12.03.2026

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Journalismus im KI-Zeitalter

von Olivier Koch und Nikos Smyrnaios

Anne Buckwalter, Closer, 2020, Guache auf Holz, 50,8 × 61 cm Anne Buckwalter
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Seit drei Jahren organisiert der Weltverband der Zeitungsverleger (World Association of News Publishers, Wan-Ifra) Schulungen für Verlegerinnen und Journalisten, in denen diese ermutigt werden, „sich auf eine von künstlicher Intelligenz (KI) geprägte Zukunft einzulassen“. Der Verband will damit Medienschaffende möglichst schnell auf eine Entwicklung vorbereiten, die er für ebenso unvermeidlich wie wünschenswert hält.

Das Fortbildungsprogramm „Newsroom AI Catalyst“ (KI-Katalysator für Nachrichtenredaktionen), das für Europa, den asiatisch-pazifischen Raum, Südasien, Lateinamerika und Australien/Neuseeland angeboten wird, umfasst alle Aktivitäten eines Medienunternehmens: datengesteuerte Nachrichtenproduktion, algorithmische Leseranalyse, Projektmanagement, automatische Generierung von Inhalten sowie Monetarisierung. Am Ende der dreimonatigen Schulung sollen die Teilnehmer:innen über einen „klaren Fahrplan“ verfügen, um diese Tools in ihre Arbeit zu integrieren.1

Die London School of Economics schlägt in die gleiche Kerbe. Im Rahmen ihres Programms „Journalism AI“ entstand ein Best-Practice-Handbuch, das sich auf Erfahrungen renommierter Redaktionen wie Associated Press, BBC News oder der Washington Post stützt. Darin wird die generative künstliche Intelligenz (die fähig ist, Texte oder Bilder zu generieren) – sofern „richtig eingesetzt“ – als Erfolgsgeschichte und segensreiches Instrument betrachtet.

Sie steigere die Produktivität von Journalist:innen, indem sie ihnen bestimmte Aufgaben abnimmt. Werden mithilfe generativer KI originellere und besser personalisierte Inhalte erstellt, könne sie dazu beitragen, Nut­ze­r:in­nen zu binden. Und schließlich könne man der KI die Findung von Themen und Perspektiven übertragen, um mangelnde Kreativität der Re­dak­teu­r:in­nen auszugleichen. Für die Londoner Elite-Uni ist die Entziehung von Zuständigkeiten, die bisher den Kern des Journalistenberufs ausmachten, offenbar ein Zeichen des Fortschritts.

Die Medienunternehmen, die vor allem auf Kostensenkungen schielen, sind leicht von solchen Ideen zu überzeugen. Seit zwei Jahren richten die Konzernleitungen eigene Abteilungen ein, deren einzige Aufgabe die Implementierung von KI-Tools ist. Immer mehr Produktionsassistenten, Übersetzer, Redakteurinnen, Layouter oder Social-Media-Managerinnen nutzen KI-Anwendungen, die einen Teil ihrer Tätigkeiten und ihres Know-hows automatisieren.

Die Nachrichtenagentur Reuters etwa schreibt ihren Mitarbeitern vor, solche Tools mindestens 20-Mal pro Monat zu nutzen, und überwachte die Umsetzung über ein eigenes Erfassungssystem.2

Die Kunst des Promptings (Prompt meint die Aufgabenbeschreibung für eine generative KI) etabliert sich inzwischen als neue Fachsprache, als eine Kompetenz, die fürs berufliche Weiterkommen entscheidend ist.

Der deutsche Springer-Konzern, Eigentümer von Bild und Politico, freut sich, mittels KI seine „Angebote bald noch stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Nutzer zuschneiden“ und „Zeit und Ressourcen gezielter einsetzen“ zu können.3 Schon im Juni 2023 plante die größte deutsche Boulevardzeitung den Abbau von 20 Prozent ihrer Belegschaft.

Im selben Jahr automatisierte die französische Regionalzeitung L’Est républicain die Textredaktion ihrer Korrespondent:innen. Bei der Mediengruppe Les Échos – Le Parisien lernen Mitarbeitende, KI in ihre Arbeitsabläufe zu integrieren. Die Angst, bald von ihr abgelöst zu werden, schwebt als Damoklesschwert über den Redaktionen. Ob es nun so kommt oder nicht, allein schon die Drohung ist ein starkes Instrument, um die Belegschaft zu disziplinieren.

2024 gaben 17 Prozent der Journalist:innen weltweit an, KI regelmäßig zu nutzen. Ein Jahr später nutzten 53 Prozent Anwendungen wie ChatGPT. Zugleich lesen aber 56 Prozent nicht gerne von Maschinen verfasste Pressemitteilungen.

Am häufigsten verwenden die befragten Medienschaffenden KI für Recherche, Transkription und Übersetzungen, während die Erstellung von Bildern oder Videos eine untergeordnete Rolle spielt. Die Akzeptanz ist nicht überall dieselbe. Sie ist besonders ausgeprägt bei männlichen Journalisten der jüngeren Generation und, was entscheidend ist, bei Führungskräften.

Was die Technologiegläubigen für ein Allheilmittel gegen den wirtschaftlichen Niedergang der Medien halten, ist in Wirklichkeit nur der letzte Akt einer Entwertung, die ab 2000 mit dem Aufkommen des Web 2.0 und der sozialen Netzwerke begann.

Google und Meta (mit Facebook, Instagram, Whatsapp) kontrollieren den Zugang zum digitalen Anzeigenmarkt und sind das wichtigste Portal, um Nachrichtenwebsites Traffic zu bescheren. Zusammen mit den anderen oligopolistischen Akteuren – Amazon, Microsoft, Apple und nun auch ­Nvidia – haben sie zudem sie fast absolute Kontrolle über die digitale Infrastruktur, seien es Rechenzentren, Netze oder Endgeräte.

Auf diese Weise zwingen sie den Internetnutzern ihre eigene Hierarchie der Informationen auf. Ihre Algorithmen entscheiden, welche Titel als zuverlässige Quellen zitiert und welche Nachrichten gelesen werden. Dies zwingt die Redaktionen dazu, ihre Arbeitsabläufe und Ausrichtung neu zu definieren.

Seit dem Launch von ChatGPT im November 2022 haben Chatbots Verlagen neue Wege zur Erschließung von Zielgruppen eröffnet. Diese Dialogsysteme produzieren Nachrichtenzusammenfassungen, die Nutzer den tradi­tionellen Medien entfremden. Warum einen journalistischen Artikel über einen Konflikt lesen, wenn die KI Dutzende davon sekundenschnell und kurz zusammenfassen kann?

Seit Google im Mai 2024 begann, KI-Übersichten (AI Overviews) in seine Suchmaschinenergebnisse zu integrieren, haben US-Nachrichtenwebsites ein Viertel ihres Traffics verloren. Der Anteil der Nachrichtenrecherchen über Chatbots, die keinen Klick auf Nachrichtenwebsites zur Folge hatten, stieg unterdessen von 56 auf 68 Prozent.4 Das Ergebnis ist ein Rückgang der Werbe­einnahmen und die Schwächung der Geschäftsmodelle von Medien und Nachrichtenagenturen.

Wenn die Leser:innen tatsächlich weiterlesen oder die vom Chatbot bereitgestellten Informationen überprüfen möchten, bekommen sie bestimmte Links vorgeschlagen. Es sind jedoch sechs- bis zehnmal weniger Quellen, als beispielsweise Google News vorschlägt. Die Nutzung von Nachrichtenplattformen und die Möglichkeit, neue Inhalte zu entdecken, wird also deutlich eingeschränkt.

OpenAI macht seine Kriterien für die Auswahl von Pressequellen nicht öffentlich. Die Medienhäuser können daher auch keine Strategien entwickeln, die die Auswahl ihrer Artikel fördern könnten. So wächst die Abhängigkeit der Verlage von den digitalen Giganten. Da etwa die französische Nachrichtenagentur AFP bei den wichtigsten Chatbots nicht als Quelle gelistet wird, sinken ihre Seitenaufrufe. Zeitungen und andere Medien, die ebenfalls einen Rückgang ihrer Klickzahlen erleben, bekommen ihrerseits Schwierigkeiten, AFP-Abonnements zu bezahlen.

Diese Strangulierung der Medien ist kein bloßer Nebeneffekt der Innovation. Sie markiert vielmehr eine geopolitische Neuordnung des Nachrichtenmarkts. Der Wettbewerb um Sichtbarkeit wird zwar internationalisiert, aber das Oligopol aus dem Silicon Valley gewährt gleichzeitig angelsächsischen Medien unverhältnismäßige Vorteile.

OpenAI, das ChatGPT bereitstellt, und seine Konkurrenten priorisieren eine kleine Gruppe globaler Me­dien wie New York Times, Guardian und CNN.5 Andere Titel und Medien, die in einer anderen Sprache als Englisch verfasst sind, erhalten von den Algorithmen weniger Aufmerksamkeit.

In Frankreich wie auch in vielen anderen Ländern hat sich die Abhängigkeit von US-amerikanischen IT-Konzernen in den vergangenen zwei Jahrzehnten infolge der ungleichen Kräfteverhältnisse weiter verstärkt. Bereits 2003 übernahm Google News Inhalte, ohne dafür zu zahlen, und berief sich dabei auf seine angebliche technische Neutralität.

Zehn Jahre später setzte der französische Staat auf freiwillige Selbstverpflichtungen, anstatt auf die Einhaltung des Urheberrechts zu pochen. Gleichzeitig ging Google Partnerschaften mit bestimmten Publikationen ein und integrierte in seinen Algorithmus eine Rangliste der Quellen, basierend auf Kriterien wie Größe und redaktionellem Output.

2019 wurde in Frankreich endlich ein Gesetz verabschiedet, das die „verwandten Schutzrechte“ anerkannte. Es verpflichtet Google und andere Plattformen, die Verlage für die Übernahme ihrer Artikel zu vergüten. Die konkrete Umsetzung hängt jedoch von oft undurchsichtigen Vereinbarungen ab. So beträgt die Vergütung der überregionalen Tageszeitung Le Monde das Hundertfache der des Lokalblatts La Voix de la Haute-Marne.

Prompten statt recherchieren

Nach dem Prinzip „the winner takes it all“ kommen seit der Einführung von KI die Vergütungsvereinbarungen vor allem den großen Medienkonzernen zugute, die in der Lage sind, hohe Entschädigungen auszuhandeln. Lokale und unabhängige Titel müssen sich oft mit lächerlichen Summen begnügen.6 So schloss OpenAI 2024 Vereinbarungen mit den Verlagshäusern Le Monde, Axel Springer, Condé Nast, News Corp und anderen, die nun sowohl von einigermaßen großzügigen finanziellen Kompensationen des ChatGPT-Entwicklers als auch von der Weiterleitung von Nutzerströmen profitieren.

Laut Daten von Similarweb erreicht der Anteil der durch ChatGPT vermittelten Besuche auf lemonde.fr 10 Prozent – zehnmal so viel wie bei konkurrierenden Nachrichtenmedien. „Ein Zitat aus Le Monde in einem Artikel von ChatGPT bringt uns 20-mal so viele bezahlte Abonnements ein wie ein Le-Monde-Artikel auf Facebook und 50-mal so viele wie auf Google Discover“, sagt Louis Dreyfus, Vorstandsvorsitzender der Le-Monde-Gruppe.7

Wird der Journalismus nun zu einer Investitionsmöglichkeit für Digitalkonzerne, die, nachdem sie den Vertrieb erobert haben, nun in die Produktion von Inhalten einsteigen? Im Grunde genommen ist das Eindringen der KI-Giganten in die Redaktionen weniger ein Bruch als die Fortsetzung eines Prozesses, der Mitte der 2000er Jahre mit der umfassenden Digitalisierung begann.

Für eine gute Sichtbarkeit auf den Plattformen müssen die Medien sofort auf aktuelle Ereignisse reagieren, das bedeutet: mehr, schnellere und kürzere Veröffentlichungen. Online-Journalist:innen verfassen täglich mehrere „Contents“, während ihre Kolleg:innen aus dem Printbereich in der Regel einen oder mehrere Tage Zeit für einen Artikel haben. Doch zunehmend sind die Printjournalist:innen aufgefordert, mit den Online-Redak­tio­nen Schritt zu halten.

So verändert eine Strategie, die ursprünglich zur Steigerung der Reichweite gedacht war, nach und nach auch die Produktion selbst. Zugleich trägt sie zur Veränderung der Lesegewohnheiten bei, was dann für weitere Verlage ein Grund ist, sich diesem Trend anzuschließen.

Durch die Beschleunigung des Nachrichtenbetriebs nimmt der „Schreibtischjournalismus“ weiter zu: Die Arbeit besteht immer weniger aus eigenen Recherchen vor Ort und der Entwicklung einer eigenen Perspektive auf die Ereignisse in der Welt. Stattdessen werden hauptsächlich vorgefertigte Informationen – wie Agenturmeldungen oder Pressemitteilungen – aufbereitet.

Eine Untersuchung im Jahr 2017 ergab, dass 64 Prozent der online veröffentlichten Artikel durch copy and paste aus von Menschen verfassten Texten entstanden waren.8 Schon vor dem Aufkommen der KI beschränkte sich also ein erheblicher Teil der journalistischen Arbeit auf quantifizierbare Routineaufgaben, die sich anhand von Leistungsindikatoren bewerten lassen. In dem Maße, in dem sich der Beruf in einen einfachen Datenverarbeitungsjob verwandelt, macht er sich selbst automatisierbar.

Heute wird das Internet mit synthetischen Informationen nur so überflutet. Im November 2024 erreichte der Anteil der von KI generierten Inhalte 55 Prozent.9 Es gibt immer mehr Nachrichtenseiten ganz ohne menschliche Redakteur:innen, und die sozialen Netzwerke sind voll von künstlich erzeugten Bildern minderer Qualität.

Aus all dem lässt sich die Zukunft des Journalismus erahnen: An der Spitze werden einige große Konzerne stehen, die sich in dem neuen Umfeld behaupten konnten und die weiter qualitativ hochwertige Nachrichten für ein privilegiertes Publikum produzieren. Dank günstiger Vereinbarungen mit den KI-Riesen werden sie ihre Kosten decken können.

Darunter zieht eine digitale Flut von automatisch aus Posts in sozialen Medien und anderen künstlich generierten Inhalten vor den Augen der breiten Öffentlichkeit vorbei. Die Regierungen wissen um dieses Szenario. Schließlich haben sie, indem sie ausschließlich auf Selbstregulierung setzen, das Drehbuch dafür geschrieben.

1 „Unpack AI in your Newsroom“, wan-ifra.org.

2 Teemu Henriksson, „Beyond prompting: How Reuters is empowering its staff to harness the AI revolution“, wan-ifra.org, 2. Dezember 2025.

3 „Axel Springer und Künstliche Intelligenz“, axelspringer.com.

4 „The Impact of Generative AI: Publishers“, similarweb.com, Juli 2025.

5 Olivier Koch, „Comment ChatGPT choisit ses ­sources pour vous répondre sur l’actualité“, La Revue des médias, INA, 24. September 2025.

6 Charis Papaevangelou, Franck Rebillard und Nikos Smyrnaios „De l’internet à l’IA, bis repetita entre mé­dias et géants du numérique?“, in: La Revue européenne des médias et du numérique, Nr. 71, Paris, Herbst 2024.

7 „Comment l’IA bouleverse-t-elle notre manière de nous informer?“, France Culture, 5. September 2025.

8­ Julia Cagé, Nicolas Hervé und Marie-Luce Viaud, „L’Information à tout prix“, in: INA, Reihe „Médias et Humanités“, 2017.

9 José Luis Paredes u. a., „More articles are now created by AI than humans“, Five Percent.

Aus dem Französischen von Nicola Liebert

Olivier Koch ist Dozent für Informations- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Sorbonne Paris-Nord. Nikos Smyrnaios ist Professor für dasselbe Fach an der Universität Toulouse und Autor von: „L’Espace public sous l’emprise du capital. De la presse bourgeoise aux géants de la Silicon Valley“, Bordeaux (Le Bord de l’eau) 2025.

Le Monde diplomatique vom 12.03.2026, von Olivier Koch und Nikos Smyrnaios