12.02.2026

Schattendiplomatie um Nord Stream

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Schattendiplomatie um Nord Stream

Während Europa weitere Schritte unternimmt, um die Einfuhr von russischem Gas vollständig zu stoppen, verhandeln Washington und Moskau hinter den Kulissen offenbar über die Zukunft der Pipelines. Dabei spielen auch private Vermittler eine Rolle, die sogar eine Wiederinbetriebnahme nicht ausschließen.

von Matt Bernardini und Morgane Fert Malka

US-Präsident Donald Trump versteht sich bekanntlich als „Dealmaker“, wobei die außenpolitischen „Deals“ seit Beginn seiner zweiten Amtszeit ganz auf die Eigeninteressen der USA ausgerichtet sind. Umso wichtiger wird damit die Rolle einer eher undurchsichtigen Sphäre der internationalen Beziehungen, die man Schattendiplomatie nennen könnte.

Es handelt sich um eine Welt, in der alles verhandelbar und nichts unmöglich ist. Eine Welt jenseits internationaler Institutionen, diplomatischer Vertretungen und Thinktanks; eine Welt ohne moralische Prinzipien, in der das Recht im Zweifelsfall keine Geltung hat.

Diese Welt dreht sich einzig um die Sonne aus Gold – um lukrative Geschäfte, und seien sie noch so unwahrscheinlich. Und was erscheint unwahrscheinlicher als die Wiederinbetriebnahme der 1200 Kilometer langen Nord-Stream-Gaspipeline1 , die Russland mit Europa verbindet und die im September 2022 von ukrainischen Saboteuren stark beschädigt wurde?

Die Akteure, die sich mit diesem Projekt befassen, sind die klassischen Protagonisten der Schattendiplomatie. Sie arbeiten für Regierungen oder für Konzerne, für Lobbykanzleien oder Nachrichtendienste verschiedener Länder. Eine besondere Rolle spielen dabei Mittelsmänner, die dank ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Beziehungen zu Großkonzernen und Staaten, denen sie zu dienen vorgeben, lukrative Deals arrangieren, die sich vor allem für sie selbst rechnen.

Die Operation eines ukrainischen Kommandos, mit der drei der vier Nord-Stream-Rohrleitungen zerstört wurden, schien dem Transport von russischem Erdgas durch die Ostsee nach Deutschland für immer ein Ende gesetzt zu haben.2 Aber könnte man die Leitungen, deren Bau rund 20 Milliarden Euro gekostet hat, reparieren?

Wer die Pipeline reparieren will

Die meisten unserer Gesprächspartner halten schon die Frage für abwegig. Sie argumentieren: Selbst wenn es die notwendigen Gelder für eine Reparatur gäbe, wäre das mit US-amerikanischen und europäischen Sanktionen belegte Projekt schlichtweg toxisch, insbesondere in Deutschland.

Beim französischen Konzern Engie, der bei einer endgültigen Stilllegung der Pipeline Investitionen in Höhe von rund 2 Milliarden Euro verlieren würde, rechnet niemand mit einer Wieder­inbetriebnahme, welcher Art auch immer. Die beteiligten europäischen Konzerne trauen sich nicht einmal, die eigenen Regierungen auf das Thema anzusprechen, obwohl die Zerstörung von Nord Stream für sie eine finanzielle und industrielle Katastrophe bedeutet. Und was die USA betrifft: Warum sollten sie an russischen Gaslieferungen interessiert sein, die eine Konkurrenz zum eigenen Flüssigerdgas (LNG) darstellen, das seit Beginn des Ukrainekriegs zu Höchstpreisen nach Europa exportiert wird?

Dennoch deuten zahlreiche vertrauliche Informationen darauf hin, dass Nord Stream wieder aktiviert werden könnte. Und das unter Führung der USA, für die das Projekt – im Zusammenwirken mit dem Kreml – ein weiterer Hebel wäre, um den europäischen Gasmarkt zu kontrollieren. Bisher sind lediglich erste, begrenzte Verhandlungen angelaufen. Doch dass es sie gibt, erzählt uns einiges über die Schattendiplomatie und über die Kluft zwischen öffentlichen Bekundungen und den tatsächlichen Interessen.

Ende 2025 schien es, als kämen die von Trump initiierten Friedensverhandlungen gut voran. Eine Gazprom nahestehende Quelle ließ Mitte Dezember über ein Wegwerfhandy (burner) wissen: „Nord Stream war auf jeden Fall ein Thema der Geheimverhandlungen über den 28-Punkte-Plan zwischen den Delegationen von Trump und Putin.“ Die mit den Gesprächen vertraute Quelle verwies auf ein mögliches Szenario, „dass man die Pipeline zusammen mit den USA wieder in Betrieb nimmt und dass die USA für den nötigen Druck auf Europa sorgen, damit die EU das akzeptiert“.

Diese Darstellung bestätigte ein Geschäftsmann in einem vertraulichen Gespräch (kein Handy, keine Notizen)

in einem exklusiven Club in Manhattan: Man wolle die Europäer „wie ein paar Idioten“ zwingen, den Deal zu akzeptieren. Das deckt sich mit einer früheren Information aus dem Umfeld von Gazprom. Demnach hat Putin im August 2025 beim Gipfeltreffen in Alaska gegenüber Trump mögliche US-Sicherheitsgarantien für Nord Stream ins Gespräch gebracht, falls die Pipeline wieder in Betrieb genommen werde. Dabei habe Washington, das an der Sprengung der Leitungen wohl nicht unbeteiligt war, Moskau zugesichert, dass es keine weitere Sabotage geben werde.

Bei Trumps Beratern kam das als Botschaft an, dass die Gaspipeline zum Element eines möglichen, beiderseits vorteilhaften Ukraine-Abkommens werden könnte. Von einem Mitarbeiter der USAI, des Nachrichtendienstes der US-Army, konnten wir erfahren, dass bereits 2024, noch vor Trumps Wahlsieg, erneut ein verstärktes Interesse an Nord Stream bestanden habe, ohne dass dies nach außen gedrungen wäre: „Da zirkulierten bereits wieder zahlreiche Strategiepapiere über die Nutzung der Pipelines als politischen Hebel.“ Als die Trump-Administration dann aber verstärkt auf Ukraine-Friedensverhandlungen setzte, sei richtig Schwung in die Sache gekommen.

Stehen wir also vor einer spektakulären Kehrtwende der US-Politik? Seit Beginn des Ostseepipeline-Projekts gab es in Washington einen parteiübergreifenden Konsens, dass das Vorhaben entschieden abzulehnen sei. Die russische Annexion der Krim 2014 verstärkte diese Ablehnung noch.

Seit 2017 hat die Regierung in Washington – unter Trump wie auch unter Biden – mit massiven Sanktionen versucht, Nord Stream 2 zu torpedieren. Die offizielle Begründung lautete, man dürfe dem Kreml keine solche geopolitische Waffe überlassen. Aber im Weißen Haus wie im Kongress galt die eigentliche Sorge den eigenen LNG-Exporten, die seit der „Schiefergasrevolution“ in den 2010er Jahren als neue strategische Priorität der US-Politik gesehen wurden.

Auf Geheiß Washingtons blockierte Kopenhagen 2017 den Bau eines Pipelinesegments, das innerhalb der dänischen Hoheitsgewässer verlegt werden sollte.3 Druck aus den USA spielte auch eine Rolle, als Berlin den Zertifizierungsprozess für Nord Stream 2 stoppte, nachdem die Pipeline im September 2021 fertiggestellt worden war.

Entsprechend groß war die Überraschung, als das Wall Street Journal im November 2024 enthüllte, dass sich ein gewisser Stephen P. Lynch, Investor aus Miami, für Nord Stream 2 interessiert.4 Der Geschäftsmann Lynch begann seine Karriere in Russland. Als Spezialist für die Übernahme von Unternehmen, denen der Konkurs droht, kaufte er bevorzugt Energieinfrastruktur und Finanzinstitute auf, die für Russland von strategischem Interesse sind.

2007 erwarb er für Rosneft auf einer extrem umstrittenen Versteigerung die Anteile am Yukos-Konzern, die dem verfemten Oligarchen Michail Chodorkowski gehörten.5 Hinter dem US-Staatsbürger Lynch verbarg sich der eigentliche Nutznießer dieser Ope­ra­tion: der russische Staat, der unter Putin beschlossen hatte, die ursprünglich von den Oligarchen gekaperte Ölindustrie wieder unter seine Kontrolle zu bringen.

Die nächste größere Transaktion gelang Lynch im September 2022 mit dem Verkauf der Sberbank ­(Switzerland) AG, die sich mehrheitlich in Besitz des russischen Staates befand. Mit der Umwandlung in die TradeXBank war das Institut den US-Sanktionen entzogen – und damit auch die zuvor eingefrorenen Einlagen der Nord Stream AG.6

Ist Lynch also ein „russischer Agent“, wie es einige seiner früheren Geschäftspartner behaupten? Wenn ja, würden die Dinge einfach liegen: Nicht Washington würde demnach eine Wiederaufnahme der Gasexporte nach Europa zu gegebener Zeit anstreben, sondern Moskau.

Allerdings war Lynch nicht der einzige Player, der hinter den Kulissen versuchte, mit Berlin, Washington und Moskau über die strategisch wichtige Pipeline zu verhandeln. Nach ihm wurden andere Geschäftsleute aus dem weiteren oder engeren Umfeld des Trump-Clans aktiv.

Windige Typen mit guten Beziehungen

Glaubt man einem früheren Geschäftspartner Lynchs, so wollte dieser auch den texanischen Banker Gentry Beach als Investor für seine Nord-Stream-Ambitionen gewinnen. Der enge Freund von Donald Trump Junior – er ist Trauzeuge des Präsidentensohns – habe das Angebot allerdings abgelehnt, weil ihm klar geworden sei, „dass Mister Lynch in Bezug auf Russland eine überaus toxische Vergangenheit hat“, wie eine unserer Quellen meint. Auf Anfrage hat Beach im Februar 2025 jedes Interesse an der Pipeline bestritten.7

Wenige Wochen später bestätigten jedoch zwei Quellen unabhängig voneinander, dass der Texaner hinter den Kulissen durchaus bemüht ist, Nord Stream in die Hand zu bekommen. Dazu habe er sich mit einem rumänischen Geschäftsmann verbündet. Sollten sich Lynch und Beach nun also gegenseitig Konkurrenz machen? Aus einer Schweizer Quelle verlautet, Beach habe seine Freundschaft mit dem Sohn des US-Präsidenten genutzt, um mit einem sehr einflussreichen Vertreter eines staatlichen russischen Energieunternehmens in Kontakt zu kommen. Dagegen meint ein russischer Gesprächspartner, der ebenfalls mit Nord Stream vertraut ist, Beach und Lynch seien nur kleine Fische, die bei Gazprom nicht ernst genommen würden.

Die beiden gehören also offenbar zu der Sorte von Geschäftsmännern, die ihre tatsächliche oder behauptete Nähe zu den Mächtigen dieser Welt nutzen, um Ideen von lukrativen Deals in Umlauf und sich selbst als Vermittler ins Spiel zu bringen. Das klappt zwar nicht immer, doch oft genug tragen sie entscheidend dazu bei, ökonomische Interessen auf diplomatischem Wege umzusetzen.

Angesichts der erneuten Ränke­spiele um das Nord-Stream-Projekt überrascht die Passivität der Europäer. Der Bau dieser Gaspipeline steht – wie andere Projekte im Geiste der „Entspannung“ nach dem Kalten Krieg – für den Glauben an das Prinzip des doux commerce, das Montesquieu zugeschrieben wird. Seine zeitgenössische Fassung ist die deutsche Formel „Wandel durch Handel“, die der wirtschaftlichen Interdependenz zwischen den Staaten eine Frieden stiftende Kraft zuschreibt.

In den 2000er und 2010er Jahren stand Nord Stream für die Überzeugung der politischen Eliten, insbesondere in Deutschland und Frankreich, dass sich das postsowjetische Russland, das als wirtschaftlicher Partner erster Klasse galt, mit der Zeit auch zu einem politischen Partner entwickeln würde – allerdings ohne der Nato oder der Europäischen Union beizutreten.

Die an Nord Stream 2 beteiligten europäischen Staaten und Unternehmen – Uniper und Wintershall Dea (Deutschland), Engie (Frankreich), OMV (Österreich), Shell (Großbritannien) und Gasunie (Niederlande) – versprachen sich die Kontrolle über die Energielieferungen und die daraus resultierenden enormen Profite. Ihre Partner, also Gazprom und der Kreml, konnten sich freuen, einen profitablen Teil des europäischen Gasmarkts zu erobern, der stabile Einnahmen und hohe Gewinne garantierte. Diese wechselseitige Abhängigkeit sollte, so die Erwartung, gegenseitige Rücksicht und ein breiteres Einvernehmen hervorbringen.

Die geopolitischen Spannungen, die sich seit 2007/2008 wieder aufbauten, brachten die Verfechter dieser Theorie nicht dazu, ihre optimistische Sicht zu hinterfragen. Dabei beklagte sich die russische Seite, dass ihre Rolle als wichtigster Energielieferant Europas nicht dazu geführt habe, dass der Westen ihr auch in sicherheitspolitischen Fragen auf Augenhöhe begegnete. Die Europäer und allen voran die Deutschen hingegen meinten, sie würden Russland durchaus mit ihrem Vertrauen beehren, indem sie sich zuweilen sogar dem starken Druck der USA widersetzten.

Mit dem Ukrainekrieg wurden die Dimensionen dieses Missverständnisses offensichtlich und die Karten neu gemischt. Der Angriff auf die Ukraine machte in Paris wie in Berlin die Eindämmung Russlands wieder zur obersten Priorität, hinter der alle ökonomischen Interessen zurücktraten.

Auch die europäische Industrie reagierte auf die neue Lage. Ende 2022 wurde der Energieversorger Uniper vom deutschen Staat übernommen, um eine Insolvenz abzuwenden. Auch das weitverzweigte Verteilernetz der Gazprom Germania wurde in Bundeseigentum überführt. Seit Juni 2022 firmiert die ehemalige Tochter des russischen Staatskonzerns unter dem ­Namen ­Securing Energy for Europe (Sefe).

Bundeskanzler Friedrich Merz hat seit seinem Amtsantritt im Mai 2025 die deutsche Position zum russischen Einmarsch in die Ukraine verhärtet. Die Zeit der Kompromisse ist vorbei. Vorrang haben jetzt die Sicherheitspolitik und die „europäischen Werte“. In Brüssel hat sich Merz demonstrativ den „Falken“ angeschlossen. Die Industrie in Deutschland – insbesondere die großen, stark auf Erdgas angewiesenen Chemiekonzerne – leidet still vor sich hin und muss zusehen, wie sie gegenüber Ungarn und Polen an Boden verliert.

Der französische Energiekonzern Engie und die deutsche Industrie haben sich unseren Quellen zufolge mit dem Ende der russisch-europäischen Energiepartnerschaft abgefunden. Auch ein Szenario, wonach russisches Gas über Pipelines in US-Besitz nach Europa fließen könnte, halten die meisten unserer Gesprächspartner für grotesk.

Doch im Sommer 2025 sorgten die potenziellen US-Investoren mit ihrem Treiben hinter den Kulissen dann doch für einige Unruhe im Berliner Kanzleramt. Deutschland ging, unterstützt von Frankreich, zum Gegenangriff über: In der Diskussion über das 18. Sanktionspaket gegen Russland, das im Juli beschlossen wurde, drängten Berlin und Paris darauf, jedes Unternehmen zu sanktionieren, das Gas über die Nord-Stream-Pipelines beziehen will oder sich an ihrer Reparatur, Instandhaltung oder Nutzung beteiligt.

Damit kann eine künftige Inbetriebnahme der Pipelines auch durch die EU blockiert werden und nicht mehr nur durch die USA und ihr Office of Foreign Assets Control (Ofac). Zudem konnten Frankreich und Deutschland ihr Image beim Block der deutlich gegen Russland eingestellten EU-Länder aufpolieren.

Allerdings stießen Berlin und Paris mit ihrem taktischen Vorstoß – teils unbeabsichtigt – eine Art Überbietungswettbewerb bei der Verschärfung der EU-Sanktionen an. Unter der Ratspräsidentschaft Dänemarks (im zweiten Halbjahr 2025) wurden beispiellos strenge Maßnahmen gegen russisches Gas und Erdöl beschlossen.

Die EU beschränkt sich nicht mehr auf das Einfrieren von ein paar hundert Millionen Euro russischer Vermögenswerte oder auf ein Scheinembargo, indem man russisches Gas nicht mehr direkt importiert, aber weiterhin über Drittstaaten bezieht. Die neue Haltung der EU-Kommission zeigt sich darin, dass die REPowerEU-Strategie von 2022 im Juni 2025 dahingehend überarbeitet worden ist, dass bis Ende 2027 tatsächlich keinerlei fossile Energieträger aus Russland mehr in die EU gelangen dürfen, was durch schärfere Herkunftskontrollen garantiert werden soll.

Diese Festlegung löste unter den Energiekonzernen Besorgnis aus. So ließ Engie im Herbst 2025 verlauten: „Sanktionen sind politische Entscheidungen, die sich mit einer Unterschrift aus der Welt schaffen lassen. ­REPowerEU hingegen ist ein regulatorischer Rahmen, der einen sehr unflexiblen und dauerhaften Rechtsrahmen schaffen kann. Faktisch würde man sich die Hände binden, während die Vereinigten Staaten ihre Flexibilität wahren.“

Zugleich gibt es erste Anzeichen, dass die Diskussion über eine mögliche Reaktivierung von Nord Stream in den größeren Kontext einer möglichen Wiederaufnahme der russischen Gaslieferungen nach Europa gehören könnte. Tatsächlich verlautete kurz vor Bekanntwerden des russisch-amerikanischen 28-Punkte-Friedensplans Ende November aus mehreren Quellen, dass zwischen Washington, Moskau und Kyjiw bereits intensive Verhandlungen über die künftige Nutzung des ukrainischen Gasnetzes im Gange seien. In diversen Positionspapieren, die wir einsehen konnten, schlägt die US-Regierung der Ukraine vor, die Durchleitung wieder aufzunehmen – allerdings unter Aufsicht der USA.

Die Regierung von Wolodomyr Selenskyj zeigte sich alles andere als begeistert. Einer Quelle zufolge bezeichnete Kyjiw den US-Vorschlag als „Erpressung“. Einige Regierungsvertreter plädieren jedoch für ein Nachgeben – um welchen Preis auch immer.

Für Washington bedeutet die Idee einer möglichen Beteiligung an den Transitgewinnen – in Verbindung mit möglichen neuen US-Investitionen in russische Förderanlagen – eine Abwendung von der seit den 1970er Jahren verfolgten Politik, die Energiepartnerschaft zwischen Westeuropa und dem sowjetischen, später russischen Widersacher zu schwächen.

Jetzt aber, da Trump sich von der transatlantischen Partnerschaft abwendet, begnügen sich die USA nicht mehr damit, den Europäern LNG zu verkaufen und einer russisch-europäischen Annäherung entgegenzuarbeiten. Sie wollen mehr: eine verstärkte Kontrolle der Energieinfrastrukturen – und zwar auch in Europa.

Im Kontext dieser neuen Strategie wirkt das Vorgehen von Investoren wie Stephen P. Lynch umso faszinierender. Zunächst wurden sie von den Trump-Leuten größtenteils geschnitten und waren rege darum bemüht, nicht in die Ecke der Russlandfreunde gesteckt zu werden. Doch sie bauten ihre Positionen beharrlich aus, um im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. Und wenn ihnen die politische Großwetterlage günstig erscheint, machen sie ihre Deals. Zuweilen wird ihnen allerdings die Beute von größeren Fischen weggeschnappt, von mächtigen Hedgefonds, Energiegiganten oder Großkonzernen.

Als wir im November 2024 von Lynch wissen wollten, welche Interessen er vertritt, reagierte er auf keine einzige Anfrage. Ein Lobbyist, der sich in Washington gut auskennt und mit der Yukos-Affäre von 2007 vertraut ist, hält Lynch für einen russischen Agenten. Er kann diese These durch viele Dokumente untermauern, doch andere Informanten, die mit Lynch Umgang haben, äußern sich differenzierter.

Daraus ergibt sich das Bild eines Opportunisten, dem vieles misslingt und der dann vor Gericht zieht. Man wird kaum einen früheren Geschäftspartner finden, mit dem Lynch nicht vor einem ordentlichen oder einem Schiedsgericht im Clinch gelegen hätte, ob als Kläger oder als Beklagter. Und wenn man in Washington oder Moskau auf den Investor und sein Interesse an Nord Stream zu sprechen kommt, ist die Reaktion stets ein mokantes Lächeln.

Im Frühjahr 2025 kursierte das Gerücht, Lynch habe sich in Berlin mit Beamten des Wirtschaftsministeriums getroffen.7 Wenn er die Pipeline wieder in Betrieb nehmen möchte, käme er aus geografischen und juristischen Gründen an der Bundesregierung nicht vorbei.

Einen seriöseren Eindruck als die bizarre Figur Lynch macht Gentry Beach, allein schon wegen seiner Nähe zu Donald Trump Junior. 2025 reiste der texanische Banker in der Welt herum, etwa nach Zentralafrika und Pakistan. Wobei er bei seinen Kontakten mit den Regierungen anklingen ließ, dass er eine Art politisches Mandat habe. Trump Junior zeigte sich verärgert und forderte Beach schriftlich auf, die Instrumentalisierung des Namens Trump zu unterlassen (Wall Street Journal, 4. Oktober 2025).

Nach den wiederholten Kehrtwendungen von Trump Senior in der Ukraine­frage – und angesichts des härteren Kurses der EU – haben die Möchtegerninvestoren aus den USA offenbar seit Mitte 2025 das Interesse an Nord Stream verloren.

Seitdem blicken sie nach Bulgarien und in Richtung Turkstream-Pipeline. Die durch das Schwarze Meer verlegte Gasleitung gilt als das zweite Juwel von Gazprom im Hinblick auf die Exporte nach Europa. Turkstream ist zwar noch in Betrieb (nachdem einige Sabotage­akte verhindert worden sind) und profitiert davon, dass Länder wie Bulgarien und Ungarn von den Importbeschränkungen der EU ausgenommen sind. Doch angesichts der Ungewissheiten des Sanktionsregimes könnten auch die Tage von Turkstream bald gezählt sein.

Und so haben auch große US-Unternehmen, die sich für russisch-europäische Pipelines interessieren, ihr Augenmerk auf diese Balkanoption gerichtet. Ein global aktiver US-Investmentkonzern wie Elliott Management interessiert sich für russische Gasexporte über Turkstream. Anfang 2025 wurden Elliot und seine Mineralöltochter Phillips 66 in der bulgarischen Hauptstadt Sofia vorstellig. Jedoch ohne Erfolg, offenbar ist das politische Klima noch nicht reif für den Einstieg von renommierteren Akteuren. Nach wie vor sind die russisch-europäischen Gaspipelines ­tabu – und bleiben daher das Revier der Einzelkämpfer.

Stephen Lynch flog im zweiten Halbjahr 2025 mehrmals nach Sofia, wo er sich mit Mitgliedern der Regierung und mit Eminenzen der bulgarischen Energiebranche traf. An einem dieser Treffen war auch Brad Parscale, bis 2020 Trumps Wahlkampfleiter, anwesend, als er Trump Junior zu einer Konferenz der Kryptobranche nach Sofia begleitete.

Die bulgarische Führung zeigte sich angesichts dieser Initiativen gespalten. Man fragte sich irritiert: Wie stehen diese Geschäftsleute zum Weißen Haus? Könnte ein Deal bedeuten, dass Sofia in Sachen russisches Gas von den USA eine Vorzugsbehandlung erwarten darf? Agieren Lynch und die anderen mit oder gegen die Interessen von Gazprom und dessen türkischem Partner, dem Staatsunternehmen Botaş?

Darauf gibt es keine klaren Antworten. Der Wert solcher Mittelsmänner besteht ja eben darin, dass sie geopolitische Player oder auch konkurrierende Konzerne in Kontakt bringen, ohne den Interessen nur einer Seite zu dienen. Bei diesen Kontakten zeigt sich Bulgarien beweglicher als Deutschland. In Sofia werden die Angebote der Interessenten eingehend geprüft. Sollte eine Einigung über Turkstream zustande kommen, wäre womöglich ein indirekter Präzedenzfall auch für den Fall Nord Stream geschaffen.

Dagegen hält die Europäische ­Union unbeirrt an ihrer 2022 eingeschlagene Strategie fest. Das heißt: Sie schadet sich selbst, um ihr Gewicht in den Verhandlungen mit Moskau zu stärken. Im Oktober 2025 verabschiedete man in Brüssel das 19. Sanktionspaket, das der noch nicht verabschiedeten Initiative REPowerEU vorgreift. Das Paket enthält ein Importverbot ab dem 1. Januar 2027 für russisches LNG, mit dem bislang ein Teil der Pipeline-Importe kompensiert wird.

Donald Trump wiederum hat persönlich mit mehreren Staatschefs telefoniert und sie zum Verzicht auf russische Energieträger aufgefordert. Doch zur gleichen Zeit wird in Trumps Umfeld – in dem Fall mit Beteiligung von Großkonzernen wie Exxon – das Comeback der USA auf den russischen Öl- und Gasfeldern in der Arktis vorangetrieben.

Die Verwirrung in Brüssel war Anfang Dezember mit Händen zu greifen: Während man auf ständig neuen Gipfeltreffen die diplomatische und sicherheitspolitische Solidarität mit Kyjiw bekundet, wird im Europäischen Rat heftig gestritten. In diesem Gremium, in dem die Regierungen der EU-Staaten zusammenkommen, fordern mehrere Länder – noch diskret – die Umsetzung von REPowerEU zu verschieben, um die vorgesehene Abkoppelung vom russischen Gas und Öl zu verzögern. Diese Forderungen kommen nicht nur von den „üblichen Verdächtigen“ wie Ungarn und der Slowakei, sondern laut unseren Quellen auch von west- und nordeuropäischen Regierungen, die sich ansonsten besonders unnachgiebig gegenüber Moskau geben.

„Die Märkte sind völlig orientierungslos“, erklärt ein Europaabgeordneter, dessen Fachgebiet die Energiesouveränität ist. Ein Lobbyist bestätigt diesen Eindruck: „Die Käufer, Verkäufer und Verteiler auf dem europäischen Gasmarkt wissen nicht mehr, woran sie sind. Sollen sie ihre Quellen weiter diversifizieren, zu Erneuerbaren übergehen, zum Wasserstoff? Sollen sie immer mehr in den USA kaufen, um Trump zu gefallen, oder sollen sie zurück zum russischen Gas?“

Dieser Branchenlobbyist betont: „Bei alledem geht es um strategische Entscheidungen und kostenintensive Infrastrukturen, die über Jahrzehnte hinweg geplant und amortisiert werden. Wir haben es hier mit widersprüchlichen Signalen zu tun und mit einem Rechtsrahmen, der sich ständig ändert.“

In einem sind sich beide Gesprächspartner einig: Von energiewirtschaftlichen Großprojekten in Europa wollen inzwischen sogar ausländische Investoren nichts mehr wissen. Während hier noch der Kompass gesucht wird, postieren sich die Vereinigten Staaten unter Trump mit ihren Schattendiplomaten am Eingangstor zur Welt von morgen. Und sie sind es, die Moskau als Ansprechpartner sucht.

1 Die Unterwasserpipelines Nord Stream 1 und 2 bestehen je aus zwei Rohren mit einem Durchmesser von 1,20 Metern. Nord Stream 1 transportierte ab 2012 pro Jahr bis zu 60 Milliarden Kubikmeter Erdgas, im Jahr 2021 entsprach das etwa der Hälfte des deutschen Bedarfs. Nord Stream 2 sollte die Kapazitäten verdoppeln.

2 Zur wahrscheinlichen Mithilfe von Akteuren in Washington, London und Warschau siehe: Morgane Fert Malka, „Mes instructions viennent de plus haut. La vérité sur l’explosion de Nord Stream“, Paris (Stock) 2025 sowie Fabian Scheidler, „Der Fall Nord Stream. Wer hat die Pipelines in der Ostsee gesprengt?“ LMd, Oktober 2024.

3 2019 stimmte Dänemark dem Projekt zu, weil die Pipeline weiter südlich, aber noch innerhalb der dänischen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) verlegt wurde.

4 Christopher M. Matthews, „A Miami Financier Is Quietly Trying to Buy Nord Stream 2 Gas Pipeline“, The Wall Street Journal, New York, 21. November 2024.

5 Siehe Keith Gessen, „Als der Oligarch die Regel brach. Chodorkowski, Putin und der Fall Yukos“, LMd, April 2010.

6 Siehe Morgane Fert Malka, „L‘or suisse de Nord Stream. Les faux espoirs de Gazprom“, 24. Januar 2025, intelligenceonline.fr.

7 Siehe Ingo Malcher, „Dieser Mann will Nord Stream kaufen“, Die Zeit, 24. Mai 2025.

Aus dem Französischen von Andreas G. Förster

Matt Bernardini und Morgane Fert Malka sind Journalist:innen.

Le Monde diplomatique vom 12.02.2026, von Matt Bernardini und Morgane Fert Malka