Venezuela unter Feuer
Nach monatelangen Vorbereitungen und Überfällen auf Schiffe in der Karibik haben die USA ihre Drohungen wahr gemacht. Präsident Maduro sitzt in New York in Haft. Für die Venezolaner:innen ist die Zukunft nun ungewisser denn je.
von Xabier Coscojuela

Einen Satz hörte man in den vergangenen Monaten in Venezuela ständig: „Irgendwas wird passieren.“ Konkretes wagte niemand voraussagen. Präsident Trump verkündete nebulös, er habe eine Entscheidung zu Venezuela getroffen, ohne Genaueres mitzuteilen; zwei Tage später erklärte er sich offen für Gespräche mit Nicolás Maduro; tags darauf droht er erneut mit einer militärischen Intervention.
Am Samstag, den 3. Januar, begann dann auch der Tag in Caracas früher als gewöhnlich: Um 2 Uhr morgens zerstörten die Bomben der US-Luftwaffe venezolanische Militäranlagen und brachten die Fensterscheiben noch in einiger Entfernung zum Klirren. Präsident Maduro und seine Frau Cilia Flores wurden von einem US-Spezialkommando aus ihrem streng bewachten Aufenthaltsort in Caracas entführt, dabei wurden etwa 40 Wachleute getötet.
Bereits Ende August 2025 hatte Trump den Einsatz von Militär in der Karibik angekündigt, mit der Begründung, den Drogenschmuggel von Venezuela in die USA zu unterbinden. Der „Narcoterrorismus“ war die offizielle Begründung, aber gelegentlich brachte er den geplanten Militäreinsatz auch mit der politischen Lage in Venezuela in Verbindung. Maduro sei „nicht gut zu den Vereinigten Staaten gewesen“, beklagte sich Trump: Die venezolanische Regierung habe illegale Einwanderer in sein Land geschleust, darunter Mitglieder des Drogenkartells Tren de Aragua. „Ich liebe das venezolanische Volk“, tönte er, „aber was sie diesem Land angetan haben, ist inakzeptabel.”
Auch das Cartel de los Soles1 nahm der US-Präsident ins Visier: An dem kriminellen Netzwerk seien Regierungsmitglieder, hochrangige Beamte und Militärs beteiligt – und Maduro sei der Chef. Letzteres ist unbewiesen, während die Beteiligung von Teilen der Armee als belegt gilt.
Die NGO Transparencia Venezuela zitiert Berichte der Drug Enforcement Administration (DEA), wonach 24 Prozent der weltweiten Kokainproduktion über venezolanisches Gebiet transportiert werden. Allein 2024 seien Einnahmen von über 8 Milliarden Dollar generiert worden.2 Die Regierung in Caracas erklärte dazu, das Land sei kein Kokainproduzent wie Kolumbien, Peru oder Bolivien. Allerdings ist unstrittig, dass die Drogen nach Venezuela hinein- und wieder hinausgelangen. Wie viel genau, ist schwer zu schätzen.
Im Zuge seiner Offensive hatte Trump die Belohnung für Informationen, die zur Festnahme des „Narcoterroristen“ Maduros führen, im August auf 50 Millionen Dollar verdoppelt. Die Kartelle Tren de Aragua wie auch Cartel de los Soles erklärte er zu terroristischen Vereinigungen, was als juristische Absicherung für den direkten Angriff auf Venezuela gedacht war. María Corina Machado, die wichtigste Oppositionsführerin, erklärte daraufhin bereits, Maduros Tage seien gezählt.
Das Militäraufgebot der USA war jedoch sehr viel größer, als es für eine Antidrogenoperation nötig gewesen wäre. Im Rahmen der Operation „Southern Spear” waren 4000 Soldaten, die Hälfte davon Marines, in der Karibik stationiert worden, an Bord der Zerstörer „USS Gravely“, „USS Jason Dunham“ und „USS Sampson“. Dazu kamen die amphibischen Transportschiffe „USS Iwo Jima“, „USS San Antonio“ und „USS Fort Lauderdale“, der Raketenkreuzer „USS Lake Erie“ und das atomgetriebene U-Boot „USS Newport News“; Anfang November auch der größte Flugzeugträger der U.S. Navy, „USS Gerald R. Ford“.
Damit hatten die USA 15 Prozent ihrer Seestreitkräfte in diesem Gebiet zusammengezogen, erläuterte der Militärexperte Brett McGurk.3 Mit der „Iwo Jima“ wurden Maduro und Flores schließlich in die USA transportiert.
Vor dem großangelegten Angriff waren bis Jahresende 2025 bei 33 Angriffen auf angebliche Schmugglerboote mindestens 115 Menschen getötet worden. Der erste Angriff erfolgte am 2. September, als ein in Venezuela ausgelaufenes, angeblich mit Kokain beladenes Boot versenkt wurde.
Nachdem die venezolanische Regierung zunächst behauptet hatte, das Video des Angriffs sei von KI generiert, verurteilte sie später die Aktion und forderte die Achtung der Rechte der Bootsbesatzungen. Bemerkenswert ist, dass die allermeisten Opfer der Angriffe keine Hinterbliebenen zu haben scheinen, jedenfalls nicht in Venezuela.
Die Regierung Maduro signalisierte Gesprächsbereitschaft und lud ausgewählte Medienvertreter ein, die sich ein Bild von der Lage im Land machen sollten. So berichtete die New York Times im Oktober über „Angst und Hoffnung in Venezuela“. Maduro selbst äußerte sich in einem einstündigen Fernsehinterview mit dem Journalisten Ignacio Ramonet und unterbreitete den USA ein konkretes Gesprächsangebot. „Die US-Regierung weiß, dass wir bereit sind, wenn sie ernsthaft über ein Abkommen zur Bekämpfung des Drogenhandels sprechen will.“ Wenn es den USA um Öl gehe, sei Venezuela bereit für US-Investitionen, „wann, wo und wie sie es wollen“.4
Das Interview wurde in der Silvesternacht aufgezeichnet. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass die USA erstmals ein Ziel auf dem venezolanischen Festland angegriffen hatten.
Schon zuvor hatten sich der brasilianische Präsident Lula da Silva wie die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum als Vermittler:innen angeboten. Die US-Seite ging darauf nicht ein, von Oppositionsführerin Machado wurde Lulas Vorschlag explizit zurückgewiesen. Dabei gab es Stimmen mit moralischem Gewicht – etwa vom UN-Generalsekretär und vom „amerikanischen“ Papst –, die auf diplomatischem Wege deeskalieren wollten.
Auf die Bootsangriffe der USA reagieren Venezuelas Nachbarländer unterschiedlich. Der kolumbianische Präsident Gustavo Petro verurteilte sie als völkerrechtswidrig, worauf Trump die nächsten „Schmugglerboote“ direkt vor der kolumbianischen Pazifikküste versenkte und auch Petro zum Narcoterroristen erklärte. Lula ging nicht so weit wie Petro, doch er äußerte sich kritisch zur US-Militärpräsenz in der Karibik und verurteilte die Intervention in Venezuela ebenso wie Claudia Sheinbaum.
Trinidad und Tobago wie auch Guyana stellten sich dagegen auf die Seite der USA: Der vor der venezolanischen Küste gelegene Inselstaat vereinbarte gemeinsame Militärmanöver; Guyana, das einen ungelösten Grenzkonflikt mit Venezuela hat, empfing den Chef des Südkommandos der USA (Southcom) mit militärischen Ehren.
China, der größte Abnehmer venezolanischen Erdöls, verurteilte die Bootsattacken. Ebenso Russland. Noch im Juli hat eine Fabrik zur Herstellung von Munition für Kalaschnikow-Sturmgewehre, die offizielle Waffe der Nationalen Streitkräfte Venezuelas, den Betrieb aufgenommen – in der Nähe des Luftwaffenstützpunks in Maracay; auch dieser wurde am 3. Januar von der US-Luftwaffe bombardiert.

Aufruf zur Bürgerwehr blieb ohne Resonanz
Intern hatte Maduro die Armee in Alarmbereitschaft versetzt und die sogenannte Volksmacht mobilisiert, die aus Mitgliedern der Regierungspartei PSUV und lokalen Aktivisten besteht. Die Bürger waren aufgerufen worden, sich auf der Plaza Bolívar (von der es in jedem Dorf und jeder Stadt eine gibt) zu einer Militärübung einzufinden, um eine – notdürftige – Ausbildung an der Waffe zu erhalten. Der Aufruf blieb ohne große Resonanz.
Maduro hatte sich bemüht, militärische Stärke zu demonstrieren, indem er in manchen Regionen Panzer, Amphibienfahrzeuge oder Drohnen vorführen und sogar zwei F16-Kampfflugzeuge über US-Schiffe hinwegfliegen ließ. Er hatte erklärt, Venezuela verfüge über mehr als 5000 Flugabwehrraketen, mit denen ein Angriff abgewehrt werden könnte.
Ende August hatte Maduro als Antwort auf die ersten Drohungen der USA an die Rede von Präsident Cipriano Castro 1903 erinnert. Der hatte angesichts einer Seeblockade, mit der Großbritannien, Deutschland und Italien die Rückzahlung von Krediten erzwingen wollten, eine Generalamnestie verkündet. Maduros Verweis wurde von einigen als Aufruf zu einem breiten politischen Bündnis gegen Trump missverstanden.
Doch der Präsident richtete seine versöhnlichen Worte nur an die Parteien der Regierungskoalition und einige oppositionelle Parlamentarier, wie die zunehmende Repression im Innern zeigte: Nach Angaben der NGO Foro Penal lag die Zahl der politischen Verhaftungen im Oktober 2025 höher als seit langem.5
Auf der Straße, auf Märkten, in Parks, überall, wo Meinungen oder Informationen ausgetauscht werden, äußerten sich die Menschen nur hinter vorgehaltener Hand. Selbst Kommentare in sozialen Netzwerken galten als riskant. So wurde nach Auskunft des Innenministers Diosdado Cabello ein 72-jähriger Professor verhaftet. Der Grund: Er habe auf Whatsapp mitgeteilt, dass er die Standorte von Abschussrampen iranischer Raketen in Venezuela kenne.6
Bei Gesprächen in vertrauteren Runden verspürte man vor allem eines: Ungewissheit. Die allermeisten Menschen wussten, dass „etwas passieren wird”. Man konnte sich kaum vorstellen, dass die Vereinigten Staaten so viel Militär zusammenziehen, um lediglich ein paar Boote zu versenken.
Als Trump in seiner ersten Amtszeit die Möglichkeit einer Invasion andeutete, zeigten „Umfragen“ auf Twitter (heute X) eine mehrheitliche Unterstützung an. Dagegen ermittelten renommierte Meinungsforschungsinstitute lediglich eine Zustimmung von 15 Prozent der Befragten.
Als bei den Wahlen im Juli 2024 Edmundo González (laut den von der Opposition gesammelten Unterlagen) mehr als 60 Prozent der Stimmen erhielt, ging die Mehrheit der Venezolaner:innen von rechtlich sauberen Wahlen aus. Dann aber erklärte sich Maduro zum Sieger. Bis heute hat der Nationale Wahlrat die Ergebnisse der einzelnen Wahllokale nicht veröffentlicht, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist und in den vergangenen 20 Jahren auch so gehandhabt wurde.
Bei alledem versucht die überwiegende Mehrheit der Menschen, ein normales Leben zu führen und mit dem ohnehin geringen Einkommen über die Runden zu kommen. Und das bei einer galoppierenden Inflation, die laut IWF 2026 auf mehr als 600 Prozent steigen könnte. Ein Großteil der Gesellschaft lehnt Maduros Politik ab. Während die soziale Lage sich verschlimmert hat und die öffentliche Infrastruktur verfällt, halten es die Venezolaner:innen mit dem Motto der Hauptfigur einer populären Telenovela: „Wie es kommt, sehen wir dann.“
Nach der Festnahme von Präsident Nicolás Maduro und Cilia Flores, der „ersten Kämpferin“ in der chavistischen Hierarchie, haben Unsicherheit und Zweifel über die Zukunft Venezuelas noch zugenommen. Viele dachten, das Ende der chavistischen Regierung stehe nun bevor. Die Überraschung war groß, als der US-Präsident erklärte, man habe sich mit Maduros Vizepräsidentin Delcy Rodríguez geeinigt, die das Präsidentenamt bis auf Weiteres übernehmen werde. Wahlen seien erst einmal nicht geplant.
Diese erste Auskunft sorgte bereits für Überraschung und Enttäuschung; die Ansage, dass María Corina Machado die Macht nicht übernehmen könne, da sie weder respektiert werde noch über die notwendige Führungsstärke verfüge, um die Herausforderungen der nächsten Tage und Monate zu bewältigen, rief noch mehr Verwirrung hervor.
Manche betonten, dass die Bevölkerung im Juli 2024 für Edmundo González gestimmt hätte und erwartete, dass er nun Präsident würde, aber Trump erwähnte González mit keinem Wort.
Die ersten Maßnahmen der neuen chavistischen Regierung zielen darauf ab, die Amtszeit von Delcy Rodríguez zu verlängern, da der Oberste Gerichtshof sie zur amtierenden Präsidentin erklärt hat, ohne zu verkünden, dass Maduro „vollständig abwesend“ ist. In diesem Fall müssen laut Verfassung eigentlich innerhalb von 30 Tagen Wahlen angesetzt werden. In ihren ersten Erklärungen verlangte Rodríguez die Rückkehr des Präsidenten, später signalisierte sie ihre Bereitschaft zur „Zusammenarbeit mit den USA“.
Für eine volle Invasion in Venezuela hätten die USA nach Einschätzung von Militärexperten nicht genügend Soldaten vor Ort. Für die Invasion in Panama 1989, bei der auch schon ein Staatschef, nämlich General Noriega, festgesetzt und in die USA vor Gericht gebracht wurde, hatten sie 27 000 Soldaten benötigt – und das in einem Land, das nur ein Zehntel so groß ist wie Venezuela und viel weniger Truppen hat. Unterdessen herrscht auf den Straßen von Caracas eine Mischung aus Freude und Unsicherheit. Die meisten Menschen sind froh, dass Maduro nicht mehr regiert, aber besorgt, dass diejenigen, die an seiner Seite standen, weiterhin die Macht in ihren Händen halten.
Dass Venezuela zu einem neuen Vietnam oder Afghanistan wird, ist eher unwahrscheinlich. Erstens hat der Chavismus rein gar nichts mit dem Vietcong gemein; zweitens hat er nur noch eine Minderheit der Bevölkerung hinter sich. In Venezuela gibt es auch keine relevanten religiösen, ethnischen oder kulturellen Gruppen, die gemeinsam zu einer nennenswerten Kraft werden könnten. Die überwiegende Mehrheit der Venezolaner:innen hat anderes im Sinn, als Taliban zu werden. Wir befinden uns schließlich in der Karibik.
1 Der Name „Soles“, Deutsch: Sonnen, bezieht sich auf militärische Uniformabzeichen.
2 „Venezuela es un eje clave del narcotráfico”, Transparencia Venezuela, 19. März 2025.
Aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold
Xabier Coscojuela ist Journalist, ehemaliger Leiter des unabhängigen Nachrichtenportals TalCual.
© El Dipló (Edición Cono Sur), Buenos Aires; für die deutsche Übersetzung LMd, Berlin


