Affenexport
Versuchstiere für Big Pharma
von Guillaume Poisson

Port Louis im Hochsommer. Auf einer Straße in der Hauptstadt der Republik Mauritius liegt ein umgestürztes Eisengitter, drumherum liegen auf dem glühend heißen Asphalt noch ein paar Reste von angefressenem Zuckerrohr.
Das Ganze ist einmal eine Falle gewesen, um wild lebende Affen anzulocken und einzufangen. Mansa Daby weiß, was passiert ist. Sie ist Vorsitzende der NGO Monkey Massacre Mauritius, die gegen die „Versklavung“ der Affen auf Mauritius kämpft. Erst vor ein paar Tagen war Daby hier, um die Falle zu fotografieren. Da sei sie noch intakt gewesen, erzählt sie. Kurz danach hatte ihr ein Nachbar die Zerstörung der Anlage gemeldet. Derart krasse Reaktionen seien selten, aber durchaus schon vorgekommen: „Einige Menschen haben genug von diesen Fallen, die manchmal nur wenige Meter von ihrem Garten entfernt aufgestellt werden.“
Seit den 1980er Jahren werden auf der Insel Mauritius Langschwanz-Makaken gezüchtet; doch erst seit der Coronapandemie im Jahr 2020 setzte ein regelrechter Boom ein. Bis dahin wurden diese Affen, die als Versuchstiere vor allem für die pharmazeutische Infektions- und Virusforschung dienen, zumeist aus China bezogen. 2018 exportierte die Volksrepublik noch 30 000 Affen, die vor allem in die USA gingen.1 Doch mittlerweile werden die „nicht menschlichen Primaten“ nur noch an die eigene Pharmaindustrie geliefert.
Damit stieg Mauritius zum wichtigsten Lieferanten auf: Die Insel exportierte 2023 bereits 15 097 Affen, gefolgt von Kambodscha mit 13 305 und Vietnam mit 3405 Versuchstieren.
Allerdings kann Mauritius die Nachfrage allein aus Zuchtbeständen nicht bedienen; deshalb wurden schon 2023 zusätzlich 2500 wildlebende Langschwanz-Makaken für die Weitergabe an pharmazeutische Forschungslabore eingefangen.2 Dabei stehen diese Affen auf der Roten Liste gefährdeter Arten, die von der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) herausgegeben wird.
Der Affenexport bringt Mauritius pro Jahr mehr als 4 Milliarden Rupien (80 Millionen Euro) ein. Sechs Unternehmen teilen diese Erlöse unter sich auf. Dennoch macht diese Summe gerade mal 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von Mauritius aus, das vor allem im Tourismussektor erwirtschaftet wird, und mehr noch durch Offshorebanken und Finanzinstitute, die im Steuerparadies Mauritius angesiedelt sind.3
Unter der Bevölkerung von 1,3 Millionen gibt es jedoch viele Menschen, die das Geschäft mit dem Tier nicht gutheißen – weil es im Widerspruch zu ihrem Glauben steht. Zu diesen gehört etwa Poonam Ramrichia, die Monkey Massacre regelmäßig informiert, wenn sie eine neue Falle entdeckt hat. Warum sie das tut, erklärt die Frau aus dem kleinen Dorf Crève-Cœur mit ihrer Religion. Nach hinduistischer Lehre ist der Affe ein heiliges Tier: „Ich kann nicht schweigen, wenn ich die Schreie der kleinen Affen höre, die direkt neben meinem Haus gefangen werden.“ Ramrichia reinigt jede Woche den gegenüberliegenden Tempel, der dem Gott Hanuman geweiht ist, der als Affe dargestellt wird.
Die Hälfte der Bevölkerung von Mauritius bekennt sich zum Hinduismus, etwa ein Drittel zu einer christlichen Konfession, knapp 20 Prozent sind muslimisch.4 „Wir werden regelmäßig von gläubigen Hindus angesprochen, die sich aufgrund ihrer Religion schuldig fühlen und etwas tun wollen“, berichtet Mansa Daby. „Die ausländischen Investoren in der Affenzucht unterschätzen die Bedeutung der maurizischen Kultur.“ Die Bemerkung bezieht sich auf den Verkauf einer der beiden größten maurizischen Zuchtfarmen (Noveprim) an das US-Unternehmen Charles River Laboratories – das weltweit größte für Aufzucht und Vertrieb von Versuchstieren. Laut Mansa Daby werden seit dem Eigentümerwechsel im November 2023 deutlich mehr Fallen aufgestellt.
Für die maurizischen Hindus ist Hanuman die wichtigste Gottheit, der in vielen Haushalten gehuldigt wird, erläutert der Pandit (hinduistische Priester) Doorvasa Ramnaria: „Er beschützt die Menschen und verleiht ihnen Kraft und Stärke vor drohenden Gefahren.“
Ramnaria verspürt unter der Hindu-Bevölkerung neuerdings Unzufriedenheit und Unruhe: „Bis jetzt hatte ich immer den Eindruck, dass die Gläubigen Angst haben, darüber zu sprechen, aber nun scheint sich das zu ändern.“ Im März 2024, anlässlich eines hinduistischen Feiertags, hatte eine Pilgergruppe an ihrem Festwagen für die Prozession das Foto eines Affen gepinnt, der fleht „Please help me“. Eine so eindeutig politische Botschaft ist bei solchen Festen höchst selten.
Doch es gibt für das neuerdings verstärkte Interesse an dem Thema auch einen konkreten Anlass: Im März 2023 wurden in einer ungenutzten Lagerhalle in Port Louis 446 unterernährte Makaken aufgefunden. Wie die Lokalpresse berichtete, waren die Primaten in viel zu kleinen Käfigen eingesperrt und hatten offensichtlich nicht genügend Nahrung bekommen.
„Die Entdeckung dieser Affen und verschiedene internationale Ermittlungen brachten die Sache ins Rollen: Plötzlich wurden unsere Videos über den Affenhandel in den sozialen Medien viel häufiger abgerufen“, erzählt Mansa Daby. Und zu den organisierten Demonstrationen ihres Vereins erschienen auf einmal mehrere hundert Teilnehmer:innen: „Das ist nicht viel, aber es ist deutlich mehr, als wir in einem Land, in dem es überhaupt keine Protestkultur gibt, erwarten können.“
In den vergangenen Jahren hat sich tatsächlich so etwas wie eine maurizische Zivilgesellschaft herausgebildet. 2020 kam es in Port Louis zu den größten Demonstrationen in der Geschichte der jungen Republik, die nach ihrer Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1968 erst 1992 ihre derzeitige parlamentarische Verfassung bekam. Fast 100 000 Menschen kamen zu den Kundgebungen gegen das Versagen der Regierung, die für die bislang schlimmste Ölkatastrophe auf der Insel verantwortlich gemacht wird: Als im Juli 2020 ein Ölfrachter südöstlich von Mauritius auf Grund lief und die Buchten und Sandstrände mit Schweröl überschwemmt wurden, kümmerten sich zunächst nur Freiwillige mit Eimern und selbstgebastelten Barrieren gegen die Giftflut.

Ökologische Argumente für die Jagd auf Makaken
Es folgten weitere Demonstrationen, gegen staatliche Korruption oder für den Erhalt der Pressefreiheit – dabei belegte das Land auf dem Demokratie-Index für Afrika bislang stets den Spitzenplatz. Das allgemeine Erstarken des Widerstands hat auch die Türschützer ermutigt. Doch das heißt keineswegs, dass es beim Thema Makaken einen Konsens gibt. Die Affenart lebt erst seit Beginn des 17. Jahrhunderts auf der Insel und wurde damals von den holländischen Kolonisatoren, die zwischen 1598 und 1710 die Insel besetzt hielten, aus Indonesien mitgebracht.5 Sie breiteten sich rasch auf der Insel aus, da es dort keine großen Raubtiere gibt.
Als invasive Tierart haben die Makaken erhebliche Schäden verursacht, erklärt der Umweltwissenschaftler Vincent Florens von der Universität Mauritius. „Direkt betroffen war der Maskarenen-Flughund, der nur hier vorkommt, weil die Makaken die Früchte fressen, von denen sich die Junghunde hauptsächlich ernähren. Zusammen mit den Ratten und invasiven Pflanzenarten zählen die Langschwanz-Makaken zu den Faktoren, die die Entwaldung in Mauritius vorangetrieben haben.“
Darauf beruft sich auch die Regierung von Mauritius, wenn sie die Affenzuchtfarmen mit dem ökologischen Argument rechtfertigt, dass diese dazu beitragen würden, die natürliche Vermehrung der Makaken einzuschränken. Mansa Daby akzeptiert das nicht: „Sollen jetzt etwa private Unternehmen, deren Ziel der größtmögliche Profit ist, dafür zuständig sein, die Affenpopulation zu kontrollieren und die Artenvielfalt auf Mauritius zu schützen?“
Zur Realität auf Mauritius gehört allerdings auch, dass die Fallen manchmal auf Bitten von Bauern aufgestellt werden, die sich den Affen wehrlos ausgeliefert sehen. Das gilt insbesondere für alle Landwirte, deren Felder direkt an den Wald grenzen. „Die Makaken fressen alles, zu jeder Jahreszeit. Manche Bauern sind pleite gegangen und mussten aufgeben“, berichtet Kreepalloo Sunghoon, Vorsitzender des Kleinbauernverbands.
Die kleinen Betriebe, deren Durchschnittseinkommen das landesweite unterschreitet, erhalten für jeden gefangenen Affen eine Prämie. „Das ist eine Win-win-Situation“, sagt Nada Padayatchy, Trapping and Sustainability Manager bei dem Unternehmen BioCulture, dem Hauptkonkurrenten von Noveprim. Padayatchy ist also für Fallen und Nachhaltigkeit zuständig, gibt aber keine Auskunft über die Gewinne, die seine Firma – nach Abzug der Provisionen an die Bauern – mit den gefangenen Affen macht.
In einigen Regionen der Insel, die ärmer sind als die Städte oder die touristisch erschlossenen Küsten, sind die Zuchtfarmen inzwischen unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber. „Ich weiß von mehreren Tierpflegern, die von ihren Arbeitgebern extrem abhängig waren“, berichtet Ivor Tan Yan, Arbeitsrechtler und gewerkschaftlicher Unterhändler. „Diese Farmen sind in Regionen angesiedelt, wo die Analphabetenrate hoch ist und es praktisch keinen Zugang zu adäquaten Bildungseinrichtungen gibt.“ Ein Tierpfleger verdient bis zu 90 000 Rupien (1900 Euro), fast das Doppelte des Durchschnittslohns von 50 000 Rupien.
Im November 2024 wurde die Regierung abgewählt, die für die steigenden Lebenshaltungskosten verantwortlich gemacht wurde. Auch die neue Labour-Regierung unter Premierminister Navin Ramgoolam steht jetzt vor der Frage, wie sie zum Export der Versuchstiere steht, den die vormalige Regierung unter Führung der MSM (Militant Socialist Movement) befürwortet hatte.
2016 hatte Landwirtschaftsminister Mahen Seeruttun die Langschwanz-Makaken zwar als eine der „invasivsten und destruktivsten“ Arten bezeichnet und als „Umweltschädling, der Landwirtschaft und Artenvielfalt zerstört“. Zugleich betonte er aber auch „den Nutzen der Forschung an Affen für die internationale Gemeinschaft und den Beitrag der Branche zur Wirtschaft unseres Landes, was Devisen und die Schaffung von Arbeitsplätzen anbelangt“.
Die damalige Regierung hatte den Exportfirmen eine Sonderabgabe von 3750 Rupien pro Tier verordnet.6 Arvin Boolell, der Landwirtschaftsminister der neuen Regierung, kündigte im September 2025 eine Reform an, um „die Nutzung unserer Makaken als Versuchstiere zu regeln“. Wie diese Regelung genau aussehen soll, ließ Boolell allerdings offen. Aber seine Ankündigung erfolgte in der US-Botschaft und in Anwesenheit des Hausherrn, dem er versicherte, künftig könnte die Forschung mit Unterstützung von US-Experten auch vor Ort in Mauritius stattfinden, sodass die Tiere nicht mehr exportiert werden müssten.7
Das aber heißt: Pharmafirmen mit Sitz in den USA könnten sich trotz des chinesischen Ausfuhrverbots ihren Zugang zu Makaken sichern. Außerdem ließen sich mit der Vor-Ort-Forschung auch Gesundheitsrisiken – zumindest was die USA betrifft – reduzieren. Wie die Tierschutzorganisation Peta (People for the Ethical Treatment of Animals) im Juni 2025 meldete, waren etwa 40 Affen, die das US-Unternehmen Charles River als neuer Eigentümer von Noveprim aus Mauritius in die USA exportiert hatte, 2023 und 2024 positiv auf Tuberkulose getestet worden.8
Daraufhin wies Mansa Daby in einer lokalen Zeitung auf die Gefahr von Zoonosen hin: „Das Risiko einer Übertragung von Krankheitserregern ist real, wenn man die genetischen Übereinstimmungen zwischen Affen und Menschen bedenkt. Tatsächlich ist dieses Risiko größer als der vermutete Nutzen der Tierversuche für die maurizische Bevölkerung.“9
Wie schwer dieses Risiko wiegt, ist schwer vorherzusagen. Klar ist allerdings, dass die Preise für nichtmenschliche Primaten mit dem wachsenden Bedarf in der Forschung immer weiter steigen, etwa in den Neurowissenschaften, zu Atemwegserkrankungen oder bei der Entwicklung von Coronaimpfstoffen. Dies und die Konkurrenz zwischen den großen Forschungsnationen hat zu einer globaler Knappheit an Versuchstieren wie Makaken geführt. Vor der Coronapandemie kostete ein Primat weniger als 5000 Euro, heute dagegen zwischen 20 000 und 30 000 Euro.
3 „Mauritius in figures and annual digest of statistics“, statsmauritius.govmu.org.
Aus dem Französischen von Sabine Jainski
Guillaume Poisson ist Journalist.


