Testfall Ecuador
Das US-Militär versucht in Lateinamerika wieder stärker Fuß zu fassen
von Vincent Ortiz

Ob die US-Amerikaner wohl nur vor Ort sind, um die Artenvielfalt zu schützen, fragt Jorge Vázquez zum Schein. Der Naturforscher lebt seit sechs Jahren auf der ecuadorianischen Insel San Cristóbal, der östlichsten des Galapagos-Archipels. Er führt uns auf einem steilen Pfad durch die unberührte Schönheit dieser geschützten Natur. Über die Felsen gelangen wir zu einem natürlichen Aussichtspunkt mit Blick auf den Pazifik. Dort unten stört nichts die Parade der Seelöwen und die Leguane auf ihren Streifzügen.
Die Galapagosinseln wurden 1959 zum Nationalpark und 1978 zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt, 1998 kam ein Meeresschutzgebiet rund um die Inseln hinzu. Eine in der Verfassung von 2008 festgelegte Sonderregel schreibt strenge Gesundheitskontrollen vor, um zu verhindern, dass invasive Arten, Parasiten oder Krankheitserreger eingeschleppt werden. Ausgenommen von diesen Kontrollen sind allerdings die vor Ort stationierten US-Soldaten, die offiziell im Rahmen einer Kooperation mit Ecuador im Einsatz sind.
„Verstecken tun sich die Amerikaner jedenfalls nicht“, meint Vázquez und deutet nach Westen, wo hinter einer Felsformation Hafen- und Flughafenanlagen liegen. „Hier sind ihre Drohnen stationiert, und auf der Landebahn hinter uns starten ihre Patrouillenflugzeuge. Ich habe mich wie wir alle hier längst daran gewöhnt.“ Für die ganze Ausrüstung inklusive einer P-3 Orion (Lockheed Martin), einer Awacs (Boeing) und eines DHC-8-Bombers (De Havilland) musste der Flugplatz vergrößert werden. Und der Hafen der Insel mit ihren knapp 6000 Einwohnern beherbergt nun US-amerikanische Schiffe.
Unter Präsident Lenín Moreno (2017–2021), Nachfolger des Linken Rafael Correa (2007–2017), der Kooperationen mit den USA weitgehend aufgekündigt hatte, näherte sich Ecuador während einer schweren Wirtschaftskrise wieder den USA an. Das Land erhielt einen Kredit vom Internationalen Währungsfonds (IWF), der Präsident verordnete drastische Sparmaßnahmen und bat Washington in zwei Bereichen um Hilfe: illegale Fischerei und Drogenhandel. Moreno unterstützte damit die Rückkehr der USA auf den Galapagos-Archipel, wo sie schon während des Zweiten Weltkriegs (bis 1946) Militärbasen unterhalten hatten.
Die US-Regierung zeigte sich hier besonders entgegenkommend, da sie über Chinas wachsenden Einfluss in dem Andenstaat während Correas Amtszeit äußerst besorgt war und Ecuador nun China beschuldigt, illegal in seinen Gewässern zu fischen. Die Zunahme von Fischerei in der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) auf 200 000 Seemeilen rund um die Galapagosinseln löst inzwischen immer wieder diplomatische Zwischenfälle aus.
Vor allem die jährliche Wanderung der Tintenfische lockt Fischereiflotten an; China soll an diesen illegalen Aktivitäten seit Ende der 2010er Jahre massiv beteiligt sein, um seinen wachsenden Bedarf zu decken. Zwischen 2021 und 2023 zählte die US-Umweltorganisation Oceana in diesem Gebiet 510 Trawler unter chinesischer Flagge, die dort insgesamt 148 000 Stunden zugange waren.1
Nach Auffassung der USA verstößt die chinesische Handelsmarine – sie ist die weltweit größte sowohl bei der Tonnage als auch am Gesamtwert der Schiffe gemessen – gegen das Völkerrecht, indem sie die territoriale Souveränität eines verbündeten Landes verletzt. Es handele sich um unlauteren Wettbewerb; überdies würden Meeresschutzgebiete zerstört, zu deren Erhalt nicht zuletzt auch US-Programme beitragen. Außerdem verdächtigen die USA die chinesische Armada, dass sie neben der Fischerei Spionage und militärische Aufklärung betreibt, die die chinesische Position im Pazifik an den Grenzen der westlichen Hemisphäre stärken sollen.2
Der ecuadorianische Oberst a. D. Roberto Marchan hält diese Anschuldigungen indes nur für einen willkommenen Vorwand, damit sich die USA in der Region engagieren können. Die wahren Gründe seien vielmehr geopolitischer Natur. „Die Galapagosinseln sind die einzigen Inseln im lateinamerikanischen Pazifik, die über die erforderlichen topografischen Eigenschaften für eine militärische Infrastruktur verfügen“, erklärt er uns bei einem Gespräch in Quito. „Sie ermöglichen den USA im Konkurrenzkampf mit China eine umfängliche Kontrolle und Überwachung dieses Küstenabschnitts.“
Diese Einschätzung teilt auch der altgediente Diplomat Francisco Carrión, der unter anderem Außenminister Ecuadors (2005–2007) und Botschafter in Washington (2017–2020) war: Der Archipel könne „die Sicherung eines Dreiecks ermöglichen, das von der ecuadorianischen Küste bis zu den Galapagosinseln und von dort bis nach Mittelamerika reicht“.
Die USA forcieren ihre Neupositionierung in der gesamten Region, seitdem Trump ins Weiße Haus zurückgekehrt ist. So setzte Washington im Februar 2025 bei der Regierung von Guatemala unter Bernardo Arévalo massive Ausbauarbeiten im Pazifikhafen Puerto Quetzal durch, mit dem laut einem Kommuniqué der US-Botschaft vor Ort anvisierten Ziel, „den wirtschaftlichen Wohlstand zu fördern, die illegale Migration zu verringern und die Sicherheit in der Region zu verbessern“ – gemeint sind Kontrollen von Kreuzfahrtschiffen und die Bekämpfung des Drogenschmuggels.3 Die Arbeiten finden unter der Aufsicht des Ingenieurkorps der US-Armee statt.
Nur ein paar Wochen später zwang Washington dem Präsidenten von Panama, José Raul Mulino, einen Vertrag auf, der den Einsatz von US-Truppen gegen Drogenhandel und gegen Chinas Einflussnahme in der Zone um den Panamakanal erlaubt.4 Und in Talara, im Norden von Peru, planen die USA nahe der Luftwaffenbasis von Piura den Bau eines Weltraumbahnhofs, samt Forschungseinrichtungen für Luft- und Raumfahrt. Rund 1000 Kilometer südlich davon liegt der Megahafen Chancay, der Teil der chinesischen Neuen Seidenstraße (Belt and Road Initiative) ist.5
Was Ecuador betrifft, so wird die engere Zusammenarbeit mit den USA, neben der illegalen Fischerei, vor allem mit einem weiteren Argument begründet: dass das Land zwischen den beiden größten Kokainproduzenten Peru und Kolumbien mittlerweile als Drehscheibe für Geldwäsche und Drogenexport dient – in die USA und vor allem nach Europa. Die Zahl der Morde stieg zwischen 2018 und 2023 um 800 Prozent, womit die Mordrate in Ecuador mittlerweile höher ist als in Kolumbien oder Mexiko.6

Die Bevölkerung sagt nein
Im Kampf gegen das organisierte Verbrechen haben die ecuadorianischen Behörden die Unterstützung der US-Streitkräfte im Galapagos-Archipel angefordert, wo die Schmuggler ihre Boote mit Treibstoff volltanken, bevor sie weiter nach Norden fahren. Die US-Streitkräfte sind auch auf dem Festland präsent, in den großen Häfen Guayaquil und Manta.
Während der Präsidentschaft von Rafael Correa (2007–2017) waren die Beziehungen Ecuadors zu Washington belastet. Artikel 5 der 2008 verabschiedeten neuen Verfassung untersagte „die Einrichtung ausländischer Militärstützpunkte oder ausländischer Einrichtungen mit militärischem Zweck“ sowie die Überlassung nationaler Stützpunkte an „ausländische Streit- oder Sicherheitskräfte“. 2009 verweigerte die linke Regierung auch die Verlängerung des Pachtvertrags für den „vorgelagerten Operationsstützpunkt“ (Forward Operating Location, FOL) der US-Truppen in Manta, der zuvor mit dem Kampf gegen Drogen begründet worden war.
Correas Nachfolger haben sich dagegen sehr um Kooperationen mit den US-Geheimdiensten und dem Südkommando der US-Streitkräfte bemüht. Präsident Noboa würde sein Land gern zum wichtigsten Sicherheitsverbündeten der USA in Südamerika machen. Am 4. September 2025 empfing er in Quito den US-Außenminister, der eine Finanzhilfe in Höhe von 20 Millionen Dollar für die Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich und die Modernisierung der ecuadorianischen Streitkräfte ankündigte, insbesondere für den Kauf von Drohnen.
Bei der Gelegenheit äußerte Marco Rubio auch den Wunsch nach einer verstärkten Präsenz von US-Truppen auf ecuadorianischem Staatsgebiet. Am selben Tag erklärte Washington im Kontext der neuen regionalen Antidrogenpolitik, die auf eine militärische Bekämpfung der organisierten Kriminalität setzt, die größten ecuadorianischen Kartelle Los Choneros und Los Lobos zu „ausländischen terroristischen Organisationen“. Dies ist die Voraussetzung, um alle Maßnahmen ergreifen zu können, die zu deren „vollständiger Beseitigung“ führen.7
Noboa seinerseits versuchte, eine Aufhebung von Artikel 5 der ecuadorianischen Verfassung durchzudrücken und wieder US-Truppen ins Land zu holen. Bei einem Referendum am 16. November lehnte jedoch eine klare Mehrheit diese Verfassungsänderung ab – ebenso wie drei andere Noboa-Projekte: die Einberufung einer Versammlung zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung, die Halbierung des Parlaments und die Abschaffung der staatlichen Parteienfinanzierung.8 Eine Rückkehr der US-Streitkräfte nach Manta und die Eröffnung neuer US-Stützpunkte im Land sind damit ausgeschlossen. Das völkerrechtswidrige Vorgehen der USA gegen mögliche Drogenschmuggler in der Karibik und im Ostpazifik dürfte das Ergebnis der Befragung stark beeinflusst haben.
Der Schriftsteller und Galapagos-Experte Hugo Idrovo merkt an, dass die Turboprop-Flugzeuge P-3 Orion, die von Guayaquil oder San Cristóbal starten, mit Radargeräten, Luftbildkameras und Infrarotdetektoren ausgestattet sind: „Formal gesehen handelt es sich bei diesen Flügen um bilaterale Militäroperationen; die US-Soldaten müssen von Ecuadorianern im Cockpit begleitet werden. Aber auf See, mehr als zwölf Meilen vor der Küste, wo unser Hoheitsgebiet endet und die ausschließliche Wirtschaftszone beginnt, können die Amerikaner allein operieren. So können sie ihre Flugroute geheim halten.“
Ist das nicht bloße Paranoia? „Es ist mittlerweile bekannt, dass die Vereinigten Staaten ihren Stützpunkt in Manta bis zu seiner Schließung 2009 zur Spionage gegen Ecuador genutzt haben“, entgegnet Idrovo. Heute halten die USA das ausschließliche Eigentumsrecht an den Informationen, die im Meeresgebiet um die Galapagosinseln gesammelt werden, das an Costa Ricas AWZ grenzt, die wiederum mit den AWZs von Panama, Kolumbien und dem ecuadorianischen Festland zusammenhängt. All diese Staaten sind in das Sicherheits- und Militärnetzwerk der USA in diesem Teil Lateinamerikas eingebunden.
An der Strandpromenade von Guayaquil sinniert Idrovo über den IWF, das Südkommando, die Geheimdienste und die „oligarchischen Familien mit Verbindungen zu den USA“. Die Geschichte Ecuadors, meint er, verlaufe zyklisch, auf Phasen der Emanzipation folge die Herrschaft dieser Clans. Er erzählt von der Noboa-Dynastie, vom Vater des milliardenschweren Präsidenten und dessen Tante, der reichsten Frau Ecuadors. Zu dem Firmenimperium der Familie gehören der zweitgrößte Bananenexporteur des Landes, eine Bank und ein Immobilienunternehmen. Der „Bananenprinz“, wie der Schriftsteller den Präsidenten nennt, hat eine politische Niederlage zu verkraften, aber mittellos ist er nicht.
2 Siehe Ian Urbina, „Raubfang in fremden Gewässern“, LMd, November 2020.
4 Siehe Didier Ortolland, „Wem gehört der Panamakanal?“, LMd, Juni 2025.
5 Siehe Romain Migus, „Chinas Megaprojekt in Peru“, LMd, April 2025.
8 „Resultados de la consulta popular y referéndum 2025 en Ecuador noviembre 16, 2025“, EcuadorLegal.
Aus dem Französischen von Nicola Liebert
Vincent Ortiz ist Journalist und stellvertretender Chefredakteur des Onlinemagazins Le Vent se lève.


