08.01.2026

Gekaufte Prognosen

zurück

Gekaufte Prognosen

Wahlumfragen gehören zum politischen Tagesgeschäft wie der Apfelsaft zum Kindergeburtstag

von Alain Garrigou

Jan Köchermann, Fortress, 2025, Stahl, Holz, Galerie Mathias Güntner, Hamburg, 300 × 55 × 38 cm
Audio: Artikel vorlesen lassen

Antworten auf die sogenannte Sonntagsfrage sind weder zuverlässig – insbesondere wenn diese etliche Monate vor dem Wahltermin gestellt wird – noch lässt sich viel Geld mit solchen Umfragen verdienen. In Frankreich beispielsweise erwirtschaften die entsprechenden Unternehmen weniger als 15 Prozent ihres Umsatzes mit generellen Meinungsumfragen und mit Erhebungen zur Wahlabsicht noch weniger. Dennoch erfreuen sich Wahlumfragen weltweit einer hohen Beliebtheit.1

Die Geschichte der Demoskopie begann im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung neuer statistischer Methoden, um repräsentative Stichproben auszuwählen. Besonders gefragt waren und sind die Demoskopen beim Thema Wahlen. In den USA begründete der ehemalige Journalist George Horace Gallup (1901–1984) das Geschäft mit der politischen Meinungsumfrage.

Seine erste große Untersuchung führte er vor den US-Wahlen 1936 durch. Sie erregte gleich großes Aufsehen. Denn entgegen anderen Vorhersagen hatte Gallup nicht nur Roosevelts Wahlsieg prognostiziert, sondern auch das amtliche Endergebnis lediglich mit einem Abstand von 5 Prozentpunkten verfehlt.

Eine komplett falsche Prognose machte Gallup allerdings 1948, als er ankündigte, Harry Truman werde die Wahlen zu seiner zweiten Amtszeit verlieren. Heute ist der Gallup-Konzern eines der weltweit führenden Analyse- und Beratungsunternehmen.

Erst Ende des 20. Jahrhunderts begann man die Prozesse, die zur Wahlentscheidung führen, genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei stellte sich heraus, dass der Anteil der Unentschlossenen sehr hoch ist und die Stichproben dadurch wenig repräsentativ sind. Konkret heißt das: Von 10 000 Befragten bestätigen durchschnittlich nur 350, dass sie wählen werden. Und für gewöhnlich braucht man mehr als 10 000 Anrufe, um 1000 Befragungen abschließen zu können.

Hinzu kommt, dass die Stichproben junge, sozial benachteiligte oder gering qualifizierte Wähler:innen tendenziell weniger berücksichtigen. Vor allem aber werden die Rohdaten auf der Basis undurchsichtiger Kriterien gewichtet und korrigiert.2 Um das Jahr 2000 verdoppelten etwa einige Meinungsforschungsfirmen in Frankreich die erhobenen Wahlabsichten zugunsten des Front National (­heute Ras­semblement national, RN), andere verdreifachten sie sogar, weil FN-Wäh­le­r:in­nen erfahrungsgemäß seltener verrieten, wem sie ihre Stimme geben würden.

Nach langen parlamentarischen Debatten wurde in Frankreich 2016 eine Verordnung erlassen, nach der die Analyseinstitute dazu verpflichtet sind, ihre Kriterien zur Bereinigung der Rohdaten offenzulegen. In der Praxis setzen sich die Unternehmen jedoch darüber hinweg und korrigieren je nach Stimmungslage das Ergebnis in die eine oder andere Richtung. De facto ist deren Methode – falls es überhaupt eine gibt – also nach wie vor geheim und daher, wie unlängst eine parlamentarische Untersuchungskommission befand, „nicht hinreichend nachprüfbar“.3

Es fragt sich auch, was Meinungsforscher überhaupt dazu autorisiert, so weit im Voraus Wahlumfragen zu machen. Einigermaßen glaubwürdig mögen zwar Wahlabsichten sein, die kurz vor dem Termin geäußert werden. Doch von welcher Lage gehen die Meinungsforscher aus, wenn noch nicht einmal alle Kandidat:innen feststehen?

Als früher nur Kommunisten und Sozialisten sowie Liberale und Gaullisten in Frankreich zur Wahl standen, waren mögliche Kandidaten rasch bestimmt. Da inzwischen aber immer weniger Wähler:innen für stabile politische „Marken“ stimmen, stehen auch die Demoskopen vor einem Problem. Augenscheinlich lassen sie sich davon aber nicht beirren.

Meist werden den Befragten fünf oder sechs Fragen vorgelegt, die sie innerhalb weniger Sekunden beantworten sollen. Die neueste Umfrage des erst 2014 gegründeten Unternehmens Odoxa, die Public Sénat, der TV-Sender des französischen Senats, in Auftrag gegeben hat, suggeriert einen unaufhaltsamen Sieg des RN-Kandidaten Jordan Bardella als Macrons Nachfolger.

Abgefragt wurden zwei Szenarien für den ersten und vier Szenarien für den zweiten Wahlgang. Die hypothetische Stichwahl gegen Bardella bestreiten demnach der Vorsitzende der Macron-Partei Rénaissance Gabriel Attal, der mit den Sozialisten assoziierte Raphaël Glucksmann von der proeuropäischen Öko-Partei Place publique, der ehemalige Premierminister und frühere Republikaner Édouard Philippe sowie Jean-Luc Mélenchon für die Linkspartei La France insoumise.4

Auch wenn es nicht schwer sein mag, sich eine Meinung zu bilden, müssen überhaupt erst einmal genügend Leute gefunden werden, die bereit sind, sich dem Prozedere der Umfrage zu unterwerfen. Nachdem persönliche Befragungen zunächst von Telefoninterviews abgelöst wurden, hat man sich inzwischen auf Online-Erhebungen verlegt.

Die Aussicht auf einen bescheidenen Obolus mag politisch interessierte, unbeschäftigte oder manchmal einfach nur naive Zeitgenossen überzeugen, mitzumachen.5 Es fragt sich jedoch, wie repräsentativ ihre Aussagen sind. Die Stichprobe entsprechend bestimmter soziodemografischer Faktoren zu gewichten, stellt kein großes Problem dar. Aber persönliche Präferenzen zu berücksichtigen, ist weit schwieriger. Und die Meinung derer, die grundsätzlich nicht an Umfragen teilnehmen, kennt man überhaupt nicht.

Die Demoskopen geben sich selbst der Lächerlichkeit preis, wenn etwa nach vollkommen unwahrscheinlichen Gegnern gefragt wird. Oder wenn beim Vergleich der Umfragewerte mit den tatsächlichen Wahlergebnissen ganz andere als die vorhergesagten Namen vorn liegen.

So kursierten schon vielversprechende Zahlen für Kandidaten, die gar nicht antraten. Oder es gab große Diskrepanzen, wie im Fall des rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour, der 2022 für die Bewegung Reconquête (Rückeroberung ) antrat und dessen reales Ergebnis (7 Prozent) mit den erklärten Wahlabsichten (17 Prozent) in einem auffälligen Missverhältnis stand.

Es kommt auch vor, dass sich in Umfragen schon früh das Scheitern eines Kandidaten abzeichnet, der am Ende aber den Sieg davonträgt: So fragte im französischen Präsidentschaftswahlkampf 2012 ein spöttisch-überheblicher Fernsehmoderator, warum François Hollande bei einer Prognose von nur 5 Prozent der Stimmen immer noch an seiner Kandidatur festhalten würde – der Sozialist gewann die Stichwahl gegen Nicolas Sarkozy dann mit über 51 Prozent der Stimmen.

Das gleiche Spiel gab es schon 1995 bei Jacques Chirac, der damals mit 52,6 Prozent der Stimmen die Präsidentschaftswahlen gewann. Es gäbe noch viele weitere Beispiele, nicht nur in Frankreich; doch besonders spektakulär ist in jüngster Zeit der Fall des neuen New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani. Zu Beginn seines Wahlkampfs kam er in Umfragen auf weniger als 1 Prozent der Stimmen. Doch am 4. November 2025 gewann er mit über 50 Prozent.

Das Umfragegeschäft floriert trotzdem. Denn es dient der Auslese im politischen Wettbewerb. Um die eigenen Chancen abschätzen oder maximieren zu können, ist es für potenzielle Bewerber:innen inzwischen selbstverständlich, Umfragen in Auftrag zu geben, bevor sie sich in das Wagnis eines Wahlkampfs stürzen. Umgekehrt wissen auch viele der Befragten, dass sie keine echte Wahlabsicht äußern, sondern an einem Auswahlprozess teilnehmen. Viele werden ihre protokollierte Präferenz bald vergessen haben.

Für die Wissenschaft ist das anhaltende Interesse an Umfragen vor allem aus soziologischer Perspektive interessant. Und natürlich für all diejenigen, die immer noch daran glauben, dass sich Ideen von selbst durchsetzen werden, nur weil sie richtig sind. Das ist zwar ein sympathischer und zweifellos notwendiger Optimismus – nur leider eben auch naiv. Denn Ideen wiegen nur so schwer wie das gesellschaftliche Gewicht ihrer Träger. Es stellt sich daher die Frage, welche Interessen mit offenkundig fehlerhaften Umfragen verfolgt werden.

Für bestimmte Zwecke sind Zahlen ungemein nützlich. In Meinungstexten zum Beispiel kann man mit eingestreuten Prozentzahlen immer Eindruck schinden. Bereits im 19. Jahrhundert stützte sich die Presse auf Prozentangaben, wobei man sich auf die Kompetenz des Autors oder die mutmaßliche öffentliche Meinung verließ. Heute versehen Journalist:innen ihre Kommentare zu Umfragen oft mit Warnhinweisen, äußern Vorbehalte und benutzen den Konjunktiv.

Dennoch erwartet man von ihnen keine Methodenkritik, etwa an der Repräsentativität von Stichproben oder am Wortlaut einzelner Fragen. Denn die würde schließlich den Zauber der bunten Infografiken zunichte machen, die ihre Kommentare auflockern und unterfüttern sollen – auch wenn sie manchmal schlicht falsch sind.

Das war etwa beim Balkendiagramm zum prognostizierten Ausgang der Präsidentschaftswahlen 2027 der Fall, das France Info TV am 10. November 2025 publizierte: die Balken von Mélenchon und Hollande waren gleich hoch,6 obwohl Mélenchon in der Umfrage auf 12 Prozent der Stimmen gekommen war und Hollande auf 6,5.

Heutzutage sind Wahlumfragen weniger ein Erkenntnisinstrument als ein politisches Tool. Bei der Vorauswahl von Kandidat:innen sind sie beinahe schon so etwas wie eine Institution, die Parteitage und Vorwahlen sogar ersetzen könnte. Umfragen beeinflussen auch die Kräfteverhältnisse – zumindest glauben Berufspolitiker und deren Berater daran.

So nimmt man an, dass gute Umfragewerte den Wahlerfolg wahrscheinlicher machen (Mobilisierungshypothese), wohingegen schlechte Werte weniger Wähler mobilisierten (Defätismushypothese). Gute Prognosen werden auch gern zitiert, schlechte Prognosen können dazu führen, dass Kandidaten politische Umfragen generell infrage stellen.

Eigentlich hätten die fehlerhaften Wahlprognosen dem Ansehen der Demoskopen schaden müssen. Doch verweist man auf mangelhafte Repräsentativität, tendenziöse Fragestellungen und andere Unzulänglichkeiten, lautet die Erwiderung schlicht: „Besser geht es nicht“ oder „Mehr haben wir nicht“. Es ist heute gängige Praxis, mit den verfügbaren Instrumenten zu einer Ansicht, einer Erklärung oder einer Handlung zu gelangen, über die man mangels Zeit oder Mitteln nicht hat nachdenken können. Oder weil einem die wissenschaftliche Wahrheit zu anstrengend ist.

Ob die jüngsten Umfragen bezüglich der nächsten französischen Präsidentschaftswahlen, die erst im April 2027 stattfinden sollen, nun „zutreffend“ oder „falsch“ sind, ob sie den Wahlergebnissen entsprechen oder danebenliegen werden, ist kaum von Belang. Insofern haben die Demoskopen nichts zu befürchten und die Kritiker haben wenig Grund zur Hoffnung.

Womöglich sollte man auch weniger die Meinungsfabrikanten als vielmehr die Auftraggeber in die Pflicht nehmen. Allerdings kommt es auch vor, dass sich beide zusammentun oder vielmehr miteinander verschmelzen.

Ein solcher Fall ist etwa die französische Firma CSA (Consumer, Science & Analytics), die einige Jahre vor sich hindämmerte, bis sie vom Bolloré-Konzern7 aufgekauft wurde. Seither produziert CSA am laufenden Band Umfragen, die von den konzerneigenen Pressetiteln (Europe 1, JDD, CNews) veröffentlicht werden und sich vorwiegend um ein Thema drehen: Zuwanderung.

1 Hugo Touzet, „Produire l’opinion. Une enquête sur le travail des sondeurs“, Paris (Éditions de l’EHESS) 2025.

2 Patrick Lehingue, „Subunda. Coups de sonde dans l’océan des sondages“, Bellecombe-en-Bauges (Éditions du Croquant) 2007.

3 Siehe Thomas Cazenave und Antoine Léaument, „Rapport fait au nom de la commission d‘enquête concernant l‘organisation des élections en France“, Assemblée nationale, Paris 2025.

4 „Baromètre politique“, Odoxa, November 2025.

5 „Combien sont payés les sondés ?“, Régime d’opinion, Les blogs du „Diplo“, 5. Juli 2011.

6 Der Fehler wurde von der Konkurrenz auch umgehend breitgetreten. Siehe etwa Jacques Pezet, „CheckNews: ‚France Info‘ corrige son visuel inexact sur un sondage … avec un autre graphique erroné“, Libération, 12. November 2025.

7 Zu Frankreichs Medienkapitalisten Vincent Bolloré siehe Serge Halimi und Pierre Rimbert, „Journalismus als Kulturkampf“, LMd, März 2021.

Aus dem Französischen von Andreas G. Förster

Alain Garrigou ist emeritierter Professor für Politikwissenschaften der Universität Paris-Nanterre und war Mitglied in der Kontrollkommission für Wahlumfragen. Zuletzt erschien von ihm „Anatomie d’une affaire. Les sondages de l‘Élysée“, Paris (Lefebvre Dalloz) 2025.

Le Monde diplomatique vom 08.01.2026, von Alain Garrigou