12.02.2026

Poker um Grönland

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Poker um Grönland

von Philippe Descamps

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Die überdimensionierte geopolitische Bedeutung, die derzeit Grönland beigemessen wird, ist wohl maßgeblich auf die Weltkarte zurückzuführen, die Gerhard Mercator 1569 entwarf. Für seine zweidimensionale Darstellung des Erdballs wählte der flämische Geograf und Mathematiker die sogenannte Zylinderprojektion. Diese ist aber nicht flächentreu, speziell was die Polarregionen betrifft, die sozusagen ausgewalzt erscheinen. Auch auf den meisten heute üblichen Weltkarten ist Grönland flächenmäßig so groß wie Afrika, obwohl der Kontinent 14-mal größer ist als die Insel, die als autonome Region zu Dänemark gehört.

Auf einer ähnlich verzerrten Optik beruhen offenbar auch die Fantasievorstellungen von den militärischen, maritimen und kommerziellen Potenzialen Grönlands, das heute noch zu mehr als 80 Prozent unter einer Eisdecke liegt und nur 57 000 Einwohner hat.

Ein Beispiel ist der seit Jahrhunderten gepflegte Mythos der Nordwestpassage, der im Gefolge der globalen Erwärmung derzeit eine Renaissance erlebt. Diese überwiegend vereiste Wasserstraße am nördlichen Rand des amerikanischen Kontinents, die den Atlantik und den Pazifik ver­bindet, wurde erstmals 1906 durchfahren.

Seit dieser Pioniertat des le­gen­dä­ren Polarforschers Roald Amundsen und seiner Crew wurde die gefährliche Passage bis Ende 2025 nur 465-mal bewältigt. Von den 317 beteiligten Schiffen, von denen einige die Durchfahrt mehrfach unternahmen, stammten die meisten aus den Niederlanden (62), Kanada (53), Großbritannien (49) und den USA (48). Aber nur 65 der Transitfahrten waren Handelstransporte.1

Die Nordwestpassage führt über vielfach verschlungene Meeresarme von der Baffin Bay (westlich von Grönland) durch den kanadisch-arktischen Archipel zur Beaufortsee (nördlich von Alaska) und von dort durch die Beringstraße in den Nordpazifik. 2025 haben 34 allenfalls mittelgroße Schiffe die Durchfahrt geschafft, die durch Stürme, starke Strömungen, Packeis, nicht kartografierte Untiefen und gefähr­liche Felsklippen erschwert wird.

Die Nordwestpassage kann nur wenige Wochen im Jahr befahren werden. Sie verzweigt sich auf sieben Hauptrouten, die zwischen 5300 und 6600 Kilometer lang sind. Damit ist sie kürzer als die Route durch den Panamakanal, erfordert aber viel mehr Zeit. Als kommerzielle Seeverbindung lässt sie sich – wenn überhaupt – erst in Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten entwickeln.

Die Perspektiven dieses Seewegs sind nicht mit jenen der Nordostpassage nördlich von Russland zu vergleichen, die von der Eisschmelze profitiert. Doch selbst diese Route ist immer noch schwierig und nur mit hohem logistischem Aufwand zu bewältigen.2

Dennoch sieht US-Präsident Trump überall und ständig russische und chinesische Schiffe, obwohl diese vor allem entlang der russischen Nordküste nach Europa beziehungsweise Asien fahren und somit weit weg von Grönland operieren.

Die USA und Kanada haben zur Wahrung ihrer maritimen Souveränität in der Arktisregion immer wieder den Bau von Spezialschiffen versprochen, die auch schweres Packeis brechen können. Aus Mangel an kommerziellem Interesse haben sie das Versprechen aber nie wahr gemacht. Die elf von Trump angekündigten Eisbrecher, von denen die ersten vier in Finnland bestellt sind, werden nur mittelgroß sein, sollten sie überhaupt gebaut werden. Abgesehen von U-Booten sind die meisten Kriegsschiffe zur Navigation in dieser Region nach wie vor ungeeignet.

Verachtung der Inuit

Für ihre Verteidigung nutzen die USA die geografische Lage Grönlands schon seit Langem. Ihre auf halber Strecke zwischen New York und Moskau gelegene Militärbasis Pituffik (vormals Thule Air Base) spielt eine Schlüssel­rolle für die Operation der strategischen Bomberflotte und als Standort der Radaranlagen für die nordamerikanische Luft- und Raumfahrt.

Dank dem 1951 mit Dänemark geschlossenen Abkommen kann das US-Militär in den auf Grundlage der Verteidigungspläne der Nato festgelegten Zonen Grönlands praktisch alles tun, was es will. Trotz der Remilitarisierung der vergangenen Jahre ist die russische und US-amerikanische Militärpräsenz in der Arktis nach wie vor viel begrenzter als während des Kalten Kriegs. Und Washington hat längst alle grönländischen Basen aufgegeben, die man im Zweiten Weltkrieg aufgebaut hatte.

Auch was die Mineral- und Energieressourcen betrifft, wird das Potenzial der arktischen Regionen nach wie vor stark überschätzt. Die schwierigen Abbau- und Transportbedingungen, die bisher alle Projekte behindert haben, werden in den meisten Medienberichten nicht erwähnt. Speziell die sogenannten seltenen Erden sind nicht nur selten, sondern vor allem geografisch weit verstreut. Die Förderung, Herauslösung und Aufbereitung dieser Bodenschätze ist sehr kostspielig und wegen des dabei entstehenden radioaktiven Abfalls extrem umweltschädlich.

Doch woher kommt dann diese Trump’sche Grönland-Obsession? „Weil es für einen Erfolg psychologisch notwendig ist“, lautet seine eigene ­Antwort, die er in dem Interview mit der New York Times vom 8. Januar 2026 gab. Er glaube eben, „dass einem das Eigentum etwas bringt, was man mit einem einfachen Pachtvertrag oder einem Abkommen nicht erreichen kann“.

Bereits in den ersten Stunden seiner Amtszeit brachte Trump diesen unverhohlenen Imperialismus und seine Verachtung gegenüber den indigenen Völkern der Region zum Ausdruck, indem er verkündete, dass der höchste Berg Nordamerikas in Alaska wieder Mount McKinley heißen soll. Dabei haben die Behörden von Alaska ihn seit 1975 in Denali umbenannt, was in der Sprache der Athabasken „Der Hohe“ heißt. Trump will dagegen wieder die Erinnerung an den republikanischen Präsidenten William McKinley pflegen, in dessen Amtszeit (1897–1901) Puerto Rico, Guam, Hawaii sowie die Philippinen von den USA annektiert wurden.3

Mit seinem erklärten Anspruch auf Grönland knüpft Trump an die mes­sia­ni­sche Manifest-Destiny-Doktrin an, die davon ausging, dass die fortschreitende Besiedlung der Weiten Amerikas eine gottgewollte Bestimmung sei. Mit dieser expansionistischen Ideologie wurden im 19. Jahrhundert die Annexion von Texas (1845) und die weitere Ausdehnung nach Westen begründet, die mit dem Krieg mit Mexiko (1846–1848) und dem Erwerb von Kalifornien, Arizona, Nevada, Utah und New Mexico vollzogen wurde.

Eine Übernahme Grönlands, in klarer Missachtung der Souveränität ­Dänemarks – eines treuen Nato-Mitglieds und guten Kunden der US-Rüstungsindustrie –, wird von der amerikanischen Öffentlichkeit abgelehnt. Im Kongress gibt es sogar republikanische Stimmen, die sich gegen die Ansprüche der eigenen Regierung wenden. Mit seiner Forderung setzt sich Trump außerdem über mehrere internationale Vereinbarungen hinweg, die sein Land unterschrieben hat. Dazu gehört der 1917 in Kraft getretene Vertrag, mit dem Dänemark seine damaligen Besitzungen in der Karibik an die USA abtrat – die heutigen Amerikanischen Jungferninseln –, wofür Washington im Gegenzug Dänemarks „politische und ökonomische Interessen an ganz Grönland“ anerkannte.

Wichtiger ist jedoch, dass die Forderung des US-Präsidenten gegen den Nordatlantikvertrag verstößt, der die friedliche Zusammenarbeit und gemeinsame Verteidigung der Nato-Mitglieder vorsieht. Damit verschreckt er auch alle anderen europäischen ­Länder, die „Überseegebiete“ in der ­sogenannten westlichen Hemisphäre haben, also Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, Island und Norwegen.

Eine wichtige Stimme gegen Trumps Annexionspläne ist die von Sara Olsvig, Vorsitzende des Inuit ­Circumpolar Council (ICC), der die Interessen der Inuit von Alaska, Kanada, Grönland und Russland vertritt. Als Trump erstmals die Doktrin verkündete, wonach die Nachbarn Amerikas allenfalls begrenzte Souveränität besäßen, hielt die grönländische Politikerin selbstbewusst dagegen: „Die Zeiten sind vorbei, in denen das Land der ­Inuit eine Ware war, die man kaufen und verkaufen konnte. In der heutigen Welt sind wir aktiv an den Entscheidungen über unser Land und unsere Ressourcen beteiligt. Die Epoche eines klassisch kolonialistischen Überlegenheitsanspruchs ist vorbei.“4

Diese Mahnung geht auch in Richtung Dänemark. Auf dem (langsamen) Weg zur Unabhängigkeit5 ziehen die fünf im grönländischen Parlament vertretenen Parteien an einem Strang: „Die Arbeit an der Zukunft Grönlands erfolgt in Absprache mit dem grönländischen Volk und stützt sich auf das Völkerrecht und das Autonomiegesetz. Kein anderes Land darf sich in diesen Prozess einmischen. Wir müssen selbst über die Zukunft unseres Landes entscheiden, ohne Druck, schnell eine Entscheidung zu treffen, ohne Verzögerungen und ohne Einflussnahme von außen.“

Was das für die aktuelle Situation bedeutet, hat der grönländische Ministerpräsident Jens Frederik Nielsen unmissverständlich klargestellt: „Wenn wir zwischen den Vereinigten Staaten und Dänemark wählen müssen, entscheiden wir uns für Dänemark.“

Der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen sprach am 15. Januar 2026, nachdem er und die grönländische Außenministerin Vivian ­Motzfeld im Weißen Haus mit US-­Vizepräsident J. D. Vance und Außenminister Marco Rubio konferiert hatten, von einer „fundamentalen ­Uneinigkeit“ beider Seiten. Am selben Tag haben die Europäer ­ihrer bis dahin nur verbalen Solidarität mit einer ­symbolträchtigen ­Entsendung von rund 40 Offizieren nach Grönland mehr Nachdruck verliehen.

Der Auftrag an die militärische Mission lautete, eine mögliche größere Operation auf der Insel vorzubereiten. Laut dem deutschen Verteidigungsministerium ging es darum, „Möglichkeiten der Gewährleistung der Sicherheit mit Blick auf russische und chinesische Bedrohungen in der Arktis“ zu erkunden. Doch was die Botschaft betrifft, so hatte Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen bereits am 5. Januar in einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Sender DR klargestellt: „Wenn die Vereinigten Staaten beschließen, ein anderes Nato-Land anzugreifen, ist alles vorbei. Das ist ein unzumutbarer Angriff auf die Weltgemeinschaft.“

Am 21. Januar hat Trump auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos etwas zurückgesteckt. In seiner ziemlich verworrenen Rede verkündete der US-Präsident, er werde zur Übernahme von Grönland keine militärischen Mittel einsetzen. Zudem verzichtete er auf die Strafzölle, mit denen er Ländern gedroht hatte, die sich seinen Plänen widersetzen. Dieser Rückzug erfolgte auf der Basis eines vagen Rahmens für einen Grönland-Deal, den er am selben Tag mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte erörtert hatte. Mit diesem Vorgehen hofft Trump, sein Golden-Dome-Projekt durchzusetzen, das die USA gegen Überschallraketen großer Reichweite schützen soll.

Für dieses Projekt, mit dem das aktuelle strategische Gleichgewicht ausgehebelt werden würde, sind die USA auf Grönland angewiesen. Daran hat Trump auch in Davos keinen Zweifel gelassen, als er erklärte: „Wir brauchen es für die strategische nationale wie für die internationale Sicherheit. Diese riesige, ungeschützte Insel ist tatsächlich ein Teil von Nordamerika. Das ist unser Territorium.“

Philippe Descamps

1 Davon erfolgten 274 Passagen von Ost nach West, 191 in umgekehrter Richtung. Zahlen nach „Northwest Passage Transits to End of the 2025 Navigation Season“, 1. November 2025.

2 Siehe Sandrine Baccaro und Philippe Descamps, „Brüchiges Eis“, LMd, April 2020.

3 Gegen die Umbenennung protestierten die Behörden von Alaska vergeblich; die Bezeichnung Mount ­McKinley hat aber nur für die US-Bundesbehörden Geltung.

4 Sara Olsvig, „A Peaceful Arctic Through Mutually ­Respectful Cooperation“, ICC, 27. Januar 2025.

5 Siehe „Nuuk wartet ab“, LMd, März 2023.

Aus dem Französischen von Markus Greiß

Philippe Descamps ist Redakteur bei LMd, Paris.

Le Monde diplomatique vom 12.02.2026, von Philippe Descamps