Die Not der Bauern im Westjordanland
von Léonore Aeschimann und Pierre Casagrande

Ali, ein junger Viehzüchter, sucht gerade in den Ruinen eines Hauses, das im vergangenen Winter von israelischen Bulldozern zerstört wurde, nach Eisenstangen für sein Ziegengehege, als sich ein alter Lkw nähert. Auf der Ladefläche schwankt ein Wassertank. Ali begrüßt den Fahrer, der als Biologielehrer in Jericho arbeitet und nebenher die Familien der Gegend mit Wasser versorgt.
Wir sind im Dorf al-Maleh im Norden des Westjordanlandes. Unterhalb der Ziegenweide liegt ein ausgetrockneter Bach. Vor 20 Jahren führte er noch Wasser; heute treibt der Wind seine Staubwolken durch das Tal.
„Die Siedler kamen 1967. Seit 1973 pumpen sie aus mehr als 100 Metern Tiefe das Wasser ab“, erklärt Ali. Nach und nach versiegten die fünf Quellen, aus denen sich der Bach speiste. Die Wasserlieferungen per Lkw reichen zwar aus, um die Menschen und das Vieh im Dorf zu versorgen, aber leider nicht, um nebenher noch eine Parzelle zu bewässern.
Der israelische Siedlungsbau hat die palästinensische Landwirtschaft stark verändert. „Seit dem Beginn der Besatzung 1967 ist der Anteil des Sektors am Bruttoinlandsprodukt des Westjordanlandes immer weiter gesunken“, erläutert Taher Labadi, Wirtschaftswissenschaftler am französischen Nahost-Institut (IFPO) in Jerusalem. Über 70 Prozent der Anbauflächen werden von Familienbetrieben bewirtschaftet, die über weniger als einen Hektar Land verfügen.1
Sie produzieren vor allem für den Eigenbedarf und lokale Märkte. In der semiariden, bergigen Gegend wird traditionell auf terrassierten Hängen angebaut. Im Zentrum steht der Olivenbaum:2 „100 000 Familien leben ganz oder teilweise von ihren Olivenbäumen. Deshalb hat man in Palästina eine ganz besondere Beziehung zu seinem Land und zu diesen Bäumen“, sagt Moayyad Bsharat, Projektkoordinator bei der NGO Union of Agricultural Work Committees (UAWC). „Es ist eine wirtschaftliche und zugleich eine nationale Identität.“
Es wird Abend. Ali entschuldigt sich, dass er seinen Gästen keine richtigen Zimmer für die Nacht anbieten kann. Aufgrund der ständigen Zerstörungen lebt die Familie teilweise in Zelten. Das Dorf al-Maleh stammt aus osmanischer Zeit und wurde 1967 von der israelischen Armee verwüstet. Die gesamte Einwohnerschaft musste fliehen. Später sind etwa 60 Familien zurückgekehrt, aber das Dorf hat nie mehr seine einstige Größe erreicht. Nur ein paar Steinreste deuten darauf hin, dass die Straßen hier früher gepflastert waren.
Die Bauern, die bleiben, das Land bestellen oder Vieh züchten, werden samidin genannt: Menschen, die trotz der wachsenden Probleme hier ausharren. Durch ihre Anwesenheit schützen sie das Land vor der Aneignung durch israelische Siedler.
In Alis Familie sind jedoch alle Verwandten, die kleine Kinder haben, in die nächstgelegene Stadt Tubas gezogen. „Wenn man hier Häuser baut, werden sie von der Besatzungsmacht zerstört“, sagt Ali.
Seit dem Oslo-II-Abkommen von 1995 ist das Westjordanland in drei Zonen aufgeteilt: Zone A steht unter palästinensischer Kontrolle, in Zone B verfügen die Palästinenser über die administrative und die Israelis über die Sicherheitskontrolle und Zone C (62 Prozent des Westjordanlandes) steht unter alleiniger Kontrolle Israels. Die Armee erteilt in Zone C keine Baugenehmigungen, zerstört aber regelmäßig Wohnhäuser.3

Israelische Bulldozer gegen eine Saatgutbank
Im Mai wurde eine neue Regelung zur Erfassung des Grundbesitzes verfügt, indem die israelische Regierung ein Kataster einrichtete, das die Aneignung palästinensischen Bodens durch israelische Siedler weiter erleichtert. Obwohl sich im Jordantal bereits 80 Prozent des einst palästinensischen Ackerlands in Siedlerhand befinden oder als Militärgebiet deklariert sind, werden dort ständig weitere Flächen konfisziert. „Der Gaza-Krieg hat für Aufsehen gesorgt, aber hier führen sie einen lautlosen Krieg gegen uns“, sagt Anas H., der die Menschenrechtssituation in der C-Zone beobachtet.
Die palästinensische Landwirtschaft befindet sich nach wie vor im Übergang von der Subsistenz- zur Exportwirtschaft. Seit den 1990er Jahren fördern die palästinensische Autonomiebehörde und internationale Geldgeber den Anbau von Exportprodukten, zum Beispiel die Medjool-Datteln im Jordantal. Daraus ist ein regelrechtes Agrobusiness geworden. Als wir mit Anas auf der Nationalstraße 90 am Jordan entlang in Richtung Bardala fahren, erstrecken sich kilometerweit riesige, mit Bewässerungsanlagen versorgte Dattelplantagen. Auf den ersten Blick kann man die israelischen nicht von den palästinensischen Plantagen unterscheiden. Doch laut Anas bewirtschafteten die Israelis 70 Prozent der Ländereien.
Es sprach viel für die Einführung der Dattelpalme: Sie ist genügsam, an das raue Klima angepasst und verträgt auch relativ salzhaltiges Wasser. Im Export bringt sie rasch große Gewinne, sodass israelische und einige palästinensische Großgrundbesitzer Verträge mit internationalen Agrarunternehmen abschließen konnten. „Schon zu Beginn der Dattelpflanzungen wurden Parzellen von 600 Dunam (60 Hektar) angelegt, ein absolutes Novum in Palästina“, berichtet die Hydrologin Julie Trottier vom französischen Forschungsinstitut CNRS.
Das schnelle Geld verstärkte die Ungleichheit innerhalb der palästinensischen Gesellschaft. Früher konnte eine Pächterfamilie gut von einem Bananenfeld in der Größe von 1 Dunam leben. Doch auf den neuen Plantagen arbeiten keine Pächter, sondern nur Saisonkräfte. Zwei Monate im Jahr wird geerntet und fünf Monate lang sind Arbeiterinnen mit dem Verpacken der Früchte beschäftigt.
Diese Wirtschaftslage in Verbindung mit der Siedlergewalt erklärt auch die massive Landflucht: In Palästina ist der Anteil der Beschäftigten im Agrarsektor zwischen 1975 und 2023 von 37 Prozent auf 5 Prozent gesunken.4
Viele Grundnahrungsmittel werden heute nicht mehr vor Ort produziert. Die meisten Lebensmittel müssen über Israel importiert werden, das die Warenlieferungen jederzeit blockieren kann. „Das ist ein typischer Fall von Kolonialwirtschaft“, meint Taher Labadi. „Man orientiert die Produktion am Export, und die Wirtschaft des besetzten Gebiets wird vollständig vom Kolonialstaat übernommen und ist abhängig.“
Organisationen wie das UAWC kämpfen dagegen für Ernährungssouveränität. „Die palästinensische Autonomiebehörde gibt nicht mal 1 Prozent ihres Haushalts für Landwirtschaft aus, aber 35 Prozent für die Sicherheitskräfte und deren Funktionäre, obwohl die noch nie einen einzigen Olivenbaum oder eine einzige Bäuerin vor den Angriffen der Siedler oder der israelischen Armee geschützt haben“, schimpft der UAWC-Mitarbeiter Moayyad Bsharat.
„Das Budget des Landwirtschaftsministeriums sollte mindestens 10 Prozent des Haushalts betragen, um die Bedürfnisse der Bauern zu decken“, schätzt der etwa 40-jährige ausgebildete Agronom. Seine NGO wurde schon 1986 gegründet und unterhält heute 120 Landarbeitsausschüsse im Westjordanland und im Gazastreifen. Sie bietet Weiterbildungen, materielle Unterstützung und technische Beratung an. Das Ziel ist eine an den Wassermangel angepasste Landwirtschaft ohne importierten chemischen Dünger.
Das UAWC kümmert sich vorrangig um kleinbäuerliche Familienbetriebe und Frauen-Kooperativen. „Im Gegensatz zur palästinensischen Autonomiebehörde und den westlichen Geldgebern wollen wir uns nicht allein auf die 5 Prozent der Menschen konzentrieren, die große Plantagen besitzen, und darüber die Mehrheit vergessen, die ihre eigenen Nahrungsmittel anbauen will. Es geht uns nicht allein um Produktion, sondern auch um soziale Gerechtigkeit“, erklärt Bsharat.
Allerdings ist es nicht immer einfach, die Bauern von den ökologischen Anbaumethoden zu überzeugen. „Wir versuchen ihnen klarzumachen, dass sie ihre Ländereien schneller verlieren werden, wenn sie mehr produzieren wollen, weil die industrielle Landwirtschaft die Böden innerhalb weniger Jahre auslaugt.“ Durch die intensive Dattelkultur habe sich zum Beispiel der Salzgehalt der Böden erhöht.
Auch das Palestinian Agroecological Forum (PAF) engagiert sich seit seiner Gründung 2018 für ökologischen Landbau, um Ernährungssouveränität zu erreichen. Die traditionellen Anbaumethoden von früher seien mit den heutigen alternativen Standards vergleichbar, sagt Lina Isma’il vom PAF: „Aber heute wissen wir gar nicht mehr, welche chemischen Düngemittel sich in unseren Böden sammeln oder wie viele Varianten genetisch modifizierter Organismen uns vorgesetzt wurden.“ Die israelische Besatzungsmacht habe ihr Saatgut durchgesetzt. Daher gebe es kaum noch einheimische Sorten auf den lokalen Märkten.
Um das landwirtschaftliche Kulturerbe Palästinas zu erhalten, gründete die UAWC 2003 eine Saatgutbank südlich von al-Khalil (der palästinensische Name für Hebron). 76 einheimische Sorten wurden hier aufbewahrt, vermehrt und zur Anbauzeit verteilt. Der Schutz der Artenvielfalt sei nur einer der zahlreichen Vorteile des Projekts gewesen, meint Moayyad Bsharat: „Das industrielle Saatgut ist zwar ertragreicher, wenn man es zusammen mit Pestiziden und chemischen Düngemitteln anbaut und stark bewässert. Doch diese Pflanzen bilden selbst keine neuen Samen, sodass man jedes Jahr neues Saatgut kaufen muss. Dagegen ist unser Saatgut nachhaltig und gegen die durch die Erderwärmung verursachten Schäden besser gewappnet.“
Doch für Israel ist die potenzielle Ernährungssouveränität der Palästinenser offensichtlich eine Bedrohung: Am 31. Juli rückten vermummte Männer und israelische Soldaten mit Bulldozern an. Sie zerstörten ein Gebäude und plünderten die Saatgutbank. Nach Aussage der UAWC zielte der Angriff darauf ab, „die palästinensische Bevölkerung daran zu hindern, auf ihrem Land zu bleiben“.5
Nur eine Woche zuvor hatte das israelische Parlament einer nicht bindenden Resolution zugestimmt, in der die Regierung dazu aufgerufen wurde, das komplette Westjordanland zu annektieren. Zudem beschloss die Knesset einen 275 Millionen US-Dollar schweren Unterstützungsplan für Siedlungen.
Zuletzt entwurzelte die israelische Armee am 25. August im Dorf al-Moughayyir in der Nähe von Ramallah 10 000 Olivenbäume, von denen einige über 100 Jahre alt waren. Seit 1967 haben die Israelis insgesamt über 800 000 Olivenbäume zerstört und hunderte Quadratkilometer landwirtschaftlicher Flächen in Palästina mit Bulldozern planiert.6
Trotz alledem hat der Viehzüchter Ali seinen Humor und sein Lächeln nicht verloren. Als wir den Abend mit ihm in al-Maleh verbringen, reißt er einen Witz nach dem anderen, während er im Kohlenbecken Feuer macht, um Essen und Waschwasser zu erhitzen. Hinter ihm zeichnet sich gegen den Himmel die Stacheldraht-Silhouette eines israelischen Militärpostens ab. Ali sitzt an seinem Feuer, ebenso unbeweglich wie die Felsen ringsum. Die Steine verlassen das Tal nicht, lautet ein palästinensisches Sprichwort. ⇥
Léonore Aeschimann und Pierre Casagrande
2 Siehe Aïda Delpuech, „Landnahme mit Pinie“, LMd, Oktober 2024.
3 Siehe Joseph Dana, „Kafka im Westjordanland“, LMd, Februar 2012.
Aus dem Französischen von Sabine Jainski
Léonore Aeschimann und Pierre Casagrande sind Journalist:innen.


