Der Kiosk stirbt aus
Gedruckte Zeitungen gibt es bald nur noch im Supermarkt
von Roxane Volclair

Fünf Uhr morgens in Marseille, Avenue de Toulon. Wie jeden Tag seit 25 Jahren öffnet Jean-Paul Guth seinen Zeitungskiosk. Als Erstes schnürt er die frisch angelieferten Zeitungspakete auf und legt ein paar Exemplare beiseite, die er an Bäckereien und Kund:innen ausliefert. Ab sieben Uhr steht er hinter seinem Tresen, den ganzen Tag, außer in der Mittagspause. Frei hat er nur samstag- und sonntagnachmittags. „Ich habe noch nie Urlaub genommen außer am 1. Mai“, sagt der 50-Jährige. Das könne er sich schlicht nicht leisten.
In Paris geht es dem Kioskbetreiber Moussa nicht anders. Er ist 2014 aus dem Libanon nach Paris gekommen und betreut zwei Läden, einen im 15. und einen im 20. Arrondissement: „2018 habe ich täglich 25 Exemplare von Le Parisien und 20 Le Mondes verkauft. Heute komme ich kaum noch auf die Hälfte“, stellt Moussa bitter fest. Die seit 20 Jahren anhaltende Zeitungskrise spüren natürlich auch die Händler.
Gratiszeitungen, das Internet und dann die sozialen Medien wurden zur Konkurrenz für kommerzielle Printmedien. Laut eines Berichts der französischen staatlichen Finanzinspektion und der Generalinspektion für kulturelle Angelegenheiten von Ende 2023 sank zwischen 2000 und 2022 der Absatz der überregionalen wie regionalen Tageszeitungen und der Magazine um 86, 78 beziehungsweise 79 Prozent.1
Nelly Todde, Vizepräsidentin der Gewerkschaft der Kioskbetreiber:innen, macht dafür vor allem die preiswerten Digitalabonnements verantwortlich. Für die Zeitungshändler:innen, die für jedes verkaufte Exemplar eine Provision von rund 25 Prozent seines Preises bekommen, sind die Einbußen erheblich. Viele mussten aufgeben. 2004 zählte Frankreich 32 000 Verkaufsstellen,2 heute gibt es nur noch 18 400. In Deutschland ist die Zahl der Zeitungskioske im selben Zeitraum um ein Drittel gesunken, in Italien um zwei Drittel. In Brüssel gibt es seit Ende 2023 gar keine Kioske mehr, und in Großbritannien mussten 2025 rund 250 Filialen der Kette WH Smith schließen.
Schuld daran ist ein Teufelskreis aus sinkenden Verkaufszahlen, die weniger Kioske bedeuten, wodurch die Gelegenheiten schwinden, eine Zeitung zu sehen, einen Blick auf ihr Titelblatt oder Inhaltsverzeichnis zu werfen und sie daraufhin zu kaufen.
„Da beißt sich die Katze in den Schwanz“, fasst François Parinet treffend zusammen. Gemeinsam mit seiner Partnerin Céline Quillévéré betreibt er den Laden „quincaill’ “ auf dem Marktplatz von Luz-Saint-Sauveur im Departement Hautes-Pyrénées. Der Laden ist eines der alten Eisenwarengeschäfte, die neben Werkzeug und Farbe auch Schulbedarf, Tabak und Zeitungen verkaufen.
Er ist auch ein Treffpunkt von älteren alleinstehenden Menschen: „Manche kommen dreimal am Tag vorbei. Sie unterhalten sich mit uns, und sie reden auch miteinander“ – auch über das, was gerade in der Zeitung steht. Junge Menschen hätten weniger dieses Bedürfnis, sagt Parinet. In Frankreich ist das Durchschnittsalter der Leser:innen, die sich täglich aus der gedruckten Zeitung informieren, zwischen 1997 und 2018 von 51 auf 65 Jahre gestiegen. In kleineren Gemeinden wie Luz-Saint-Saveur ist es keine Seltenheit, dass in einem Kiosk neben Zeitungen auch Schreibwaren, Bücher, Lebensmittel, Tabak und Lottoscheine angeboten werden. Der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften steht als Einnahmequelle der Kioskbetreiber:innen heute nur noch an vierter Stelle.
Inzwischen werden immer mehr Kioske auch zu Annahmestellen für Postpakete. Diese zeitraubende und umständliche Dienstleistung bringt ihnen knapp 40 Cent pro Paket ein. „Selbst als ich noch keine offizielle Annahmestelle war, haben die Leute ihre Pakete zu mir schicken lassen“, erzählt Jean-Paul Guth, der Kioskbesitzer in Marseille. „Also habe ich mir gesagt: Wenn ich es eh schon mache, warum dann nicht ein bisschen was dran verdienen.“ Den ganzen Tag über muss er also verschiedene Aufgaben jonglieren.

Arbeitswochen von 60 bis 70 Stunden
Der Pressevertrieb ist besonders kompliziert. Nach dem Druck werden Zeitungen und Zeitschriften von den Verlagen an Vertriebsgesellschaften übergeben, die den landesweiten Versand organisieren. Die Exemplare werden über regionale Lager an den Einzelhandel geliefert, wo sie zum Verkauf angeboten werden. Unverkaufte Exemplare werden zurückgesandt.
Auch für die Lager ist die Lage prekär. Einige mussten in den vergangenen Jahren schließen. Parinet und Quillévéré waren bereits zweimal gezwungen, das Lager zu wechseln, nachdem sie die ersten beiden schließen mussten. „Die Standorte sind immer weiter entfernt, und es wird immer unpersönlicher“, klagen die beiden. „Wenn früher ein Kunde zum Beispiel das Anglermagazin Pêche Mouche haben wollte, konnten wir es einfach telefonisch bestellen. Heute dauert das endlos, man muss eine E-Mail schicken, auf die dann keiner antwortet.“
Jeder Zwischenhändler kassiert dabei seine Provision. Dieses kostspielige System geht auf das sogenannte Bichet-Gesetz von 1947 zurück, das die Presse- und Vertriebsfreiheit gewährleisten sollte: Jeder Verlag hatte das Recht, seine Zeitungen und Magazine überall in Frankreich vertreiben zu lassen, unabhängig von der Größe, den finanziellen Mitteln und der politischen Ausrichtung.
Das Gesetz vom 18. Oktober 2019 zur „Modernisierung des Pressevertriebs“ änderte das alte System. Seither ist es den Händler:innen freigestellt, welche Magazine und Zeitungen sie verkaufen möchten und wie viele Exemplare sie bestellen. Die Kassiererin in einer Relay-Filiale im Bahnhof von Sète empfindet das als Erleichterung: „Im Sommer hat man uns mit Zeitschriften und Sonderausgaben bombardiert. Der Laden war zu klein, es war mühsam, alles unterzubringen. Und hinterher hatten wir uns um die unverkauften Exemplare zu kümmern.“
„Die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden hat in den vergangenen Jahren zugenommen, und die Öffnungszeiten haben sich, auf die Woche und aufs Jahr gerechnet, verlängert“, heißt es in dem eingangs erwähnten Bericht der französischen staatlichen Finanzinspektion und der Generalinspektion für kulturelle Angelegenheiten. Bei einer Wochenarbeitszeit von 60 bis 70 Stunden schaffen es nur wenige Händler:innen, sich den Mindestlohn auszuzahlen. Der Anteil der Paare unter den Kioskbetreiber:innen ist in den vergangenen Jahren gestiegen, was die Schwierigkeit verdeutlicht, diese Tätigkeit allein auszuüben. Zudem steigt der Altersdurchschnitt in diesem Beruf.
Nicolas Bonnet-Oulaldj ist stellvertretender Bürgermeister von Paris und zuständig für den Einzelhandel. Er bestätigt die schwierige Lage: „Bei all den Händlern, für die ich zuständig bin, ist die Situation bei den Kiosken besonders prekär.“ Nelly Todde, die Gewerkschaftsvizechefin, sagt auch: „Man merkt, dass manche nicht genug Umsatz machen, um ausreichend Rentenbeiträge einzuzahlen.“
Die Händler:innen der Hauptstadt haben seit Kurzem immerhin neue Kioske, die sie besser vor der Kälte schützen. Doch in Marseille oder Lyon sind sie nach wie vor dem Wind ausgesetzt. „Ich bin neidisch auf unsere Kollegen im Großraum Paris mit ihren kleinen, individuellen Buden“, sagt ein Händler aus Lyon. „Hier in Lyon ist der Beruf extrem hart, weil wir buchstäblich im Freien arbeiten.“
Eingemummelt in zwei Kapuzenjacken und einen Schal des Fußballklubs Olympique de Marseille, ist Guth derselben Meinung. Er sieht die Firma MédiaKiosk, eine Tochtergesellschaft von JCDecaux, die die Kioske in den Großstädten verwaltet, in der Pflicht: „Sie sollten die Kioske umbauen. Das letzte Mal haben sie das 2004 gemacht. Sie müssten Wasserspender und Toiletten einrichten.“
Schlechte Bezahlung, anstrengende Aufgaben, überlange Arbeitszeiten – es ist untertrieben zu sagen, dass dieser Beruf kein Traumjob ist. Zumal der Bericht der Inspektionsbehörden für 2030 einen Rückgang der Verkaufszahlen überregionaler Tageszeitungen um 62 Prozent gegenüber 2022 prognostiziert. Derweil schließen tagtäglich weitere Zeitungsläden ihre Rollläden für immer. In den ersten zehn Tagen des neuen Jahres haben Kioske in neun Gemeinden und fünf Städten Frankreichs dichtgemacht; etwa in der Gemeinde Normanville und in der Stadt Brest. Kleinstädte und Dörfer sind besonders betroffen.
Überall berichten die Lokalzeitungen dasselbe: Nach mehreren Jahrzehnten im Dienst plant ein:e Ladenbesitzer:in, in Rente zu gehen, und sucht oft monate- oder jahrelang vergeblich nach einer Nachfolge. Und schließlich bleibt nichts anderes übrig, als den Laden zu schließen, sehr zum Leidwesen der Einwohner:innen, die damit ein weiteres Geschäft in der Innenstadt verlieren. Wenn sie eine Zeitung kaufen wollen, müssen sie mit dem Auto zum Einkaufszentrum am Stadtrand fahren.
2 Jean Rouaud, „Kiosque“. Grasset, Paris 2019.
Aus dem Französischen von Marlene Thaler
Roxane Volclair ist Journalistin.


