07.05.2026

Gaza – Techniken des Genozids

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Gaza – Techniken des Genozids

Mit Bomben und Planierraupen wurden Topografie, Kultur und Besitzrechte Gazas zum großen Teil ausgelöscht. Städte, Dörfer und Felder sind für die einstigen Bewohner nicht mehr wieder­zuerkennen – und werden zu künftigem Bauland. Die Logik des Siedlerkolonialismus setzt sich hier in extremer Weise fort.

von Eyal Weizman

D9-Planierraupen der israelischen Armee MOSTAFA ALKHAROUF picture alliance/Anadolu
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Die UN-Völkermordkonvention von 1948 benennt in Artikel II fünf Tatbestände, die einen Genozid ausmachen. Die ersten beiden betreffen die massenhafte Tötung und die „Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe“; der vierte und fünfte die Unterbrechung der biologischen Kontinuität der Gruppe. Der dritte Tatbestand wird in Abschnitt II c) beschrieben: die „vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen“. Gemeint sind damit indirekte Arten des Tötens, die nicht auf menschliche Körper zielen, sondern auf die Umgebung, die deren Überleben ermöglicht. Dazu gehören Wohnbauten, Krankenhäuser, soziale Infrastruktur, Wasserleitungen und Abwassersysteme, Stromnetze sowie Landwirtschaft. Die bewusste Zerstörung oder Beschädigung solcher Strukturen untergräbt die Überlebensfähigkeit einer Gruppe und führt zu einer langsamen, qualvollen Form der Vernichtung.

Die Vorstellung, dass gebaute Umwelt die Lebensbedingungen einer Gruppe bestimmt, entspricht den Lehren modernistischer Architektur, wie sie 1944 vorherrschten, als der polnisch-jüdische Jurist ­Raphael ­Lemkin den Begriff Genozid prägte und definierte.1

Die moderne Architektur wollte Lebensbedingungen einbeziehen und verbessern, Städte sollten nach gesundheitlichen Kriterien geplant werden, und die Wohnungen sollten sämtliche biologische Bedürfnisse erfüllen – nach Wärme, Hy­gie­ne, frischer Luft, Nahrung und sogar sexueller Re­pro­duk­tion, entsprechend Le ­Corbusiers Definition der „­machines à ­habiter“ (Wohnmaschinen).

Bulldozer in toxischer Landschaft

Die vom Gropius-Schüler Ernst ­Neufert 1936 publizierte „Bauentwurfslehre“ wird bis heute genutzt, um die ef­fi­zien­tes­ten Dimensionen für Küchen, Schlafzimmer und sogar Parkbänke zu ermitteln.2 Der Bauhaus-Architekt wurde 1939 vom Naziregime mit der Standardisierung der deutschen Bauindustrie beauftragt, die weitgehend auf Zwangsarbeit beruhte.

Andere Bauhaus-Absolventen lieferten Entwürfe für Konzentrationslager. Die absichtliche Verschlechterung der Lebensbedingungen pervertierte die Aufgabe der modernen Architektur: von der Herstellung besserer Lebensbedingungen zur Produktion von Tod.

Lemkin definiert Genozid als planvolles Handeln, das „auf die Zerstörung essenzieller Grundlagen des Lebens einer Bevölkerungsgruppe gerichtet ist mit dem Ziel, die Gruppe zu vernichten“. Dabei dachte er an die jüdischen Ghettos und an Konzentrationslager als Instrumente der langsamen indirekten Vernichtung.

Lemkin wusste aber auch um die Ursprünge dieser Methode in der Kolonialgeschichte: In allen kolonialisierten Territorien gab es Massaker, aber häufiger war die Ausrottung der indigenen Völker durch langsame, indirekte Tötung. Um die besten Bodenflächen für europäische Siedler „frei“ zu machen, nahm man der einheimischen Bevölkerung ihre angestammten Gebiete weg, in denen ihre materielle und kulturelle Existenz wurzelte, und sperrte sie in Reservate.

Zweieinhalb Jahre nach dem 7. Oktober 2023 ist der Gazastreifen weitgehend zerstört: Städte, Flüchtlingslager, Schulen, Universitäten, ­Moscheen, Krankenhäuser, die Landwirtschaft, Brunnen, der Boden selbst. Bomben, Artilleriegeschosse, Panzergranaten und Bulldozer haben eine toxische Landschaft hinterlassen. Besonders systematische Zerstörungen verrichteten die D9-Planierraupen des US-Herstellers Caterpillar. Diese gepanzerten Giganten rammten ihre Schaufeln in die Erde, zerwühlten ganze Felder, entwurzelten Obstbäume, machten Häuser platt, rissen Straßen auf, durchpflügten Friedhöfe.

Die von der Grenze im Osten anrückende Walze der Zerstörung presste die Palästinenser in Enklaven, die von der israelischen Armee als „sichere Gebiete“ und „humanitäre Zonen“ bezeichnet wurden, jedoch weder sicher noch human waren.

In diesen überfüllten Küstengebieten, zum Beispiel al-Mawasi mit seinen kargen Sanddünen, gibt es weder Wohnraum noch Gesundheits- oder andere öffentliche Einrichtungen, und sie waren ständig unter Beschuss.

Die fruchtbaren Felder im Osten des Gazastreifens verwandelten die Bulldozer in eine Wüstenei aus zermahlenem Zementschutt, gemischt mit der gelblichen Erde. Größere Städte wie Rafah, kleinere wie Beit Hanun und Flüchtlingslager wie Dschabalija wurden dem Erdboden gleichgemacht. Zerbombte oder planierte Gebäude hinterlassen in der Erde Plastik, Kabelreste, Lösungsmittel und Asbest. Bestimmte Bomben, die tief im Boden detonieren, setzen dort Metalloide und Schwermetalle wie Uran, Blei und Arsen frei. Viele dieser Substanzen belasten den Boden über Jahrzehnte. Eine dicht bewohnte Region wurde so zu einem Ort, in dem, wie der israelische Ex-General Giora Eiland sagte, „kein menschliches Wesen existieren kann“.

Für Raphael Lemkin gehörten zu Lebensbedingungen nicht nur die Infrastrukturen für die biologische Existenz, sondern auch solche der sozialen und kulturellen Kontinuität, also religiöse Stätten, Schulen, Bibliotheken, Kulturdenkmäler. Auch die wurden in Gaza systematisch zerstört.

In der 1948 verabschiedeten Genozidkonvention kommt der „kulturelle Genozid“, entgegen Lemkins Wünschen nicht vor. Mächte wie Großbritannien, Frankreich, Belgien und die Niederlande, die damals antikoloniale Aufstände niederzuschlagen versuchten, wollten eine Definition von Völkermord durchsetzen, die ihren Aktivitäten nicht in die Quere kam. Einspruch kam auch von den USA, Australien und Kanada, die in ihren Anfängen als Siedlerkolonien Kultur, Sprache und materielles Erbe der indigenen Völker zerstört hatten.

Doch die kulturelle und die biologische Sphäre sind nicht voneinander zu trennen, wenn es ums nationale Überleben geht. In Gaza bedeutet die systematische Zerstörung von Feldern, Wasserquellen und der Fischerei, dass sich die Gesellschaft nicht mehr ernähren kann. Die Angriffe auf Schulen und Moscheen zerstörte die Möglichkeiten, füreinander zu sorgen und sich zu organisieren, was die Hungersnot zusätzlich verschlimmert hat. Die Zerstörung der einen Sphäre vergrößert den Schaden für die andere.

Am 13. Oktober 2023, sechs Tage nach dem Hamas-Angriff, ordnete Israel die Evakuierung von Gaza-Stadt an, schickte also die palästinensische Bevölkerung vom Norden in Richtung der südlichen Grenze. Die Absicht dahinter geht aus einem Dokument des israelischen Geheimdienstministeriums hervor, das dem Onlinemagazin +972 zugespielt wurde. Darin wird empfohlen, die gesamte palästinensischen Bevölkerung des Gazastreifens über die Grenze nach Ägypten zu vertreiben, was „positive, langfristige strategische Resultate für Israel“ erbringen würde. Der Exodus sollte durch die Zerstörung der Lebensgrundlagen beschleunigt werden. Es folgte eine Welle von Luftangriffen mit einem Feuerteppich von Norden nach Süden.

Israelische Regierungen haben immer wieder versucht, die Palästinenser:innen aus Gaza nach Ägypten zu vertreiben, seit es der israelischen Armee im Dezember 1948 nicht gelungen war, die letzte palästinensische Enklave an der Mittelmeerküste zu „säubern“. In den 1950er Jahren folgten weitere Bemühungen, verstärkt nach der Besetzung des Gazastreifens und der ägyptischen Sinaiwüste nach dem Krieg von 1967.

Der Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 verschaffte Israel eine neue Gelegenheit. Politiker wie Medienleute verbreiteten lauthals Vertreibungspläne. Netanjahu erklärte, er strebe die Umsiedlung der Palästinenser:innen aus Gaza an. Vertreter der US-Regierung wollten Ägypten dazu bringen, eine große Zahl von Flüchtlingen aufzunehmen. Und die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) verzichteten acht Monate lang darauf, das Gebiet um Rafah zu besetzen, damit der „Ausgang“ nach Ägypten offen blieb.

Viele Palästinenser:innen weigerten sich fortzugehen, eingedenk der Massenvertreibung von 1948. Sie blieben in den Ruinen von Gaza-Stadt trotz Bomben und der ausbleibenden Hilfe. Die Südgrenze wurde von den Ägyptern streng überwacht; Durchlass gab es nur gegen hohe Bestechungssummen.

Da Israel sein Ziel nicht sofort erreichen konnte, drängte es die Palästinenser:innen auf immer engerem Raum zusammen. Jenseits dieser vorgeblich sicheren Zonen ging die totale Zerstörung weiter, um zu verhindern, dass die Vertriebenen zurückkehrten. Am umfassendsten verheert wurde der Gebietsstreifen entlang des Grenzzauns zu Israel, von den IDF als „Pufferzone“ bezeichnet. Der hebräische Begriff shetah ­hashmada bedeutet wörtlich „Vernichtungszone“. Palästinenser:innen, die diese Zone betreten oder auch nur in ihre Nähe kommen, werden ohne Vorwarnung erschossen.

Unter den Todesopfern in Gaza sind viele Pa­lästinenser:innen – auch Kinder –, die versuchten, letzte Habseligkeiten aus ihren zerstörten Häusern zu retten oder per Fallschirm abgeworfene Nahrungsmittel zu holen, oder sich nur in einer unkenntlich gewordenen Umgebung verlaufen hatten.

Die Einebnung sämtlicher baulicher Strukturen in der Pufferzone sollte auch mögliche Verstecke für Einheimische vor IDF-Scharfschützen zerstören. Vor dem 7. Oktober 2023 war diese Zone 300 bis 500 Meter breit gewesen; zwei Wochen später wurde sie auf einen Kilometer erweitert. Im Frühjahr 2025 waren es bereits zwei, dann drei Kilometer, systematisch plattgewalzt. Scharfschützen konnten ein so großes Areal nicht mehr abdecken. Die Palästinenser:innen wurden stattdessen mithilfe von Quadrokopterdrohnen umgebracht, die ihre Ziele bei Tag optisch und bei Nacht mit Wärmesensoren aufspürten.

Pufferzonen dienen eigentlich dazu, feindliche Streitkräfte auf Abstand zu halten, um einen Waffenstillstand zu sichern – wie das Rheinland nach dem Versailler Vertrag von 1919, der Grenzstreifen zwischen Kuwait und Irak nach dem Golfkrieg von 1991, die entmilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea oder die Grüne Linie im geteilten Zypern.

Im Gegensatz dazu waren die seit der Staatsgründung Israels geschaffenen Pufferzonen In­stru­mente der Besetzung, der Vertreibung und der Auslöschung. Nach dem ägyptisch-israelischen Waffenstillstandsabkommen von 1949 lagen die vordersten israelischen Stellungen etwa drei Kilometer östlich der heutigen Grenze zum Gazastreifen, wie der palästinensische Historiker und Kartograf Salman Abu Sitta gezeigt hat. Seine Familie wurde am 14. Mai 1948 aus ihrem Heimatdorf al-Ma’in vertrieben. Auf dem Land von al-Ma’in und anderen Dörfern entstanden die Kibbuzim, die am 7. Oktober 2023 überfallen wurden.3

Die Siedler vergrößerten das israelische Territorium, indem sie das Land kultivierten, die Spuren der palästinensischen Häuser, Straßen und Felder tilgten und Friedhöfe, die häufig von vertriebenen Palästinenser:innen aufgesucht wurden, umpflügten. Soldaten wie Siedler hatten Anweisung, jeden Menschen, der aus Gaza über die Grenze kam, zu erschießen, auch wenn er unbewaffnet war.

Pufferzone wird zur Vernichtungszone

Vor dem Krieg von 1967 bot König Hussein von Jordanien heimlich an, das Westjordanland als Pufferzone zu behandeln, falls Israel versprechen würde, nicht einzumarschieren. Israel besetzte das Gebiet trotzdem. Nach dem Krieg sah ein von Ex-General Alon ausgearbeiteter Masterplan vor, einen Gebietsstreifen im oberen Jordantal, etwa ein Drittel des Westjordanlands, zu annektieren, zu besiedeln und zur östlichen Pufferzone zu machen. Kurz darauf begann die ethnische Säuberung der palästinensischen Dörfer, die seitdem in wechselndem Tempo weitergeht.

Seit Oktober 2023 hat sich der Vertreibungsprozess stark beschleunigt, noch mehr seit Beginn des Irankriegs am 28. Februar, wobei die IDF die Pogrome der Siedler in den verbleibenden palästinensischen Gemeinden fördern und sich auch daran beteiligen. Der israelische Finanzminister Smotrich, selbst Siedler, hatte schon im Februar 2025 den dortigen palästinensischen Dörfern und Städten das Schicksal von Rafah und Chan Yunis angekündigt: „Auch sie werden zu unbewohnbaren Ruinen werden und ihre Bewohner werden gezwungen sein, abzuwandern und ein neues Leben in anderen Ländern zu suchen.“

Ähnliches geschah im Norden des Landes. 1967 hatte Israel auch die Golanhöhen besetzt mit dem expliziten Ziel, eine Pufferzone zwischen der syrischen Armee und den israelischen Siedlungen im oberen Jordantal zu schaffen. 1981 wurde das Gebiet formell annektiert. Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 dehnten die IDF ihre „sterile Verteidigungszone“ auf syrischem Territorium weiter aus: Sie vertrieben die Bevölkerung, zerstörten militärische und zivile Gebäude, darunter das Krankenhaus von Quneitra, vernichteten Obstgärten, Wälder und Felder und schütteten Erdwälle auf, um militärische Stellungen zu errichten.

Bei der jüngsten Invasion im Libanon vertrieb Israel 600 000 Menschen, um eine neue Pufferzone zu errichten. Alle Brücken über den Fluss ­Litani wurden zerstört, um den Süden des Landes vom restlichen Libanon abzutrennen; Dörfer in Grenznähe werden systematisch niedergerissen. Die Bevölkerung dürfe nicht in ihre Dörfer zurückkehren, erklärte Verteidigungsminister Israel Katz, „bis die Sicherheit der Menschen im Norden Israels gewährleistet“ sei. Israelische Siedlergruppen verbreiten bereits Pläne für die „Besiedlung von Südlibanon“ samt Karten, auf denen libanesische Dörfer hebräische Namen haben, und „Land for sale“-Angeboten.

Hier zeigt sich exemplarisch der logische Zirkelschluss des Siedlerkolonialismus: Siedlungen sollen die Staatsgrenze markieren und schützen, und genau das macht sie anfällig für Angriffe, weshalb man zu ihrem Schutz Pufferzonen schafft, die ihrerseits besiedelt werden, um die erweiterten Grenzen zu markieren und zu schützen, was eine weitere Pufferzone erfordert. So wird eine Feedbackschleife ständiger Verwundbarkeit erzeugt, die der Historiker A. Dirk Moses als „permanent security“ bezeichnet hat.

Gaza ist seit zweieinhalb Jahren nicht nur Abrissgebiet, sondern auch eine Baustelle. Der Schutt der zerstörten Gebäude wird zu einer neuen Landschaft umgestaltet mit Sperranlagen, Internierungslagern und Militärposten, von denen aus die IDF mit ihren Panzern und Scharfschützen die Gebiete kontrollieren, in denen die Überlebenden zusammengepfercht sind. Weil die 200 israelischen Bulldozer für die umfangreichen Erdarbeiten bei Weitem nicht ausreichten, bestellte man in den USA weitere 200. Die Biden-Regierung zögerte die Lieferung hinaus, sodass sie erst nach Trumps Amtsantritt Anfang 2025 ankamen. In der Zwischenzeit beauftragten die IDF auch private Bulldozerfahrer; viele von ihnen sind Siedler aus dem Westjordanland.

Sollten Palästinenser:innen je versuchen, in ein Abrissgebiet zurückzukehren, werden sie, so der Bulldozerfahrer Abraham Zarbiv, „ein Nirgendwo vorfinden. Zehntausende Familien haben keine Papiere mehr, keine Kindheitsfotos, keine Ausweise; ihnen ist nichts geblieben. Wenn sie zurückkehren, werden sie nicht wissen, wo ihr Haus stand. Sie werden nichts als Sand finden.“ Mit der baulichen Umwelt wurden auch ihre amtlichen Dokumente vernichtet. Als Israel im November 2023 das Zentralarchiv von Gaza-Stadt bombardierte, wurden zudem Bebauungspläne, historische Karten und Besitzurkunden zerstört.

Damals schrieb der palästinensische Dichter Omar Moussa, die Armee habe „die Topografie des Gazastreifens bis zur Unkenntlichkeit verändert“, und zitiert einen Freund: „Falls wir diesen Krieg überleben, wo wäre dann unser Treffpunkt?“ Im Ersten Weltkrieg verloren Soldaten das Gefühl für ihre Identität, weil ihre Gesichter durch Granatsplitter entstellt waren. Dem entspricht der territoriale Identitätsverlust, den Pa­läs­tinenser:innen an Orten empfinden, die einmal ihr Zuhause waren.

Daraus wurde sogar eine neue Form psychischer Folter gemacht: Palästinensische Gefangene wurden mit verbundenen Augen in das Trümmermeer ihrer einstigen Wohnviertel zurückgebracht. „Wenn wir ihnen die Augenbinden abnahmen, waren sie völlig desorientiert, sie kapierten nicht, wo sie waren.“ So berichtet es der Bulldozerfahrer Zarbiv, der auch Richter an einem Rabbinatsgericht ist. Bei der offiziellen Gedenkfeier zum israelischen Unabhängigkeitstag durfte Zarbiv eine der zwölf Fackeln entzünden.

In der Nacht des 23. März 2025 ermordeten israelische Soldaten in der Nähe von Rafah 15 palästinensische Rettungskräfte. Es gab nur 2 Überlebende, einer von ihnen war Asaad al-Nasasra, ein Sanitäter des Roten Halbmonds. Er beschrieb, wie er in einem von Bulldozern ausgehobenen Erdloch verhört und gefoltert wurde. Seine Tortur schilderte er Forschern von ­Forensic ­Architecture,4 die anhand seiner Beschreibungen die Veränderungen der Landschaft zu erfassen versuchten. Als ihm die Augenbinde abgenommen worden sei, habe er gemerkt, dass „sie den Ort völlig verändert hatten. Der Anblick hat mich völlig verstört; ich verstand absolut nichts.“ Das Forscherteam setzte die Audiosoftware Earshot ein, die das Geräusch des Gewehrfeuers analysierte, das auf dem Smartphone eines der ermordeten Sanitäter gespeichert war.

Earshot-Entwickler Lawrence Abu Hamdan erzählte mir, dass die Zerstörungen in Gaza die Landschaft auch akustisch radikal verändert haben. In einer städtischen Umgebung seien bei Tonaufnahmen von Schüssen normalerweise verwirrende Echos aus unterschiedlichen Richtungen zu hören. Doch am Tatort in Rafah waren nur drei einsame Mauern stehen geblieben. Diese neue Umgebung sorgte für klare Echos, die die Rekonstruktion des Vorfalls möglich machten.

In den Wochen nach dem Massaker entstanden ganz in der Nähe Wälle aus Schutt und Erde rings um ein offenes Gelände, das bald von der Gaza Humanitarian Foundation (GHF) in Beschlag genommen wurde. Die von israelischen und US-Unternehmern gegründete Organisation war für die Lebensmittelhilfe in Gaza vorgesehen, an der Uno vorbei.

Die GHF zwang die hungernde palästinensische Bevölkerung, sich um vier Versorgungszentren zu drängen, alle vier in der Nähe israelischer Militäranlagen, drei von ihnen nahe der Grenze zu Ägypten. Mehrere Hundert der verzweifelten Menschen, die um die Rationen der GHF kämpfen mussten, wurden von israelischen Soldaten oder US-amerikanischen Söldnern erschossen.

Am 10. Oktober 2025 trat ein „Waffenstillstand“ in Kraft. Seitdem ist der Gazastreifen in zwei Zonen beiderseits der Gelben Linie aufgeteilt, die etwa entlang der Pufferzone verläuft. Damit hielten die IDF etwa 54 Prozent des Territoriums besetzt, aber im Dezember verschob Israel einseitig die Linie nach Westen, sodass es heute fast 58 Prozent kontrolliert. Generalstabschef ­Eyal Zamir bezeichnet die Gelbe Linie inzwischen als Israels „neue Grenze“ zum Gazastreifen. Die Linie wurde entlang eines Sandsteinrückens gezogen, der parallel zur Küste drei Kilometer landeinwärts liegt. Der Hügelkamm liegt etwa 70 Meter über dem Meeresspiegel und ermöglicht dem israelischen Militär die Kontrolle über die Küstenzone, in der die palästinensische Bevölkerung zusammengepfercht ist. Dieser flache Hügel bestimmt das Leben in der Region seit der Antike. Er geht auf die aus dem Granit des äthiopischen Hochlands entstandenen Sandmassen zurück, die der Nil bis ins Mittelmeer transportierte. Große Mengen lagerten sich an den Küsten Palästinas als Dünen ab, die vor Millionen Jahren zu besagtem Sandsteinrücken wurden. Diese lang gezogene Struktur verhinderte, dass die Sanddünen landeinwärts wanderten. Der Boden westlich davon besteht vorwiegend aus Sand, östlich davon dagegen aus fruchtbarer Erde.

Seit Generationen wurden die Weizen- und Gerstenfelder von Beduinenstämmen bestellt, vor allem in der fruchtbaren Ebene um Be’er ­Sheva. Diese Bauernfamilien gehörten zu den etwa 200 000 Palästinenser:innen, die Ende 1948 von ihrem Land vertrieben und in einer Enklave zwischen Rafah und Gaza-Stadt interniert wurden.

Innerhalb der Grenzen Gazas verblieb damals nur ein drei Kilometer breiter Streifen fruchtbaren Bodens. Dieser Landstrich hat das Gebiet in den vergangenen Jahrzehnten mit Getreide versorgt, heute liegt er vollständig in der israelisch kontrollierten Zone östlich der Gelben Linie.

Bei Forensic Architecture machten wir einen neu aufgeworfenen Erdwall entlang der Gelben Linie aus, dazu sieben neue Stellungen der IDF, eine davon auf einem Friedhofsgelände. Östlich der Gelben Linie gibt es insgesamt 48 IDF-Vorposten, von denen aus man, wie Generalstabschef Zamir bereits erklärt hat, nötigenfalls in Richtung Küste vorstoßen werde.

Die neuen Stellungen waren anfangs eingezäunte Bereiche, umgeben von Erd- und Schutthügeln. Doch in den vergangenen Monaten hat man sie samt der Zufahrtsstraßen asphaltiert sowie Strommasten und Straßenlampen aufgestellt. Innerhalb der Stützpunkte stehen Fertigbauten dicht aneinander, an den Begrenzungen hohe Türme für Kommunikations- und Überwachungstechnik.

Diese Posten wirken nicht wie Provisorien, wie es in Trumps Waffenstillstandsplan dargestellt wurde, sondern wie Instrumente der dauerhaften Okkupation. Zusammen mit den frisch asphaltierten Straßen sind sie zu einer Matrix der Kontrolle vernetzt, angeschlossen ans israelische Straßen- und Kommunikationssystem.

Westlich der Gelben Linie regiert nach wie vor die Hamas. Die Überlebenden hausen in und zwischen den Ruinen oder in riesigen Zeltlagern. Im Winter fallen die Temperaturen unter 5 Grad, es kommt zu Unterkühlungen, die besonders für Kinder den Tod bringen können. Nun rückt der Sommer näher  – mit Temperaturen über 40 Grad. In den vergangenen Sommern erstickten Kinder in Behausungen aus Plastikplanen oder mit provisorischen Wellblechdächern – und feste Bauten sind nicht erlaubt.

In den Lagern steht Abwasser, die Pfützen sind Brutstätten für Moskitos, der Müll häuft sich zu Bergen, Ratten sind überall. Die Einfuhr von chemischen Reinigungsmitteln und von Pestiziden, die Abhilfe schaffen könnten, ist von israelischer Seite untersagt.

Obwohl es dank palästinensischer Ärzte und Pflegekräfte und der Bemühungen internationaler NGOs gelungen ist, medizinische Hilfe teilweise wieder zu ermöglichen, ist das Gesundheitssystem von Gaza praktisch außer Funktion. Wegen fehlender Medikamente und mangelnder Hygiene führen auch leichte Verletzungen zu Infektionen. Mehr als 40 Prozent der Dialysepa­tien­ten im Gazastreifen sind gestorben, weil sie nicht behandelt werden konnten. Die überlebenden Menschen in Gaza sind auf die nackte Existenz zurückgeworfen, sie leiden ständig Hunger und Durst, während über ihnen unaufhörlich das Brummen von Killerdrohnen und Bombern zu hören ist.

Indem Israel kontrolliert, wie viele Hilfsgüter nach Gaza gelangen – zu Beginn der Angriffe auf Iran im März vorübergehend gar keine –, diktiert es die Lebensbedingungen. Israel will, dass die Palästinenser:innen weggehen oder langsam sterben. Und dennoch: Auf Videos, die das Leben im Genozid dokumentieren, sieht man Menschen, die auf kommunalen Feuerstellen kochen, Schulen unter freiem Himmel betreiben und Examens­arbeiten einreichen bei Universitäten, deren Gebäude nicht mehr existieren.

Mittlerweile arbeitet die Lobby der Siedler darauf hin, in der Pufferzone mit dem Siedlungsbau zu beginnen. Verteidigungsminister Katz erklärte im Dezember, Israel werde „aus Gaza niemals abziehen“, man werde die vorgeschobenen Militärposten zu Nachal-Außenposten – militärischen Siedlungen mit landwirtschaftlichem Auftrag – machen und langfristig zu zivilen Siedlungen weiterentwickeln. Einige der Siedlungen an der Grenze zu Gaza hatten Anfang der 1950er Jahre als Nachal-Posten begonnen, ebenso viele Siedlungen im Westjordanland nach 1967.

Katz musste seine Ankündigung auf Geheiß Netanjahus zurücknehmen, als sich selbst Trump gegen den Bau jüdischer Siedlungen in Gaza aussprach. Heute agiert die israelische Regierung ambivalent und spielt auf Zeit, indem sie den Rückzug der Armee hinauszögert und die Stellungen östlich der Gelben Linie ausbaut. Die Umwandlung dieser Militärposten in zivile Siedlungen muss warten, bis sich die Aufmerksamkeit der Welt anderen Krisenherden zuwendet.

Inzwischen werden fantastische Entwicklungspläne in Umlauf gebracht, um die Realität zu überdecken: die fortlaufende Zerstörung palästinensischen Lebens im Gazastreifen, der zum Jagdgebiet von politisch gut vernetzten Immobilienhaien geworden ist. Am 4. Februar 2025 verkündete Trump während des kurzen Waffenstillstands nach seinem Amtsantritt, die USA würden „den Gazastreifen übernehmen“ und dank seiner „phänomenalen Lage“ zur „Riviera des Nahen Ostens“ machen. In Washington hatte man die Zerstörungen bis dahin heruntergespielt, jetzt wurden sie zum heißen Thema – aber nicht aus humanitären Gründen. Die Regierung erklärte Gaza zur „Abrisszone“, die zum Zweck des Wiederaufbaus vollständig evakuiert werden müsse. Deshalb werde man die Menschen zum Umzug an einen „hübschen Ort“ auffordern. Mit anderen Worten: Die Vertreibung, die die israelische Armee im Krieg nicht erreicht hatte, sollte im Zuge eines Wiederaufbauprojekts realisiert werden.

Um Trumps Rivieraplan zuvorzukommen, legten Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ihren eigenen Masterplan vor. Auch der entsprang nicht humanitären Erwägungen, sondern sollte sicherstellen, dass die Pa­läs­ti­nen­ser:in­nen im Gaza­streifen bleiben, statt in ihre Staatsgebiete vertrieben zu werden. Ihr Projekt einer „grünen und intelligenten Stadt mit Strom aus erneuerbaren Energien“ sollte wohl die Israelis ansprechen: Die Pufferzone erschien dort als „offene Grünzone“, auf der keine Gebäude errichtet werden sollten.

Im Sommer 2025 stellte eine israelische Unternehmergruppe eine weitere Initiative vor: den Gaza Reconstitution, Economic Acceleration and Transformation Trust, abgekürzt Great. Dahinter stehen die Risikokapitalgeber Michael Eisenberg, der Technologieunternehmer Liran Tancman und andere, die auch die oben erwähnte Gaza Humanitarian Foundation kontrollieren.

Great war die Fortsetzung von Trumps Rivie­ravision: mit exklusiven Strandressorts und mit mehreren „KI-betriebenen“ Städten im Hinterland. Ein „MBZ Central Highway“ war nach dem Präsidenten der VAE benannt, ein „MBS Ring“ nach dem saudischen Kronprinzen und eine Industriezone für „intelligente Produktion“ nach Elon Musk – alles in der Erwartung, dass die umworbenen Figuren einen Teil der Kosten bestreiten. Von den Pa­läs­ti­nen­ser:in­nen sollten einige bleiben dürfen, andere mit geringer finanzieller Unterstützung zum Wegziehen bewogen werden.

Die Topografie wird bis zur Unkenntlichkeit verändert

Die am 10. Oktober 2025 vereinbarte Waffenruhe bot die Gelegenheit, diesen Plan zu aktualisieren. Drei Monate später wurde das von Trump erfundene Board of Peace (BoP) gegründet, ein Who’s who autoritärer Politiker: Trump ist Vorsitzender auf Lebenszeit, ihm zur Seite stehen unter anderen Netanjahu, Javier Milei, Recep Tayyip Erdoğan und Jordaniens König Abdullah II. Ein Komitee, für das unter anderem Marco Rubio, ­Jared Kushner und Tony Blair vorgesehen sind, soll die palästinensischen Technokraten beaufsichtigen, die sich um die Alltagsaufgaben im Gazastreifen kümmern. Für die innere Sicherheit soll eine sogenannte International Stabilisation Force (ISF) zuständig sein. Das würde lediglich, wie mir Shawan Jabarin von der palästinensischen Menschenrechts-NGO Al-Haq erläuterte, eine Umbenennung der Okkupationslogik bedeuten: Die ISF soll schlicht die IDF als Besatzungsmacht ersetzen.

Die städtebauliche Vision des BoP hat Kushner auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos präsentiert. Ein Projekt namens „Sunrise“ soll die Halluzination der „Riviera“ mit konkretem Inhalt füllen: 180 strandnahe Luxushochhäuser, dahinter sieben urbane und industrielle Entwicklungszonen mit breiten Straßen dazwischen – genau entlang der Militärpisten, die von den IDF seit Oktober 2023 angelegt wurden, um den Ga­za­streifen in kontrollierbare Sektionen zu zerlegen.

Die nach Osten anschließende Pufferzone wurde als landwirtschaftliche Fläche getarnt. Die vorgesehenen Kontrollstrukturen erstrecken sich auch auf den Cyberspace: Technologieunternehmer Liran Tancman, der früher in der IDF-Einheit 8200 für elektronische Aufklärung diente, wurde von Trump mit der Erarbeitung eines digitalen Gesamtkonzeptes betraut.

Bereits ab Juli 2026 soll ein kostenloser superschneller Internetservice dafür sorgen, dass sämtliche soziale Interaktionen und finanziellen Transaktionen online ablaufen.

Das Ziel ist dabei keineswegs, die palästinensische Wirtschaft zu stützen, sondern Israel die Überwachung aller finanziellen und administrativen Vorgänge zu ermöglichen. Der Wiederaufbau von Gaza gibt der israelischen Regierung also ein Machtmittel an die Hand. Solche Großprojekte ziehen sich über Jahre hin. Mit der vollen Kontrolle über die Checkpoints – und damit über jeden Laster mit Zement und Baumaterial – kann Israel dafür sorgen, dass der Wiederaufbau für ewig ein Projekt bleibt.

Luxuswohntürme, errichtet auf Trümmern, unter denen vermutlich Zehntausende begraben sind – es ist ein Sinnbild für die Logik des Völkermords im 21. Jahrhundert. Heute hofft die israelische Regierung nach den Worten des Ex-Ministers Ron Dermer, „dass das, was zwei Jahre Krieg nicht geschafft haben, durch die Marktkräfte erledigt wird“. Die Auslöschung palästinensischen Lebens im Gazastreifen könnte – so widersinnig es auch klingen mag – mit architektonischen Mitteln erreicht werden.

Im Januar hat ein Forscherteam von Forensic Architecture östlich der Ruinen von Rafah Bautätigkeiten auf einer Fläche von einem Quadratkilometer registriert, die auf der israelisch kontrollierten Seite der Gelben Linie liegt und von mehreren Militärposten umgeben ist. Aus einem durchgestochenen Dokument des US-Militärs geht hervor, dass es sich um ein Pilotprojekt für ein Bauprogramm namens Alternative Safe Communities handelt. Hier sollen Wohnungen für zehntausende Palästinenser:innen entstehen, die sich gewillt zeigen, der Hamas abzuschwören. Die Siedlungen bestehen aus Modulhäusern, die mit Wasser und Strom versorgt sind. Auch Moscheen und Schulen sind vorgesehen, die mit von den VAE entlehnten Lehrplänen auf eine Normalisierung mit Israel hinarbeiten sollen.

Eine anschauliche Darstellung dessen, was als „Emirati Compound“ bezeichnet wird, zeigt, wie die neue Art von Flüchtlingslager aussehen soll: Die Straßen, an denen die zweistöckigen Fertighäuser (eine für das israelische Militär nicht bedrohliche Höhe) liegen, sind breit genug für gepanzerte Fahrzeuge. Im Zentrum der Anlage steht inmitten eines großen Parks eine einstöckige Moschee. Dies, und nicht die Luxusbehausungen und eine Riviera, ist das Äußerste, das sich die Pa­läs­ti­nen­ser:in­nen von den Wiederaufbauplänen erhoffen können. Das umzäunte Lager kann nur über Checkpoints betreten oder verlassen werden, die mit biometrischen Sensoren ausgestattet sind. Und noch etwas wird angeboten: ­Hilfe „für Bewohner, die ausreisen wollen“.

Die palästinensischen Wiederaufbaupläne, von denen es mehrere gibt, werden ignoriert. Einer von ihnen nennt sich Phoenix Gaza Initiative. Er wurde von den Stadtverwaltungen des Gaza­streifens in Zusammenarbeit mit Architekt:innen in Palästina und der Diaspora erarbeitet und basiert auf den „sozialen und räumlichen Beziehungen, die in Gaza fortbestehen“. Dies beinhaltet, dass zerstörte Wohnviertel und Flüchtlingslager – darunter historische Zentren der palästinensischen nationalen Identität wie Rafah und Dschabalija – eins zu eins wiederaufgebaut und Besitzverhältnisse genau rekonstruiert werden. Und solange der Wiederaufbau läuft, soll jede Familie in der Nähe ihrer zerstörten Wohnung untergebracht werden.

Die Wiederaufbaupläne für Gaza, die implizit darauf abzielen, palästinensisches Leben zu zerstören, machen im Nachhinein klar, warum der Begriff des Völkermords, wie ihn Raphael ­Lemkin entwickelt hat, der Architektur eine wichtige Rolle zuweist. Lemkin wusste, dass sich Geschichte und soziale Struktur eines Volks auch in einer spezifischen Organisation des Raums ausdrückt. Nach Lemkin verläuft Völkermord in zwei Phasen: In der ersten wird „die nationale Grundstruktur der unterdrückten Gruppe“ zerstört – in Gaza durch die verheerenden israelischen Bombardierungen. In der zweiten Phase setzt der Unterdrücker seine Pläne durch – in Gaza mittels der geschilderten Wiederaufbaukonzepte.

Über dergleichen Pläne schrieb Lemkin: „Sie können der unterdrückten Bevölkerung aufgezwungen werden, so sie bleiben darf, oder nur dem Territorium, nachdem die Bevölkerung weggeschafft und das Gebiet durch Staatsangehörige des Unterdrückers kolonisiert ist.“

1 Raphael Lemkin, „Axis Rule in Occupied Europe. Laws of ­Occupation, Analysis of Government, Proposals For Redress“, Washington (­Carnegie Endowment for International Peace) 1944.

2 Ernst Neufert, „Bauentwurfslehre. Handbuch für den Baufachmann, Bauherren, Lehrenden und Lernenden“, 44. überarbeitete Auflage, Wiesbaden (Springer Vieweg) 2024.

3 Siehe auch Eyal Weizman, „Die Gaza-Falle“, LMd, November 2023.

4 Die Organisation wurde vom Autor gegründet.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Eyal Weizman ist Architekt und Direktor am Centre for Research ­Architecture at Goldsmiths, University of London. 2011 gründete er die Rechercheagentur Forensic Architecture. Soeben erschienen: „­Ungrounding: The Architecture of Genocide“, London (Penguin) 2026.

© London Review of Books; für die deutsche Übersetzung LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 07.05.2026, von Eyal Weizman