09.04.2026

Krieg nach kolonialer Logik

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Krieg nach kolonialer Logik

Der US-Präsident droht, die Iraner in die Steinzeit zurückzubomben, „wo sie hingehören“. Das lässt an Hiroshima und Vietnam denken. Trumps offener Rassismus erinnert aber auch an das Kolonialzeitalter, das noch kein Völkerrecht kannte. Dessen Missachtung durch die USA und Israel droht heute eine ganze Region in Brand zu setzen.

von Adlene Mohammedi

Teheran, 1. März 2026: Trauerfeier für Ali Chamenei negar/mei/picture alliance/sipa

Vor 35 Jahren schrieb der französische Philosoph Jean Baudrillard einen Artikel mit dem provozierenden Titel „Der Golfkrieg hat nicht stattgefunden“.1 Darin vertrat er die These, die Militärintervention der von den USA angeführten Koalition gegen den Irak im Januar 1991 sei von der Öffentlichkeit nicht als ein wirklicher Krieg, sondern als Medienereignis wahrgenommen worden, als ein Spiel („­simulacre“), bei dem die Realität in ihrer ganzen Grausamkeit durch Me­dia­ti­sie­rung gelöscht wurde. Das brutale Ereignis Krieg wird durch große technologische Inszenierungen ersetzt.

Der im Februar 2026 von den USA und Israel begonnene Krieg gegen Iran fügt dieser Entwicklung eine neue Dimension hinzu: Er wird in den sozialen Medien nach den Codes der Popkultur und der Videospiele inszeniert. Der Tod wird banalisiert und manchmal, wie bei der Ermordung des Obersten Führers Ali Chamenei, sogar gefeiert. Iran wird als Zielscheibe für Militäraktionen vorgeführt, nicht als ein Land mit Menschen, die dort leben.

Es gibt jedoch einen wichtigen Unterschied zwischen diesem Krieg und dem von 1991. Der israelisch-amerikanische Angriff wird nicht im Namen des Völkerrechts unternommen, sondern unter dessen absoluter Missachtung, ohne sich im Geringsten um einen internationalen oder regionalen Konsens zu scheren. Es ist ein Willkürakt der Aggressoren mit der Zustimmung oder dem schuldbewussten Schweigen der wichtigsten Verbündeten. Wie immer man in Paris, London und Berlin über diesen Krieg denkt, niemand denkt daran, sich der rohen Gewalt entgegenzustellen.

Iran stellte keine direkte Bedrohung dar

Seit Jahren versuchen Wissenschaftler, Analystinnen und Journalisten, die Strategie von Donald Trump zu entschlüsseln. Die Expertise der ganzen Welt wird aufgeboten, um die Sätze und Entscheidungen eines Präsidenten zu deuten, der nichts Sinnvolles oder Verlässliches von sich gibt. Manche machen sich einen Spaß daraus, in jeder Verrücktheit eine Anwendung seines zum Gesetz erhobenen Buches „The Art of the Deal“2 zu sehen.

Bei alledem ist ganz offensichtlich, dass der US-Präsident nicht weiß, was er gerade tut. Hinter den martialischen Reden, auch gegen die tra­di­tio­nel­len „Verbündeten“ seines Landes, steht eine Persönlichkeit, die sich nicht nur ständig widerspricht, sondern auch leicht zu manipulieren ist.

Der Auslöser für den Angriff der USA ist völlig undurchsichtig. Zunächst verkündete Außenminister Marco ­Rubio, die USA hätten auf die Ankündigung Israels reagiert, man werde den Iran angreifen. Trump dementierte diese Version, aber das war wenig überzeugend. Die Washington Post berichtete, der Präsident habe wenige Tage vor Kriegsbeginn mit wichtigen Kongressabgeordneten über die konkrete Frage diskutiert, ob man an der Seite Israels angreifen oder einen iranischen Gegenschlag gegen Streitkräfte oder Militärbasen der USA in der Region abwarten solle. Am Ende entschied man sich für die erste Option.

Die Trump-Regierung hat also keineswegs auf eine iranische Bedrohung reagiert, das wurde unter anderem von Tulsi Gabbard, Direktorin der nationalen Sicherheitsdienste, und von Joe Kent, dem früheren Chef der US-Terrorabwehr, bestätigt. Kent trat nach Beginn des Kriegs zurück und schrieb in seiner Rücktrittserklärung: „Der Iran stellte keine unmittelbare Bedrohung für unser Land dar, und es ist offensichtlich, dass wir diesen Krieg aufgrund des Drucks seitens Israels und seiner einflussreichen amerikanischen Lobby begonnen haben.“3

Der Angriff erfolgte, während in Genf die Atomverhandlungen liefen und ein Abkommen nach Aussage der Vermittler aus Oman in Reichweite war. Es ist also schwerlich zu bestreiten, dass es sich bei diesem Krieg um einen israelischen handelt.

Genau das ist auch der Unterschied zur Invasion im Irak von 2003, die ebenso illegal und verlogen war, aber voll und ganz ein US-Unternehmen. Der Krieg von 2026 entspricht weder den klar definierten Interessen der USA

noch dem von Trump gepredigten Isolationismus. Natürlich behauptet der Präsident, er führe Krieg, um Frieden herzustellen. Aber alle Welt weiß, welche Wirtschaftsinteressen im Spiel sind.

Nach Venezuela, dem Land mit den größten Erdölreserven3 der Welt, ist das nächste Angriffsziel Iran, das die drittgrößten Reserven besitzt. Die Annahme, die USA wollten die Kontrolle über den globalen Ölmarkt erringen, geht allerdings davon aus, dass sie tatsächlich in der Lage wären, beide Länder zu besetzen und zu kontrollieren. Derzeit kostet dieser Krieg aber viele Milliarden Dollar und hat auch sonst erhebliche negative Folgen. Steigende Benzinpreise belasten die Konsumenten und bremsen die Wirtschaft.

Der US-Imperialismus wird also in seinen Handlungen sichtbar, wozu schwere Kriegsverbrechen gehören, nicht aber in seinen Zielen. Denn ein klar definiertes Kriegsziel ist nicht zu sehen. Trump nährt sogar den Eindruck, er könne jederzeit aufhören und sich zum Sieger erklären, ohne zu sagen, worin der Sieg bestehen soll. Wie immer der Konflikt endet, es ist unübersehbar, dass die Weltmacht USA vornehmlich im Dienst eines dritten Akteurs kämpft, nämlich Israels.

Aus militärischer Sicht beruht das Unternehmen, das Trump als „Ausflug“ bezeichnet hat, auf einer Reihe von Fehleinschätzungen – sowohl der wirtschaftlichen Folgen als auch der Fähigkeit Teherans, in der gesamten Region zurückzuschlagen.

Für Israel ist die Hilfe der USA nicht nur militärisch und logistisch wichtig; sie dient auch der Verbreitung der Legende von einem Krieg der Zivilisationen, also zwischen dem Westen und der Islamischen Republik samt ihren regionalen Verbündeten.

Das Mullahregime zu beseitigen, ist ein Ziel, über das man sich in Nordamerika und Europa einig ist. Doch für Teheran bedeutet der Krieg, dass ein innerer Konflikt – die brutale Niederschlagung der Massenproteste – von einem geopolitischen Konflikt abgelöst wird, der die Menschen massiven Gefahren aussetzt.

In den USA findet Trumps Unterstützung für Netanjahu, je länger der Krieg andauert, immer weniger Zustimmung.4 Auch die israelische Staatsführung schert sich nicht um Demokratie, ihr geht es um das eigene politische Überleben – was persönlich für Netanjahu gilt – oder um die Fortsetzung ihrer Expansionspolitik.

Diese Politik hat sowohl eine strukturelle als auch eine konjunkturelle Dimension. Strukturell dient sie dem Machtzuwachs des religiösen Zionismus, dessen christlicher Ableger in den USA an Einfluss gewinnt.

Zu diesen zionistischen Evangelikalen gehört Michael Huckabee, Trumps Botschafter in Israel. Er erklärte jüngst, Israel habe das biblische Recht auf territoriale Expansion bis hin zur Schaffung eines „Großisrael“ vom Euphrat bis zum Nil. Huckabees Idee wurde in Israel sogar vom Oppositionsführer Jair Lapid aufgegriffen, der eine „biblische“ Expansion bis zur irakischen Grenze befürwortete.5

Zum andern will Israel die nach dem 7. Oktober 2023 vom Westen zugesagte „bedingungslose Unterstützung“ – die sich bis heute im Verzicht auf Sanktionen angesichts der ständigen Verbrechen in Gaza und im Westjordanland zeigt – mit immer neuen Eroberungen voll ausschöpfen. Für die Regierung Netanjahu ist die Eskalation, die der Krieg gegen Iran bedeutet, eine perfekte Ablenkung. Der Ruf nach Rechenschaft für den Genozid in Gaza ist verstummt. Gradmesser für ihren Erfolg ist ab jetzt die Zukunft der Islamischen Republik.

Nach bekannter kolonialer Logik rechtfertigen die üblen Eigenschaften, die dem Gegner zugesprochen werden, die Missachtung all seiner Rechte. In Gaza dient die „Terrorismusbekämpfung“ immer noch als Vorwand für ständige Übergriffe. Mehr als die Hälfte der Enklave ist unter israelischer Kontrolle. Im Westjordanland wird der Ausbau der jüdischen Siedlungen so schnell vorangetrieben wie nie zuvor. Mit dieser Landnahme und mit der völligen Missachtung der Palästinensischen Autonomiebehörde macht die Regierung Netanjahu jegliche Aussicht auf einen palästinensischen Staat zunichte.

Was Syrien betrifft, rechtfertigt Israel seine militärischen Angriffe und die Ausweitung des besetzten Territoriums auf den Golanhöhen mit dem Misstrauen gegenüber den neuen Machthabern. Wobei die israelische Armee ähnlich brutal vorgeht wie im Westjordanland. Auch im Libanon ist das Ziel eine territoriale Expansion, die mit der Ausschaltung der Hisbollah begründet wird, der auch libanesische Medien und Politiker die Schuld an der jüngsten Eskalation zuschreiben.

Die Hisbollah, die so etwas wie eine „Achse des Widerstands“ aufrechtzuerhalten versucht, reagierte auf die Ermordung von Ajatollah Chamenei mit Raketenangriffen auf israelische Ziele. Damit lieferte sie Tel Aviv den willkommenen Anlass, die massiven Bombardements wieder aufzunehmen, die Bevölkerung zu vertreiben und eine „Sicherheitszone“ im Süden des Libanon, zumindest bis zum Fluss Litani, zu beanspruchen. Stand Mitte März war fast ein Fünftel der Li­ba­ne­s:in­nen als umgesiedelt registriert.

Dabei wird leicht vergessen, dass Israel entgegen dem Waffenstillstandsabkommen vom November 2024 seine illegale Militärpräsenz im Nachbarland fortsetzt. Damit ist eine paradoxe Situation entstanden: Die libanesischen Politiker und ihre internationalen Unterstützer wollen die schiitische Hisbollah und ihren Dauerwiderstand loswerden, damit der libanesische Staat endlich das Gewaltmonopol wiedererlangt. Doch die andauernde israelische Besetzung zwingt die Hisbollah zu weiterem Widerstand.

Der israelisch-amerikanische Angriff gegen Iran zeigt auch, wie handlungsschwach die Golfmonarchien sind. Dabei sind sie auf dem globalen Waffenmarkt besonders rege Käufer: Saudi-Arabien liegt in puncto Rüstungsausgaben an dritter, Katar an vierter Stelle. Angesichts eines Kriegs, der sie direkt trifft, verurteilen die arabischen Goldanrainer lediglich die iranischen Angriffe auf ihr Territorium, schweigen aber über eigene Absichten und ihre Strategie – obwohl iranische Raketen auf Erdöl- und Erdgasanlagen sowie die Schließung der Straße von Hormus ihre Wirtschaft treffen.

Israel hofft, das Chaos werde die Golfmonarchien zu einer gemeinsamen Front gegen Iran bewegen, aber sie halten sich zurück. Und für Teheran bleiben die Folgen für die Weltwirtschaft ein wirksames Druckmittel gegen Washington.

Dabei sollte man gewisse Nuancen und Konflikte zwischen den Golfstaaten nicht ignorieren. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind entschlossen, sich als privilegierte Partner Israels in der Region anzubieten. Saudi-Arabien und Katar dagegen werden sich kaum auf einen „israelischen Frieden“ im Nahen Osten einlassen. Zumal Riad die Rolle einer unentbehrlichen Regionalmacht anstrebt.

Auch nach dem Ende des aktuellen Kriegs blieben zwei große Fragen akut: Die abenteuerliche Politik der Emirate vor allem im Jemen wird immer weniger akzeptiert. Und die prinzipielle Priorität, die Washington den israelischen Interessen einräumt, stört das Vertrauen der Saudis in den Schutz der USA und lässt sie nach anderen Partnerschaften suchen. Israels Flucht nach vorn macht das Land zur größten Bedrohung in der Region, auch für so unterschiedliche Staaten wie Saudi-Ara­bien und die Türkei.

China und Russland beweisen angesichts dieses Kriegs, dass sie auf Ereignisse, die sie kaum beeinflussen können, flexibel reagieren. China steht vor allem vor ökonomischen Problemen. Zwar ist es dank großer Erdölvorräte und einer gewissen Diversifizierung der Lieferquellen besser vorbereitet als andere Staaten, muss aber dennoch eine dauerhafte Störung der Energieströme fürchten, die den Welthandel belasten würde.

Dagegen wird Russland von vielen Beobachtern als der große Profiteur dieses Kriegs gesehen (siehe dazu den unten stehenden Text).

Anders als Washington halten Peking wie Moskau ihre Gesprächskanäle zu allen Akteuren der Region offen und plädieren für Deeskalation. Doch für beide ist jede Minderung des Einflusses der USA durch einen weiteren katastrophalen Krieg ein Glücksfall.

Ein globales Fazit: Noch verhindert die „Entwestlichung“ der Welt nicht, dass die Völker unter den Reflexen des Westens zu leiden haben.

1 Jean Baudrillard, „La guerre du Golfe n’a pas eu lieu“, Libération, 29. März 1991. In Buchform als dreiteiliger Essay: Paris (Galilée) 1991.

2 Trump. Die Kunst des Erfolgs, München (Heyne) 1988.

3 Siehe Manfred Kriener, „Schwarzer Brei aus Vene­zuela“, LMd, Februar 2026.

4 „Chef der US-Terrorabwehr tritt wegen Iran-Krieg zurück“, taz, 17. März 2026.

5 Siehe Middle East Eye, 24. Februar 2026

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Adlene Mohammedi ist Politikwissenschaftler am ­ Centre des recherches internationales (Ceri).

Le Monde diplomatique vom 09.04.2026, von Adlene Mohammedi