12.02.2026

Wie chinesisch ist Taiwan?

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Wie chinesisch ist Taiwan?

Geschichte und Identität einer Insel

von Shi Ming

Maria und Natalia Petschatnikov, Leaf Nr. 6 (aus der Serie ­Leaves), 2022, Öl auf Leinwand, 29,5 × 23,5 cm
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Auch Asien teilte sich in den Jahren 1949/50 in zwei Machtblöcke – in den „Westen“ auf der einen Seite und die Sowjetunion sowie die Volks­re­pu­blik China auf der anderen: Im Oktober 1949 rief Mao Zedong die Volksrepublik China aus. Sein Erzfeind, Generalissimus Chiang Kai-shek, floh mit zwei Millionen Soldaten auf die Insel Taiwan. Im Juni 1950 fiel das sozialistische Nordkorea in Südkorea ein. Mit dem Mandat der UN zogen die USA und ihre Alliierten in den Koreakrieg.

Die USA, in Furcht vor einem „kommunistischen Steppenbrand“, brauchten ein antikommunistisches Bollwerk in der Region und suchten nach geeigneten Verbündeten. US-Präsident Truman kam schnell auf Chiang Kai-shek in Taiwan. Chiangs „Republik China“, die tatsächlich nur Taiwan und umliegende kleine Inseln umfasste, gehörte 1945 nicht nur zu den 51 Gründungsmitgliedern der Vereinten Nationen, sie hatte auch einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat samt Vetorecht. Um Chiang auf seine Seite zu ziehen, sandte Truman die 7. US-Flotte in die Taiwanstraße und verhinderte so in allerletzter Stunde Maos Eroberungskrieg gegen Taiwan. Mao hatte die Insel zu diesem Zeitpunkt nämlich bereits als Teil „Rotchinas“ beansprucht.

Durch Maos Begehren sahen sich Chiang Kai-shek und seine westlichen Verbündeten ihrerseits genötigt, zu definieren, was Taiwan eigentlich war und zu wem es gehört. Klar war nur, dass es auf keinen Fall ein Bestandteil Rotchinas werden sollte. Um dies zu verhindern, versprach der Westen Chiang maximale Unterstützung: ein Militärbündnis mit den USA und diplomatische Beziehungen, auch zu Westeuropa.

Um die Republik China/Taiwan auch völkerrechtlich abzusichern, musste die frühere Besatzungsmacht Japan mit dem Friedensvertrag von San Francisco, der 1951 den Zweiten Weltkrieg im Pazifik formell beendete, unterschreiben, dass sie keine Ansprüche mehr auf Taiwan erhebt. Im Gegenzug sollte – und wollte – Chiang Kai-shek, Präsident der Republik China/Taiwan, ganz China repräsentieren, sowohl international, um seine westlichen Bündnispartner im Kalten Krieg zu unterstützen, als auch national: Obwohl er nur in Taiwan regierte, und zwar mit einem Kriegsrecht, das keine Opposition duldete, trat er als Herrscher über ein imaginäres Gesamtchina („Freies China“) auf.

Um diesen Anspruch zu untermauern, führte er im Parlament von Taiwan eine Scheinrepräsentanz aller Provinzen Chinas ein. Und das funktionierte so: Ins Parlament wurde proportional zur jeweiligen Bevölkerungsgröße eine bestimmte Anzahl „Volksvertreter“ aus den Provinzen entsandt, die Chiang allesamt persönlich und loyal verbunden waren. Da es wegen des Kriegsrechts bis 1986 keine Wahlen gab, belegten diese vermeintlichen Volksvertreter Chinas bis zur Parlamentsreform 1991 zwischen 80 bis 90 Prozent der Sitze.1

Neben dieser institutionellen Absicherung forcierten Chiang und seine Kuomintang („Volkspartei“) eine umfassende Sinisierung der Gesellschaft. Von Beginn der 1950er Jahre bis in die späten 1990er wurde in Taiwan nur die Geschichte Festlandchinas gelehrt, 3000 Jahre Zivilisation in einem gigantisch großen Land. Wenn Taiwan darin vorkam, dann nur mit dem Etikett „seit alters zu China gehörig“ und garniert mit Folklore wie der Sage von der Seegöttin Mazu. Eine selbstständige Geschichte Taiwans existierte nicht, erst recht keine taiwanische Identität. „Taiwaner“ durfte es nicht geben.

Aber es entstand eine wichtige sprachliche Unterscheidung: zwischen waisheng ren („die aus anderen Provinzen“), den Fremden, die von außen kamen und keine „Unsrigen“ waren; und ­bensheng ren, den Einheimischen. Das war der erste Spaltpilz in einer Auseinandersetzung, die Taiwans Gesellschaft von da an prägen sollte.

Chiang, der Christ war, versuchte den gesellschaftlichen Graben mithilfe des Konfuzianismus zu überbrücken. Bis heute tragen die meisten Boulevards in der Hauptstadt Taipeh konfuzianische Werte in ihren Namen wie zhong (Treue), xiao (Respekt vor den Eltern/Ahnen), li (Anstand) oder yi (Gerechtigkeitssinn). Klassische Gedichte, die die konfuzianische Ethik transportieren, waren Pflichtlektüre an den Schulen. Wer sie nicht auswendig konnte, fiel durch die Abiturprüfung. Selbst der taiwanische Dialekt taiyü wurde radikal diskriminiert: Lehrkräfte, die nur taiyü sprachen, wurden entlassen. Im Militärgefängnis Jingmei in Taipeh durften Verwandte, die Insassen besuchten, nicht taiyü mit ihnen reden, sonst bekamen ihre Angehörigen Haftverlängerung.

Im maoistischen Rotchina wurde zur gleichen Zeit im Namen der kommunistischen Umerziehung der Konfuzianismus verteufelt – was Chiang sehr gelegen kam. So konnte er beanspruchen, das wahre, traditionelle China zu repräsentieren. Alle Kuomintang-Kader mussten die konfuzianischen Klassiker wie das „Lunyu“ (Gespräche des Konfuzius) oder die Schriften von Mengzi pauken. Selbst die offiziöse Ideologie der Kuomintang – die „Drei Prinzipien des Volkes“ (sanmin zhuyi) minsheng (Leben des Volkes beziehungsweise Wohlfahrt), minzu (Nation/Nationalismus) und minzhu (Demokratie) – basierte auf einer konfuzianischen Hermeneutik: Schon die Weisen des alten China hätten „das Volk“ verstanden. Ein ehrenwerter Bürger des Freien Chinas konnte also nur werden, wer die konfuzianischen Doktrinen befolgte.

Doch als mit der UN-Resolution 2758 (­siehe Kasten) anstelle von Chiangs ­Republik 1971 Maos Volksrepublik als Repräsentant ­Chinas interna­tional anerkannt wurde, hatte sich die Sinisierung Taiwans erledigt. Für den Westen hatte der mittlerweile 83-jährige ­Chiang Kai-shek nun keinen Nutzen mehr. Der Albtraum der frühen 1950er Jahre lebte wieder auf: Taiwan wurde zum Freiwild, das Mao und alle seine Nachfolger, einschließlich Xi Jinping, erbeuten wollten.

Die Auswirkungen nach innen waren drastisch, denn die regierende Kuomintang verlor die Legitimation ihrer Macht: den Anspruch auf ganz China. Erst jetzt wurde der Partei klar, was ihr in Taiwan fehlte und was die brachiale Sinisierung mit sich gebracht hatte: Die Kuomintang war nicht verwurzelt bei den einheimischen Taiwanern, den bensheng ren, deren ewige Dankbarkeit sie sich gesichert zu haben glaubte, weil sie Taiwan 1945 von der japanischen Kolonialherrschaft befreit hatte. Jahrzehntelang hatte eine Minderheit vom chinesischen Festland die Einheimischen politisch gefügig zu machen und zivilisatorisch „umzuerziehen“ versucht. Jetzt brauchte die Kuomintang sie als Basis ihrer Macht. Ein Neuanfang tat not.

Die Kuomintang und der Konfuzianismus

Dieser begann 1979 unter Chiang Ching-kuo, dem Sohn und Nachfolger Chiang Kai-sheks, der 1975 gestorben war. Es kam ein Prozess in Gang, der als bentuhua bezeichnet wurde: Der gesamte Machtapparat sollte nach und nach mit Einheimischen besetzt werden. Zuallererst galt dies für die Kuomintang. So wurde etwa den Jahrgangsbesten der Universitäten die Mitgliedschaft in der Partei angeboten beziehungsweise aufgezwungen. In den späten 1980er Jahren stiegen einheimische Taiwaner innerhalb der Regierungspartei und darüber hinaus tatsächlich in Füh­rungs­posi­tio­nen auf.

Auf massiven Druck von innen wie außen hob Chiang Ching-kuo 1986 das Kriegsrecht auf. Noch im selben Jahr wurde die Demokratische Fortschrittspartei DPP (chinesisch minjindang) gegründet. Zu ihren Mitgliedern zählten Ingenieure, Anwälte, Professoren und Unternehmer. Sie wollten sich nicht mehr durch waisheng ren vertreten lassen, die Macht sollte von bensheng ren ausgehen. Der Druck wurde so stark, dass sich die Kuomintang im Januar 1988 sogar dazu durchrang, mit Lee Teng-hui (1923–2020) einen gebürtigen Taiwaner zum Nachfolger von Chiang Ching-kuo zu machen.

So groß war die Not, dass die Partei darüber hinwegsah, dass Lee einst im Dienst ihrer beiden Erzfeinde gestanden hatte: Lee hatte, wie seine ganze Familie, unter dem japanischen Namen Iwasato in den 1940er Jahren mit der japanischen Kolonialmacht kollaboriert2 und war später kurzzeitig Mitglied der Kommunistische Partei Chinas gewesen. Doch das zählte nicht mehr, die Hauptsache war: Lee war ein Einheimischer, und als solcher sollte er der Partei weiterhin die Führungsmacht sichern.

Doch die Kuomintang war sich nicht bewusst oder hatte nicht antizipiert, dass sie damit einen unumkehrbaren Prozess der Rehistorisierung Taiwans in die Wege leiten würde. Im April 1989 ging eine Welle heftiger Proteste durch das Land. Führende Intellektuelle wie der Verleger Cheng Nan-jung forderten ebenso wie die DPP, die Geschichte des sogenannten Weißen Terrors aufzuarbeiten, insbesondere das Massaker vom 28. Februar 1947. An jenem Tag entsandte Chiang Kai-shek, der damals noch auf dem Festland agierte, Truppen nach Taiwan, um Massenproteste der bensheng ren mit Waffengewalt niederzuschlagen. Etwa 800 Menschen kamen ums Leben, um die 2800 wurden inhaftiert.

Lee hatte indes vorausgeahnt, was seiner Partei blühte. Schon Monate vor dem Beginn der Proteste hatte der neue Vorsitzende im Herbst 1988 eine Historikerkommission einberufen, die in Tainan, Taiwans alter Hauptstadt, ein Museum der Geschichte Taiwans einrichten sollte. Sein Kalkül: Ein historisch fundiertes Taiwan-Narrativ könnte die Herrschaft der Kuomintang neu legitimieren. Dieses Vorhaben stellte allerdings die bis dato vorherrschende „China-Vision“ der Partei infrage.

Ein anderer kam Lee jedoch zuvor: der marxistische Historiker Shi Chao-hui – besser bekannt unter seinem Pseudonym Su Beng (siehe Kasten). Dessen Werk „Taiwan’s 400 Year ­History“3 war 1962 zunächst auf Japanisch erschienen. Die chinesische Ausgabe durfte erst 1980 in Taiwan vertrieben werden. Unter Chiang Kai-shek war das Werk verboten gewesen, Su Beng stand auf der Fahndungsliste. Denn ebenso wie Mao verurteilte der Historiker die Haltung der Kuomintang gegenüber Taiwan als „kolonialistisch-imperialistisch“. Lee war dieser Blick auf die Geschichte Taiwans zwar viel zu radikal und revolutionär. Doch Sus Grundthesen begünstigten die demokratischen Reformen, um die sich der Realpolitiker Lee bemühte. So entschuldigte er sich zunächst noch zaghaft, 1995 dann aber in klaren Worten für die „Gräueltaten“ seiner Partei. Angehörigen der Opfer wurde eine staatliche Entschädigung für das erlittene Unrecht angeboten.

1991 schaffte Lee schließlich die absurde Repräsentanz chinesischer Provinzen im Parlament ab. Immer mehr Taiwaner waren nun an der Gesetzgebung in und für Taiwan beteiligt. 1996 wurde Lee Teng-hui der erste frei gewählte Präsident der Republik China/Taiwan. Immer mehr wichtige Posten im Staatsapparat wurden mit Taiwanern besetzt, auch mit Mitgliedern der opposi­tio­nellen DPP.

Für die DPP, die heute an der Regierung ist, war Su Bengs Buch viel mehr als ein bloßes Ge­schichts­wer­k: Es war ein Manifest der Taiwaner. Seine Thesen sind im Wesentlichen folgende: Taiwan ist nicht Teil der 3000 Jahre alten dynastischen Geschichte Chinas. Vor 400 Jahren war es noch ein Land, das von Stämmen bewohnt und nach und nach von Freibeutern aus Portugal, Spanien, Holland, Japan und auch China heimgesucht wurde. Die indigenen Inselbewohner, Polynesier unterschiedlicher Abstammung, waren auf die Insel verschleppt worden und wurden als Arbeitskräfte ausgebeutet. Später seien aus Freibeutern Kolonialisten geworden: Die Spanier besiedelten den Nordosten, die Holländer den Südwesten.

Der chinesische Feldzug begann im 17. Jahrhundert mit Zheng Chenggong, Sohn eines chinesischen Vaters und einer japanischen Mutter, dessen Vorfahren Piraten gewesen waren. Von 1661 bis 1683 dauerte seine Herrschaft über Taiwan, die im Nachhinein in die Chronik der Ming-Dynastie hineingeschrieben wurde – als Beweis für Taiwans frühe Zugehörigkeit zum dynastischen China. Auf die Ming- folgte die Qing-Dynastie, die, aus der Mandschurei kommend, die Herrschaft über China übernahm und sie bis Anfang des 20. Jahrhunderts innehatte. In Taiwan herrschten die Qing nur über den Westen der Insel (der gebirgige Osten blieb den heimischen Stämmen überlassen). Im 19. Jahrhundert fielen Engländer, Deutsche, Franzosen, Russen und Japaner über China her. 1895, als die Qing den ersten Krieg gegen Japan verloren hatten, traten sie Taiwan an Japan ab, das die Insel bis 1945 besetzt hielt.

Laut Su Beng ist Taiwans Geschichte die einer Kolonialisierung durch diverse Fremdherrscher inklusive der Kuomintang. Sie alle hätten Taiwan ihren Stempel aufdrücken wollen und damit die Einheimischen einer eigenen Identität beraubt. Su Bengs Werk diente dem Politprofi Lee Teng-hui wohl vor allem als Le­gi­ti­mie­rungs­ins­tru­ment. Doch Taiwans Gesellschaft wurde durch den Perspektivwechsel, den Su bot, weitreichend beeinflusst. In seiner Sichtweise kam es nicht darauf an, welche Herrscher wann nach Taiwan gelangt waren und welches System sie der Insel aufgepropft hatten. Es ging auch nicht darum, den Ruhm einer großen Nation zu verbreiten. Es ging um eine neue Betrachtung der Vergangenheit mit ihren Widersprüchen und Fragen.

Auf Taiwan setzten sich als erste Kolonialmacht die Holländer fest, doch die Insel wurde damit nicht holländisch. Am längsten wurde sie von der Qing-Dynastie regiert, doch sie wurde nicht mandschurisch. Das Kaiserreich hinterließ keine rühmliche Erinnerung, als es die Insel nach mehr als 200 Jahren einfach so an Japan abtrat. Mithin liegt die Frage nahe: Warum sollte Taiwan nun chinesisch sein, nur weil der gescheiterte Chiang und seine Anhänger 1949 auf die Insel geflohen waren und 38 Jahre lang versucht hatten, der Bevölkerung mit aller Macht ihren Stempel aufzudrücken?

Im Historischen Museum erfährt man, welche Einflüsse die jeweiligen Herrscher hinterließen und mit welchen Nachwirkungen. Die Holländer etwa versuchten, den Inselbewohnern in Tainan das Christentum näherzubringen. In den 1960er Jahren unterstützte die Kirche im Süden Taiwans die Widerstandsbewegung gegen die Kuomintang. Hier entstand die Idee eines unabhängigen Taiwans; die DPP wurde geboren.

Heute steht der DPP Taiwans Präsident Lai Ching-te vor, ehemaliger Bürgermeister von Tainan und Christ. Zufall? Ein gängiger Witz behauptet, in Tainan könne man auch einen Hund als Kandidaten in die Wahl schicken – wenn er der DPP angehöre, gewinne er.

Su Bengs Buch liefert Argumente für verschiedene Debatten, die manchmal an Sus ursprünglichen Intentionen vorbeigehen und nicht ohne einen gewissen fatalistischen Beigeschmack sind. Etwa: Das moderne Entwässerungssystem in Taipeh wurde in der japanischen Besatzungszeit gebaut, also von den Aggressoren. Das System funktioniert noch heute einwandfrei. Warum hat die Kuomintang, der „Befreier“, nicht für dergleichen gesorgt? Oder radikaler: Gewiss, Japaner haben Taiwaner für ihren Krieg in Südostasien zwangsrekrutiert. Aber hat nicht auch die Kuomintang versucht, Taiwaner einzuziehen, um Festland­china zurückzuerobern? Welche Kolonialherrschaft war nun besser?

Sowohl die Kuomintang als auch die DPP bedienen sich an Sus Werk. Das Paradigma von der „Identität der Taiwaner“ in Abgrenzung zur „­Identität als Chinesen“ nutzt die DPP aus, um unter ihren Prä­si­den­t:in­nen Chen Shui-bian (2000–2008), Tsai Ing-wen (2016–2024) und Lai Ching-te (seit 2025) eine konsequente Identitätspolitik durchzusetzen: Neue Lehrbücher für Schulen behandeln nicht länger die Geschichte Chinas, sondern die Geschichte Taiwans.

Die Eigenständigkeit der indigenen Bevölkerung – wie etwa der Hakka, Nachfahren früher Einwanderer aus Südchina – wird seit 1992 schrittweise durch Gesetze geschützt. So gibt es eine garantierte Repräsentanz ethnischer Minderheiten im Parlament, um dem demografischen Übergewicht der ethnischen Han-Chinesen4 entgegenzuwirken. Und während die Kuomintang auch nach Chiang Kai-sheks Tod auf Mandarin (guoyü, „Sprache der Nation“) als Amtssprache bestand, propagierte die DPP taiyü als Sprache Taiwans. Mit Erfolg: 2008, als sich der Kuomintang-Chef Ma Ying-jiu für das Präsidentenamt bewarb, musste er, der sich als „stolzer Chinese“ bezeichnet, für den Stimmenfang sein rudimentäres taiyü zum Besten geben.

Taiyü – die einst verbotene Volkssprache

Unter der DPP wurde 2022 ein Gesetz erlassen, nach dem „Fälle politischer Verfolgung in der zeitgenössischen Geschichte Taiwans“ untersucht und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Haftbar gemacht wird die Kuomintang, der Erzrivale der DPP, die ihre historische Verantwortung nicht leugnen kann.5

Die Kuomintang bedient sich derweil einer speziellen politischen Moral: Gut ist, wer Taiwan erfolgreich dient – etwa ökonomisch. Unter dem Kuomintang-Präsidenten Ma Ying-jiu (2008–2016) nutzte Taiwan Chinas Aufstieg. Zeitweise saßen allein in Shanghai 100 000 Unternehmen aus Taiwan. Die Folge war, dass auf kommunaler Ebene die Kuomintang wieder die DPP überholt hat.

Auch außerhalb Taiwans wird über die richtige historische Sichtweise gestritten: China-­Version versus Taiwan-Version. Für Peking stellt die regierende DPP mit Su Bengs Version der Geschichte mittlerweile eine größere Gefahr dar als die Kuomintang, weil sie dem chinesischen nationalistischen Narrativ widerspricht. Noch schlimmer ist für China jedoch, dass die Identitätspolitik der DPP, die aus Pekinger Perspektive die Bindung Taiwans an China zu kappen versucht, fruchtet: Laut einer Umfrage der Taiwanese Public ­Opinion Foundation (TPOF) vom Juli 2025 bezeichneten sich 77,4 Prozent der Befragten ausschließlich als Taiwaner. 10,4 Prozent sahen sich als „sowohl Taiwaner wie Chinesen“, und als „reine Chinesen“ bezeichneten sich nur 6,4 Prozent.

Bereits 1996, als sich Lee Teng-hui mit Unterstützung der Taiwaner in der Kuomintang zum Präsidenten wählen ließ, war Peking überzeugt, dass sich Taiwan unter diesem Präsidenten früher oder später für unabhängig erklären würde. So ließ man militärisch die Muskeln spielen: Mit scharfer Munition vollführte die Volksbefreiungsarmee wochenlang Manöver vor Taiwans Küste. Dieses Muster wiederholt sich seit über 30 Jahren – mit einem Bumerangeffekt: Je bedrohlicher Chinas Gesten, desto weniger Menschen wagen es, sich offen als Chinesen zu bezeichnen, und desto kleiner wird die Unterstützung innerhalb der Kuomintang für eine „Wiedervereinigung“ mit dem Festland. So fällt es Peking immer schwerer, Taiwan als innere Angelegenheit von „uns Chinesen“ darzustellen.

Am 1. November 2025 wurde Cheng Li-wun neue Chefin der Kuomintang. Sie gilt zwar als überzeugte Befürworterin der Wiedervereinigung mit China, weshalb ihre Wahl dort auch gefeiert wurde. Doch als sie vor laufender Kamera zu ihrer Identität befragt wurde, lautete die Antwort: „Ich bin natürlich Taiwanerin … zugleich, wie wir alle, auch Chinesin.“ Zurückgepfiffen wurde Cheng ausgerechnet von Chiang Kai-sheks ­Urenkel ­Wayne Chiang, dem Kuomintang-Bürgermeister von Taipeh. Auf die Frage von DPP-Abgeordneten, was er denn sei, erwiderte er: „Was sonst? Ich bin Taiwaner.“

Längst macht sich der identitätspolitische Umschwung auch in der KP-Propaganda in Peking bemerkbar. Die amtliche Presse verzichtet inzwischen auf die alte pathetische Phrase: „Die Menschen in Taiwan sind unsere Landsleute von gleichem Blut“ (tongpao). Taiwaner gelten also nicht mehr als Blutsverwandte. Ob damit ein Vorgehen gegen Taiwan mit Waffengewalt erleichtert werden soll?

Die Worte des führenden chinesischen Politologen Yan Xuetong lassen jedenfalls aufhorchen: „Wir sind nicht dagegen, dass Taiwaner sich nicht als Chinesen fühlen. Das ist ihr Recht, wie es auch unser Recht ist, uns als Chinesen und sonst nichts zu fühlen. Wir sind aber dagegen, dieses Land territorial von China abzuspalten.“

1 Siehe Hung-Mao Tien, „The Great Transition: Political and Social Change in the Republic of China“, Stanford (Hoover Institution Press) 1989.

2 Japan führte als Besatzer Taiwans dort die Kampagne „Werdet Volk des japanischen Imperiums“ (huangmin hua) durch. Etwa 2 Prozent der Tai­wa­ne­r:in­nen legten sich japanische Namen zu.

3 Su Beng, „Taiwan’s 400 Year History: The Origins and Continuing ­Development of the Taiwanese Society and People“, Washington, D. C., (Taiwanese Cultural Grassroots Association) 1986.

4 Die Ethnie der Han stellt heute 92 Prozent aller Chinesen in China, in Taiwan bildet sie nach den diversen Einwanderungswellen über die Jahrhunderte die stärkste Bevölkerungsgruppe vor den sehr viel kleineren austronesischen.

5 Noch 2017 versuchten Kuomintang-nahe Experten den „228-Zwischenfall“ als „auch von Japan manipuliert“ darzustellen.

Shi Ming ist freier Journalist.

©LMd, Berlin

Wer war Su Beng?

Su Beng ist das Pseudonym von Shi Chao-hui (1918–2019). Er war politischer Aktivist, Schriftsteller und Historiker Taiwans. In den 1930er und 1940er Jahren war er Mitglied der KP Chinas. Dann kehrte er nach Taiwan zurück. Wegen eines versuchten Attentats auf Chiang Kai-shek wurde er dort zur Fahndung ausgeschrieben. Er flüchtete nach Japan, wo er eine klandestine marxistische Bewegung für die Unabhängigkeit Taiwans gründete und anführte. Dort schrieb er auch sein Werk über die Geschichte Taiwans. 1993 kehrte er auf die Insel zurück, 2016 wurde er zum „Berater der Präsidentin“ Tsai Ing-wen berufen. 2019 verstarb er im Alter von 100 Jahren in Taipeh.

China in der UNO

Die Republik China/Taiwan gehörte 1945 zu den Gründungsmitgliedern der Vereinten Nationen. Zu diesem Zeitpunkt existierte Maos Volksrepublik noch nicht. Für die Republik China/Taiwan hatte deren Präsident Chiang Kai-shek bereits historische Dokumente wie die Erklärung von Kairo (1943) unterschrieben, die Japans bedingungslose Kapitulation forderte, und 1951 in San Francisco den Friedensvertrag mit Japan.

20 Jahre später kam es zu einer historischen Wende, als mit der UN-Resolution 2758 vom 25. Oktober 1971 die Vertreter der VR China als die einzig legitimen Botschafter Chinas bei den Vereinten Nationen anerkannt wurden. Chiang Kai-sheks Republik China/Taiwan wurde aus der UNO und ihren Gremien ausgeschlossen. Unmittelbarer Hintergrund dieser elementaren Veränderung war Maos Bereitschaft, im Kalten Krieg nicht mit Moskau, sondern mit den USA und deren Verbündeten zusammenzuarbeiten. Als Gegenleistung forderte Peking einen Sitz in der UNO und im Weltsicherheitsrat und den Ausschluss Chiang Kai-sheks. Nach zähem Ringen gab der Westen den Widerstand auf.

Bis heute wird über die Auslegung der UN-Resolution 2758 gestritten. Möglicherweise markiert der 20. Oktober 2024 abermals einen Wendepunkt von historischer Bedeutung: An diesem Tag nahm das EU-Parlament die „Entschließung zu der falschen Auslegung der UN-Resolution 2758 durch die Volksrepublik China und ihren ständigen militärischen Provokationen rund um Taiwan“ an – in der Erwägung, „dass in der Resolution 2758 der Vereinten Nationen zwar der Status der VR China behandelt wird, jedoch weder Hoheitsrechte der VR China über Taiwan festgeschrieben sind, noch über die künftige Aufnahme Taiwans in die Vereinten Nationen oder andere internationale Organisationen geurteilt“ werde. Peking, so der EU-Beschluss, interpretiere die UN-Resolution 2758 absichtlich falsch, „um eine substanzielle Mitwirkung Taiwans in internationalen Organisationen zu verhindern und den Status quo einseitig zu ändern“.

Le Monde diplomatique vom 12.02.2026, von Shi Ming