Gestern und heute in Maracaibo
Fast drei Millionen Venezolaner:innen sind aufgrund der katastrophalen sozioökonomischen Lage im Land nach Kolumbien geflohen. Doch lange Zeit war es umgekehrt: Kolumbianer:innen migrierten nach Venezuela, vor allem wegen des dortigen Ölreichtums. Eine Reise durch die Grenzregion.
von Hernando Calvo Ospina

Von der venezolanischen Seite der 315 Meter langen Simón-Bolívar-Brücke sieht man hinüber bis nach Kolumbien. Etliche meiner Freunde aus Kindertagen haben zu Beginn der 1970er Jahre diesen wichtigsten Grenzübergang Richtung Venezuela passiert, um ein neues Leben zu beginnen. Viele unserer kolumbianischen Landsleute vor und nach ihnen taten das. Ich stelle mir vor, wie sich ihre Familien damals gefühlt haben müssen, wenn sie, schwer beladen und von einer stundenlangen Busfahrt erschöpft, San Antonio del Táchira erreichten, die erste Stadt dieses gelobten Landes auf der anderen Seite der Brücke.
Ich sehe ihre Gesichter wieder vor mir, Teresa, Walter, David, Mercedes und Ligia, am Vorabend ihrer Abreise. In den Tagen zuvor hatten sie drei Namen erwähnt, die ich damals zum ersten Mal hörte: Venezuela, San Cristóbal und Maracaibo. Auf einer Landkarte sah ich, dass Venezuela von unserer Heimatstadt Cali aus am entgegengesetzten Ende von Kolumbien lag. Ihre Eltern gingen mit ihnen dorthin, in der Hoffnung, der Armut zu entfliehen.
Ich erinnere mich, dass auch andere Freunde und Nachbarn diesen Weg einschlugen, aus demselben Grund, während meine Eltern diese Möglichkeit offenbar nie in Betracht zogen. Ich hätte nie gedacht, dass so viele Familien meiner Schulkameraden sich für ein Leben in einem anderen Land entscheiden würden, denn die meisten gehörten zur Mittelschicht.
Ab den 1950er Jahren zogen viele kolumbianische Familien nach Venezuela; in den 1990er Jahren hatte ihre Zahl fast 4 Millionen erreicht, die Gesamtbevölkerung Venezuelas lag 1995 bei 22 Millionen. Die allermeisten kamen illegal und blieben illegal. Sie flohen vor der Armut und der anhaltenden Gewalt des Militärs und der ihm nahestehenden paramilitärischen Gruppen. Das vorrangige Ziel dieses heimlichen Massenexodus waren die venezolanischen Grenzstaaten Táchira und Zulia.
In den 2000er Jahren war ich das erste Mal zu Besuch in San Cristóbal, der Hauptstadt des Bundesstaates Táchira, rund 20 Kilometer hinter der Grenze. Klänge von Cumbia und Vallenato erfüllten die Straßen bis zur Plaza Bolívar im Zentrum der Stadt. Überall hörte man den Zungenschlag der verschiedenen Regionen Kolumbiens, und wenigstens zwei Stadtviertel waren fest in kolumbianischer Hand.
Bei meiner letzten Reise führte mich der Weg von San Cristóbal nach Maracaibo, der Hauptstadt des Bundesstaates Zulia. Die Fahrt mit dem Sammeltaxi dauerte sieben Stunden. Maracaibo ist eine glühend heiße Stadt, in der es manchmal nach Erdöl riecht. Sie liegt ganz im Nordwesten des Landes, am westlichen Ufer des gleichnamigen Sees, der mit seinen 13 300 Quadratkilometern der größte See Südamerikas ist; eine Meerenge verbindet ihn mit dem Golf von Venezuela, der sich zum Karibischen Meer öffnet.
„Die kolumbianische Einwanderung hat vor allem mit dem venezolanischen Erdöl zu tun“, sagt Mery Castro. Wir sitzen in einem auf Eiseskälte klimatisierten Restaurant. Wir haben einmal dieselbe Schule besucht, zwei Jahre lang, dann ist sie mit ihren Eltern ausgewandert, „in dieses Venezuela, das mich zu einer Erdölingenieurin ausgebildet hat“.
Ihr Mann Danibal kam als Sohn kolumbianischer Eltern in Venezuela zur Welt, in Cabimas auf der Ostseite des Sees. Sein Vater gehörte zu den vielen tausend Migranten, die 1962 die General-Rafael-Urdaneta-Brücke gebaut haben, die erste und mit 8,7 Kilometern seinerzeit längste Schrägseilbrücke der Welt. Sie führt über den See und verbindet die Stadt Maracaibo mit den übrigen Landesteilen.
Maracaibo und die Region stehen praktisch synonym für Erdöl. Schon die spanischen Invasoren hatten es einst aus dem Boden treten sehen, doch erst Jahrhunderte später wurde das Interesse erneut auf dieses Gebiet gelenkt: Im Mai 1875 ließ ein Erdbeben südlich der Stadt San Cristóbal große Mengen des schwarzen Goldes aus den Rissen im Boden hervorschießen. Die Eigentümer der Hacienda „La Alquitrana“ begannen mit seiner Ausbeutung im kleinen Stil und gründeten dazu die Compañia petrolera del Táchira, die erste ihrer Art in Venezuela.
Dann trat mit der Caribbean Petroleum Company eine Tochterfirma der holländisch-britischen Royal Dutch Shell auf den Plan, die ihre Aktivitäten auf die Umgebung des Sees konzentrierte. „1914“, fährt Mery Castro in ihrer Erzählung fort, „begann die Caribbean ein paar Kilometer vom Ostufer des Sees entfernt die Ölquelle Zumaque I zu erschließen, die sich dann zum ersten bedeutenden Ölfeld Venezuelas entwickelt hat: Mene Grande.“
Wegen der enormen Fördermengen begann Caribbean Petroleum drei Jahre darauf mit dem Bau einer Raffinerie im nahegelegenen San Lorenzo, um in die kommerzielle Ölproduktion vor Ort einzusteigen. Es war die damals modernste Raffinerie in ganz Lateinamerika. Die Ölquelle war so ergiebig, dass 1918 auf der benachbarten Insel Curaçao, damals holländische Kolonie, eine weitere Raffinerie in Betrieb genommen wurde.
Mery und Danibal nehmen mich mit in ein Dorf, und dort erzählt mir Danibal im Schatten eines Mangobaums eine Geschichte, die er einst in der Schule gehört hat: Am Morgen des 14. Dezember 1922 hörten die Bewohner von Cabimas am östlichen Ufer des Sees eine Explosion. Die Erde bebte. In Panik liefen alle aus ihren Häusern und stellten fest, dass es regnete. Aber nicht Wasser, sondern Erdöl. Die Lagerstätte Barroso II, wo die Ölfirma gerade zu bohren begonnen hatte, spuckte Erdöl bis in 50 Meter Höhe und überschwemmte die Straßen.
Nach zehn Tagen baten die verstörten Arbeiter und Bewohner den Pfarrer um Erlaubnis, zum heiligen Benedikt beten zu dürfen, er möge der höllischen Sintflut Einhalt gebieten. Ungeachtet des schwarzen Regens zogen sie mit ihren afrikanischen Chimbanguele-Trommeln durch die Straßen. Kurz darauf hörte der Regen auf. Etwa eine Million Barrel war über einem 750 Hektar großen Gebiet niedergegangen. Das Ereignis wurde als el reventón (der Ausbruch) bekannt. Seither ist der heilige Benedikt der Schutzpatron der Erdölarbeiter und vieler Kolumbianer.
„Die Nachricht vom Reventón ging um die Welt und veränderte den Lauf der venezolanischen Geschichte nachhaltig, sie bewies ja, dass im Maracaibo-Becken riesige Erdölvorkommen lagerten. Die ausländischen Ölfirmen verloren keine Zeit“, erzählt Mery. Die Standard Oil der Familie Rockefeller war eine der ersten, die der Caribbean vor Ort Konkurrenz machten.
„Auf diese Weise flossen gigantische Investitionen aus den USA nach Venezuela, nicht nur auf dem Gebiet der Erdölindustrie“, unterstreicht der Wirtschaftswissenschaftler und Energieexperte Carlos Mendoza Potellá. „Um 1930 hatten die Ölkonzerne Venezuela auf Platz zwei der weltweit größten Ölförderländer katapultiert.“ 1931 wurde es allerdings von der Sowjetunion überholt.
Der Anstieg der Erdölpreise Anfang der 1970er Jahre führt zum größten Ölboom in der Geschichte des Landes. Die Zahl kolumbianischer Immigranten überstieg erstmals die Millionengrenze. Galo Pérez, emeritierter Professor der staatlichen Universität von Zulia, kam als Kind nach Cabimas. „Wir Kolumbianer siedelten nicht nur in den Gebieten rund um den See, sondern waren auch sonst an der Entwicklung von Wirtschaft und Industrie beteiligt. Als gute Arbeiter waren wir willkommen.“
Amanda Rojas war zehn, als ihre Familie Cartagena an der kolumbianischen Karibikküste verließ, um sich in Maracaibo niederzulassen. Ihrer Mutter gelang es, mit dem Lohn als Hausangestellte ihrer Tochter ein Universitätsstudium zu finanzieren, das ihr eine Laufbahn als Ökonomin eröffnet hat. „In Kolumbien“, sagt sie, „wäre das kaum möglich gewesen.“
Gegen Ende der 1970er Jahre begann das Ansehen der Kolumbianer in der venezolanischen Öffentlichkeit zu sinken: „In der Presse“, erzählt Rojas, „las man ständig, an der wachsenden Kriminalität seien die Kolumbianer schuld. Und leider bestanden die schlimmsten Verbrecherbanden tatsächlich überwiegend aus unseren Landsleuten.“
Deshalb machte die Polizei den Kolumbianern das Leben schwer, insbesondere in Caracas und San Cristóbal. Es gab Razzien in Diskotheken und Kinos, man verhaftete Kolumbianer und nahm ihnen Wertgegenstände ab. „Arbeitgeber und Grundbesitzer – und deren Verwalter – schreckten nicht davor zurück, ihre illegalen Arbeiter zu denunzieren, um sie nicht bezahlen zu müssen.“
Später nimmt Amanda Rojas mich mit zu Rosa Epiayu, die sie mir als „Landsfrau“ vorstellt. Was diese aber sehr bestimmt richtigstellt: „Zuallererst bin ich Wayuu.“ Sie stammt aus Pejenech, einem kleinen Ort in Kolumbien nahe der Grenze. In den vergangenen 30 Jahren habe sich die Situation dort nicht verbessert. „Im Gegenteil, unser Dorf verliert immer mehr Einwohner.“
Die Wayuu oder Guajiro sind eines der größten indigenen Völker Südamerikas. Mit knapp 380 000 Angehörigen in Kolumbien (Stand 2018) und 410 000 in Venezuela (Census von 2011) sind sie in beiden Ländern die größte indigene Gemeinschaft. Ihr Gebiet erstreckt sich auf kolumbianischer Seite über 16 000 Quadratkilometer und entspricht mehr oder weniger dem Verwaltungsbezirk La Guajira, der seinen Namen von der gleichnamigen wüstenartigen Halbinsel hat. Im venezolanischen Bundesstaat Zulia verteilen sie sich über ungefähr 24 000 Quadratkilometer.
Für sie hat die Grenze nie existiert, nicht 1777, als das Generalkapitanat Venezuela gegründet wurde, und auch nicht 1891, als die spanische Regentin María Cristina per Schiedsspruch die Grenzen zwischen beiden Ländern festlegte. Erst 1991 wurde in der kolumbianischen Verfassung das Recht der Wayuu und anderer indigener Gruppen auf territoriale Autonomie als Ziel formuliert. Venezuela schrieb 1999 das „Recht auf Territorium“ in seiner Verfassung fest.
Rosa Epiayu ging nach ihrem Schulabschluss nach Riohacha, der Hauptstadt von La Guajira. Von ihren Eltern hatte sie Geld bekommen, um an der dortigen Universität zu studieren. Nach einem Tag gab sie den Plan auf: „Eine Frau sagte zu mir, hier sei kein Platz für dreckige, ungebildete Indios.“ Die Wut schwingt noch immer in ihren Worten mit und sprüht aus ihren Augen.
„Meine Mutter beschloss, nach Maracaibo zu gehen, damit mein Bruder und ich studieren konnten. Diesmal achtete ich darauf, Rock und Bluse zu tragen, um nicht wie eine Wayuu auszusehen.“ In Venezuela macht sie einen Abschluss als Krankenpflegerin. Ihre Stimme klingt bitter, als sie sagt, dass auch heute noch „von 100 jungen Wayuu, die Abitur machen, nur 5 Prozent anschließend eine Universität besuchen“.

Als es im Dezember 1922 Erdöl regnete
Trotz der anerkannten Rechte der Wayuu in Kolumbien wurde ihr Territorium zu großen Teilen für die Kohleförderung vereinnahmt. 1975 schloss die staatliche Carbocol ein Abkommen mit einer Tochterfirma von ExxonMobil zur Ausbeutung von El Cerrejón, einer Tagebaumine, die zu den größten der Welt zählt und sich über 70 000 Hektar erstreckt. Im Jahr 2000 wurde die Mine vollständig privatisiert. Seit 2022 ist sie komplett im Besitz des Schweizer Glencore-Konzerns. Eine eigene Bahnlinie verbindet sie mit Puerto Bolívar, dem größten Kohleterminal des Landes.
Ariché Fince, eine Wayuu aus Venezuela, hat Kommunikationswissenschaften studiert. Heute arbeitet sie wie ihr Mann José González, ein Wayuu aus Kolumbien, als Händlerin. Sie leben in Guarero, einem kleinen Ort auf der venezolanischen Seite der Grenze. Über ihre Heimat La Guajira erzählt sie, dass dort die Region trotz ihres immensen Reichtums an Ressourcen die höchste Armutsrate aufweise. Fast 70 Prozent der dortigen Bevölkerung sind arm. Auch die Kindersterblichkeit ist dort am höchsten. Zwischen 2008 und 2013 starben nach offiziellen Zahlen 3000 Minderjährige an Unterernährung.
Insgesamt starben 14 000 Indigene zwischen 2000 und 2015 an Durst und Entkräftung, die meisten davon Kinder und alte Menschen. 2022 verursachte Wassermangel in der Region den Tod von 85 Kindern unter fünf Jahren, 41 mehr als im Jahr zuvor. „Unsere Brüder und Schwestern leiden permanenten Durst“, sagt Ariché Fince zornig. „Sie vernichten uns im Stillen, mit Staat und Presse als Komplizen: Flüsse wurden privatisiert und umgeleitet, um Wasser für Minen und landwirtschaftliche Monokulturen bereitzustellen.“ Das bedeutete das Ende für die wenigen, zudem von Umwelteinflüssen belasteten Anbauflächen, die den Wayuu noch geblieben waren.1 Obendrein wurden auf vielen Kilometern Windkraftanlagen errichtet, womit die Wayuu noch weiter aus ihrem Territorium verdrängt wurden.
Luis Caldera ist Bürgermeister in Santa Cruz de Mara, einem nördlichen Vorort von Maracaibo. Er erzählt uns, dass sich die Wayuu in Venezuela vor dem Amtsantritt von Hugo Chavez 1999 in einer ähnlich katastrophalen Lage befunden hätten. „Wir lebten am gesellschaftlichen Rand, der Grad an Unterernährung und Analphabetismus war enorm hoch, wenn auch nicht so schlimm wie bei unseren Brüdern und Schwestern in Kolumbien.“
Wir fahren nach Norden in Richtung der kolumbianischen Grenze und passieren Kolonnen von vollgepackten uralten Autos und Kleinlastern. Wir überqueren den Fluss Limón, die Schlaglochdichte nimmt deutlich zu. In den Dörfern entlang der Landstraße wird überall Benzin in 5-Liter-Kanistern verkauft. „Es sind vor allem Kolumbianer, die herkommen“, erklärt uns ein junger Tankwart, „das Benzin ist hier 200-mal billiger.“ Er übertreibt nur ein wenig.
Auch Ziegenfleisch, getrockneten Fisch, Früchte und Wasser in Plastikbeuteln gibt es am Straßenrand zu kaufen. Und überall hört man kolumbianische Musik. In jedem Dorf werden die Autos abwechselnd von Beamten des Zolls, der Polizei und des Grenzschutzes angehalten. Jeder Fahrer streckt einen Arm aus dem Fenster und tut, als würde er grüßen, tatsächlich hält er ein paar Scheine in der Hand.
Hinter der Ortschaft Paraguaipoa gabelt sich die Straße. Die eine Abzweigung führt etwa 100 Kilometer entlang der Grenze auf venezolanischer Seite bis hinauf zu den Stränden von Castilletes am Golf von Venezuela. Nimmt man die andere Straße, ist man nach 20 Kilometern an der kolumbianischen Grenze. Paraguachón ist der einzige Übergang im Bundesstaat Zulia. Zusammen mit denen im Bundesstaat Táchira werden hier die allermeisten der Menschen abgefertigt, die zwischen Venezuela und Kolumbien unterwegs sind.
Hier an la raya (der Linie) sollte im Februar 2019 die Invasion beginnen, wie uns der venezolanische Historiker Juan Romero erzählt. „Die kolumbianischen Militärs und die Soldaten des Southcom (Southern Command der U. S. Army)samt der mit ihnen verbündeten Paramilitärs standen ein paar Kilometer von hier bereit.“ Im Januar 2019 hatte sich die Lage an der Grenze zugespitzt, nachdem sich der venezolanische Oppositionspolitiker Juan Guaidó selbst zum Interimspräsidenten erklärt hatte.
Ein US-Konvoi mit Hilfslieferungen sollte damals ins Land gebracht werden, gegen den Willen der Regierung Maduro, woraufhin das venezolanische Militär anfing, die Grenzübergänge zu blockieren. Im Juni 2019 wurde die Grenze dann teilweise wieder geöffnet, im September 2019 hielt das venezolanische Militär ein Manöver mit 150 000 Soldaten in Grenznähe ab. Auch damals sprach Donald Trump, ähnlich wie heute, über einen möglichen erzwungenen Regimewechsel in Caracas.2
Wir kehren zurück zu José González und Ariché Fince in Guarero. Im vorderen Teil ihres Hauses befindet sich der Laden, der wie fast alle hier durch ein Rollgitter gegen Einbruch geschützt ist. Etwa 95 Prozent ihrer Waren stammen aus Kolumbien: Getränke, Alkohol, Zigaretten, Lebensmittel und sogar das Wasser. Sie nennen sich Händler, andere bezeichnen sie als Schmuggler. Vielleicht sind sie beides. Immerhin besitzen sie eine offizielle Händlerlizenz, obgleich ein Gutteil der Waren bei der Einfuhr nach Venezuela nicht versteuert wird.
José macht seine Einkäufe im 15 Kilometer entfernten Maicao, einer traditionell mit allerlei Schmuggelgeschäften verbundenen Stadt auf der kolumbianischen Seite. Auf dem Rückweg aber passiert er nicht den offiziellen Grenzübergang: Um mit seinem Lastwagen dem venezolanischen Zoll und den Polizeikontrollen auszuweichen, nimmt er trochas, kleine unbefestigte Schleichwege, die genau solchen Zwecken dienen.
Man sieht hier viele alte, mit Waren aus Maicao hoch beladene Fahrzeuge von der Hauptstraße abbiegen, solche wie der Laster von José. Sie setzen die Fahrt auf unbefestigten Pisten fort, die sich bald in staubige, heiße Pfade unter Mesquitebäumen verwandeln. Unerfahrenen kann die halbstündige Fahrt endlos erscheinen, denn man weiß nie, was einen hinter der nächsten Biegung erwartet.
Manchmal zwingt ein quer über den Weg gespanntes Seil das Auto zum Halten, und zwei oder drei Leute verlangen Geld, nicht viel, bevor sie einen weiterfahren lassen. Um Eindruck zu machen, tragen sie Stöcke, Steine oder Macheten. Ausweispapiere interessieren hier niemanden. Vor Josés Wagen senkt sich das Seil, sobald man ihn erkennt; mit Leuten wie ihm ist schon alles geregelt. Nicht selten sind Wayuu-Frauen in Begleitung von Halbwüchsigen bei diesen Straßensperren aktiv. Wenn man wieder auf die Landstraße einbiegt, ist man schon in Venezuela, kurz vor Guarero.
Laut dem letzten Zensus von 2011 lebten 720 000 Kolumbianer:innen in Venezuela: 200 000 im Bundesstaat Zulia, 140 000 in Táchira und 55 000 im Hauptstadtdistrikt Caracas. Juan Carlos Tanus, Vorsitzender des Vereins Colombianos en Venezuela und 2004 nach Venezuela geflüchtet, nachdem er einem Mordanschlag von kolumbianischen Paramilitärs entgangen war, sagt jedoch, dass sich die Behörden bei den genauen Zahlen uneinig sind.
Aufgrund des zunehmend autoritären Kurses der Regierung Maduro und der katastrophalen wirtschaftlichen Lage in Venezuela verläuft die Migration seit 2015 und insbesondere seit 2017 vor allem in umgekehrter Richtung. Laut UNHCR haben insgesamt fast 7,9 Millionen Venezolaner:innen das Land verlassen, das ist ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Kolumbien hat mit 2,9 Millionen die meisten von ihnen aufgenommen.3
2021 legte die kolumbianische Regierung ein Programm auf, das es Venezolaner:innen ermöglichte, einen vorübergehenden Schutzstatus zu erhalten, der ihnen Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildung und zum Gesundheitssystem verschaffte. Die rechtsgerichtete Regierung von Iván Duque (2018–2022) tat dies durchaus mit politischem Kalkül und aufgrund einer starken Abneigung gegen das venezolanische Regime; vielen Venezolaner:innen half es trotzdem, sich in Kolumbien ein Leben aufzubauen. Gustavo Petro, der 2022 als erster linker Präsident in Kolumbien an die Macht gelangte, war hingegen daran gelegen, die Spannungen mit Venezuela abzubauen, weshalb er die Unterstützung für Migrationsprogramme kürzte.
In der Grenzregion selbst gab es nach dem jahrelangen Zerwürfnis wieder Raum für einen Dialog mit Caracas. Der US-Angriff auf Venezuela und die Entführung Nicolás Maduros am 3. Januar (siehe die Beiträge von Christophe Ventura auf Seite 1 ff. und von Xabier Coscojuela auf Seite 9) haben den Druck auf die Grenze jedoch augenblicklich wieder erhöht. Der Grenzverkehr verlief zwar zunächst ungestört weiter, aber Kolumbien verstärkte seine Militärpräsenz, in Vorbereitung auf einen potenziellen „massiven Zustrom von Flüchtlingen“.
Konkrete politische Schritte, die Antworten auf die prekäre Lebenswirklichkeit der Menschen in der Grenzregion bereithalten, rücken unter diesen Bedingungen wieder in den Hintergrund.
2 Alexander Main, „Trumps Taskforce gegen Maduro“, LMd, Juli 2019.
Aus dem Spanischen und Französischen von Christian Hansen
Hernando Calvo Ospina ist Journalist.


