“ die Regierung Trump „in Rage versetzt“ hat (Fortune, 21. Februar 2026).

Seitdem Trump im Januar 2025 ins Weiße Haus zurückgekehrt ist, sorgt das immer offener zur Schau gestellte Bündnis zwischen den Digitalkonzernen und dem US-Präsidenten in einem als liberal geltenden Milieu für Unbehagen. Heißt es nun „Ende gut, alles gut“, weil Anthropic Washington und dem US-Militär seine roten Linien aufgezeigt und das Ansehen der Branche wiederhergestellt hat?

Rückblick: Im Juli 2025 unterzeichneten Anthropic und das US-Kriegsministerium einen 200 Millionen US-Dollar schweren Vertrag mit einer Laufzeit von zwei Jahren. Auf seiner Grundlage implementierte Anthropic als erstes Unternehmen ein großes Sprachmodell (Large Language Model, LLM) in den Topsecret-Netzwerken des Pentagons.

Das Flagship-Produkt von Anthro­pic, ­Claude, wurde mit der Big-­Data-Plattform von Palantir verknüpft und über eine von Amazon errichtete, streng geheime Hostinginfrastruktur bereitgestellt.1 Nun brüstet sich An­thro­pic seit seiner Gründung 2021 allerdings mit seinen hohen moralischen Standards. Entsprechend definierte das Unternehmen zwei No-Gos, die das US-Militär offenbar zunächst auch akzeptierte: Seine KI-Systeme durften weder zur Massenüberwachung von US-Bür­ger:in­nen noch zur Steuerung vollständig autonomer, also ohne menschliche Aufsicht operierender Waffen eingesetzt werden.

Doch Trump dachte nicht daran, sich an solche Einschränkungen zu halten, und erließ postwendend eine Executive Order zur „Verhinderung des Einsatzes von woker KI innerhalb der US-Regierung“. Der Text wurde am 11. Dezember 2025 in einem Memorandum konkretisiert. Die Bundesbehörden erhielten die Anweisung, bestehende Verträge zwischen der US-Regierung und LLM-Anbietern zu überprüfen, deren Systeme eine „ideologische Voreingenommenheit“ widerspiegelten.2

Im Februar dieses Jahres forderte das Pentagon von Anthropic dann öffentlich, die vertraglich fixierten Beschränkungen aufzuheben, um jede vom Militär als rechtmäßig erachtete Verwendung zuzulassen – was das Unternehmen jedoch ablehnte.

Am 27. Februar um 17.01 Uhr lief das Ultimatum des Pentagons ohne Einigung ab. Trump forderte daraufhin die Kündigung der Verträge zwischen den Bundesbehörden und Anthropic, und US-Kriegsminister Pete Hegseth stufte das Unternehmen als „Liefer­kettenrisiko für die nationale Sicherheit“ ein.

Dieses vernichtende Label, das bislang nur einer Handvoll ausländischer Unternehmen wie Huawei vorbehalten war, hätte Anthropic von lukrativen Verträgen ausgeschlossen. Anfang März zog das Unternehmen gegen die Entscheidung vor Gericht, und Dario Amodei gab CBS News ein langes Interview, um seinen Kurs zu rechtfertigen.

Der Streit hatte alle Zutaten einer packenden Serie: Ein Start-up aus dem Silicon Valley lehnt den Missbrauch seines KI-Modells ab. Der CEO des Unternehmens verteidigt mutig seine Position und beschwört damit den Zorn von Donald Trump und dessen Handlangern herauf.

Nur dass der schöne Schein trügt. Denn Anthropics Geschäftsgebaren passt nicht zu dem vom Unternehmen zur Schau gestellten Humanismus.

Die im Auftrag des Pentagons geschlossene Partnerschaft von Anthropic und Palantir, die nur wenige Tage nach Trumps Wiederwahl im November 2024 offiziell bekannt gegeben wurde,3 verdeutlicht dies auf eindrucksvolle Weise. Palantir wurde 2003 gegründet und in der Anfangsphase von In-Q-Tel unterstützt, dem Risikokapitalfonds der CIA. Palantir hat die Überwachung der Bevölkerung zu seinem Kerngeschäft gemacht.

So liefert es beispielsweise der US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE jene Technologiebausteine, die für die massive Ausweitung ihrer Abschiebemaßnahmen unerlässlich sind. Als 2018 tausende Google-Mit­ar­bei­ter:in­nen gegen die Beteiligung ihres Unternehmens am Project Maven, einem Programm zur Integration des maschinellen Lernens in die Pentagon-Systeme, demonstrierten, sicherte sich der von solchen Skrupeln unbeeindruckte Konkurrent Palantir den Megaauftrag.

Dessen Mitbegründer und CEO, Alex Karp, bezeichnet sich selbst als progressiv. Was ihn aber nicht daran hindert, von der angeblichen „Überlegenheit westlicher Werte“ zu schwa­dro­nieren, imperialistische Methoden in internationalen Beziehungen gutzuheißen und die Entwicklung autonomer Waffen zu fördern.

Am 18. April veröffentlichte Palantir auf X eine Art Manifest, das auf Karps Buch „The ­Technological Republic“ basiert. Hier wird unter anderem postuliert, dass das Silicon ­Valley „eine moralische Pflicht zur Unterstützung des Militärs“ habe.

Von Palantirs zweitem Mitbegründer Peter Thiel weiß man schon lange, dass er ein bekennender Demokratieverächter und früher Trump-Unterstützer ist. Dass Anthropic mit Palantir zusammenarbeitet, widerspricht somit fundamental seinen gegenüber dem Pentagon vertretenen Prinzipien.

Nach der Integration von Claude in die für das US-Militär entwickelten Palantir-Softwareprogramme scheint sich das System schnell zur bevorzugten Benutzeroberfläche der Militärführung entwickelt zu haben. Dank der KI von Anthropic können Analysten nun über Anfragen in natürlicher Sprache riesige Datensätze aus Satelliten- oder Drohnenbildern, elektromagnetischen Informationen, Internetdaten und Berichten durchsuchen.

Claude erstellt Zusammenfassungen, Analysen und Empfehlungen. Das LLM kann aber auch militärische Ziele identifizieren, sie nach ihrer strategischen Bedeutung ordnen, die für eine Attacke am besten geeigneten Waffensysteme vorschlagen und Angriffsabläufe nahezu in Echtzeit generieren. Claude stellt sogar juristische Argumente zusammen, um die Angriffe rechtlich abzusichern.

Bereits im Januar gab es Gerüchte, dass Claude beim Überfall auf Vene­zuela und bei der Entführung von Präsident Nicolás Maduro benutzt wurde. Im Krieg gegen Iran, der am 28. Fe­bru­ar begann, unmittelbar nach Ablauf des Ultimatums an Anthropic, hat das Pentagon den Chatbot von Anthropic erstmals massiv zur Intensivierung seiner Bombardements eingesetzt. Noch steht nämlich kein Ersatzsystem zur ­Verfügung.

Die Verknüpfung von Claude mit den Palantir-Plattformen beschleunigt die „Tötungskette“ („kill chain“, Militärjargon)t – ähnlich wie die von der israelischen Armee entwickelten KI-Systeme, die im Gazakrieg eingesetzt wurden.4

„Normalerweise hätten wir 2000 Geheimdienstoffiziere, die versuchen, Ziele zu identifizieren und Daten zu analysieren. Jetzt sind es 20, und sie haben das Tempo noch erhöht“,5 schwärmte Chad Wahlquist, ein leitender Palantir-Angestellter, am 12. März auf der Palantir-Konferenz AIPCon über den Einsatz des Project Maven im Irankrieg, den die USA „Operation epischer Zorn“ und Israel „Operation brüllender Löwe“ nennen.

Der Einsatz von KI zur automatischen Analyse von Luftbildern hat die Zahl der identifizierten Ziele von hundert auf tausend pro Tag gesteigert; etwa 5000 Ziele könnten durch die Einbindung von LLMs in diese Systeme pro Tag generiert werden, schreibt die Reporterin Katrina Manson in ihrem neuen Buch „Project Maven“.6

Hier setzt Anthropic seinen Partnern also keine Grenzen. Abgesehen von den autonomen Waffen wirft die Integration von KI zur Intensivierung von Militäroperationen immense rechtliche, ethische und politische Fragen auf, die die Generalstäbe und ihre Dienstleister bislang weitgehend ausklammern.

Software beschleunigt die „kill chain“

Das Gleiche gilt für die zweite wichtige Sicherheitsmaßnahme, die Anthropic-Chef Amodei dem Pentagon auferlegte: das Verbot, Claude zur massenhaften Analyse personenbezogener Daten von US-Bürger:innen einzusetzen, die die Behörden bei Datenbrokern erworben haben. Smartphone-Apps sind dabei ein zentrales Rädchen im Getriebe der staatlichen Überwachungsmaschinerie, ganz gleich, ob es um den Zugriff auf Standort- oder Browserverläufe, Gesundheitsdaten oder Finanzinforma­tio­nen geht.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich auch hier, dass es mit Anthropics „­mutiger“ Verweigerung nicht weit her ist. Die Nutzung seiner Systeme zur Verfeinerung der völkerrechtswidrigen Massenüberwachung von Nicht-US-Bür­ger:in­nen scheint das Unternehmen ebenso wenig zu beunruhigen wie der inländische Einsatz von NSA-Programmen, die eigentlich zur Auslandsüberwachung vorgesehen sind. Jährlich werden fast 200 000 entsprechende Suchanfragen registriert.

Nachdem Anthropic von Regierungsaufträgen ausgeschlossen worden war, gab Konkurrent OpenAI den Abschluss einer Vereinbarung mit dem Pentagon bekannt. Um negative Schlagzeilen zu vermeiden, erklärte OpenAI-Geschäftsführer Sam Altman im Vorfeld, dass ChatGPT nicht für die „vorsätzliche Nachverfolgung, Überwachung oder Beobachtung von US-Personen oder -Staatsangehörigen“ eingesetzt werden dürfte. Dies gelte insbesondere, wenn die Überwachung auf der „Beschaffung oder Nutzung kommerziell erworbener personenbezogener oder identifizierbarer Informationen“ beruhe.7

Möglicherweise kann das Pentagon mit dieser Formulierung besser leben als mit den Vorgaben von Anthropic. Einen echten Unterschied zu erkennen, fällt jedoch schwer.

Das vorgebliche Kräftemessen zwischen der Regierung und den Tech­giganten erinnert an das Nachspiel des NSA-Skandals, nachdem der Whistle­blower Edward Snowden im Sommer 2013 sein Insiderwissen über die weltweite digitale Überwachung durch die NSA öffentlich gemacht hatte. Der Widerstand, den Google, Apple und Microsoft damals inszenierten, sollte über die Zwickmühle hinwegtäuschen, in der sie sich wegen ihrer Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsstaat einerseits und dem dadurch verursachten Imageschaden andererseits befanden.

Die IT-Unternehmen führten Verschlüsselungslösungen ein, um die Privatsphäre ihrer Nut­zer:in­nen besser abzuschirmen. Gegenüber ihren großen ausländischen Kunden warben sie mit dem Schlagwort „digitale Souveränität“ und behaupteten, sie könnten sie vor der NSA beschützen. Und in Washington finanzierten sie Kam­pa­gnen für eine stärkere Regulierung der Geheimdienste.

Mit dieser lautstarken Beschwörung der Menschenrechte ging es den Unternehmen vor allem darum, ihre Angestellten und Nutzer:innen zu beruhigen, die nach Snowdens Enthüllungen über die engen Verflechtungen mit dem US-Sicherheitsapparat sichtlich verstört waren.

Tatsächlich gelang es den Techfirmen größtenteils, ihre Teams zu beruhigen, die Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten fortzusetzen und ihre internationalen Marktanteile zu sichern. Letztlich trugen sie damit zur Stärkung der Überwachungsinfrastruktur bei, die ein essenzielles Macht­instrument der USA ist.

Die Trump-Regierung und Anthropic scheinen heute eine ähnliche Strategie zu verfolgen. 80 Prozent der Einnahmen von Anthropic stammen aus dem Privatsektor. Weder diese Kunden noch die breite Öffentlichkeit werden sich über die enorme Werbewirkung ärgern, die der Konflikt Claude beschert hat.

Denn während des Schlagabtauschs unterstrichen Insider auf Presseterminen immer wieder die Überlegenheit des Anthropic-Modells gegenüber seinen Konkurrenten. So kam es, dass die Anthropic-App Ende Februar von den hinteren Rängen der Downloadcharts nach vorne gelangte und ­ChatGPT vom ersten Platz verdrängte.8 Auch der Verlust eines Auftrags im Wert von 200 Millionen US-Dollar erscheint geradezu lächerlich im Verhältnis zu den 30 Milliarden, die das Unternehmen für 2026 als Jahresumsatz projiziert.9

Sein Ansehen ist bei den begehrten Techfachkräften und KI-Forscher:innen gestiegen. Und die Investoren ließen sich von dem Streit mit dem Pentagon nicht abschrecken: Die Fonds GIC (Singapur), MGX (Vereinigte Arabische Emirate) und Peter Thiels ­Founders Fund kündigten im Februar an, 30 Milliarden US-Dollar in Anthropic zu investieren – just in dem Moment, als der Streit mit dem Pentagon Fahrt aufnahm.10 Und Google will zukünftig 40 Milliarden US-Dollar in Anthropic stecken. Die Investitionen der Techkonzerne scheinen sich auszuzahlen: Als sie am 29. April ihre Quartalsergebnisse veröffentlichten, verkündete etwa Amazon, sein Nettogewinn habe sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast verdoppelt: von 17,1 auf 30,3 Milliarden US-Dollar.

Die US-Regierung verzichtete auf rechtliche Instrumente, etwa den ­Defense Protection Act, mit dem sie das Unternehmen zur Zusammenarbeit hätte zwingen können. Seit Anthropic am 7. April sein neues Modell Mythos vorgestellt hat – von dem es erklärte, es sei so leistungsfähig, dass es zu gefährlich sei, es öffentlich zu machen –, sieht es ohnehin danach aus, dass der Streit bald beigelegt sein wird.11 „Wir verstehen uns mit ihnen“, sagte Donald Trump dem Sender CNBC nach einem Treffen mit Anthropic-Vertretern am 17. April. Ende April wurde bekannt, dass die US-Behörden bereits an einer Einigung arbeiten.

Doch ob ChatGTP das Rennen macht oder Claude, ist ohnehin egal, wenn nach wie vor ausschließlich US-Modelle den Weltmarkt unter sich aufteilen. Gigantische Datenmengen, die auf den Servern von Amazon, Google oder Micro­soft gespeichert sind, sichern die Vorherrschaft von Uncle Sam.

1 Siehe Francesca Bria, „United States of Palantir“, LMd, November 2025.

2 „Memorandum on increasing public trust in artificial intelligence through unbiased AI principles“, whitehouse.gov, 11. Dezember 2025.

3 „Anthropic and Palantir partner to bring Claude AI ­models to AWS for US government intelligence and defense operations“, investors.palantir.com, 7. November 2025.

4 Vgl. Yuval Abraham, „ ,Lavender‘: The AI machine ­directing Israel’s bombing spree in Gaza“, +972, 3. ­April 2024.

5 Johnson O’Ryan, „Pentagon AI Chief praises Palantir tech for battlefield strike speed“, theregister.com, 13. März 2026.

6 Vgl. Katrina Manson, „Omniscience, omnipresence and omnipotence: Meet the gods of AI warfare“, Buchauszug, Wired, 23. März 2026.

7 Cade Metz und Julian E. Barnes, „OpenAI amends A.I. deal with the Pentagon“, The New York Times, 3. März 2026.

8 Anthony Ha, „Anthropic’s Claude rises to No. 1 in the app store following Pentagon dispute“, TechCrunch, 1. März 2026.

9 Kenrick Cai, „Anthropic may have closed the revenue gap on OpenAI. Here’s what it means for their IPOs“, Reuters, 16. Oktober 2025.

10 Ashley Capoot, „Anthropic closes $30 billion ­funding round as cash keeps flowing into top AI startups“, ­CNBC, 12. Februar 2026.

11 Paul Mozur und Adam Satariano, „Anthropic’s New A.I. Model Sets Off Global Alarms“, The New York Times, 22. April 2026.

Aus dem Französischen von Markus Greiß

Félix Tréguer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des ­Centre Internet et Société (CIS) am Centre national de la recherche scientifique (CNRS).

Le Monde diplomatique vom 07.05.2026, von Félix Tréguer