Sie nennen es Zouxian
Chinesische Migration über die Balkanroute
von Zhaoyin Feng

Der Balkanwinter ist schneidend kalt. Wie ein Messer dringt er durch jede Schutzschicht und sticht dir direkt in die Knochen. Im November vor einem Jahr hatte es in Bosnien und Herzegowina zum ersten Mal geschneit. Die Welt schien nur noch aus zwei Farben zu bestehen, Weiß und Grau. In Bihać fiel die Temperatur nachts unter null. Die Kleinstadt an der Grenze zu Kroatien wirkte verlassen.
Im Zimmer eines bescheidenen Hotels im Stadtzentrum ging es lebhafter zu. Die Ausstattung bestand nur aus zwei Betten und drei Stühlen; in einer Ecke stapelten sich schlammverkrustete Schuhe, ein kleiner Tisch war mit leeren Bierflaschen beladen.
Zehn bis zwölf chinesische Männer saßen oder lagen herum und redeten laut durcheinander. Es ging um die Frage, wer sich am nächsten Tag mit dem Schleuser treffen sollte. Die meisten dieser Männer waren allein unterwegs, nur wenige waren mit ihren Frauen und Kindern auf der Reise. Sie stammten aus allen Regionen Chinas, und alle wollten ohne Visum in die EU gelangen.
Seit dem Ausbruch der Coronapandemie Ende 2019 haben zehntausende Chines:innen beschlossen, ihr Land zu verlassen und sich auf den Weg in die USA zu machen. Für das Unterfangen, über die mexikanische Grenze in das gelobte Land zu gelangen, hat sich in China der Ausdruck zouxian durchgesetzt (wörtlich „der Route folgen“). Er steht für „illegale Migration“. Als Anfang 2023 die wegen Corona in China verhängten Reisebeschränkungen aufgehoben wurden, stieg die Zahl der zouxian-Reisenden explosionsartig an.
Die meisten flogen zunächst nach Ecuador, wo chinesische Staatsangehörige noch ohne Visum einreisen konnten. Von dort brachen sie zu dem langen Marsch durch die gefährlichen Dschungel- und Sumpfgebiete Mittelamerikas auf, ständig auf der Hut vor Straßenräubern, kriminellen Banden und der Polizei, bis nach Mexiko und durch das Land bis zur schwer bewachten US-Grenze.
Allein im Jahr 2023 wurden an der Südgrenze der USA 37 000 Chines:innen wegen „illegaler Einreise“ festgenommen – die größte Gruppe von Nicht-Amerikaner:innen, die sich auf diese gefährliche Reise machten.
In den USA war gerade Donald Trump zum Präsidenten gewählt worden, als ich mich in Bihać mit den chinesischen Migranten traf. Diesen Männern war bereits klar, dass die USA nun noch schwerer zu erreichen sein würden als zuvor, und so wollten sie stattdessen nach Europa. Das Traumziel aller in diesem kleinen Hotelzimmer war unbestritten: Deutschland.
Der offensichtliche Anführer der Gruppe war der 29 Jahre alte Xiaode, ein kleiner Mann mit leiser Stimme. Auch er hatte ursprünglich von den USA geträumt, dann aber seine Meinung geändert: „Es ist wirklich schwer, da hinzukommen, zum Teil durch Dschungel. Und man ist zwei bis drei Monate unterwegs. Warum nicht eine kürzere Route nehmen?“ Also Europa.
Auch ihn hatte Trumps Wahlsieg verunsichert: „Selbst wenn du es schaffst, ist es schwer, einen legalen Status zu bekommen. Und da dachte ich mir, ich könnte genauso gut nach Deutschland gehen.“ Deshalb legte er sich den Namen Xiaode zu. Er bedeutet „Kleines Deutschland“.
Für undokumentierte chinesische Migrant:innen ist die Route nach Europa nicht nur kürzer, sie kostet auch weniger Geld. Die meisten fliegen zuerst nach Belgrad und fahren dann von der serbischen Hauptstadt aus mit dem Bus nach Sarajevo und von dort weiter nach Bihać.
Für Serbien wie für Bosnien und Herzegowina benötigen chinesische Staatsbürger:innen kein Visum, wohl aber für das benachbarte Kroatien, das zur EU und auch zum Schengenraum gehört. Die Anreise über Belgrad und Sarajevo ist Teil der Balkanroute und schon seit langem einer der meistgenutzten Korridore für irreguläre Einreisen in die Europäische Union.
In den vergangenen zehn Jahren war die Balkanroute auch Schauplatz eines ständigen Katz-und-Maus-Spiels zwischen Grenzschutzbehörden und Migrant:innen. Die Flüchtenden aus aller Welt hat das nicht abgeschreckt, sie versuchen immer wieder, auf diesem Weg in die EU zu gelangen. Derzeit sind auf dieser Route vor allem Menschen aus Pakistan, Bangladesch, Syrien, Afghanistan und Nordafrika unterwegs – und seit 2023 eben auch chinesische Migrant:innen wie die Männer in dem Hotelzimmer von Bihać.
Xiaode hatte sich, bevor ihm ein Freund erstmals von zouxian nach Deutschland erzählte, im Internet kundig gemacht. Auf einer beliebten chinesischen Onlineplattform namens Baidu Tieba waren unzählige Informationen zu finden, gepostet in Serbien. Es ist nie direkt die Rede von illegalem Grenzübertritt, aber die Nachrichten sind unmissverständlich: „Allein reisen ab Serbien oder Bosnien“, hieß es da. Oder: „Willst du in die EU gelangen, kontaktiere mich.“
Auf chinesischen und internationale Plattformen werden die Communitys zu zouxian-Reisen immer größer. Zehntausende teilen ihre Informationen in Telegram-Gruppen, auf Youtube findet man ein Dutzend Videos in chinesischer Sprache, die Reisen nach Deutschland als „kostengünstig“ anpreisen und „ansehnliche Sozialhilfen“ für Asylbewerber erwähnen.
Als Xiaode solche Berichte las, entstand in seinem Kopf ein Bild von Deutschland, das er mir folgendermaßen schilderte: „Für Verpflegung und Wohnung wird gesorgt. Sie geben dir auch Geld, und das ist mehr als in anderen EU-Ländern.“
Viele Chines:innen, die sich wie Xiaode auf den Weg nach Deutschland gemacht haben, haben Ähnliches aufgeschnappt. Nach den Daten des deutschen Bundesamts für Migration und Flüchtlinge stellten 2024 knapp 1200 chinesische Staatsbürger:innen einen Asylantrag in Deutschland – die höchste Zahl der vergangenen fünf Jahre. Das ist gegenüber 2023 eine Zunahme um 70 Prozent. Auch 2025 stieg die Zahl der chinesischen Asylbewerber in Deutschland weiter an; bis Ende September waren es bereits 1300, damit liegt China unter den Herkunftsländern an achter Stelle.
Xiaode stammt aus der südchinesischen Provinz Guangdong. Die Familie war arm, brachte es aber zu Wohlstand, als der Vater aus dem Nichts ein Geschäft für Plastikrecycling aufbaute. Xiaode selbst genoss als Jugendlicher einige Privilegien: Er besuchte eine Privatschule, fuhr einen Lamborghini und übernahm bereits mit 20 das Familienunternehmen.
Doch dann verschärfte die Regierung in Peking die Umweltschutzvorschriften, die Firma musste hohe Bußgelder bezahlen. Als Xiaode plötzlich 2 Millionen Yuan (240 000 Euro) Schulden hatte, kam er auf die schwarze Liste der „nicht vertrauenswürdigen Personen“, die wegen offener Schulden kein Geld für Luxusgüter oder Reisen ausgeben dürfen. Er konnte weder ein Zugticket noch Flüge buchen – und das Land nicht verlassen.
Doch Xiaode wollte ins Ausland, um ein neues Leben zu beginnen. Auf gut Glück versuchte er, nach Hongkong zu reisen, wurde aber am ersten Kontrollpunkt abgewiesen. Er versuchtes es am nächsten – und konnte zu seiner Überraschung das chinesische Festland verlassen. In Hongkong buchte er dann einen Flug nach Belgrad.
Die Mehrzahl der chinesischen Migrant:innen, die ich in Bihać traf, nannte ähnliche Gründe wie Xiaode. Sie haben China aus wirtschaftlichen Gründen verlassen, aber auch aus Unzufriedenheit mit den politischen und sozialen Verhältnissen. Einige der Jungen waren Arbeitslose, andere Kleinunternehmer, die sich aufgrund der Corona-Einschränkungen oder wegen Bußgeldzahlungen verschuldet hatten. Einer erklärte mir: „Wenn ich jetzt nicht aus China wegkomme, lande ich auf der Liste der nicht vertrauenswürdigen Personen.“ Auf dieser Liste standen zum Jahresende 2024 mehr als 8,5 Millionen Personen. Im März 2020, zu Beginn der Pandemie, waren es noch 5,7 Millionen.
China präsentiert sich vor der Welt als starke und selbstbewusste Nation. Doch die wirtschaftliche Realität sieht anders aus: Laut den jüngsten Statistiken lässt das Tempo des Wachstums nach, wozu die chronische Krise des Immobilienmarkts ebenso beiträgt wie die aktuellen Handelskonflikte mit den USA.
Viele Chines:innen haben keine Hoffnung mehr auf ein besseres Leben, auch nicht für ihre Kinder. Die Arbeitslosenquote bei den 16- bis 24-Jährigen hat sich im Juli 2025 auf 17,8 Prozent erhöht. Unmittelbar nach dem Pandemielockdown 2023 lag sie allerdings schon einmal bei 21,3 Prozent. Die Regierung hat die Veröffentlichung der Daten daraufhin gestoppt und anschließend eine neue statistische Zählung eingeführt.
Hinter den Zahlen stehen Millionen individueller Schicksale von Menschen, die mit Arbeitslosigkeit und Verschuldung zu kämpfen haben. Und einige von ihnen durchqueren wie Xiaode die halbe Welt, um Europa zu erreichen.
Der Aufbruch in Richtung EU ist für die meisten zouxian-Reisenden nur der Plan B, nachdem Ecuador im Juli 2024 die Visumfreiheit für Chines:innen abgeschafft hatte und damit der Weg in die USA für sie verbaut ist. Das Außenministerium in Quito begründete den Schritt mit dem „beunruhigenden Anwachsen der irregulären Migration“ und verwies darauf, dass mehr als die Hälfte der chinesischen Einreisenden das Land nicht fristgemäß und auf legalem Weg wieder verlassen hatten.
Noch folgenreicher war der politische Wandel in den USA. Präsident Trump erklärte schon am Tag seiner Amtseinführung, dem 20. Januar 2025, den Notstand für die gesamte Südgrenze der USA und wies die Strafverfolgungsbehörden an, alle ungenehmigten Einreisen zu unterbinden. Seither führt die US-Einwanderungsbehörde (Immigration and Customs Enforcement, ICE) landesweit Razzien durch, um undokumentierte Migrant:innen festzunehmen und abzuschieben.
Ende November 2025 hatte die ICE in ihren Abschiebezentren 65 735 Menschen interniert. Trump brüstete sich mit der „größten Massendeportation“ in der Geschichte der USA. Und je rigoroser die Route nach Amerika versperrt ist, desto attraktiver erscheint vielen Chines:innen das Ziel Europa.
Die Busfahrt von Sarajevo nach Bihać dauert sechs Stunden. Die Stadt erstreckt sich an beiden Ufern des kristallklaren Flusses Una und ist, wie der nahe gelegene Nationalpark mit seinen Wasserfällen, ein touristisches Ziel in Bosnien.
2018 geriet Bihać allerdings aus anderen Gründen in die internationalen Schlagzeilen: Damals versuchten viele Menschen gleichzeitig über die Balkanroute auf EU-Gebiet zu gelangen, und den größten Andrang verzeichnete Bihać, wo sich tausende Migrant:innen in verlassenen Gebäude einquartierten oder am Rande der Grenzstadt in Zelten kampierten.
Für diese Menschen war Bihać die letzte Station auf dem Weg in die EU – und eine der gefährlichsten. Sie mussten Berge und Flüsse bei Nacht und zu Fuß überqueren, damit die kroatische Grenzpolizei sie nicht entdeckte und nach Bosnien zurückschickte. Tausende waren damals in Bihać dem harten Balkanwinter ausgesetzt, ohne Heizung, ohne warme Kleidung und ohne ausreichende Nahrung.
An den Mauern eines verlassenen Wasserturms, in dem Migrant:innen damals Zuflucht fanden, kleben heute die Werbezettel der Schleuser. In mehreren Sprachen, zu denen neuerdings Chinesisch gehört, kann man Angebote lesen wie diese: „Wenn du nach Europa (Italien, Deutschland, Frankreich usw.) willst, können wir dir helfen!“
Entlang der Balkanroute wird der Versuch, die Grenze irregulär zu überschreiten, allgemein als the game bezeichnet, und zwar von Migrierenden wie von Schleusern, von Mitgliedern humanitärer Organisationen wie vom Personal der Auffanglager. Auf der einen Seite steht das EU-Grenzregime, das mit immer neuen Hindernissen verschärft wird; auf der anderen Seite die Migrant:innen, die auf jede erdenkliche Weise versuchen, die Grenzbarrieren zu überwinden. Werden sie erwischt und abgeschoben, ist es, als würden sie an einen save point in einem Videospiel zurückgeschickt, von dem sie von vorn anfangen müssen.
Als ich Xiaode in dem Hotelzimmer traf, saß er auf einem der schmalen Betten und inspizierte die Blasen an seinen nackten Füßen. Er wirkte erschöpft und resigniert. In nur drei Tagen hatte er zweimal ein game over erlebt, und so langsam schwante ihm, dass auch diese Route eine Sackgasse sein könnte.
Beim ersten Mal war er mit seiner Gruppe durch die verschneiten Berge gestapft, als über ihnen eine der kroatischen Polizeidrohnen mit Wärmebildkamera auftauchte. „Sofort vergruben wir unsere Köpfe im Schnee“, erzählt er. „Wir hatten diese Räuberkapuzen auf, die nur Augen und Mund freilassen, kein bisschen Haut durfte unbedeckt sein.“ Die Drohne schwebte einige Minuten über ihnen, dann flog sie davon.
Knapp davongekommen, erreichte die Gruppe am frühen Morgen eine kroatische Grenzstadt. Hungrig und erschöpft, wie sie waren, gönnten sie sich ein ordentliches Frühstück. Als sie das Restaurant verließen, liefen sie einer Polizeistreife in die Arme, die sie zurück nach Bosnien deportierte. Bei ihrem zweiten Versuch wurde Xiaodes Gruppe erneut gleich nach der Grenze von kroatischen Polizisten festgenommen, die sie auf einen Lastwagen setzten und zurückbrachten.
Zu Xiaodes Gruppe gehörten auch der 35-jährige Xie Da aus der zentralchinesischen Stadt Wuhan, seine Frau und ihr neunjähriger Sohn. „Als Erstes nahmen sie uns alle Telefone ab“, erzählte Xie. „In China laufen ja viele Zahlungen übers Handy; wenn man uns die Smartphones wegnimmt, sind praktisch alle unsere finanziellen Verbindungen gekappt.“
Auf inständige Bitten gab die kroatische Polizei die meisten Handys zurück. Aber eines von Xie, auf dem er viele Familienfotos gespeichert hatte, zerstörten sie. Seine Frau war völlig verzweifelt und weigerte sich, von dem Lastwagen abzusteigen. Daraufhin, so erzählt Xie, sprühten die Polizisten Pfefferspray auf seine Frau und zerrten sie und ihr Kind vom Laster. Stundenlang habe sie kaum etwas sehen können, weil ihre Augen so brannten.
Im Rückblick sagt Xie: „Illegal über die Grenze zu gehen, ist falsch, zugegeben. Aber egal was passiert, für Frauen und Kinder sollte überall in der Welt ein Minimum von Menschlichkeit gelten.“
Früher betrieb Xie in Wuhan ein Restaurant und lebte davon gut. Doch die endlosen Coronalockdowns ruinierten das Geschäft. Über die Fußball-WM von 2022 in Katar sagt er bitter: „Da sah man 80 000 Menschen aus der ganzen Welt im Stadion, alle ohne Maske. Und wir waren immer noch zu Hause eingesperrt. Ein Planet, zwei Welten. Da dachte ich bei mir: Dieses Land ist am Ende.“
Xie hatte das Gefühl, wegzumüssen, koste es, was es wolle, auch im Hinblick auf die Ausbildung seines Sohnes. „In China herrscht eine wahnsinnige Konkurrenz in der Schule. Mein Sohn ist erst in der dritten Klasse, aber die Belastung durch Hausaufgaben ist riesig. Wir wollen nicht, dass er unter solchen Bedingungen aufwächst. Es macht ihn fertig.“ Die Familie wollte ursprünglich in die USA, aber nachdem man ihr zweimal das Einchecken bei Flügen nach Mexiko verwehrt hatte, entschieden sie sich für die Balkanroute. Nach seiner Erfahrung mit den kroatischen Grenzern war Xie wütend: „Europa feiert sich immer als Hort der Freiheit und der Zivilisation“, schimpft er, „aber wie sieht es in der Praxis aus?“
Der kroatischen Grenzpolizei wird vorgeworfen, dass sie irreguläre Migrant:innen unter Einsatz von Gewalt zurückdrängt, ohne dass diese den – ihnen rechtlich zustehenden – Asylantrag stellen können. Solche Pushbacks wurden tausendfach dokumentiert, in den Medien, von Hilfsorganisationen und von Menschenrechts-NGOs.
Nach einem Bericht von Human Rights Watch konfiszieren oder vernichten kroatische Grenzer regelmäßig Handys, Ausweise und andere Besitztümer der Migrant:innen.1 Die Festgenommenen werden zudem häufig gedemütigt und öfters auch rassistisch beleidigt.
Die EU hat über diese Praktiken jahrelang hinweggesehen. Obwohl die Union die Grenzkontrollen der Kroaten zu einem erheblichen Anteil finanziert, hat sie nicht dafür gesorgt, dass das kroatische Grenzregime die internationalen Menschenrechtskonventionen und die EU-Gesetze respektiert.
Xiaode entschloss sich nach seinen beiden vergeblichen Versuchen, mit einem pakistanischen Schleuser ins Geschäft zu kommen, der die Gruppe mit Autos über die Grenze zu bringen versprach – per taxi game, wie man es in Bihać nennt.
Der Schleuser verlangte pro Person 2000 Euro, Weitertransport nach Italien angeblich inbegriffen. Da die chinesischen Migrant:innen befürchteten, der Schleuser könne mit dem Geld einfach verschwinden, arrangierten sie die Bezahlung über den Besitzer eines China Shops in Bihać. Dem überwiesen sie die Summe über die App Wechat, aber er sollte das Geld dem Schleuser erst aushändigen, wenn die Gruppe sicher auf EU-Territorium angekommen war.
Bihać mit seinen knapp 60 000 Einwohnern hat drei China Shops, die Billigwaren made in China verkaufen. Ihre Besitzer sind Chines:innenen, die schon lange in der Stadt wohnen. Als ich den Ladenbesitzer fand, den die Migrant:innen als Mittelsmann des Schleusers genannt hatten, leugnete er jegliche Beteiligung und gab ansonsten keinerlei Auskunft.
Am Abend wollte ich die Migrant:innengruppe erneut besuchen. Doch Xiaode und sieben weitere zouxian-Reisende – Männer, Frauen und kleine Kinder – waren überstürzt abgereist. In dem Zimmer, das noch am Abend davor von lebhaften Diskussionen erfüllt gewesen war, herrschte nun eine unheimliche Stille. Die wenigen Männer, die noch herumsaßen, ruhten sich aus oder zerbrachen sich den Kopf, wie sie Geld für ihre Weiterreise beschaffen könnten.
Acht Monate nachdem ich die Gruppe um Xiaode getroffen hatte, gelang es mir wieder, mit einigen von ihnen Kontakt aufzunehmen. Viele hatten sich dem pakistanischen Schleuser anvertraut, aber das taxi game erwies sich als weit schwieriger als angekündigt. Zehn Menschen wurden in ein fünfsitziges Auto gepfercht, Xiaode und ein weiterer Mann mussten in den Kofferraum kriechen. Wieder schleppten sie sich nachts stundenlang bei Minustemperaturen durch die Berge, wieder durchwateten sie eisige Flüsse.
Schließlich waren sie so erschöpft, dass sie ihr ganzes Gepäck zurückließen. Und als an der verabredeten Stelle nichts von dem versprochenen Auto zu sehen war, mit dem sie weiterfahren sollten, versteckten sie sich tagelang im Wald, dicht zusammengedrängt, um sich warm zu halten.
Fast eine Woche nachdem sie Bihać verlassen hatten, kamen sie endlich in Mailand an. Ihre Ankunft im chinesischen Viertel feierten sie mit einem guten Essen, einem Hot Pot, erzählt Xiaode. Doch ihre gehobene Stimmung verflog rasch, als sie Deutschland erreichten.
Die chinesischen Neuankömmlinge wurden in das Aufnahmezentrum der niedersächsischen Behörde in Bramsche überstellt. Die Unterbringung in großen, mit Stockbetten ausgestatteten Sälen war sehr viel dürftiger, als sie es sich vorgestellt hatten. Auch an die fremdartigen Mahlzeiten im Zentrum konnten sie sich nicht gewöhnen. Über die Monate wurden sie auf verschiedene Heime überall in Deutschland verteilt, während der langwierige Bearbeitungsprozess ihrer Asylanträge lief.

Zu Fuß über Berge und eisige Flüsse
Viele der chinesischen zouxian-Reisenden sind sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge, deshalb neigen sie bei ihren Asylanträgen dazu, eine Verfolgung aus politischen oder religiösen Gründen oder wegen ihrer sexuellen Orientierung zu erfinden. Nach der Statistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge haben die deutschen Behörden 2024 fast die Hälfte aller chinesischen Asylanträge abgelehnt. Allerdings können auch abgelehnte Bewerber unter bestimmten Bedingungen eine Duldung bekommen, das heißt, dass ihre Abschiebung ausgesetzt wird.
Bei den in Deutschland angelangten Menschen der Bihać-Gruppe machten sich während ihrer fast ein Jahr dauernden Asylverfahren zunehmend Angst und Enttäuschung breit. Ohne Arbeitserlaubnis war es kaum möglich, zu arbeiten. Und die monatliche Zuwendung von 200 Euro pro Person entsprach bei Weitem nicht ihrer Vorstellung, dass sie in Europa schnell zu Geld kommen könnten.
Gemeinsam hatten die zouxian-Reisenden auf ihrem Weg nach Deutschland viele Hürden genommen, aber jetzt trennten sich ihre Wege. Einige zogen weiter nach Spanien, weil sie gehört hatten, dass illegal Eingereiste dort leichter eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Ein 19-Jähriger litt dermaßen unter Heimweh, dass er vor dem chinesischen Neujahrsfest nach Hause zurückkehrte.
Xie Da und seine Familie leben immer noch in Deutschland und warten auf ihren Asylbescheid. Xie hat bereits eine Arbeitserlaubnis und ist in einem Warenlager beschäftigt. Er hofft, dass seine Familie in Deutschland Fuß fassen kann. Gerüchteweise habe ich gehört, dass einer aus Xiaodes Gruppe in Bihać geblieben ist und inzwischen – als Partner des pakistanischen Schleusers – die Verträge mit den chinesischen Migrant:innen aushandelt.
Im Oktober 2025 kenterte in der Nähe von Vukovar ein Boot mit zehn chinesischen Migrant:innen auf der Donau, die hier die serbisch-kroatische Grenze bildet. Dabei ist ein Mann ertrunken. Er war seit zwei Jahren das erste chinesische Opfer, das beim irregulären Überqueren einer innereuropäischen Grenze registriert wurde.
Auf Youtube kann man weiterhin zahlreiche chinesischsprachige Videos für zouxian-Aspiranten finden, die das Leben von Asylbewerbern in Deutschland beschreiben, um mehr Menschen auf die gefährliche Reise zu locken. In einem der Videos, das mehr als 370 000 Mal geklickt wurde, schildert ein 22-jähriger Chinese seine Reise auf der Balkanroute und seine Erfahrung mit dem Asylverfahren in Deutschland. Angeblich verdient er sein Geld mit Schwarzarbeit und bezieht gleichzeitig die Unterstützung für Asylbewerber.
In den Kommentaren zu diesem Video wird dieser Missbrauch des deutschen Asylsystems häufig kritisiert, weil er potenziell den Menschen schade, die tatsächlich auf Asyl angewiesen sind. Einer der Nutzer schrieb, solche Praktiken „mache es chinesischen Gruppen immer schwerer, sich im Westen Respekt zu verschaffen“.
Derzeit leben in Deutschland neben chinesischstämmigen Deutschen etwa 160 000 chinesische Staatsangehörige. Die, die über die Balkanroute kommen, machen also einen sehr geringen Teil der gesamten der chinesischen Bevölkerung aus.
Für Xiaode hat sich der Traum von einem leichten Leben – mit Unterkunft und Verpflegung plus Geldzuwendungen – längst zerschlagen. „Ich konnte keine Arbeit finden“, sagt er. Die Reise nach Deutschland war so strapaziös und hat ihn so viel Geld gekostet, dass er seine Entscheidung für Deutschland inzwischen bereut. „Das bisschen Unterstützung, das man bekommt, ist so wenig, das kann man vergessen. Ich wollte einfach einen Job. Aber ich konnte nichts finden, da musste ich wieder weg.“
Anfang 2025, zwei Monate nach seiner Ankunft in Deutschland, stieg Xiaode in ein Flugzeug nach Jordanien. In Irbid im Norden des Landes begann er als Küchenhilfe zu arbeiten, im Restaurant eines chinesischen Besitzers. Danach verschwand er für mehrere Monate von der Bildfläche, bis er plötzlich im Oktober wieder online auftauchte.
Er erzählte mir, dass er wegen seiner illegalen Beschäftigung mehrere Monate in einem Abschiebezentrum verbracht habe. Sobald er freikam, verließ er Jordanien Richtung Serbien. Damit ist er nach vielen Stationen wieder am Ausgangspunkt seiner komplizierten zouxian-Reise angekommen. Wie es für ihn weitergehen soll, darüber ist er sich noch nicht im Klaren.
Wenn man seinen Wechat-Account aufruft, sieht man noch immer dasselbe Hintergrundbild wie bei seiner ersten Ankunft in Bihać. Der Blick aus seinem Hotelfenster, dichtes Schneetreiben, die Una mit einer dünnen Eisschicht, Eiszapfen an den kahlen Ästen der Bäume, die das Flussufer säumen.
Damals hat Xiaode, der aus der tropischen Region Chinas stammt, das erste Mal eine verschneite Landschaft gesehen. Doch wenn er sich zurückerinnert, wirkt dieses Bild nicht beruhigend, sondern wie ein Symbol für die Strapazen, die noch vor ihm lagen. Heute sagt Xiaode, in dem Foto sei der Tiefpunkt seines Lebens festgehalten. In seinem App-Profil steht neben dem Bild der Satz: „Selbst wenn die Zukunft düster scheint, muss man unter der Last des Lebens weiter vorangehen.“
1 „Like We Were Just Animals“, Human Rights Watch, 3. Mai 2023.
Aus dem Englischen von Niels Kadritzke
Zhaoyin Feng ist Journalistin. Mitarbeiter: Džemal Ćatić. Die Namen der Migranten wurden geändert.
©LMd, Berlin


