12.02.2026

Wein aus Hebron

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Wein aus Hebron

Israelische Winzer im besetzten Gebiet

von Meriem Laribi und Marta Vidal

Von Siedlern zerstörte Rebstöcke in Susya, südlich von Hebron MOSAB SHAWER
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Auf den kargen Hügeln südlich von Hebron stehen neu gepflanzte Weinstöcke in Reih und Glied bis zum Horizont. Neben der Pflanzung sind die Hinterlassenschaften einer palästinensischen Gemeinde zu sehen, deren Mitglieder vor den ständigen Übergriffen durch ­israelische Siedler geflohen sind: ein Kinderfahrrad, ein alter Koffer, ein staubiger Stiefel.

Der 76-jährige Issa Abu al-Qabach, genannt Abu Safi, berichtete, wie Siedler ihn angriffen und gewaltsam aus seinem Haus in der Nähe von Khirbet ar-Ratheem vertrieben: „Sie haben uns ständig bedroht – und jede Nacht, jeden Tag, jede Stunde haben sie uns erniedrigt. Fünf von ihnen haben mich mit ihren M16-Gewehren geschlagen, genau zwischen die Augen. Sie haben gesagt: ‚Wenn du nicht weggehst, wirst du sterben. Du hast fünf Tage.‘ “

Die South Hebron Hills sind eine der Regionen im historischen Palästina, in denen der Weinanbau derzeit am schnellsten vorangetrieben wird. In dem Maß, in dem die Angriffe der Siedler zunehmen, werden immer weitere palästinensische Gemeinden vertrieben. Ihr Boden wird beschlagnahmt und den Siedlungen einverleibt, was den Weg für die Annexion des Westjordanlands durch Israel bereitet.

„Mein Großvater hatte dieses Land noch zur Zeit des Osmanischen Reichs von einem anderen Stamm gekauft“, erzählte Abu Safi. „Er vererbte es meinem Vater, der es schließlich an uns weitergab. Wir lebten von diesem Land, von seinen Erträgen.“ Aber heute sei „alles verschwunden. Wir sind ruiniert und in alle Winde zerstreut. Sie haben uns entwurzelt.“

Abu Safi starb nur wenige Monate nach diesem Gespräch. Seine Geschichte ist beispielhaft für die verheerende Lage im Westjordanland.

Khirbet ar-Ratheem ist eine von 70 palästinensischen Gemeinden, deren Be­woh­ne­r:in­nen seit Oktober 2023 gewaltsam vertrieben wurden. In den vergangenen zwei Jahren sind bei Angriffen der israelischen Armee oder durch Siedler im Westjordanland zudem mehr als tausend Pa­läs­ti­nen­ser:in­nen getötet und tausende weitere verletzt worden.

Der Weinanbau eröffnet den Siedlern wirtschaftliche Perspektiven und verhindert zugleich, dass die palästinensische Bevölkerung auf ihr Land zurückkehrt. Zwei Weinhersteller, die in der Region südlich von Hebron ansässig sind, verkaufen ihre Produkte auch auf dem französischen Markt: La Forêt Blanche aus der israelischen Siedlung Beit Yatir und Antipod aus der Siedlung Kiryat Arba, der seine Weine unter den Namen Jerusalem Winery, ­Noah ­Winery und Hevron Heights ­Winery vertreibt.

Der Gründer von La Forêt Blanche, Menachem Livni, war früher Anführer der extremistischen Vereinigung ­Jewish Underground (auf Hebräisch: HaMakhteret HaYehudit). 1983 verübte er mit zwei Mittätern einen Anschlag auf die Universität Hebron, bei dem drei palästinensische Studenten getötet und weitere 33 verletzt wurden. Zudem war er an mehreren Mordanschlägen auf palästinensische Bürgermeister im Westjordanland und an der Planung eines Attentats auf die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem beteiligt.

1985 wurde er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Aber nachdem Präsident Chaim Herzog die Strafe mehrmals reduziert hatte, wurde er bereits 1990 wegen „guter Führung“ entlassen. Daraufhin wandte er sich dem Weinanbau zu und baute ab 2003 das Weingut Livni Winery auf. Später tat er sich mit zwei Franzosen zusammen, dem Önologen Bruno Darmon und dem Geschäftsmann Yaacov (Jacques) Bris. Gemeinsam benannten sie das Weingut 2018 in La Forêt Blanche um.

Das Weingut von Menachem Livni ist kein Einzelfall: Auch andere Weinfirmen in dieser Region stehen in Verbindungen mit Siedlergewalt. Die NGO Kerem Navot, die Enteignungen von Palästinenser:innen im Westjordan­land dokumentiert, hat Unterlagen erhalten, aus denen hervorgeht, dass zum Beispiel auch das Landwirtschaftsunternehmen Ba’al Hamon an den Hängen südlich von Hebron Wein anbaut.

Einer der Anteilseigner von Ba’al Hamon ist Shimon Ben Gigi, der „Sicherheitsbeauftragte“ von Havat Maon, einem Außenposten radikaler Siedler, der selbst nach israelischem Recht illegal ist. Ben Gigi wurde bereits wegen Körperverletzung strafrechtlich verfolgt und war in mehrere Fälle von Gewalt und Bedrohung gegen palästinensische Dorf­be­woh­ne­r:in­nen verwickelt.1

Einige der wichtigsten israelischen Weinanbaugebiete liegen im besetzten Westjordanland und auf den syrischen Golanhöhen. Das israelische Landwirtschaftsministerium schätzt die Anbaufläche auf den besetzten Golanhöhen auf etwa 1320 Hektar. Im Westjordan­land ist es schwieriger, das genaue Ausmaß der von Siedlern angelegten Weingärten zu beziffern, da Israel nicht zwischen seinem international anerkannten Staatsgebiet und den Siedlungen unterscheidet. Doch die Hügel von Judäa – dem südlichen Teil des besetzten Westjordanlands – gehören laut dem Branchenverband Israel Wine and Grapes Board zu den wichtigsten Weinbauregionen nach den Golanhöhen.

Der israelische Forscher Dror Etkes, der seit mehr als 20 Jahren die israelischen Siedlungsaktivitäten beobachtet und Kerem Navot gegründet hat, warnt: Die offiziellen Zahlen spiegeln das tatsächliche Ausmaß der kolonialen Landwirtschaft im Westjordanland nicht wider. „Zahlreiche Landnahmen wurden nie erfasst. In den vergangenen Jahren ist eine deutliche Ausweitung zu beobachten, insbesondere in Gebiete wie jenes südlich von Hebron“, erklärt er.

Etkes hat 1300 Hektar Weinland im Westjordanland kartografiert. Auf seinem Laptop präsentiert er Luftaufnahmen, die die fortschreitende Enteignung palästinensischer Landwirte im Lauf der Jahrzehnte zeigen.

Unweit von Ramallah hat die koloniale Ausdehnung die Landschaft rund um Jabal al-Tawil, das zur Gemeinde al-Bireh gehört, tiefgreifend verändert. Iman Hamayel erinnert sich gut an die Geräusche und Gerüche ihrer Kindheit, die sie auf den Ländereien ihrer Familie verbrachte: „Meine Mutter und ich brachen jeden Morgen auf, sobald die ersten Vögel zwitscherten. Jede von uns trug einen Korb, den wir mit Feigen füllten. Zur Erntezeit gingen wir nach der Schule Oliven pflücken. Es war ein Fest. Aber dann haben sie uns verboten, dorthin zu gehen.“

Das war Ende der 1990er Jahre, als sich die 1981 in der Gegend von al-Bireh gegründete Siedlung Psagot immer weiter ausdehnte und die Obst- und Olivenhaine palästinensischer Landbesitzer zu vereinnahmen begann. Seit 1967 hat Israel im Westjordanland insgesamt mehr als 200 000 Hektar Land beschlagnahmt.2

Rebstöcke statt Olivenbäume

Yaakov Berg wurde in der Sowjetunion geboren, bevor er nach Israel auswanderte und später mit seiner Familie in die nach internationalem Recht illegale Siedlung Psagot zog. 1998 fing er an, auf geraubtem palästinensischem Boden Weinstöcke zu pflanzen. Fünf Jahre später, während der zweiten Intifada, gründeten Yaakov Berg und seine Frau Na’ama das Weingut Psagot. Zur gleichen Zeit errichtete die israelische Armee einen Zaun, der den palästinensischen Eigentümern den Zugang zu ihrem Land in Jabal al-Tawil endgültig versperrte.

„Einmal ist meine Mutter reingeschlichen, um das Land zu sehen. Sie hatten die Oliven- und Feigenbäume herausgerissen und Weinreben gepflanzt“, erzählt Iman Hamayel. Ohne Genehmigung ließ sich Yaakov Berg ein Anwesen mit Swimmingpool auf den geraubten palästinensischen Grundstücken errichten. 2003 erließ die is­rae­lische Zivilverwaltung im Westjordan­land zwar einen Abrissbefehl, doch er wurde nie vollstreckt. Bergs Weingut Psagot erhielt unterdessen öffentliche Subventionen von über 1 Million Euro.3 Darüber hinaus investierte die US-amerikanische Familie Falic mehr als 1 Million US-Dollar in das Weingut und erwarb damit eine Mehrheitsbeteiligung an Psagot.4

Zahlreiche Weingüter in den besetzten Gebieten profitieren wie Psagot von großzügigen Subventionen und Steuer­vergünstigungen. Außerdem stellt ihnen ein staatseigenes israelisches Unternehmen Wasser für die Bewässerung bereit. „Die israelische Regierung – ganz besonders die aktuelle – hat beachtliche Summen in dieses System investiert“, erklärt Etkes.

Psagot hat sich dank staatlicher Subventionen und Zuwendungen der Familie Falic von einem kleinen Betrieb zum preisgekrönten Exporteur entwickelt. Das Weinland erstreckt sich heute über mehr als 8 Hektar privaten palästinensischen Landes. Es gibt ein Besucherzentrum, das Führungen, Weinproben und Räume für private Veranstaltungen anbietet, sowie eine erst kürzlich eröffnete Patisserie. Das Unternehmen verzeichnet nach eigenen Angaben „ein konstantes Wachstum“ und produziert jährlich rund 1 Million Flaschen Wein, von denen mehr als 70 Prozent ins Ausland exportiert werden – auch nach Frankreich.

Ob im koscheren Supermarkt ­Hyper Cacher oder in einer Weinhandlung in der Pariser Vorstadt: Die Weine von La Forêt Blanche, Golan Heights Winery oder Jerusalem Winery werden prominent präsentiert. Eine große Auswahl an Weinen aus den besetzten Gebieten wird zudem online auf Seiten wie ­Anavim, Mes Vins Cacher oder ­Vinoclub angeboten. Die Etiketten weisen die Flaschen als „Wein aus Israel“ aus. Seltener heißt es: „Hergestellt auf den Golanhöhen unter israelischer Rechtshoheit“. Die Vereinten Nationen betrachten jedoch auch die 1981 annektierten Golanhöhen bis heute als besetztes Territorium.

In der koscheren Abteilung des Supermarkts Auchan stehen Weine von Recanati und Barkan. Auch wenn diese Weingüter ihren Sitz in Israel haben, beziehen sie ihre Trauben von den Golanhöhen und aus dem besetzten Westjordanland. Bereits 2011 enthüllte ein Bericht des unabhängigen Forschungszentrums Who Profits, dass Barkan Weingärten im Westjordanland und auf den Golanhöhen besitzt, während Recanati auf seiner Website selbst auf Weinberge in den Golanhöhen verweist.

Weinflaschen mit falscher Herkunftsbezeichnung

Israel produziert jährlich rund 45 Millionen Flaschen Wein und hat nach Angaben des Israel Export Institute seine Weinexporte innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt. Zwei Drittel davon gehen in die USA, etwa ein Drittel in die Europäische Union. Und obwohl Frankreich einer der weltweit größten Weinproduzenten ist und der französische Weinsektor derzeit eine tiefe Krise durchlebt, importiert das Land jährlich rund 500 000 Liter israelischen Weins im Wert von etwa 5 Millionen Euro. Damit ist Frankreich der wichtigste europäische Abnehmer, der etwa 10 Prozent der gesamten Weinexporte Israels absorbiert. Deutschland ist gleichfalls ein wichtiger Abnehmer israelischen Weins in Europa.

Auch insgesamt ist die EU Israels wichtigster Handelspartner, auf sie entfällt etwa ein Drittel seines Außenhandels. Das Volumen des gesamten Warenaustauschs zwischen der EU und Israel belief sich 2024 auf 42,6 Milliarden Euro.5 Unter dem Druck von Zivilgesellschaft und Menschenrechtsorganisationen bemüht man sich in Brüssel deshalb, zumindest den Anschein zu wahren, dass das Völkerrecht eingehalten wird, doch zugleich versucht man, die Interessen Israel so weit wie möglich zu schützen.

Seit 2000 gilt zwischen der EU und Israel ein Assoziierungsabkommen, in dessen Rahmen auch eine Freihandelszone eingerichtet wurde. Damit diese Bevorzugung nicht für Waren aus israelischen Siedlungen angewendet werden kann, müssen israelische Exporteure seit 2004 eine Postleitzahl angeben. Diese Regelung wurde 2012 verschärft, um sicherzustellen, dass das Abkommen nicht auf das besetzte Westjordanland und die Golanhöhen angewandt wird. 2013 verabschiedete die EU zusätzliche Richtlinien, die Subventionen und Darlehen zugunsten der Siedlungen untersagen.

2015 ging die Angelegenheit in eine neue Runde: Die Europäische Kommission veröffentlichte eine Auslegungsmitteilung, mit der die Mitgliedstaaten aufgefordert wurden, zu überprüfen, ob Waren aus den israelischen Siedlungen als solche ausgezeichnet sind. Der Europäische Gerichtshof bekräftigte diese Verpflichtung 2019: In einem Urteil legte er fest, dass die Mitgliedstaaten eine spezifische Kennzeichnung für Waren aus den Siedlungen gewährleisten müssen, und untersagte deren Verkauf unter dem Label „Hergestellt in Israel“.

François Dubuisson, Professor für internationales Recht an der Freien Universität Brüssel, stellte in einem 2014 veröffentlichten Bericht fest, dass Staaten ihren internationalen Verpflichtungen nur dann gerecht werden können, wenn sie Waren aus den Siedlungen vollständig verbieten.6 Diese Einschätzung bestätigte der internationale Gerichtshof zehn Jahre später in einem Gutachten, das festhielt, dass Regierungen, die den Handel mit israelischen Siedlungen zulassen, zu deren Fortbestand und Ausweitung beitragen.7

Wie Dubuisson bemerkte, reicht es nicht aus, bei einer Ware lediglich auf den Ursprungsort in einer illegalen Siedlung hinzuweisen: „Das ist, als würde man auf ein Produkt schreiben: ‚Mit Kinderarbeit hergestellt‘, und behaupten, es wäre die Entscheidung der Verbraucher:innen, ob sie solche Produkte kaufen oder nicht.“

Yaakov Berg, der Inhaber des Weinguts Psagot, war unzufrieden mit der Umsetzung der Brüsseler Richtlinien in Frankreich – und zog 2016 vor Gericht. Unterstützt von der Organisation juive européenne (OJE) und dem Conseil représentatif des institutions juives de France (CRIF) klagte er wegen „Diskriminierung“.

Doch sein Plan ging nicht auf: Der französische Staatsrat verwies die Klage an den Europäischen Gerichtshof (EuGH), der 2019 entschied, dass die Kennzeichnung „Hergestellt in Israel“ irreführend ist. Sie verschleiere, dass Israel in den betreffenden Gebieten als Besatzungsmacht agiert. Der Gerichtshof betonte, dass die Angabe des Herkunftsorts „aus einer israelischen Siedlung“ eine sowohl völkerrechtliche als auch ethische Notwendigkeit darstelle.

Der Generalanwalt des ­EuGH Gerard Hogan verwies in einer „advisory opinion“ sogar auf den Fall des Boykotts südafrikanischer Produkte während der Apartheid und betonte das Recht der europäischen Verbraucher:innen, bestimmte Produkte nicht zu kaufen.8

Doch selbst diese Minimalanforderung – die Durchsetzung einer korrekten Produktkennzeichnung – wird nicht umgesetzt. Ein Bericht der NGO European Middle East Project (EuMEP) von 2020 zeigt, dass nur 10 Prozent der Weine, die in den besetzten Gebieten hergestellt werden, mit entsprechender Kennzeichnung vertrieben wurden.

Bei den Recherchen zu diesem Artikel, die 2025 stattfanden, wies von fast 300 verschiedenen Weinen aus den besetzten Gebieten, die wir in zwei französischen Geschäften und auf etwa einem Dutzend Websites fanden, kein einziger eine korrekte Herkunftsangabe auf. Die überwiegende Mehrheit wurde als „Wein aus Israel“ bezeichnet.

Lässt die Kennzeichnung „Hergestellt in Israel“ möglicherweise nicht nur die Ver­brau­che­r:in­nen im Unklaren, sondern ermöglicht sie den Wein­pro­du­zen­t:in­nen aus den besetzten Gebieten auch, von den Vorzugszöllen des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel zu profitieren?

Waren aus Israel können im Rahmen des Abkommens zollermäßigt oder sogar zollfrei eingeführt werden; allerdings nur, wenn sie innerhalb der international anerkannten Grenzen Israels produziert wurden. In der Praxis jedoch werden die Regelungen zur Kennzeichnung und zur Unterscheidung je nach territorialem Ursprung vielfach ignoriert. Der Grund dafür ist „der vorsätzliche Betrug israelischer Produzenten“, die Waren aus den Siedlungen mit Produkten aus dem anerkannten Staatsgebiet Israels vermischen, heißt es in einem Bericht von Oxfam online, an dem über 80 Organisationen mitgewirkt haben.9

Die Adresse auf den Etiketten der Flaschen der Jerusalem Winery, die in Frankreich erhältlich sind, entspricht nicht dem eigentlichen Produktionsort in der Siedlung Kiryat Arba nahe ­Hebron. Unterlagen des Unternehmens legen nahe, dass es sich dabei um die Adresse des Abfüllungsorts handelt, in dem das Unternehmen registriert ist. So soll der tatsächliche Ursprung des Weins verschleiert werden.

Der Völkerrechtler Dubuisson fasst die Lage wie folgt zusammen: „Auf der einen Seite gibt es Betrug, der durch die fehlende Zusammenarbeit der israelischen Behörden ermöglicht wird. Auf der anderen Seite spielen auch die unzureichenden Mittel der Zollbehörden und die Nachsicht der Europäischen Union eine Rolle.“ Die Maßnahmen, die die europäischen Behörden ergriffen, sollten offensichtlich nur den Anschein erwecken, dass sie etwas unternehmen, um die europäischen Vorschriften durchzusetzen. „In Wirklichkeit aber akzeptieren sie, dass alles weiterläuft wie bisher. Das System ist höchst ineffizient.“

Im September 2025, als der Krieg gegen die Zivilbevölkerung im Gaza­streifen bereits zwei Jahre andauerte, schlug die EU-Kommission vor, bestimmte handelsbezogene Bestimmungen das Assoziierungsabkommens mit Israel auszusetzen. Dadurch würde Israel seinen bevorzugten Zugang zum europäischen Markt verlieren und müsste jährlich zusätzliche Zollgebühren in Höhe von 227 Millionen Euro tragen. Doch bis heute blieb das Vorhaben nur ein Entwurf auf Papier.

Ende des 19. Jahrhunderts erwarb der wichtige Unterstützer der zionistischen Bewegung, Baron Edmond de Rothschild, Ländereien in Palästina und importierte französische Rebsorten, um wirtschaftliche Perspektiven für die jüdischen Siedler zu schaffen. Die israelischen Forscher Ariel Handel und Daniel Monterescu erkennen in dem Bemühen, den Weinbau in den jüdischen Siedlungen zu modernisieren, Konzepte wieder, die an Frankreichs „imperiale Zivilisierungsmission“ erinnern. Der Wein nimmt darin die Rolle eines Vermittlers von Kultur und Fortschritt ein.10

Trotz erheblicher Investitionen scheiterte das Vorhaben: Die französischen Rebsorten erwiesen sich als ungeeignet für die lokalen Böden und die klimatischen Bedingungen, und die Weine konnten sich auf dem interna­tio­nalen Markt nicht durchsetzen.

„Bis Anfang der 1990er Jahre war Israel keine Weinnation. Das änderte sich erst mit der Gründung der Golan Heights Winery“, erklärt Ariel Handel. Damals sollte das Bild der Golan­höhen aufpoliert werden, damit die Region „nicht mehr als besetztes Gebiet, als Schauplatz von Krieg und Blutvergießen wahrgenommen wird, sondern als eine Art Europa in Israel; ein touristisches Ziel des guten Geschmacks“.

Die Besetzung der Golanhöhen wurde so normalisiert. Heute kommt dem Weinbau dieselbe Rolle zu bei der Normalisierung der Siedlungen im Westjordanland. „Das Westjordanland wird als neue Toskana angepriesen: eine Region mit Wein, Käse und Bed & Breakfasts“, erläutert Handel die Strategie. Israelische und internationale Touristen können geführte Weintouren durch die besetzten Gebiete buchen. Plattformen wie TripAdvisor bewerben solche Angebote, die man als Wine-­Washing-Touren bezeichnen könnte.

Eine Anzeige verspricht zum Beispiel eine „private Weintour von Jerusalem durch die Hügel Judäas“ und „einen Tag voller Genuss und Wertschätzung des israelischen Weinerbes“; inklusive Abstecher zum Weingut von Psagot.

Die Wein produzierenden Siedler inszenieren sich bewusst als Pioniere in biblischer Tradition, die die „Kultur des Weinbaus nach über 2000 Jahren wieder zum Leben erwecken“, sagt Daniel Monterescu. „Die Landwirtschaft im Allgemeinen und insbesondere der Weinbau spielen eine zentrale Rolle in der jüdischen Weltanschauung. Wein hat eine wichtige kulturelle und reli­giö­se Bedeutung. Der Weinbau ist damit sowohl ein Mittel zur territorialen Expansion und Landnahme als auch ein Symbol für eine tiefe religiöse Verwurzelung.“11

Wein wird in der Bibel hunderte Male erwähnt und spielt auch bei zahlreichen archäologischen Stätten eine wichtige Rolle, wo bis heute alte Weinpressen besichtigt werden können. In diesem Sinn versuchen auch die messianischen Winzer aus den Siedlungen, eine direkte Verbindung zwischen dem modernen Weinbau und biblischen Zeiten herzustellen.

Lokale Traubensorten Dabouki und Jandali

Die palästinensischen Weinbauern hingegen betonen, dass der Weinbau in der Region nie verschwunden war, auch wenn er unter islamischer Herrschaft aufgrund des Alkoholverbots eine geringere Rolle spielte. Fadi Batarseh ist Önologe im 1885 von Salesianermönchen gegründeten Weingut Cremisan, das zwischen Jerusalem und Bethlehem liegt. Er erklärt, dass „viele christliche Familien noch vor der Gründung von Cremisan ihren Wein selbst zu Hause hergestellt haben“.

Wein zählt heute zudem zu den am weitesten verbreiteten Kulturpflanzen in Palästina, nach Olivenbäumen und Dattelpalmen. Die Trauben werden entweder frisch verzehrt oder zu Rosinen, Melasse, Essig oder Süßwaren weiterverarbeitet, während die Blätter für zahlreiche lokale Gerichte Verwendung finden.

Batarseh hat an einem Programm zur Kartierung einheimischer Rebsorten mitgewirkt: „Wir haben festgestellt, dass es 21 verschiedene Genotypen gibt, von denen sich 4 zur Weinherstellung eignen: 1 weiße und 3 rote Traubensorten.“

2008 begann das Weingut Cremisan mit der Produktion von Weinen aus diesen lokalen Rebsorten – Dabouki, Hamdani-Jandali und Baladi –, die inzwischen internationale Auszeichnungen erhalten haben. Als Reaktion auf diesen Erfolg lancierte das israelische Weingut Recanati 2014 die Produktion eines ähnlichen Weins aus Trauben, die ein palästinensischer Landwirt in der Nähe von Bethlehem anbaut.

Die palästinensischen Weinbauern, die diese endemischen Arten anbauen, sind für Daniel Monterescu die „Hüter“ des alten Wissens über die Weinherstellung. Doch haben die israelischen Winzer erst einmal Zugang zu diesen Rebsorten, werde der palästinensische Landwirt „überflüssig: Er wird nicht mehr gebraucht.“ „Heute bauen viele israelische Landwirte ­Dabouki-, ­Jandali- oder Hamdani-Trauben an“, berichtet der Forscher. Diese Rebsorten würden dann als „die alten, biblischen Rebsorten Israels“ angepriesen.

Canaan Khoury, der im palästinensischen Dorf Taybeh im besetzten Westjordanland Wein anbaut, sieht in der Aneignung dieser Rebsorten durch die Siedler einen Versuch, die Landnahme zu legitimieren. „Ich kann die Wurzeln meiner Familie in Taybeh 600 Jahre zurückverfolgen. Doch für jemanden, der erst vor einigen Jahren aus New York hergezogen ist, ist es ungleich schwieriger, seine Anwesenheit zu recht­fertigen.“

Während die Weine aus den Siedlungen frei zirkulieren, unterliegen palästinensische Produkte strengen Einschränkungen. „Wir können nichts einfach so importieren oder exportieren. Für uns ist es teurer, den Wein aus der Kellerei zum Hafen zu transportieren, als ihn von dort aus nach Tokio zu verschiffen“, beklagt Khoury.

Die Gewalt der Siedler und die Aneignung von Ressourcen verschärfen die Lage zusätzlich:12 „Unsere Ländereien wurden von der Armee beschlagnahmt, und wir werden ständig von Siedlern angegriffen. Wir haben nicht einmal mehr Zugang zu unserer eigenen Wasserversorgung. Die Israelis nehmen uns das Wasser weg und verkaufen uns nur einen Teil davon“, fährt er fort. Nur wenige Wochen nach unserem Treffen auf seinem Weingut verübten Siedler neue Angriffe in der Umgebung und zerstörten Weinreben.

Trotz allem widmet sich Khoury weiter dem Weinbau, erntet gemeinsam mit seiner Familie Trauben, keltert Wein und baut neue Anlagen. Er lächelt: „Manchmal scherzen wir, dass wir sie bauen, damit die Siedler sie uns stehlen können.“ Was ihn weitermachen lässt, erzählt er, sei seine Verbundenheit mit dem Erbe und dem Land seiner Familie. Außerdem möchte er ein Vorbild für seine kleine Tochter sein: für Widerstand, Verwurzelung und den Kampf um eine Zukunft in Palästina.

1 Hagar Shezaf, „Witnesses weren’t questioned, cases were closed: A year after the attack, palestinian villagers still seek justice“, Haaretz, 29. November 2022.

2 „State business. Israel’s misappropriation of land in the West Bank through settler violence“, B’Tselem, November 2021.

3 Nach Angaben des israelischen Finanzministeriums, zitiert von Shalom Akhshav (Peace Now) und Who Profits, die ebenfalls rund eine Million Euro an staatlichen Subventionen nachvollzogen haben, die Psagot seit 2018 erhalten hat.

4 Bel Trew, „US Duty Free magnates bankrolled expansion of Israeli settlement vineyard over Palestinian land“, The Independent, 12. November 2019.

5 „EU trade relations with Israel. Facts, figures and latest developments“, EU-Kommission.

6 François Dubuisson, „The international obligations of the European Union and its member states with regard to economic relations with Israeli settlements“, European Coordination of Committees and Associations for Palestine (ECCP), Februar 2014.

7 „Advisory Opinion of 19 July 2024: Legal Consequences arising from the Policies and Practices of Israel in the Occupied Palestinian Territory, including East Jerusalem“, Internationaler Gerichtshof.

8 „Opinion of Advocate General Hogan“, 13. Juni 2019, European Union, EUR-Lex

9 „Trading with illegal settlements: how foreign states and corporations enable Israel’s illegal settlement enterprise“, Oxfam, 15. September 2025.

10 Siehe Daniel Monterescu und Ariel Handel, „Liquid indigeneity: Wine, science, and colonial politics in Israel/Palestine“, American Ethnologist, 46/3, 2019

11 Siehe den Film von Ian McGonigle, „Redemption: Wine and Prophecy in the Land of Israel“, 2021.

12 Siehe Christophe Chaland, „‚Aidez-nous à faire face‘: l’appel du curé de Taybeh, village chrétien de Cisjordanie, face aux violences des colons“, Le Pèlerin, 29. Juli 2025.

Aus dem Französischen von Claire Schmartz

Meriem Laribi und Marta Vidal sind Journalistinnen. Diese Recherche wurde von Investigative Journalism for Europe (IJ4EU) unterstützt und durch die Mitwirkung von Omri Eran-Vardi und dem Kollektiv AIN ermöglicht.

Le Monde diplomatique vom 12.02.2026, von Meriem Laribi und Marta Vidal