Sudan – Leid und Profit
von Arnaud Julien-Thomas

Seit dem 15. April 2023 tobt in Sudan ein Bürgerkrieg, dem inzwischen schätzungsweise mehr als 150 000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Bis Mitte 2025 wurde mit rund 14,3 Millionen Menschen fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung in die Flucht getrieben – innerhalb des Landes sowie in die Nachbarländer. Und von der durch die Kämpfe verursachten Hungersnot waren zeitweise mehr als 25 Millionen Menschen betroffen.
Das riesige ostafrikanische Land droht zu zerfallen durch den tödlichen Machtkampf zwischen den beiden Hauptakteuren des Konflikts: den Sudanese Armed Forces (SAF) unter dem Befehl des De-facto-Staatschefs Abdel Fattah al-Burhan, und der paramilitärischen RSF (Rapid Support Forces), die von Mohammed Hamdan Daglo, genannt Hametti (im sudanesischen Arabisch „mein Beschützer“), angeführt wird.
Die beiden Männer waren jedoch nicht immer verfeindet: Sie stürzten im April 2019, damals noch unter dem Beifall der Bevölkerung, nicht nur gemeinsam Langzeitdiktator Omar al-Bashir – nach viermonatigen landesweiten Demonstrationen, an denen sich mit 60 bis 70 Prozent überproportional viele Frauen beteiligt hatten.1 Al-Burhan und Daglo putschten am 25. Oktober 2021 auch gegen die folgende zivile Regierung und beendeten damit den demokratischen Übergangsprozess in Sudan.

Al-Burhan, Chef der regulären Armee, machte sich selbst zum Führer einer Militärjunta, an der auch Daglo beteiligt war und mit der die systematische Verfolgung von Vertretern der Demokratiebewegung begann. Das Bündnis der beiden Putschisten hielt allerdings nur anderthalb Jahre. In dieser Zeit bereiteten sich beide Lager auf die unvermeidliche Konfrontation vor.2
Ungeachtet einiger Vermittlungsinitiativen scheint keine der beiden Seiten zu einem dauerhaften Waffenstillstand bereit zu sein. Derzeit kontrollieren al-Burhans Truppen den Norden, die Mitte und den Osten des Landes, während die RSF nach verstärkten Offensiven gegen die gegnerischen Stellungen den Westen und Teile des Südens unter ihre Kontrolle gebracht haben.
Am 26. Oktober 2025 fiel al-Fashir, die Hauptstadt der Region Nord-Darfur, nach 18 Monaten Belagerung in die Hände der RSF. Grauenerregende Bilder von Massakern, Folter und Hinrichtungen von Zivilisten tauchten in sozialen Netzwerken auf und gingen um die Welt. Der UN-Nothilfekoordinator Thomas Fletcher bezeichnete Darfur nach einem zehntägigen Aufenthalt im November als das neue „globale Epizentrum menschlichen Leids“.3
„Al-Fashir ist nach den Aussagen von Zeugen, die mit mir gesprochen haben, ein Schauplatz des Verbrechens“, sagte Fletcher in einer Videokonferenz, in der er von ethnisch motivierten Hinrichtungen, Massenvergewaltigungen, Entführungen und verschwundenen Kindern berichtete. All diese Gräueltaten wurden von UN-Vertretern vor Ort dokumentiert und Anfang November von Experten der Yale University anhand von Satellitenbildanalysen bestätigt.
Am 24. November, kurz nachdem die SAF einen Waffenstillstandsvorschlag der Sudan-Quad-Initiative4 , an der die USA, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Ägypten und Saudi-Arabien beteiligt sind, abgelehnt hatten, kündigten die RSF einen einseitigen humanitären Waffenstillstand von drei Monaten an.
Aber noch am selben Tag starteten Hamettis Kämpfer ihren zweiten Angriff auf die Stadt Babanusa in der Region West-Kordofan. Am 2. Dezember nahmen sie diesen strategisch wichtigen Eisenbahnknotenpunkt ein. Auch hier kam es zu zahlreichen Übergriffen und Massakern an Zivilisten, woraufhin der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) eine Untersuchung gegen die RSF einleitete wegen des Verdachts auf „Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.5
Während der Eroberung von al-Fashir machten die RSF keinen Hehl aus ihrer Absicht, möglichst viele der rund 300 000 in der Stadt verbliebenen Zivilisten zu töten, denen sie pauschal Kollaboration mit dem Feind vorwarfen. Mit der Absicht, Angst und Schrecken unter den Bewohnern anderer belagerter Gebiete sowie in den Reihen der SAF zu verbreiten, veröffentlichten sie extrem brutale Videos von Folter und Hinrichtungen.
Dieses Vorgehen erinnert an die mediale Panikstrategie der Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Die hatte mit ihrem „Dschihad 2.0“ und den dazugehörigen Horrorbildern einst die Truppen der irakischen Armee in Angst und Schrecken versetzt. Der Rückzug der Soldaten erlaubte es dem IS, die Stadt Mossul 2014 nahezu kampflos einzunehmen.
In Sudan streben die RSF die Kontrolle über das gesamte Land an, ihre Kampfstrategie ist nicht auf die Einnahme bestimmter Regionen beschränkt. Während sich die Aufmerksamkeit der Medien noch auf Darfur konzentriert, wird die nächste große Schlacht wahrscheinlich um die Stadt al-Obeid geführt werden. Jedenfalls intensivieren sich bereits die Kämpfe im Norden und Westen Kordofans.
Auch die SAF werden sich nur mit einem vollständigen Sieg zufriedengeben. Dabei gehen sie nicht minder brutal gegen die Zivilbevölkerung vor, wie eine Langzeitrecherche der journalistischen NGO Lighthouse und CNN dokumentiert hat.6 Keine der beiden Konfliktparteien ist bereit, die Macht an eine zivile Übergangsregierung oder an eine Regierung der nationalen Einheit abzugeben.
Die Ursachen des sudanesischen Dramas liegen im islamistischen Regime unter Omar al-Bashir, der seit April 2019 in einem Khartumer Gefängnis sitzt. Die frühere zivile Regierung hatte 2020 noch erklärt, sie werde ihn an den Internationalen Strafgerichtshof ausliefern, wo ihm wegen Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in Darfur der Prozess gemacht werden soll. Das ist bis heute nicht geschehen. Die Initiatoren der friedlichen Revolution von 2018/19 wollten sich vom politischen Erbe der Al-Baschir-Partei National Congress Party (NCP) emanzipieren.7 Doch sie unterschätzten die Ambitionen von al-Burhan und Hametti.
Al-Burhan, der selbst aus der NCP kommt, arbeitete unermüdlich daran, die islamistisch-regimetreuen Kräfte („Kezan“) zu reaktivieren, um innerhalb des neuen politisch-militärischen Kräfteverhältnisses nach dem Putsch von 2021 die Oberhand über Hametti zu behalten. Am 18. April 2022 verkündete al-Burhan die Gründung einer breiten Allianz verschiedener islamistischer Gruppen, die Broad Islamic Current (BIC). Etwa zur gleichen Zeit wurden 13 ehemalige NCP-Kader freigesprochen, die wegen mehrerer schwerwiegender Vergehen angeklagt waren: Verstoß gegen die verfassungsmäßige Ordnung, Terrorismus-Finanzierung und ein Mordversuch an dem ehemaligen Übergangspremier Abdalla Hamdok im März 2020.
Mit dieser Strategie gelang es al-Burhan, auf der einen Seite die Kräfte zu zermürben, die eine Wiederbelebung des demokratischen Übergangsprozesses verlangten, und auf der anderen Seite Hametti nach und nach von der Macht zu verdrängen. In den knapp zwei Jahren des gemeinsamen Regierens versuchte General al-Burhan die rund 100 000 RSF-Kämpfer in die reguläre Armee zu integrieren, um sie besser kontrollieren zu können. Aus Sorge, Mitstreiter zu verlieren und bald ganz allein dazustehen, entzog ihm Hametti seine Truppen und verlegte sie in andere Landesteile. Nach diesem Manöver war die direkte Konfrontation zwischen al-Burhans Armee und Hamettis RSF nur noch eine Frage der Zeit.
Seit dem 15. April 2023 und dem offenen Ausbruch der Kämpfe präsentieren sich Hamettis Miliz und deren Verbündete als Bollwerk gegen die Machtübernahme der „Kezan“ und der SAF, die angeblich als deren bewaffneter Arm fungieren. Das in den sozialen Netzwerken vielfach aufgegriffene Narrativ ermöglichte es den RSF, zumindest einen Teil der vom alten Regime marginalisierten Bevölkerung für sich zu gewinnen. Und, wichtiger noch, es garantiert ihnen die Unterstützung der VAE, insbesondere Abu Dhabis, dessen Herrscher Mohamed bin Zayed ein entschiedener Gegner des Islamismus und der Muslimbruderschaft ist.
Die Verbindung zwischen den RSF und den Emiraten ist grundlegend für das Verständnis der aktuellen Lage in Sudan. Ohne die massive Unterstützung durch Abu Dhabi könnte Hametti seinen Kampf gegen die SAF vermutlich nicht fortsetzen. Die guten Beziehungen reichen bis ins Jahr 2015 zurück, als Hametti seine Truppen in den Jemen schickte, um die VAE gegen die Huthis zu unterstützen. Laut einem unserer Gesprächspartner galt der sudanesische General in Abu Dhabi damals als eine Art Allzweckwaffe, um den Einfluss der Emirate in Ostafrika auszuweiten: „Abu Dhabi sah in ihm auch den idealen Vermittler gegenüber Russland, das in Port Sudan einen Marinestützpunkt errichten wollte, der an ein emiratisches Seefrachtterminal angebunden werden sollte.“
Nach Kriegsausbruch lag Port Sudan dann aber im Einflussgebiet der SAF und al-Burhan machte sie zu seiner provisorischen Hauptstadt. Er war zwar mit dem russischen Stützpunkt-Projekt einverstanden, jedoch ohne Beteiligung der Emirate – zumindest bis auf Weiteres.8 Allerdings hat Hametti noch andere Pfeile im Köcher, die ihn für bin Zayed interessant machen. Zu Beginn seiner Karriere exportierte er Kamele in die Golfstaaten und finanzierte mit den Einnahmen Anfang der 2000er Jahre die Gründung der regimenahen Dschandschawid-Miliz (Vorgänger der RSF). Wegen deren Gräueltaten erhielt ihr Anführer den Beinamen „Schlächter von Darfur“. Weil er die Goldminen in Darfur kontrollierte – insbesondere jene im Besitz seines Familienunternehmens Algunade –, war Hametti auch weitgehend unabhängig von Diktator al-Bashir. Das geförderte Gold ging größtenteils nach Abu Dhabi und Dubai. Auf diese Weise finanziert Hametti bis heute seinen Krieg und beschafft sich über die VAE Ausrüstung und Söldner.
Die wachsende Bedeutung dieses Handels lässt sich daran ablesen, dass die Emirate 2024 laut der Außenhandelsdatenbank der Vereinten Nationen UN Comtrade 29 Tonnen Gold direkt aus Sudan importierten, 2023 waren es noch 17 Tonnen gewesen.9 Hinzu kommen große Mengen, die über den Umweg der Nachbarländer geliefert wurden: 27 Tonnen aus Ägypten, 18 Tonnen aus dem Tschad und 9 Tonnen aus Libyen. Vor allem über die beiden Letztgenannten wird das von der RSF kontrollierte Gold geschmuggelt. Mittlerweile wurden jedoch die Daten über den Handel zwischen Sudan und den VAE wieder von der Comtrade-Website entfernt.
Dass so viele regionale Mächte in diesem Bürgerkrieg mitmischen, hat also zweifellos mit Sudans reichen Goldvorkommen zu tun. So erhielten die SAF Waffen und Finanzmittel von der Türkei, Iran, Ägypten, Katar und Russland – das übrigens auch mit den RSF zusammenarbeitet. Die RSF wiederum werden neben den VAE als wichtigster Verbündeter auch von einigen den VAE nahestehenden Ländern unterstützt, darunter Kenia, Uganda und Äthiopien sowie vom Machthaber über Ostlibyen Chalifa Haftar.
Umgekehrt kann etwa Äthiopien im Machtkampf mit Ägypten um den großen äthiopischen Staudamm am Nil auf die Unterstützung durch Hametti zählen. Die Zahlen sprechen für sich: Seit der öffentlichen Bekanntgabe ihrer Unterstützung für die RSF kündigten sowohl Äthiopien als auch Kenia allein für das erste Quartal 2025 an, doppelt so viel Gold zu verarbeiten wie im gesamten Vorjahr.
Allerdings ist die Beziehung zwischen den RSF und Abu Dhabi nicht exklusiv. Al-Burhan beklagt zwar regelmäßig „die Parteilichkeit der ‚Quad‘“ und dass die Emirate in die Übergriffe der Hametti-Miliz involviert seien. Nur will man es sich mit der aufstrebenden Macht am Golf auch nicht verderben. So verkauft das Regime weiterhin Getreide und Vieh an die VAE und importiert umgekehrt in großem Umfang dort verarbeitete Produkte, um die Inflation einzudämmen und die Hungersnot zu bekämpfen.
Diese Abhängigkeit macht sich auch im sudanesischen Finanzsektor bemerkbar. Der war schon vor dem aktuellen Krieg stark unterentwickelt, vor allem aufgrund der US-Sanktionen, unter die seit 1997 die meisten Handels- und Finanztransaktionen mit Sudan fielen. Als die USA 2017 die Restriktionen zu lockern begannen, waren VAE-Banken längst im Land präsent und spielten eine Schlüsselrolle im Handel.
Trotz der Bemühungen seines Regimes, die Exportwirtschaft zu diversifizieren – beispielsweise durch die Errichtung von Goldraffinerien in Katar –, muss sich al-Burhan mit einer unangenehmen Tatsache abfinden: Auch bei den offiziellen Goldexporten, also von den Minen unter Kontrolle der Regierung in Khartum, ist der Sudan von den Emiraten abhängig. Diese arbeiten nämlich auch mit Goldraffinerien im Norden des Landes zusammen und unterstützen dort SAF-nahe Politiker.
Abu Dhabi ist somit ein doppelter Gewinner in diesem Krieg. Indem die VAE die RSF unterstützen und die Gegenseite zu Kompromissen nötigen, konnten sie entscheidenden Einfluss auf Sudan gewinnen. Auf geopolitischer Ebene stärken die Emirate dadurch ihre Position gegenüber Saudi-Arabien und Katar, ihren beiden Rivalen am Golf, sowie Ägypten. Ihre Verantwortung für die Eskalation des Bürgerkriegs ist in diplomatischen Kreisen und internationalen Institutionen jedoch nur selten Thema.
Die notorisch gespaltene Arabische Liga hütet sich davor, die fatale Rolle Abu Dhabis anzusprechen. Dagegen könnten die USA und die EU mehr Druck auf die Emirate ausüben, sich für den Schutz der gepeinigten Zivilbevölkerung einzusetzen. Bislang haben die USA aber nur Sanktionen gegen sieben private Unternehmen in den VAE verhängt, die direkt von den RSF kontrolliert werden. Es gibt allerdings Berichte, laut denen die RSF bereits weitere Unternehmen und Strukturen in den VAE geschaffen haben, um ihren Gold-gegen-Waffen-Handel fortzusetzen.10
Nach Bekanntwerden der Massaker in al-Fashir verurteilte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas am 20. November die Gräueltaten der RSF und kündigte Sanktionen an. Doch nur eine Woche später verabschiedete das EU-Parlament eine Resolution, in der es den verheerenden Bürgerkrieg in Sudan zwar ebenfalls verurteilte, ohne jedoch zu erwähnen, inwiefern auch die VAE dabei mitmischen. Dank der intensiven Lobbyarbeit Abu Dhabis werden die Emirate mit ihren Quad-Partnern in der Resolution stattdessen als wichtiger Teil der Friedensbemühungen bezeichnet.
Für den französischen Thinktank Observatoire de l’Europe ist der Fall klar: Priorität habe für Brüssel die Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen zu den VAE. Laut einem hochrangigen Vertreter der Emirate, der anonym bleiben wollte, schreiten die im Mai 2025 offiziell begonnenen Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen rasant voran.11
2 Siehe Gérard Prunier, „Sudan – vom Krieg zerrissen“, LMd, März 2024.
7 Siehe Hicham Alaoui, „Das große Nachbeben“, LMd, März 2020.
10 „The RSF’s business network in the UAE“, Oktober 2025, The Sentry, thesentry.org.
Aus dem Französischen von Nicola Liebert
Arnaud Julien-Thomas ist Journalist.


