13.11.2025

Showdown in Honduras

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Showdown in Honduras

Vor den Präsidentschaftswahlen am 30. November kämpft das Land noch immer mit den Folgen des Staatsstreichs von 2009

von Maurice Lemoine

Landwirtschaftsministerin Laura Suazo besucht Reisbauern in Jesús de Otoro (Departamento Intibucá) MAURICE LEMOINE
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Am 28. Juni 2009 wurde der honduranische Präsident Manuel Zelaya durch das Militär gestürzt. Damals erreichte die Welle rosa bis roter Regierungen in Lateinamerika ihren Höhepunkt. In Honduras bildete sich in der Folge zuerst ein Bündnis zahlreicher Organisationen und Parteien, die Frente Nacional de Resistencia Popular (FNRP), danach die linke Partei Libertad y Refundación (Libre). Sie kam schließlich im Januar 2022 an die Macht, nach mehr als zwölf Jahren einer, wie oft gesagt wird, „Narco-Diktatur“. Die neue Präsidentin, Xiomara Castro, ist die Ehefrau von Manuel Zelaya. Ihre Amtszeit endet bald, neu gewählt wird am 30. November.

Honduras hat eine schwierige Zeit hinter sich. Nach 2009 war das Land in den Händen der „Zehn Familien“, der von ihnen kontrollierten Medien, der Sicherheitskräfte und, wie man später herausfinden sollte, der organisierten Kriminalität. Aus den drei – erwiesenermaßen unsauberen1 – Wahlen von 2009, 2013 und 2017 gingen zwei Präsidenten der Partido Nacional (PN) hervor: Porfirio Lobo (2010–2014) und Juan Orlando Hernández, kurz „JOH“, (2014–2022), der entgegen der Verfassung zu einer zweiten Amtszeit angetreten war.

Es war eine Zeit der Machtkonzentration und der Militarisierung. Der Oberste Gerichtshof, Richter und Staatsanwälte ließen sich kaufen, der Justizapparat befand sich in voller Auflösung. „Wenn das ganze System korrupt ist, bricht der Sicherheitsapparat zusammen“, sagt die Präsidentschaftskandidatin von Libre, Ex-Verteidigungsministerin Rixi Moncada. „Davon profitieren Mafia und Narcos.“

Honduras wurde zum Land mit der höchsten Mordrate in Mittelamerika: 2011 gab es 86,5 Morde auf 100 000 Einwohner, 2016 immer noch 56,7.2 Die Armutsquote stieg von knapp 60 Prozent 2009 bis 2021 auf 74 Prozent. 54 Prozent lebten sogar in extremer Armut.3 Zehntausende von Migranten machten sich zu Fuß auf den 3000 Kilometer langen Weg durch Mittelamerika und Mexiko in die USA. 2018 waren es 7000 Menschen in einer einzigen Karawane.

In diesen bleiernen Jahren orientierten sich die honduranischen Machthaber, die in Washington als Bollwerk gegen die Linke und die Drogenkartelle galten, wirtschaftlich und diplomatisch an den USA. 2021 wurde Porfirio Lobo jedoch von der US-Regierung wegen Bestechlichkeit sanktioniert; ihm wurde die Einreise in die USA untersagt. Der Bruder von Lobos Nachfolger JOH, Tony Hernández, wurde in den USA wegen Drogenhandels zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Als die Linke an die Macht gekommen war, wurde auch JOH selbst für Washington nutzlos. Die US-Justiz forderte seine Auslieferung und verurteilte ihn ebenfalls wegen Drogenschmuggels zu 45 Jahren Haft.

Die Situation in Mittelamerika bereitete Joe Biden, der im Januar 2021 gerade Präsident geworden war, einige Kopfschmerzen. Donald Trump, der auf Rache für seine Wahlniederlage sann, machte ihn verantwortlich für die rasant wachsende Zahl von Immigranten. Um Zentralamerika zu stabilisieren und die Zahl der Flüchtenden zu verringern, brauchte man dort zumindest anständige Machthaber. Vor diesem Hintergrund formulierte die Biden-Administration gegenüber den – vom Partido Nacional kontrollierten – honduranischen Institutionen neue Spielregeln: Bei der Präsidentschaftswahl im November 2021 würde kein Wahlbetrug geduldet werden.

Also wurde die demokratische Logik respektiert. Ex-Präsident Zelaya ist ein brillanter Stratege: Es gelang ihm, die verschiedenen Oppositionskräfte der Gesellschaft zusammenzuführen. Zudem war seine Frau Xiomara Castro nie eine bloße Repräsentationsfigur gewesen: Sie war unter seiner Regierung für das Sozialprogramm Solidarisches Netz verantwortlich, hatte sich nach dem Putsch der FNRP angeschlossen und bei den Demonstrationen Schulter an Schulter mit der Menge Tränengas geschluckt. Castro wurde vom Volk geschätzt und errang 2021 einen haushohen Sieg.

„Als Xiomara ihr Amt antrat“, erzählt Moncada mit ironischem Lächeln, „haben die Medien, die alle den Oligarchenfamilien gehören, den Weltuntergang ausgerufen. Sie sei unfähig, könne die Wirtschaft nicht lenken, würde eine Diktatur installieren. Dazu erzählten sie noch was von Chávez und Fidel und Nicaragua und bla, bla, bla.“ Ihr Lächeln verschwindet: „Bis heute boykottieren sie uns.“

Gleich zu Beginn von Castros Amtszeit musste ihre Partei Libre einen harten Schlag einstecken. Nach der Kongresswahl, die zeitgleich mit der Präsidentschaftswahl stattfand, fehlten der Koalition aus Libre und dem Partido Salvador de Honduras (PSH) nur wenige Stimmen zur Mehrheit im Parlament. Um ihre Gesetze durchzubringen, musste sie nur eine Handvoll weiterer Verbündeter finden. Doch dann stritten sich zwei Gruppen der Libre-Fraktion um die Präsidentschaft des Parlaments. „Wie in anderen Ländern auch hegen hier Abgeordnete und Kandidaten mehr persönliche Überzeugungen und Interessen als Loyalität gegenüber der Partei“, sagt der Vizepräsident des Kongresses, Hugo Noé Pino.

Vor dem Staatsstreich von 2009 gehörten viele Libre-Abgeordnete anderen Parteien an, darunter nicht wenige, auch Zelaya, dem linken Flügel der Liberalen Partei (PL), die durch den Putsch vollends gespalten wurde. Andere kamen von der PSH, die Salvador Nasralla gegründet hatte, ein Opportunist ohne ideologischen Kompass. Nach vorübergehenden Allianzen mit Libre ist er heute der Präsidentschaftskandidat der PL. Für die meisten war das politische Programm nebensächlich. Acht Ex-PL-Abgeordnete, die Xiomara Castro abgewiesen hatte, gingen zurück zu ihrer Herkunftspartei.

Präsidentin Castro kann nicht erneut kandidieren

Nicht nur die Kongressmehrheit war so in weite Ferne gerückt, auch über die Generalstaatsanwaltschaft und drei Viertel der Rathäuser hatte Libre keine Kontrolle. Zudem war der Oberste Gerichtshof korrumpiert. Die neue Präsidentin sah sich mit komplizierten Aufgaben konfrontiert.

Eine junge Generation von Mi­nis­te­r:in­nen und Kadern, die aus dem Widerstand hervorgegangen waren, machte sich dennoch an ihren Plan einer „sozialistischen und demokratische“ Neuorientierung des Landes. In wenigen Monaten wurden Unternehmen für Energie und Telekommunikation verstaatlicht. Mehr als eine Million bedürftiger Familien bekam zu 100 Prozent subventionierte Energie, kostenlosen Unterricht und Schulessen für ihre Kinder, es gab Stipendien für Studierende, Unterstützung für Mütter und Senioren. Es folgten Planungen für acht Krankenhäuser (das erste ist etwa zur Hälfte fertiggestellt) und massive Investitionen in Stromtrassen. Nie zuvor in der Geschichte von Honduras wurden so viele Straßen asphaltiert.

Da es in Honduras an großen Unternehmen fehlt, beruht die Wirtschaft auf Maquiladoras (Montagebetriebe, die im Auftrag ausländischer Unternehmen arbeiten) und der Landwirtschaft. Letztere sei „ein schwer geschädigter Sektor“, berichtet Vizeminister Rafael Alegría, der das Nationale Agrarinstitut (INA) leitet. Der einstige Bauerngewerk­schafter, Koordinator der globalisierungskritischen Organisation Vía Campesina und Anführer der FNRP hat viel zu tun. Er verabredet sich mit uns um 8 Uhr zum Frühstück in einem Schnellimbiss neben dem Institut.

„In der Zeit der Diktatur haben die Regierungen die Nationale Bank für landwirtschaftliche Entwicklung dichtgemacht, die die Produzenten förderte. Institutionen zur technischen Unterstützung der Landwirtschaft wurden privatisiert.“ Kooperativen und Landwirte mussten nun etwa für Schulungen und technische Hilfen bezahlen oder darauf verzichten. „Auch die staatlichen Agenturen zur Vermarktung wurden dichtgemacht“, berichtet Alegría. Tatsächlich importiert Honduras, was die Menschen dort traditionell essen: Frijoles (rote Bohnen) kommen jetzt aus Äthiopien und Nicaragua, Mais kommt aus den USA, Gemüse aus Guatemala. Stattdessen wachsen überall Ölpalmen, Zuckerrohr und Bananen für den Export.

Nach dem Regierungswechsel erhielt das INA die Aufgabe, nicht bewirtschaftetes Land zu erfassen und neu zu verteilen. Doch die Schwäche von Libre im Kongress verhindert jede radikale Reform. „Da wir an privates Land vorerst nicht herankommen, versuchen wir unrechtmäßig besetztes Staats­eigentum zurückzuholen. Aber wenn wir dann zum Katasteramt kommen, um die fraglichen Eigentumstitel zu überprüfen, sieht man, dass viel manipuliert wurde …“, schimpft Alegría. Das Amt gilt als die korrupteste Institution des Landes.

Das INA steht von zwei Seiten unter Druck: von der Opposition und von denen, die protestieren, weil sie ungeduldig auf das Land warten. „Aber wir kommen voran.“ Alegría versucht optimistisch zu bleiben. „Am Ende unserer vier Jahre wird es 20 000 Eigen­tums­urkunden für Kleinproduzenten, für Frauen und für bäuerliche Genossenschaften geben.“

In der Ortschaft Jesús del Otoro im westlichen Departamento Intibucá kommt die Landwirtschaftsministerin Laura Suazo gerade aus dem Büro der Vereinigung der Reisproduzenten (Asopra). „Sie beklagen sich unaufhörlich“, seufzt sie. „Ministerin sein heißt eben, alle Beschwerden abzukriegen, auch wenn es Probleme sind, die frühere Regierungen ungelöst gelassen haben. Die Reaktionen sind verständlich.“

Aber höflich empfangen wurde die Ministerin trotzdem. Sie kommt aus dem Volk, auch wenn sie 15 Jahre an der Universität gearbeitet hat, ihr Mann ist Landwirt und Viehzüchter. „Ich kenne die Probleme, von denen man mir hier erzählt, ich muss mir keine Mühe geben, die Sorgen zu verstehen.“ Ihre Aufgabe sei es, einen pragmatischen und weniger ideologischen Dialog mit allen Beteiligten zu führen, um die leidende nationale Agrarproduktion wieder in Gang zu bringen.

Die Reisbauern sind respektvoll, aber sie reden durchaus Klartext: „Unser Land darf nicht länger 90 Prozent seines Reisbedarfs importieren“, schimpft einer. „Das Gleiche bei Mais und Bohnen. Das ist erbärmlich. Wir haben gute Erde, gute Bauern, wir sind bereit. Aber man hat das Gefühl, es fällt euch schwer, die Bauern zu unterstützen.“ Das Hauptproblem, da sind sich alle einig, ist das 2005 unterzeichnete Freihandelsabkommen mit den USA. Der hier produzierte Reis kann nicht mit dem US-amerikanischen konkurrieren. Hinzu kommt die Klimaerwärmung, wegen der man in Bewässerungssysteme investieren müsste. „Señora, wir wissen, dass bei den Banken genug Geld liegt, aber wir kommen nicht ran. Deswegen können wir keine Maschinen kaufen, das schnürt uns die Luft ab!“

„Die Privatbanken verlangen für Kredite 18 Prozent Zinsen“, antwortet die Ministerin. „Mit dieser Regierung bekommt ihr zum ersten Mal Geld für 2,5 Prozent. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Investiert! Wir unterstützen euch.“ Ein Vertreter der Molineros – jener Industriellen, die den Reis weiterverarbeiten, aber auch importieren – sitzt ebenfalls im Saal und lässt die Kritik an den niedrigen Ankaufpreisen reglos über sich ergehen. Mittlerweile sind diese Unternehmen verpflichtet, eine bestimmte Quote aus nationaler Produktion zu kaufen, bevor sie importieren dürfen.

Im ganzen Land gründen Spezialisten des Nationalen Programms für Agrar-Entwicklung (Pronagro) Schulen für Viehzucht und Kaffeeanbau. Sie bieten ein vielfältiges Qualifizierungsprogramm, um die Ernährung zu sichern und zugleich die Einkommen der Bauern zu verbessern.

In Chinacla im Departamento La Paz an der Grenze zu El Salvador werden Tomaten, Chili, Saubohnen und andere Bohnen angebaut. Auf dem trockenen, sandigen Boden, der früher unbestellt blieb, stehen hochmoderne Gewächshäuser. „Bevor uns die Regierung diese Strukturen finanziert hat, haben wir nicht genug produziert, um den Markt zu versorgen“, erinnert sich ein Bauer. Alle vierzehn Tage besucht der vom Ministerium entsandte Ingenieur Nelson Ganero die Anlagen, um, wenn nötig, technische Hilfe zu leisten. „Wir arbeiten mit Produktionsgenossenschaften zusammen, die es schon vorher gab. Sie haben von sich aus Investitionspläne aufgestellt, aber sie hatten jede Menge Schwierigkeiten: Finanzen, Technologie, Klimabedingungen, Pflanzenschutz, fehlender Marktzugang und so weiter.“

Das Projekt, das sich auf ökologische Landwirtschaft konzentriert, zielt vor allem auf junge Leute, die am ehesten dazu neigen, auszuwandern. „Seit wir damit angefangen haben, hat das Projekt viele Ausreisen verhindert“, versichert die Bäuerin Anna Rio.

Die ländlichen Gebiete wurden immer von der PL oder der PN kontrolliert. Die Zeiten haben sich geändert. Auf dem Land spricht man nicht viel über Politik, aber eine Feststellung taucht immer wieder auf: „Es ist das erste Mal, dass sich eine Regierung wirklich um uns kümmert.“ Allerdings ist jedem bewusst, wie groß die Aufgabe ist. Seit 2021 wurden mehr als 25 000Hektar Ackerland von zornigen Bauern besetzt. Ministerin Suazo hält das für „nicht zielführend und beunruhigend“. Alegría, der den sozialen Bewegungen nähersteht, relativiert: „Es ist eine angespannte Situation, weil manche viel haben und andere gar nichts. Der Staat muss eingreifen und das Problem lösen – für diejenigen, die kein Land haben, und ebenso für die, die zu viel haben.“

Druck entsteht indes nicht nur durch das Freihandelsabkommen mit den USA, das die Präsidentin gern neu verhandeln würde. Auch der Handel mit Europa, wohin Honduras den Großteil seines Kaffees und Kakaos exportiert, birgt Probleme. 2023 hat die Europäische Union eine Regelung beschlossen, die garantieren soll, dass Importe in ihre Mitgliedsländer nicht zur Entwaldung beitragen. „Die grüne Agenda ist wichtig, wir müssen sie respektieren“, gibt Suazo unumwunden zu, „aber wir brauchen Zeit, um uns anzupassen.“ Da es keine zuverlässigen Grundbücher und keine Möglichkeit für Satellitenaufnahmen gibt, die die Nicht-Entwaldung belegen könnten, werden die Forderungen der EU bis zu dem von ihr festgelegten Termin, ­Januar 2026, schwer zu erfüllen sein.

Die Regierung kämpft gegen die Sonderwirtschaftszonen

Ein anderes Problemfeld sind die Sonderentwicklungszonen (Zona de Empleo y Desarrollo Económico, ZEDE). Seit 2011 kämpft die Linke dagegen. Die Idee geht zurück auf das Konzept der „charter cities“ des libertären US-Wirtschaftswissenschaftlers Paul Romer, der Präsident Lobo einst davon überzeugte. Es handelt sich um urbane oder ländliche Enklaven, die von den Investoren mit eigenen Gesetzen, Gerichten und eigener Polizei verwaltet werden und in denen soziale Rechte nicht vorgesehen sind – Staaten im Staat und ideale Orte, um schmutziges Geld zu waschen. Eine von der Regierung durchgedrückte Verfassungsänderung ermöglichte im September 2013 die Gründung dieser ZEDEs per Gesetz.

2022 beschloss der Kongress auf Initiative von Castro, dieses Gesetz wieder zurückzunehmen. Vor einer Wandtafel mit acht Spalten und unzähligen Namen braucht Fernando García, der im Präsidialamt für die Abwicklung der Sonderentwicklungszonen zuständig ist, fast eine Stunde, um uns die komplexe Situation zu erklären. Es gibt 35 solcher Zonen. 30 konnten bis heute mehr oder weniger neutralisiert werden.

Drei besonders mächtige ZEDEs aber bereiten dem Staat Kopfschmerzen: die eher luxuriöse Zone Próspera auf der Insel Roatán (mit über 200 Unternehmen), an der der rechte Tech-Milliardär Peter Thiel als Investor entscheidend beteiligt ist;4 Orquídea in San Marcos de Colón, die flächenmäßig größte ZEDE, die mit über 300 Arbeitskräften Agroindustrie betreibt; und Ciudad Morazán am Rand der Stadt Choloma mit gemischtem mittelständischem Gewerbe. Die meisten der Unternehmen der ZEDEs sind im US-Bundesstaat Delaware, einem Steuerparadies, registriert, andere in Texas. „Man weiß nicht, wer dahintersteht, vieles ist verschleiert“, sagt García.

Die Unternehmen haben sich an das Internationale Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (ICSID) der Weltbank gewandt und klagen dort gegen den Staat Honduras. „Wir haben die Schiedsurteilte analysiert“, versichert García. „Sie sind verzerrt, niemals zugunsten der Souveränität der Völker, grundsätzlich zugunsten der privaten Investoren.“ Deshalb hat sich Honduras im August 2024 aus dem ICSID zurückgezogen, bleibt aber vorsichtig. „Wir müssen ein gutes Maß finden. Es darf nicht wie eine direkte Enteignung aussehen, denn das gilt im internationalen Recht als nicht legitim.“ Ohne jede Rechtfertigung verlangt allein Próspera 10,7 Milliarden Dollar Entschädigung. Im Oktober 2022 betonte Laura F. Dogu, US-Botschafterin in Honduras (2022–2025) auf X, Próspera habe das Recht, mit privilegiertem Status auf honduranischem Gebiet zu bleiben.

„Nachdem wir die Wahlen demokratisch gewonnen hatten, dachten wir, es gäbe eine gewisse Nähe zu den Demokraten in den USA“, erzählt der Vize-Außenminister Gerardo Torres. „Das war aber nicht der Fall. Dogu, die von der Biden-Regierung drei Wochen vor dem vorhersehbaren Sieg von Castro ernannt wurde, hat sich schnell dadurch hervorgetan, dass sie die Reformen im Energiesektor, bei den Investitionen und bei den Arbeitsgesetzen, die von den Libre-Abgeordneten im Kongress beschlossen wurden, nachdrücklich verurteilt hat.“

Ex-Präsident JOH wurde zwar an die USA ausgeliefert, aber, so Torres, man wisse in Tegucigalpa, dass in den USA 32 Verfahren wegen Drogendelikten gegen honduranische Bürgermeister, Abgeordnete und bekannte Politiker eröffnet worden seien. „Diese Verfahren wurden aber stillschweigend begraben, dafür hat man von uns die Auslieferung von kleinen Handlangern, vor allem Auftragskillern verlangt. Wenn die USA ihre ursprünglichen Anklagen aufrechterhalten hätten, wäre die rechte Opposition nachhaltig getroffen, ja geradezu geköpft worden.“

Stattdessen aktualisiert Washington seine „Engel-Liste“5 , die „antidemokratische und korrupte“ Personen erfassen soll. Ohne jede Begründung erscheinen darauf die Vizepräsidenten des Kongresses Rasel Tomé und Edgardo Casaña sowie der Präsidentenberater Enrique Flores Lanza, alle einflussreiche Politiker bei Libre, die seit dem Staatsstreich sehr aktiv sind.

Dass Castro im Juli 2024 Nicolás Maduro als gewählten Präsidenten Venezuelas anerkannt hat, hat die Spannungen mit Washington weiter verschärft. Nach einem Treffen der Verteidigungsministerin mit ihrem venezolanischen Amtskollegen Vladimir Padrino López kommentierte die US-Botschafterin Dogu: „Ich fand es erstaunlich, die Verteidigungsministerin und den Generalstabschef neben einem Drogenhändler in Venezuela sitzen zu sehen.“

Torres erklärt, was hinter diesem Kommentar steckt: „Wir haben erfahren, dass Mitarbeiter der US-Botschaft Druck auf die oberen Ränge der Armee ausgeübt haben. Sie sollen ihre Besorgnis erklären und so die Präsidentin diskreditieren.“ Die Präsidentin lehne es ab, dass „das Instrument der Auslieferung als Druckmittel gegen Angehörige der Streitkräfte eingesetzt wird“. Im August 2024 kündigte Castro an, das Auslieferungsabkommen mit den USA auslaufen zu lassen.

Daraufhin tauchte in den sozialen Medien ein Video aus dem Wahlkampf 2013 auf. Es zeigte den Libre-Abgeordneten Carlos Zelaya (Bruder des gestürzten Staatschefs) im Gespräch mit einem Bauern, der Verbindung zu den „Cachiros“, einer Narco-Bande, unterhielt. „Es gab in den USA nie Ermittlungen gegen Carlos, aber die mediale Wirkung war groß, denn es entstand der Eindruck, Libre sei ebenso korrupt wie die Parteien der abgewählten Narco-Diktatur.“ Und das, obwohl die Beendigung des Auslieferungsvertrag inzwischen vom Tisch war.

Es war das Militär, das am 28. Juni 2009 den Staatsstreich gegen Zelaya ausgeführt hatte. Nun ist dessen Ehefrau die Oberkommandierende. Und sie machte mit Rixi Moncada eine ehemalige Aktivistin zur Verteidigungsministerin, die aktiv gegen den Staatsstreich protestiert hatte. Moncada ist sich aber sicher: „Die Offiziere wissen, welchen Schaden die Armee durch die direkte Teilnahme an diesem Verbrechen genommen hat. Man könnte fast sagen, sie bitten die Gesellschaft und den Staat um Verzeihung. Dieser gewichtige Schritt ermöglicht eine Arbeitsbeziehung, die den Normen und der Verfassung entspricht.“

Zusammen mit dem Generalstab verfolgte Moncada, die nun für die Präsidentschaftswahlen am 30. November kandidiert und von ihrem Amt als Ministerin zurückgetreten ist, eine eindeutige Mission: Kampf gegen Drogenhandel, organisiertes Verbrechen und Geldwäsche und Unterstützung des Sicherheitsministeriums.

Das war jedoch leichter gesagt als getan. Seit Dezember 2022 folgt in 7 der 18 Departamentos des Landes ein Ausnahmezustand dem anderen. Jedes Mal geht es um den Kampf gegen Kriminalität. Die Entsendung der Militärischen Polizei für öffentliche Ordnung (PMOP), eine Art Prätorianergarde, die von und für JOH geschaffen wurde, wird jedoch scharf kritisiert. Castro und ihre Partei argumentieren mit Zahlen: Die Zahl der Morde, die 2023 bei 34 auf 100 000 Einwohner lag, ist 2024 um 9 Prozent gesunken. Die Folge ist jedoch, dass die in ihren bisherigen Territorien aufgescheuchten Kartelle in bislang ruhige Regionen ausweichen.

Ganz bruchlos ist die Zusammenarbeit zwischen Regierung und Armee allerdings nicht. Der frühere Oberkommandierende der Armee, Romeo Vásquez, der wegen seiner Verantwortung für den Staatsstreich von 2009 und die Ermordung von Protestierenden strafrechtlich verfolgt wird, ist im März 2025 untergetaucht. Von einem unbekannten Ort aus versorgt er die Öffentlichkeit mit Videos, in denen er sich zum Opfer erklärt, Libre aller denkbaren Verbrechen bezichtigt und zur Rettung von Honduras aufruft.

Bertha Oliva vom Komitee der Familien von Inhaftierten und Verschwundenen in Honduras (Cofadeh) macht das Sorgen: „Vásquez stellt eine Gefahr dar. Wenn er sich so lange im Land aufhält, ohne dass man ihn aufspüren kann, dann hat er Verbündete, die sich mit Illegalität auskennen, pensionierte Militärs oder auch aktive, die ihn warnen.“ Am 1. Juli verlangte eine Gruppe pensionierter Offiziere, die sich im Verein „Verteidiger von Honduras“ zusammengeschlossen haben, den Rücktritt von General Roosevelt Hernández wegen der „gefährlichen Unterordnung der Armee“ unter Präsidentin Castro.

Die Opposition kämpft derweil mit allen Mitteln gegen den „demokratischen und friedlichen Sozialismus“, den die Präsidentschaftskandidatin und Verteidigungsministerin Rixi Moncada proklamiert. Die Entscheidung wird am 30. November fallen.

1 Vgl. Alexander Main, „Fragwürdige Wahl in Honduras“. LMd, Januar 2018.

2 „¿Cómo Honduras „dejó de ser el país más violento del mundo“?“, BBC News Mundo, London, 2. Februar 2016.

3 „Encuesta Permanente de Hogares de Propósitos Múltiples (EPHPM)“, Instituto Nacional de Estadística (INE), 19. November 2024.

4 Tyler Cowen, „A new charter city effort, Pronomos Capital, with venture capital“, Marginal Revolution, 20. Dezember 2019.

5 2020 in den USA beschlossenes Gesetz für gezielte Sanktionen zur Korruptionsbekämpfung in El Salvador, Guatemala, und Honduras.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Maurice Lemoine ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 13.11.2025, von Maurice Lemoine