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Die Welt ein Brett

Die schlauesten Strategen des Kalten Krieges saßen sich beim Schach gegenüber von Manouk Borzakian

Bonn, 29. Oktober 2008: Der Russe Wladimir Kramnik spielt die elfte von zwölf Partien der Schachweltmeisterschaft gegen den Inder Viswanathan Anand. Nach drei Stunden und nur 23 Zügen starrt Kramnik lange auf das Brett, erkennt, dass er nicht mehr gewinnen kann, und streckt seinem Gegner die Hand entgegen – ein Zeichen, dass er ein Remis und damit den Gesamtsieg des Inders akzeptiert. Nach drei Siegen, einer Niederlage und sieben Remis verteidigt Anand seinen Titel mit zwei Punkten Vorsprung. Nun ist er Weltmeister einer Schachwelt, die von all ihren Verbänden gemeinsam getragen wird, allen voran dem Weltschachbund Fide (Fédération Internationale des Échecs).1 Anand ist der erste asiatische Spieler in der Geschichte, der den höchsten Titel errungen hat.

Für den Schachgiganten Garri Kasparow haben Schachweltmeister immer schon den Geist ihrer Zeit verkörpert. Ihre intellektuelle Konfrontation am Schachbrett ähnele der der Großmächte, die sie vertraten.2 Kasparow zieht eine Parallele zwischen der Dominanz der italienischen und spanischen Meister der Renaissance und seinem eigenen Erfolg von 1985, dem Jahr, in dem er die Weltspitze eroberte und Gorbatschow die Perestroika-Reformpolitik einleitete.

Natürlich kommt in einer solchen Beobachtung eine gewisse Selbstgefälligkeit zum Ausdruck. Aber vielleicht ist Kasparows geopolitische Lesart des Schachspiels doch nicht ganz unbegründet. Immerhin kamen einst die besten Schachspieler ihrer Zeit aus dem Frankreich der Aufklärung, dem England der Industriellen Revolution und dem Deutschland Bismarcks.

Wer die Welt als Schachbrett betrachtet, wird in den weißen und schwarzen Quadraten ein Symbol für den Ost-West-Konflikt sehen: Schon kurz nachdem 1945 die Waffen schweigen, lässt die Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion die Welt zu zwei Blöcken erstarren. Der Kalte Krieg beginnt und bringt propagandistisch den „freien Menschen“ gegen den „neuen Menschen“ in Stellung. Welcher von beiden ist intelligenter, entschlossener, kreativer? Moskau gedenkt diese Frage auf dem Schachbrett zu beantworten.

1948 wurde der überzeugte Kommunist Michail Botwinnik, der in den 1930er-Jahren an Wettkämpfen gegen die letzten großen europäischen Spieler gewachsen war, der Erste in einer langen Reihe von sowjetischen oder postsowjetischen Schachweltmeistern. Sie endet erst mit Anands erstem WM-Sieg im Jahr 2007. Die einzige Ausnahme war der US-Amerikaner Bobby Fischer, der 1972 den Titelverteidiger Boris Spasski im sogenannten Match des Jahrhunderts bezwang – dem größten Medienspektakel in der Geschichte des königlichen Spiels und einer großen Schmach für die Sowjetunion. US-Präsident Richard Nixon hatte dem Herausforderer ein paar Tage vor der Begegnung per Telegramm „im Namen aller Amerikaner und der freien Welt“ noch eigens Mut zugesprochen. Trotzdem blieb der Sieg des eigenbrötlerischen Genies Fischer nach einem Duell voller psychologischer Zermürbungstaktiken nicht mehr als ein Nadelstich ins Fell des sowjetischen Bären.

Die seit 1927 alle zwei Jahre ausgetragene Schacholympiade hatte zu dem Zeitpunkt die Dominanz der UdSSR längst eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Bereits im September 1945 war die sowjetische Mannschaft auf die zehn besten Schachspieler des viermaligen Siegers USA getroffen. Die jenseits ihrer Landesgrenzen größtenteils unbekannten sowjetischen Spieler schlugen ihre Gegner vernichtend mit 15,5:4,5. Zwischen 1952 und 1990 gewann die UdSSR 18 von 19 Schacholympiaden.

Wie ist diese Überlegenheit zu erklären? Hinter dem Klischee vom „sowjetischen Stil“ und der mit wissenschaftlichen Methoden arbeitenden „sowjetischen Schachschule“ bemühte sich die kommunistische Führung auf eindrucksvolle Weise um eine Popularisierung des Schachspiels. Sie ging davon aus, dass sich aus einer hinreichend großen Zahl von Spielern eine auf höchstem Niveau spielende Elite herausbilden würde. Seit den 1920er-Jahren finanzierte das Regime gigantische Turniere zwischen Gewerkschaften, Städten und Armeekorps. Daneben förderte es die Veröffentlichung von Schachbüchern und Fachzeitschriften, auch in Übersetzungen aus dem Ausland. Und im Radio wurden ständig die aktuellen Resultate der nationalen Schachmeisterschaften verkündet. Brillanten Köpfen bot Schach eine intellektuell befriedigende und zugleich politisch ungefährliche Betätigung.3

Wie populär Schach in der gesamten ehemaligen UdSSR geworden war, lässt sich an dem rauschenden Empfang ablesen, der 2008 in Eriwan den armenischen Spielern nach ihrer Titelverteidigung bei der Schacholympiade bereitet wurde: Die siegreichen Spieler wurden in der Präsidentenmaschine eingeflogen und auf ihrem Weg durch die Hauptstadt von tausenden Fans begeistert gefeiert. Überall sonst wäre dies eine eher unwahrscheinliche Vorstellung – zumindest für siegreiche Schachspieler.

Trotz der beiden armenischen Erfolge, denen Siege der Ukraine und Russlands vorausgegangen waren, sehen sich die ehemaligen Sowjetrepubliken seit einem Jahrzehnt von zwei Ländern herausgefordert, die über ein scheinbar unerschöpfliches Reservoir an Spielern verfügen. In Indien hat man das Ausnahmetalent Anand zum Anlass genommen, eine gezielte Förderpolitik zu betreiben. So erhielt Koneru Humpy 2001 eine Prämie von fast 150 000 Dollar für ihren Sieg bei der Juniorenweltmeisterschaft der Frauen. Mit ihren 22 Jahren steht sie heute auf dem zweiten Platz der Frauenweltrangliste.

Ein Schlafsaal voller Einzelkämpfer

Doch vor allem China bedroht die Vorherrschaft der ehemaligen Sowjetländer. 2005 wurde die Mannschaftsweltmeisterschaft, bei der sich alle vier Jahre zehn Nationen gegenüberstehen, beinahe zu einem Wendepunkt. Das chinesische Team dominierte den Wettkampf klar und hätte sich am letzten Tag im Spiel gegen Russland sogar eine 1:3-Niederlage erlauben können.4 Erschöpft und unter Tränen musste der junge Ni Hua jedoch nach einem über fünfstündigen Match in einer nervenaufreibend spannenden letzten Partie aufgeben, womit die Russen den Chinesen den Titel doch noch vor der Nase wegschnappten. Bei der Schacholympiade 2006 erreichten die Chinesen dann den zweiten Platz – hinter Armenien, vor den USA (3. Platz) und Russland (6. Platz).

Bekräftigt werden diese Erfolge durch die seit den 1990er-Jahren bestehende Überlegenheit der chinesischen Spielerinnen5 – man ahnt, welche Anstrengungen das Land unternommen hat, in dem Schach während der zehn Jahre der Kulturrevolution verboten war. Für den ukrainischen Großmeister6 Waleri Aweskulow, der über Turniererfahrung in beiden Ländern verfügt, ist es die Kommunikation der chinesischen Spieler untereinander, die sie von ihren indischen Konkurrenten, ja eigentlich vom Rest der Welt unterscheidet: „Während die Inder den Eindruck vermitteln, für sich selbst zu spielen, ist bei den Chinesen nicht nur harte Arbeit, sondern auch der Mannschaftsgeist von herausragender Bedeutung.“ Insofern haben die chinesischen Führer tatsächlich einen Schlüsselaspekt des Sowjetsystems übernommen, nämlich den Ansporn durch die Gruppe – erstaunlich genug bei einem Einzelkämpferspiel wie Schach. In den Schachakademien, die es in über dreißig chinesischen Städten gibt, wurden eigens Schlafsäle eingerichtet, damit die Schachmeister sich tagelang ohne jede Unterbrechung ihrem Sport hingeben und miteinander austauschen können. Ein derartiges Gemeinschaftstraining bildet meist den Auftakt zur Teilnahme einer Mannschaft an Wettbewerben im Ausland.

Beim Schach geht es aber auch um Fragen der kulturellen und historischen Legitimität. Die wichtigsten internationalen Schachwettkämpfe für sich zu entscheiden, ist die eine Sache; langfristig Erfolg zu haben, eine andere. Dafür muss man die Geschichte – oder vielmehr die Heldensage – des Spiels neu schreiben oder uminterpretieren.

1991 nimmt der damals 21-jährige Anand an einem seiner ersten großen Turniere teil. Die Spieler aus der Sowjetunion begegnen ihm mit Geringschätzung. Einer erklärt ihm gar, er werde immer nur ein „Kaffeehausspieler“ bleiben, weil er nicht bei sowjetischen Lehrern in die Schule gegangen sei. Doch Anand gewinnt nicht nur das Turnier, bei dem er sogar Kasparow besiegt, sondern verleiht seinem Sieg einen zusätzlichen Sinn, indem er daran erinnert, dass die Inder das Schachspiel erfunden haben.7 Tatsächlich halten die meisten Historiker das am Ende des 6. Jahrhunderts entstandene Chaturanga – das sich über Persien und die muslimische Welt bis nach Europa ausbreitete, wo seine bis heute geltenden Regeln Gestalt annahmen – für die Urform des Schachs.8

Es sind jedoch auch andere Stimmen zu hören. Als 1961 zwei der besten Spieler der Sowjetunion ein Buch zum Ruhme der „sowjetischen Schule“ herausbrachten, begnügten sie sich nicht damit, die Arbeit der technischen Kader des Regimes zu preisen. Sie behaupteten darüber hinaus, durch archäologische Ausgrabungen in Zentralasien – von denen freilich in keiner anderen sowjetischen Quelle die Rede ist – sei bewiesen, dass Schach im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung auf russischem Boden entstanden sei.9

Seit einigen Jahren gibt es eine weitere Theorie, der zufolge Schach chinesischen Ursprungs sei. Sie kommt wie gerufen, um die Schachbegeisterten im Reich der Mitte zu bestärken, die mit der Konkurrenz der populären Strategiespiele Xiangqi und Go leben müssen. Dieser Theorie zufolge ist das „abendländische“ Schach aus einem chinesischen Spiel hervorgegangen, das mehrere Jahrhunderte vor Chaturanga entstanden sei. Die 64 abwechselnd schwarzen und weißen Felder des Schachbretts bezeugten sogar den Einfluss des „I Ging“, des „Buchs der Wandlungen“,10 auf die Erfindung des Schachspiels und damit die zwischen der Logik des Schachs und dem „chinesischen Denken“.11

China braucht den Vergleich mit Russland also nicht zu scheuen. Nazar Firman, ein anderer ukrainischer Großmeister, geht davon aus, dass hinter den besten derzeitigen Spielern aus dem Reich der Mitte bereits dutzende, wenn nicht hunderte weiterer in den Startlöchern stehen. Für Waleri Aweskulow wiederum muss China jetzt nur noch darauf warten, dass ein oder zwei Ausnahmetalente in Erscheinung treten – Arbeit allein genügt nicht. Lächelnd fügt er hinzu: „Der Kommunismus hat seine Vorteile gegenüber der Demokratie – jedenfalls im Sport.“

Fußnoten:1 Zwischen 1993 und 2008 gab es mehrere Verbände und Spieler, die den Weltmeistertitel für sich beanspruchten. 2 Vgl. Garri Kasparow, „Meine großen Vorkämpfer. Die bedeutendsten Partien der Schachweltmeister“, Bd. 1: „Wilhelm Steinitz, Emanuel Lasker und die ersten inoffiziellen Weltmeister“, Hombrechtikon/Zürich (Edition Olms) 2003. 3 Siehe Andrew Soltis, „Soviet Chess 1917–1991“, London (McFarland & Co.) 2000. 4 Jede Mannschaft tritt mit vier Spielern an. Ein Sieg bringt einen Punkt, ein Remis einen halben. Bei Punktgleichheit gibt die Gesamtzahl der Siege einer Mannschaft den Ausschlag. 5 Zwischen 1991 und 1996 dominierte Xie Jun das Frauenschach. 1998, 2000, 2002 und 2004 gewann China die Schacholympiade der Frauen. 6 Der höchste Rang für Turnierschachspieler. 7 Siehe „The Indian Defense“, Time, New York 2008. 8 Das Standardwerk ist immer noch Harold James Ruthven Murray, „A History of Chess“ [1913], Oxford (University Press) 2002. 9 Alexander Kotow, Michail Judowitsch, „Schach in der UdSSR“, Moskau (Progress) 1980 (Originalausgabe 1961). 10 Das klassische chinesische „I Ging“ beschreibt die Welt in 64 Hexagrammen, die aus je sechs Linien für das Yin und das Yang gebildet sind. 11 Vgl. Liu Wenzhe, „The Chinese School of Chess“, London (Batsford) 2002.

Aus dem Französischen von Michael Adrian

Manouk Borzakian ist Geograf.

Le Monde diplomatique vom 07.08.2009,