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Der wilde Westen von China

Wie Uiguren und Chinesen in Xinjiang zusammenlebten von Martine Bulard

Meine Reise an die Westgrenze Chinas beginnt im Mai 2009 an der Metrostation Château de Vincennes bei Paris, im Hinterraum einer schlichten Brasserie. Vor mir steht ein Uigure mit ängstlichem Blick und zitternden Händen. Ein französischer Zivilpolizist begleitet ihn zu seinem Schutz. Der Uigure scheint sich nicht sicher zu sein, ob ich nicht doch als Journalistin getarnt für die chinesische Geheimpolizei arbeite. Er ist Mitglied des Uigurischen Weltkongresses, der Vereinigung von Dissidenten im Ausland,1 und ist kurz zuvor als politischer Flüchtling in Frankreich anerkannt worden. Seine Geschichte ist nicht ungewöhnlich: Nachdem er sich gegen eine Ungerechtigkeit an seinem Arbeitsplatz in Xinjiang gewehrt hatte, folgten Verhaftung, Gefängnis, Flucht. Viel mehr werde ich nicht erfahren. Seine Angst an diesem friedlichen Ort mag übertrieben wirken. Aber sie ist bezeichnend für den psychischen und körperlichen Druck, dem in China turksprachige muslimische Oppositionelle ausgesetzt sind.

Ein paar Tage später in Ürümqi, der Hauptstadt von Xinjiang, dem Autonomen Gebiet der Uiguren, fast 4 000 Kilometer von Peking entfernt. Hier sind keine Spannungen zu spüren, nicht mal in den uigurischen Wohnvierteln. Muslimische Minderheiten wie Usbeken, Kasachen oder Kirgisen wohnen hier zusammen mit Han-Chinesen, Chinas größter Ethnie, die auch in Ürümqi die Bevölkerungsmehrheit stellt, in der gesamten Provinz Xinjiang jedoch eine Minderheit ist. Einige han-chinesische Familien leben bereits seit mehreren Generationen in dem uigurischen Viertel. Die kleine Moschee kann besichtigt werden, und in den belebten, von Verkaufsständen gesäumten Gassen rings um den kürzlich modernisierten großen Basar bieten Händler alle möglichen Waren feil: Kämme, Haarfärbemittel, Heilpflanzen, Telefonkarten und Tücher. Daneben kann man seinen Hunger mit Hühnerspießen oder Schüsseln voll Lammfleisch und Nudeln stillen. Die Uiguren essen weder Schwein noch Reis, beides Hauptnahrungsmittel bei den Han – einer der wichtigeren Unterschiede zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen.

Ausgerechnet in diesem und einigen umliegenden Vierteln sollte es zwischen dem 5. und 8. Juli 2009 zu furchtbaren Gewaltausbrüchen kommen. Stundenlang griffen uigurische Demonstranten mit Knüppeln, Messern und anderen improvisierten Waffen Busse und Taxis an, steckten Polizeifahrzeuge in Brand, plünderten Geschäfte, verprügelten und lynchten Han-Chinesen. Die Han rächten sich, und es wurden auch viele Uiguren verletzt oder getötet. Ende Juli lautete die offizielle Bilanz 194 Tote und 1 684 Verletzte, wobei unklar blieb, wie viele davon jeweils der einen und der anderen Seite zuzurechnen sind.

Zwar war eine derartige Auseinandersetzung zwischen Uiguren und Han-Chinesen im Mai noch nicht abzusehen, aber man spürte doch den angestauten Zorn der oft schikanierten Uiguren. Es war gar nicht so einfach, ein Treffen zu vereinbaren. Man musste mehrfach anrufen, um sich für die Begegnung auf einen unverfänglichen öffentlichen Ort einigen zu können. Auch dem Anschein nach gut integrierte Uiguren mussten die Besucherin dem Parteisekretär (einem Han) vorstellen, um zu beweisen, dass sie nichts zu verbergen haben. Wenn sich einer mit einem Ausländer nur unterhält, kann es ihm passieren, auf der Stelle „nationalistischer Umtriebe“ bezichtigt zu werden, die (nach Terrorismus) zweitschlimmste Anschuldigung überhaupt. Sie kann den Verlust des Arbeitsplatzes, eine Degradierung oder Vorladung, eine Festnahme oder gar Gefängnisstrafe nach sich ziehen.

Der Uigure Abderrahman2 findet es nicht verwunderlich, „dass Uiguren Verdächtigungen und Repressionen ausgesetzt sind, aber auch die Han können Schwierigkeiten bekommen, wenn sie verdächtigt werden, politisch aktiv zu sein.“ Der Tiefbauingenieur hat uns in Ürümqis bestes uigurisches Restaurant eingeladen, wo Touristen, Han-Chinesen und muslimische Familien – viele Frauen verschleiert, die jungen Mädchen geschminkt und in Jeans – einkehren. Abderrahman hat eigentlich nichts zu befürchten. Er führt einen kleinen Betrieb mit fünf Angestellten. Dennoch senkt er die Stimme, wenn er von der Diskriminierung der Uiguren spricht.

Die Überwachung ist allgegenwärtig, besonders im Umfeld der Moscheen. Die Moschee von Kaschgar (der offizielle Name lautet Kashi) im Süden der Provinz ist keine Ausnahme. Beim Freitagsgebet, zu dem sich bis zu 20 000 Menschen versammeln, sind auch misstrauisch dreinblickende Polizisten in Zivil anwesend. Die Einsetzung des Imam bedurfte ohnehin der Zustimmung der Präfektur. Mit geradezu zynischer Naivität berichtet die Regierung von Xinjiang, die eine „Geschichte des Islam in China“ herausgibt, auf ihrer Internetseite, dass ausgewählte religiöse Vertreter und die Kommunistische Partei Chinas für den Imam eine Reihe von Predigten zusammengestellt haben, die auf 20 bis 30 Minuten begrenzt sind, in vier Bänden zusammengefasst.

Das war nicht immer so. In der chinesischen Verfassung von 1954 ist zum Beispiel Religionsfreiheit festgeschrieben. Bis Mitte der 1960er-Jahre konnten die Muslime ihre Religion ohne größere Behinderungen ausüben. Ahmed, Reiseführer in Kaschgar, erzählt, dass in seiner Kindheit seine Großmutter das Kopftuch trug, und er kann sich auch noch gut an die verschleierten Frauen aus der Nachbarschaft erinnern, von denen man nichts als die Augen sah. Während der dunklen Jahre der Kulturrevolution wurden ab 1966 die Moscheen geschlossen oder zerstört. Selbst in der eigenen Wohnung durfte man keinerlei religiöse Symbole verwenden. Die Unterdrückung endete mit der 1978 von Deng Xiaoping in die Wege geleiteten wirtschaftlichen Öffnung. Und in die Verfassung von 1982 wurde auch der Artikel über die Religionsfreiheit wieder aufgenommen.

Am Ende der Kulturrevolution waren in der Präfektur Kaschgar, einem der wichtigsten religiösen Zentren, nur noch 392 brauchbare muslimische Kultstätten übrig geblieben. Bis Ende 1981 stieg ihre Zahl wieder auf 4 700, 1995 waren es 9 600. Um die Jahrtausendwende, berichtet Politikwissenschaftler Rémi Castets3 , habe es in Xinjiang bereits 24 000 Moscheen gegeben – zwei Drittel aller muslimischen Gotteshäuser in China. Koranschulen wurden eröffnet, die Werke muslimischer Gelehrter neu aufgelegt und private Verlage gegründet. Religion und uigurische Kultur erwachten zu neuem Leben.

Mitte der 1990er-Jahre war dann schon wieder ein gegenläufiger Trend zu beobachten. Ein Grund war die Politisierung des Islam: An vielen Orten wurden meshreps abgehalten, traditionelle uigurische Versammlungen, und Organisationen ins Leben gerufen wie die Islamische Bewegung Ost-Turkestans, der Verbindungen zu al-Qaida nachgesagt werden. Die Leute begannen Forderungen zu stellen. Und die Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens weckte auch bei den chinesischen und kasachischen Uiguren Hoffnungen auf Selbständigkeit. Man sprach von „Uiguristan“, das die Landsleute auf beiden Seiten der Grenze vereinen würde.

Saniya, eine ehemalige Literaturdozentin in Ürümqi, erinnert sich noch an eine Familienfeier Anfang 1992, als ihre Tante, die während der Kulturrevolution nach Usbekistan geflohen war, nach Ürümqi zurückkehren konnte. „Dann machten wir einen Gegenbesuch in Taschkent. Das war eine echte Überraschung. Wir mussten feststellen, dass die Usbeken besser lebten als wir und dass sie besser als wir die turko-muslimischen Traditionen bewahrt hatten. Aber damals spielte der Glaube auch noch keine so große Rolle.“ Von da an „wurde die Frage der Unabhängigkeit immer wichtiger. Zwischen Xinjiang und Usbekistan gibt es keinerlei kulturelle, religiöse oder sprachliche Barrieren. In Taschkent sagte man uns oft: Worauf wartet ihr? Wir haben es geschafft. Und ihr? Das hat unseren Stolz als Uiguren empfindlich getroffen. Es war auf einmal eine Art von Konkurrenzkampf da.“

Unter der Kontrolle der Bingtuan

In der Folge entstanden verschiedene uigurische Bewegungen, manche als Unabhängigkeitsbewegungen, manche auch ohne dieses Ziel zu verfolgen. Einige gründeten Ableger im Ausland, zum Beispiel in Pakistan oder in der Türkei. Sie fanden zwar innerhalb der uigurischen Gemeinden keinen großen Widerhall, doch zwischen 1990 und 2000 kam es immer wieder zu Demonstrationen und Zwischenfällen. Daraufhin setzte Peking drei politische Hebel an: repressive Diplomatie, um „die drei Kräfte“ Extremismus, Separatismus und Terrorismus zu bekämpfen. Über die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (siehe Kasten) sollten Kontakte zu Uiguren in den Nachbarstaaten unterbunden werden. Zum Zweiten wurde über das Produktions- und Aufbaukorps von Xinjiang (PAKX, der Armee unterstellt) ein Entwicklungsprogramm gestartet, das auch Han-Chinesen in die Provinz lockte. Und dann natürlich strenge Überwachung und Unterdrückung.

„Die Zentralregierung richtet sich nicht gegen die Religion“, erklärt Castets. „Sie will nur verhindern, dass über den Islam ein separatistischer oder Antiregierungskurs gerechtfertigt wird.“ Die KP führe daher immer gern das friedliche Zusammenleben mit der chinesischen Volksgruppe der Hui als Vorbild an, mit 10 Millionen die größte muslimische Gemeinschaft im Land.4

Seit 2000 sollen in Xinjiang 870 Milliarden Yuan (mehr als 90 Milliarden Euro) investiert worden sein. Die Dynamik ist überall spürbar: Die reichen Rohstoffvorkommen (Kohle, Erdöl, Gas) werden ausgebeutet und erneuerbare Energien gewonnen – an der Autobahn zwischen Ürümqi und Turfan wurde extra ein Parkplatz eingerichtet für chinesische Touristen, die sich vor einer gigantischen Windparkkulisse fotografieren lassen. Neue Städte entstanden, wie Korla, Sitz der großen Erdölfirmen, wo sich ein riesiges Einkaufszentrum ans andere reiht. Außerdem entstanden neue Flughäfen und Autobahnen. In der ganzen Gegend sieht man nichts als Baustellen, selbst da, wo besser keine wären, wie in der Oasenstadt Kaschgar, deren historisches Zentrum durch die Modernisierung fast völlig zerstört wird.

Die Einkünfte der Provinz kommen aus der Rohstoffgewinnung, der Lebensmittelindustrie und in geringerem Maße auch aus dem Tourismus. Organisiert wird das Ganze immer noch durch sogenannte Arbeitsbrigaden, bingtuan, die wie ein Staat im Staate funktionieren und deren Aktivitäten sich auf alle möglichen Bereiche erstrecken, von der Verwaltung des Strafvollzugs über die Landwirtschaft mit ihren riesigen Staatsbetrieben bis zu Handel und Industrie. Die Kolonisierung von Xinjiang durch die Bingtuan begann in den 1950er-Jahren. Sie diente der Urbarmachung und Grenzsicherung dieser Provinz am Ende der chinesischen Welt. Zuerst kamen nach dem Bürgerkrieg 1949 aus der Armee entlassene Soldaten hierher, dann zogen überzeugte Kommunisten nach, die die unwissenden Dörfler in die Vorzüge der Zivilisation einzuweihen gedachten, und später wurden hier Han-Chinesen zur Umerziehung in Arbeitslager gesteckt. Zwischen 1957 und 1978 war diese Provinz im äußersten Westen Chinas der bevorzugte Ort für die Verbannung Andersdenkender. Der vielleicht berühmteste Zwangsmigrant von Xinjiang ist der Schriftsteller und spätere Kulturminister Wang Meng, der von 1963 bis 1979 in die Provinz verbannt wurde.6 Damals etablierten sich etwa ein Dutzend Bingtuan in China (in Heilongjiang, Tibet, der Inneren Mongolei). Sie alle verschwanden wieder nach dem Tod Mao Tse-tungs (1976), mit Ausnahme jener in Xinjiang, die seither immer aktiver wurden.

Das Museum von Shihezi stellt ihre Heldengeschichte im Stil des sozialistischen Realismus dar. Dutzende vergilbte Fotos von armen Bauernsoldaten oder Kindern in improvisierten Schulen sollen den Pioniergeist jener Epoche abbilden. Höhepunkt ist eine riesige, in einem Extrasaal angebrachte Karte, die die heutige Macht der Bingtuan zeigt. Sie ist weit größer als die der Provinzregierung.

Mit 1,9 Millionen Mitgliedern unterstehen die Bingtuan immer noch der Kontrolle der Volksbefreiungsarmee, in ihrem Besitz befinden sich 1 500 Unternehmen, mehrere davon an der Börse notiert, und zwei Universitäten; sie kontrollieren in Xinjiang ein Drittel des Nutzlands, ein Viertel der Industrieproduktion und die Hälfte bis zwei Drittel der Exporte, und sie dürfen Steuern eintreiben. Als größte Ketchupproduzenten der Welt haben die Bingtuan 2004 über ihre Filiale Xinjiang Chalkis Co. sogar das französische Unternehmen Conserves de Provence aufgekauft. Anlässlich einer historischen Sitzung zur Bewahrung der Stabilität in der Provinz Xinjiang forderte das Politbüro der KP 1996 seine Mitglieder direkt dazu auf, „junge Menschen aus Zentralchina“ doch zu ermutigen, sich den Bingtuan in Xinjiang anzuschließen.7

Im Laufe der Jahrzehnte stieg auf diese Weise der Bevölkerungsanteil der Han von 6 Prozent (1949) auf 40,6 (2006). Seit absolute Freizügigkeit herrscht, strömen die Han in die Provinz, um es im „Neuland“ zu etwas zu bringen. Ihnen folgen arme Bauern (mingong) aus Sichuan, Shaanxi oder Gansu, wo die Einkommen noch niedriger sind als in Xinjiang.

Unter den Neuankömmlingen sind auch Kader staatlicher Unternehmen, wie Liu Wang, der als Ingenieur an der neuen Eisenbahnlinie zwischen Ürümqi und Hotan arbeitet, die quer durch die Taklamakanwüste führt. Er stammt aus dem viele Kilometer entfernten Shaanxi und sieht seine Familie nur einmal im Jahr zum chinesischen Neujahrsfest. Zwischen Han, Uiguren oder Kasachen macht er keinen Unterschied. Er findet, man müsse die ganze Provinz aufrütteln: „Hier herrscht noch der Sozialismus!“ Und das ist nicht als Kompliment gemeint. Liu Wang ist Ingenieur aus Leidenschaft. Er beschwert sich über die Langsamkeit der Verwaltung und die Verschwendung öffentlicher Gelder. „Man baut Autobahnen, Flugplätze, Hotels … aber es wird kein Personal ausgebildet.“ Deshalb machen die qualifizierten Arbeiten auf seiner Baustelle auch nur Han.

Das hört man überall, sogar von einem uigurischen Taxifahrer, als wir an der Baustelle zwischen Kaschgar und Hotan vorbeifahren: „Natürlich gibt es auch uigurische Ingenieure, aber sie können nicht im Ausland studieren. Dabei wird die Technik heutzutage aus Deutschland oder Japan eingeführt. Doch Uiguren dürfen nicht ausreisen.“

In China gibt es keinen rechtlichen Anspruch auf Passbesitz; seine Aushändigung unterliegt der Willkür der Distriktbeamten. Ob Ingenieur, Wissenschaftler oder Arbeiter, für die Angehörigen einer Minderheit gleicht der Kampf um diesen Schlüssel zur Welt einem Spießrutenlauf. Und wenn man ihn schließlich bekommen hat und endlich reisen könnte, muss man vorher erst einmal nach Peking fliegen, um im Konsulat des Ziellands ein Visum zu beantragen. Das können sich viele schon gar nicht leisten.

Ohne Mandarin geht gar nichts

Ein anderer wichtiger Grund, der Einstellungen von Uiguren entgegensteht, ist die Sprache. Die meisten Uiguren sprechen kein oder nur sehr wenig Mandarin, die Sprache, mit der man sich in den Unternehmen verständigt, wo mehrheitlich Han arbeiten. Manchmal ist es aber auch ein vorgeschobener Grund: „Tatsächlich bringt man hier Sprache und Nationalität oft durcheinander“, erklärt Wang Jian-min, Professor am Institut für Ethnologie in Peking. „Man kann verstehen, wenn ein Unternehmen verlangt, die Angestellten sollten ordentlich Mandarin sprechen, aber es ist nicht normal, wenn sie fordern, man müsse Han sein.“

Das sei vielleicht nicht normal, erklärt uns ein junger Unternehmenschef in einem Vorort von Shihezi, aber es würde manche Dinge vereinfachen: „Die Kantine müsste für die muslimischen Speisevorschriften extra anders kochen.“ Wenn es ein Problem gebe, seien die Uiguren zudem weniger einsichtig als zum Beispiel die Mingong, die Wanderarbeiter. Aus diesem Grund finden aber auch hochqualifizierte Uiguren keine Arbeit. Doch im ganzen Land haben es Akademiker gerade schwer: Nach dem Studium ist in China jeder dritte Absolvent arbeitslos.

Die sprachlichen Hindernisse sind allerdings tatsächlich ein Problem. Früher schickten die meisten Familien ihre Kinder in spezielle Schulen für die Minderheiten, dort war Mandarin nur ein Fach, nicht Unterrichtssprache. Allerdings hatte man auf dem Land auch gar keine andere Wahl. Für die urbane Elite der Uiguren stellte sich dieses Problem nicht, da deren Eltern sie oft in chinesische Schulen (mit Uigurisch als Wahlfach) schicken konnten.

Seit 2003 ist der Unterricht auf Chinesisch von der ersten Klasse an Pflicht, ausgenommen das Fach Literatur. Uigurisch hat jetzt den Status einer Zweitsprache. Diese Verordnung ist ein zentraler Streitpunkt, von vielen als „kultureller Genozid“ oder „Gehirnwäsche“ bezeichnet, wie Abderrahman, unser Tiefbauingenieur, sich ausdrückte. Auf dem Land werde das Ganze zur Groteske, sagt die junge uigurische Lehrerin Nadira, die in einer Dorfschule, weit weg von Kaschgar, als Einzige im Kollegium auf Mandarin unterrichten kann. Natürlich kann sie nicht alle Kinder aufnehmen: „Also entscheiden die politischen Funktionäre, wer die zweisprachige Schule besuchen darf und wer nicht.“ Die Willkür verstärkt noch den Ärger derer, die dem Mandarin als Pflichtsprache grundsätzlich feindlich gegenüberstehen.

Nazim, uigurischer Institutsleiter an der Universität von Ürümqi, sieht in der zweisprachigen Erziehung hingegen eine Chance: „So kann man sich seine Muttersprache aneignen – man muss sie schreiben können, um die eigene Kultur zu bewahren –, Mandarin ist dafür die Sprache der Wissenschaft, des Handels und der Arbeit.“ Wie viele Angehörige der Mittelschicht fürchtet auch Nazim, dass die wohlhabenderen Familien ihre Muttersprache völlig aufgeben. Sie schicken ihre Kinder in chinesische Schulen, um ihnen bessere Zukunftschancen zu sichern. Die Eltern sprechen immer weniger Uigurisch und schreiben es kaum noch. „So stirbt eine Sprache.“

Die junge Lehrerin Assiane, die in der Schule auf Chinesisch unterrichtet wurde, wartet, dass ihr älterer Kollege den Raum verlässt, bevor sie uns sagt, was sie denkt: „Erst wird die Stundenzahl für Uigurisch reduziert, dann verschwindet es ganz.“ Sie hat in Yunnan, im Südwesten Chinas, studiert: „Hier werden die Minderheitensprachen gar nicht mehr gelehrt.“ Für Assiane ist es ein schleichender Verlust: „Der Unterricht reduziert unsere Kultur nur noch auf die Bräuche.“

Doch das wollen nur wenige Han zugeben und reagieren genervt, wenn man sie auf das Thema anspricht. Sie ärgern sich stattdessen über ein ganz anderes Problem: „Die Minderheiten werden bei den Aufnahmeprüfungen für die Uni durch ein Bonussystem bevorzugt, bei den öffentlichen Stellen gibt es eine Minderheitenquote, und Minderheitenschriftsteller finden leichter als Han einen chinesischen Verlag, der sie druckt“, behauptet der Fotograf Zhang Wi, der ein bisschen wild aussieht. Und dann erzählt er uns noch die Geschichte von einem Uiguren, der völlig unfähig war und trotzdem einem Han, der für den Job viel besser geeignet gewesen wäre, vorgezogen wurde.

Fundstücke aus Taklamakan

Seit 2003 gibt es ein Gesetz, das auf der Verwaltungsebene eine Doppeldirektion aus Han und Vertretern der Minderheit vorschreibt. Meistens bleibt die Entscheidungsgewalt in den Händen des Han. So ist es auch auf der höchsten Ebene der Provinzregierung von Xinjiang. Der Uigure Nur Bekri ist Präsident, die Fäden aber zieht Parteisekretär Wang Lequan, der hier seit 1994 mit eiserner Hand regiert. „Er hat nicht den Verstand, um die Situation zu begreifen, und nicht das Herz, um zu lieben; er erreicht nicht die Seele der Menschen“, erklärt uns Yi Fang, ein alter Kommunist aus Peking, für den die Auseinandersetzungen im Juli „eine Schande für China“ sind. Wang kombiniere rücksichtslos „Wirtschaftsliberalismus und Repression“. Yi würde diese Haltung auch nichts als kolonialistisch, sondern eher als selbstherrlich bezeichnen. Schließlich sei Xinjiang ein Teil von China, dessen Landesgrenzen von den Vereinten Nationen anerkannt sind.

Wie Geschichte oft politisch instrumentalisiert wird und dafür Tatsachen verdreht oder verfälscht dargestellt werden, wird uns hier mal wieder vor Augen geführt. Nach dem alten Eisengitter mit Vorhängeschloss zu urteilen, das für uns geöffnet wird, verirren sich nur wenige Besucher in das verstaubte Museum von Kaschgar. Gleich auf der ersten Schautafel erfährt man: „60 vor Christus (…) wurde unter der Han-Dynastie eine regionale Regierung eingesetzt. Seither gehört Xinjiang zum chinesischen Staat.“ Das war lange die offizielle Version, die man heute ebenso aufgegeben hat wie die Vorstellung, die Chinesen seien in der Region die ersten Siedler gewesen. Beeindruckende indoeuropäische Mumien, die in der Taklamakanwüste gefunden wurden8 , widerlegen diese Theorie. Denn die berühmte Seidenstraße führte die Händler und ihre Begleiter auch durch die riesige Sandwüste Taklamakan. Eine Vielzahl von archäologischen Funden zeugt von dem reichen kulturellen Erbe Xinjiangs, das sich auf gar keinen Fall auf einen einzigen Einfluss – den han-chinesischen – reduzieren lässt.

Doch es entspricht ebenso wenig den Tatsachen, dass die Provinz erst von den Kommunisten nach 1949 kolonisiert wurde, wie der Uigurische Weltkongress meint. Die erste politische Einflussnahme der Chinesen in Xinjiang geht auf die Mandschu-Dynastie um 1750 zurück. Nachdem es immer wieder zu Aufständen gekommen war, entsandte Kaiser Daoguang in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts chinesische Beamte in die Provinz, denn er misstraute der ortsansässigen Verwaltung, die als korrupt galt und „der Politik des Zentralstaats schaden würde“.9 Doch erst 1884 wurde Xinijiang in seinen heutigen Grenzen offiziell dem chinesischen Kaiserreich eingegliedert.

Xinjiang erstritt sich immer wieder zeitweise Unabhängigkeit. So überlebte das Emirat von Kaschgar dank der Anerkennung durch das Osmanische Reich, Großbritannien und Russland von 1864 bis 1877. Eine kurzlebige Turko-islamische Republik Ost-Turkestan bestand von November 1933 bis Februar 1934. Und zwischen 1944 bis 1949 erstreckte sich das Gebiet der Republik Ostturkestan – mehr oder weniger ein Satellitenstaat der UdSSR – über drei Distrikte im Norden. Rémi Castets erklärt, die Leute empfänden sich zum Teil immer noch als „Erben mächtiger Kaiser- oder Königreiche, die manchmal auch Chinas Rivalen waren“.

Tatsächlich fordert die Mehrzahl der Uiguren aber gar nicht die Unabhängigkeit, sondern nur mehr Respekt und Gerechtigkeit.

„Uns geht es heute zwar viel besser als noch vor zehn Jahren“, sagt Abderrahman, doch verglichen mit der Lage der Han „hinken wir deutlich hinterher“. Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner liegt zum Beispiel in Shihezi, im Norden von Xinjiang, wo 90 Prozent der Einwohner Han sind, bei 15 016 Yuan (1 575 Euro), während es in Kaschgar (mit nur noch 8,5 Prozent Han) bei 3 497 Yuan (367 Euro) oder Hotan (mit 3,2 Prozent Han) bei 2 445 Yuan (256 Euro) liegt.

Diese große, auf ethnischen Kriterien beruhende Ungleichheit treibt die Uiguren in die Arme des Islam. Hier finden sie Anerkennung, hier formiert sich die Opposition. Die Fundamentalisten drohen sich durchzusetzen. Schon heute trifft man häufiger Frauen in Burka. Wenn extremistische Bewegungen, die den Dschihad predigen, auch die absolute Ausnahme sind, so kann sich das durch verweigerte Gesprächsbereitschaft schnell ändern.

Die Minderheiten, vor allem Uiguren, leiden unter der Modernisierung, die ihre Kultur zerstört, unter der Diskriminierung, die sie am Wirtschaftswachstum nicht teilhaben lässt, und unter einem autoritären Staat, der sie nicht sein lässt, wie sie sind. In Xinjiang würde es heute anders aussehen, wenn Peking den Autonomiestatus nicht nur auf dem Papier gelten ließe.

Fußnoten:1 Seit 2004 versucht der Uigurische Weltkongress, die verschiedenen Oppositionsgruppen im Ausland zusammenzubringen. Präsidentin ist Rebiya Kadeer, die am 15. Mai 2009 wiedergewählt wurde. 2 Alle Namen geändert, mit Ausnahme derjenigen von offiziellen Vertretern. 3 Siehe Rémi Castets, „Les mutations de l’islam chez les Uyghur du Xinjiang“, Études orientales, Nr. 25, 1. Halbjahr, Paris 2008. 4 Sie leben in ganz China, die Mehrheit in der autonomen Provinz Ningxia Hui in Zentralchina. 5 Windenergie liefert 8 Prozent der produzierten Energie und soll bis 2020 15 Prozent erreichen, davon die Hälfte in Xinjiang. 6 Nach seiner Rehabilitierung war er von 1986 bis zum Massaker auf dem Tienanmenplatz von 1989 Kulturminister. Siehe u. a.: Martin Woesler (Hg.), „Der Essay ist die Sehnsucht nach Freiheit. Wang Meng, ehemaliger Kulturminister Chinas, als Essayist im Zeitraum 1948 bis 1992“, Frankfurt am Main (Peter Lang) 1998. 7 Siehe Anmerkung 3. 8 Siehe etwa den Dokumentarfilm von Olivier Horn, „Les momies du Taklamakan“, Gédéon Programmes, 2003. 9 Siehe C. Patterson Giersh, „Grieving for Tibet“, China Perspektives, März 2008.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Le Monde diplomatique vom 07.08.2009,