Lob des Papiers
von Benoît Breville und Pierre Rimbert

Vierundfünfzig Sekunden, das ist die durchschnittliche Verweildauer auf einer Internetseite. Die Hälfte der Seitenaufrufe wird sogar schon innerhalb von zehn Sekunden beendet; und auf einer Onlinenachrichtenseite halten sich Leser:innen im Schnitt nicht länger als zwei Minuten auf.1 Die Klage über die Überflutung mit Informationen und über die Unmöglichkeit, alle zu erfassen, ist indes so alt wie der Buchdruck.
„Gibt es einen Ort auf der Erde, der dieser Flut neuer Bücher entgeht?“, fragte sich 1525 etwa Erasmus von Rotterdam, selbst ein produktiver Autor, in einem Kommentar zum Sprichwort „Eile mit Weile“.2 Und weiter schimpft der niederländische Theologe und Philosoph, als hätte er gerade eine Stunde auf X verbracht: Die Drucker „überziehen die Welt mit Pamphleten und Büchern, die dumm, ignorant, bösartig, verleumderisch, verrückt, gottlos und subversiv sind; und die Flut ist so groß, dass selbst Dinge, die Gutes bewirken könnten, alle ihre Tugenden verlieren.“
Zwischen dem Beginn des 16. und dem Ende des 18. Jahrhunderts stieg die Zahl der in London veröffentlichten Titel um das 150-Fache.3 Die Gelehrten kanalisierten die Informationsflut durch eine methodische Organisation des Wissens. Es war die Zeit der Almanache, Anthologien, Enzyklopädien, Handbücher, Bibliografien und thematischen Verzeichnisse.

Im Gegensatz zum 18. Jahrhundert geht es heute nicht mehr nur darum, das Chaos der Informationsfluten zu bändigen, sondern auch ihre Verarbeitung zu beschleunigen. Internetplattformen und soziale Netzwerke bieten die Möglichkeit, Inhalte mit höherer Geschwindigkeit zu konsumieren – was eine entsprechend häufigere Einblendung von Werbung ermöglicht. Dienste wie PowerReader, Spreeder, Outread, SpeedReader, ReadQuick und Reedy versprechen, „dreimal schneller als gewöhnlich zu lesen“ dank einer „Methode, bei der man seinen Blick auf kleine Textabschnitte konzentriert“ oder einer „Option zum automatischen Hervorheben von Wörtern, um den Konsum von Inhalten zu erleichtern“.
SmartNews „wählt Nachrichten aus verschiedenen Quellen in prägnanten Zusammenfassungen aus, sodass Sie auf dem Laufenden bleiben, ohne sich überfordert zu fühlen“. Inshorts bietet eine Synthese der „besten nationalen und internationalen Nachrichten in maximal 60 Wörtern“; Briefly, ein laut Eigenwerbung „intelligenter“ Dienst, „fasst die wesentlichen Punkte klar zusammen und sortiert sie automatisch nach Themen“. Kurzum, diese Unternehmen reagieren auf „zu viel“ mit „noch mehr“. Lange Texte, die stete Aufmerksamkeit erfordern, sind da nur ein Hindernis.
Die Content-Manager, wie man die Berufe nennt, die eher die Kanäle füllen, als den Geist zu nähren, strecken reihenweise die Waffen. Sie müssen vor allem reißerische Überschriften und nur noch „das Wichtigste in Kürze“ liefern, damit ihre Medien im Ranking der Suchmaschinen aufsteigen und mit den Livenachrichtenkanälen und Tiktok Schritt halten können. Wesentlich problematischer ist allerdings ein anderes, damit einhergehendes Phänomen: Zugunsten von Klicks, Likes und anderen Indikatoren für Popularität und Viralität führen die algorithmisch gesteuerten Inhalte zu einer subtilen Veränderung der redaktionellen Ausrichtung, ähnlich wie nach der Einführung des Privatfernsehens der Wettlauf um Einschaltquoten.
Wer aus diesem Muster auszubrechen versucht, riskiert den Ruin. Als Facebook 2017 den Algorithmus seines Newsfeeds zulasten politischer Informationen änderte, um die „Interaktionsrate“ zu maximieren, betraf diese Änderung vor allem linke Medien. So brach die Onlineleserschaft des linksliberalen US-Magazins Mother Jones ein, laut Herausgeberin Monika Bauerlein belaufen sich die Einbußen auf 400 000 bis 600 000 US-Dollar jährlich – eine beträchtliche Summe für die gemeinnützige Stiftung, die die 1976 gegründete Zeitschrift herausgibt.
In den Jahren 2022 und 2023 verringerte die Facebook-Mutter Meta die Sichtbarkeit von Nachrichten auf der Plattform weiter und beschloss, sie auch auf ihrem neuen textorientierten Dienst Threads „nicht hervorzuheben“. Die Anzahl der User, die über Facebook zu Mother Jones kamen, brach daraufhin komplett ein. „Wenn Plattformen ihre Follower daran hindern, einen Großteil ihrer Inhalte zu sehen, was die eigentliche Bedeutung von ‚nicht hervorheben‘ ist, können Verlage nicht mit ihren Abonnenten oder Spendern in Kontakt treten. Aus diesem Grund werden jede Woche zwei Zeitungen in den USA eingestellt“, schrieb Bauerlein damals.4
Seit drei Jahrzehnten kommen Studien in den USA, Österreich, Deutschland, Israel oder Spanien, die das Lesen am Bildschirm mit dem auf Papier vergleichen, stets zum gleichen Ergebnis: Bei der Lektüre komplexer Texte auf Papier ist die Konzentration deutlich höher und die Erinnerung an das Gelesene nachhaltiger. Hinzu kommt, dass die Augen weniger belastet werden und man nicht ständig durch andere Angebote abgelenkt wird.
Schweden, das lange auf eine technologiegestützte Pädagogik gesetzt hatte, steuerte aufgrund dieser Erkenntnisse 2023 um: An den Grundschulen wurden die digitalen Endgeräte durch gedruckte Lehrbücher ersetzt, und es wurde wieder das Schönschreiben mit der Hand geübt.
Die Verbreitung künstlicher Intelligenz vergrößert in vielen Klassenzimmern zudem die soziale Kluft: So achten Eltern aus gebildeten Schichten eher darauf, dass ihre Kinder nicht nur am Bildschirm hängen, sondern auch Bücher in die Hand nehmen. Interessanterweise verbieten insbesondere Führungskräfte aus der Techbranche ihrem Nachwuchs, genau die Dienste und Produkte zu nutzen, die sie selbst an die breite Masse verkaufen.
Die vielen Argumente gegen das Lesen am Bildschirm stehen jedoch in krassem Widerspruch zu der langjährigen Strategie vieler Zeitungsverlage, auf digital umzustellen: „Was zählt, sind die Worte, Bilder, Ideen, Konzepte und Inhalte, die wir produzieren, und NICHT das Medium, über das sie verbreitet werden“, erklärte bereits 1999 der Zeitungsmacher (Time Inc.) und spätere erste Ombudsmann der New York Times Daniel Okrent in einem berühmten Vortrag an der Columbia University.5
Was indes bei Okrent und anderen nicht vorkommt und eigentlich auch trivial ist: Viele soziale Interaktionen sind nur mit dem Druckerzeugnis möglich. Schlägt man beispielsweise seine Zeitung mit ausladender Geste im Café oder Zug auf, lädt das viel eher zur Kommunikation und zum Mitlesen ein als der nach unten gerichtete Blick aufs Smartphone. Oder man verschenkt die Zeitung, indem man sie nach der Lektüre sauber zusammenfaltet und auf dem Platz liegen lässt – das ist sogar noch sozialer als das Teilen von digitalen Inhalten innerhalb unserer Bubbles.
Beim Lesen auf Papier können einem auch keine persönlichen Daten entwendet werden, und man ist geschützt vor Übergriffen in seine Privatsphäre, ohne die eine kapitalistische Nutzung der vernetzten Geräte gar nicht möglich wäre. Im Zeitalter der durch Algorithmen gesteuerten Informationsfilterung kontrolliert das Papier uns Lesende nicht, raubt uns keine Zeit, hackt sich nicht in unsere Emotionen und bahnt sich keinen statistisch berechneten Pfad gegen unseren Willen. Es ist das Medium einer wiedergewonnenen Souveränität über die Objekte unserer Aufmerksamkeit und damit auch über unser Handeln. Das Lob des Papiers entspringt also mitnichten einer konservativen Haltung, sondern es ist gleichermaßen rationales Handeln und politische Notwendigkeit.
Auch wenn Printmedien zweifellos noch lange Zeit neben den Onlineangeboten existieren werden, ist die Zukunft der Papierzeitung ungewiss. Wer ausschließlich kostenlose Informationen am Bildschirm konsumiert, geht nicht zum Zeitungskiosk. Rund 150 der 199 von der in Frankreich für die Reichweitenmessung zuständigen Alliance pour les Chiffres de la Presse et des Médias (ACPM) erfassten Zeitschriften verzeichneten zwischen Juli 2024 und Juli 2025 einen Rückgang ihrer verkauften Auflage. 2024 mussten in den USA 136 Zeitungen schließen, wodurch 7 Prozent der Arbeitsplätze in dieser Branche verloren gingen. Am 5. Februar kündigte die kriselnden Washington Post an, ein Drittel der Belegschaft zu entlassen.
Das Internet verhieß einst die freie Wissensvermittlung ohne Wächter. Auch wenn dies durch den Aufstieg der Techgiganten und das Filtern von Informationen durch Algorithmen weitgehend zunichtegemacht wurde, ist ein anderes Phänomen entstanden, das die alte Ordnung umgekrempelt hat. Dass das dem sozialen Fortschritt dient, ist allerdings fraglich. Vorausgesetzt, es gibt keine Internetzensur oder -sperre, können wir in dem neuen System jederzeit und öffentlich unsere Meinung mitteilen. Die sachliche Autorität unserer Meinung hat dabei weniger Gewicht als ihre Viralität. In weniger als einem Jahrzehnt ist die vertikale Architektur der öffentlichen Debatte, die auf dem Renommee von Experten, Medien und Politiker:innen beruhte, ins Wanken geraten.
Die Eliten sind dementsprechend irritiert und rufen nach einer Rückkehr zur Ordnung gegen die Meinungsanarchie. Die politischen, gesundheitlichen und sicherheitstechnischen Gefahren der sozialen Netzwerke wurden mittlerweile erkannt und werden daher von den EU-Behörden verstärkt kontrolliert. Doch viel schwerer wiegt, dass Europas politische Entscheidungsträger nie daran gedacht haben, auch eine vom Silicon Valley unabhängige digitale Infrastruktur aufzubauen. Sie sind gezwungen mitzuspielen, um nicht völlig abgehängt zu werden, und können nur die Scharten auswetzen, die die Meinungsfreiheit des Internets hinterlassen hat.
Genau darum geht es zumindest teilweise im Kampf der politischen und medialen Führungskräfte gegen „Desinformation“. Dieser Kampf, der seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 und dem Wahlerfolg von Donald Trump fünf Monate später Priorität hat, wird in der EU unter dem Vorwand der unbestreitbaren Verbreitung von wahnsinnigen oder falschen Inhalten geführt. Er läuft allerdings auf ein Regime der „wohlwollenden Zensur“ hinaus, in dem die User:innen wie große Kinder behandelt werden, die man vor dem schädlichen Einfluss schützen muss, den der freie Austausch von Gedanken und Meinungen auf sie ausüben könnte. Die Coronapandemie 2020, der Ukrainekrieg seit 2022, die Massaker vom 7. Oktober 2023 und der Krieg in Gaza haben diese Bemühungen noch verstärkt.
Während des Gazakriegs hatten Facebook und Instagram ihre Algorithmen manipuliert, um die Reichweite palästinensischer Medien zu begrenzen, wie eine Untersuchung der BBC vom 18. Dezember 2024 zeigte. X verfolgte eine so konsequent proisraelische Linie, dass es sogar seinen eigenen KI-Dienst Grok vorübergehend unfreiwillig suspendierte, nachdem dieser von einem Genozid durch die israelische Armee mit US-amerikanischer Komplizenschaft gesprochen hatte.
„Hass und Polarisierung stellen eine Bedrohung für die Grundwerte und Grundrechte der EU dar und gefährden die Stabilität unserer Demokratien“, erklärte Michael McGrath, EU-Kommissar für Demokratie, Justiz und Rechtsstaatlichkeit.6 Zugleich verabschiedete die EU eine Verordnung zur Medienfreiheit. Wer aber wird künftig die freie Meinungsäußerung verteidigen, wenn die extreme Rechte dieses Terrain besetzt und die Einrichtung eines „Ministeriums für Wahrheit“ fordert?
Nachdem sie die Freiheit der Eigentümer, privaten Sendern und Plattformen ihre Sichtweise aufzuzwingen, in „freie Meinungsäußerung“ umbenannt haben, propagieren X oder der rechte französische Nachrichtensender CNews eine „Redefreiheit“, die darin besteht, jeden zu zensieren oder zu verunglimpfen, der sich für Palästina, die LGBTQ-Bewegung, höhere Steuern, Gewerkschaften, Antifaschismus, Kommunismus und dergleichen mehr ausspricht.
So mancher digitale Dissident scheint zu glauben, in der Verbreitung von online zugänglichen Bildungsformaten liege das politische Heil. Doch es sei daran erinnert, dass fast alle digitalen Plattformen mit nennenswerter Reichweite entweder der Sorte von US-Unternehmern gehören, die Donald Trump nach seinem Amtsantritt vor einem Jahr die Füße geküsst haben, oder Staaten mit strenger Zensur.
Zuweilen kommt es hier auch zu Einigungen. Als es hieß, die Plattform Tiktok sei zu offen für Kritik an Israel, zwang der US-Präsident ihren chinesischen Eigentümer, das US-Geschäft an eine Investorengruppe mit guten Beziehungen zu Netanjahu zu verkaufen.7
Bei Waffengleichheit verfolgen Befürworter und Gegner jeder umstrittenen Sache die gleiche Taktik: „die Zone mit Mist überfluten“, wie der frühere Trump-Berater Steve Bannon empfahl, um Kritiker und speziell Medien durch schiere Reizüberflutung lahmzulegen.8
Eine traditionelle Presse, die sich den Anforderungen des digitalen Publikums beugt, trifft nun auf einen europäischen Rechtsrahmen, der Falschinformationen und illegale Äußerungen mit kritischen Meinungen in einen Topf wirft. Die Zukunft einer freien Presse hängt mehr denn je von einer umfassenden politischen Neugestaltung ab, die Informationen sowohl dem Druck des Marktes als auch staatlichem Einfluss entzieht.
Bis es so weit ist, können die Widerspenstigen unter uns das Fenster aus Papier öffnen, das Sie vielleicht gerade in Ihren Händen halten.
4 Siehe Ben Dreyfuss, „Now we know Facebook made changes to show you less news from Mother Jones“, Mother Jones, 16. Oktober 2020; sowie Monika Bauerlein, „An Internet without news“, ebd., November/Dezember 2023.
5 Siehe Daniel Okrent, „The Death of Print?“, The Digital Journalist.
Aus dem Französischen von Nicola Liebert
Benoît Bréville ist der Direktor von LMd Paris, und Pierre Rimbert ist Redakteur.


