13.11.2025

Bolivien – Abkehr von der Linken

zurück

Bolivien – Abkehr von der Linken

Der neue Präsident Rodrigo Paz propagiert einen Kapitalismus für alle

von Maëlle Mariette und Franck Poupeau

Wahllokal in El Alto, 19. Oktober 2025 IVAN VALENCIA picture alliance/ap
Audio: Artikel vorlesen lassen

Der zentrale Platz des Viertels Solidaridad liegt im Norden von El Alto, auf 4000 Metern Höhe, oberhalb der Hauptstadt La Paz. Es ist früher Morgen am 17. August, dem Tag nach dem ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen. Der Platz erwacht langsam zum Leben. Ein paar Fußgänger überqueren die verstaubte Esplanade, vorbei an Ständen mit Lebensmitteln und Haushaltsreinigern, die Sonnenschirme darüber sind ausgebleicht von der harten Sonne des Andenhochlands.

Doña Maxima hat ihre Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. Sie habe zum ersten Mal seit 2006 nicht für die MAS gestimmt, sagt sie. Die Partei Movimiento al Socialismo stand lange Zeit für die wiederhergestellte Würde der Andenvölker, aber heute habe sie sich weit entfernt von deren Alltag, meint Doña Maxima.

Sie erinnert sich, dass es hier im Viertel weder Wasser noch Strom gab und auch keine Straßen, als sie Ende der 1990er Jahre hierherzog. Sie weiß auch noch, was sie der MAS verdankt: Dass sie der Armut entkam – ihre Kinder konnten studieren und sie konnte öffentliche Einrichtungen in traditioneller Kleidung betreten, ohne als „india de mierda“ (Scheißindia) beleidigt zu werden.

Aber diese Errungenschaften scheinen sehr lange her. Doña Maxima sorgt sich heute vor allem um ihren Kleinhandel. Einmal die Woche fährt sie mit dem Minibus ins Viertel La Ceja, die Drehscheibe für Schmuggelware aus Chile, um Reinigungsmittel zu kaufen, die sie mit kleinem Gewinn an ihrem Stand weiterverkauft. Die Bürger- und Elternversammlungen, an denen sie früher immer teilnahm, sind zweitrangig geworden.

„Alles ist viel zu teuer geworden“, seufzt sie. So banal diese Klage klingt – sie ist Ausdruck einer Krise, wie sie Bolivien seit den 1980er Jahren nicht mehr erlebt hat. Die Inflation galoppiert wieder. Seit Anfang 2025 liegt die Teuerungsrate nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei rund 20 Prozent, für Lebensmittel bei fast 25. Engpässe in der Treibstoffversorgung lähmen die Agrarindustrie im Osten des Landes ebenso wie das Kleingewerbe, das immer noch das Rückgrat der Volkswirtschaft bildet.

Der rasante Preisanstieg rührt hauptsächlich von der Erschöpfung des „sozialistischen Extraktivismus“, der auf der Nationalisierung der Bodenschätze beruht. Er ermöglichte in Bolivien lange Zeit den Ausbau der unzureichenden Infrastrukturen – Straßen, Schulen und Krankenhäuser – und eine weitreichende Umverteilung.

Aber, so hört man häufig, man habe damit lediglich den Konsum angekurbelt, ohne die heimische Industrieproduktion zu stärken, die nach wie vor auf Rohstoffexporte – vor allem Erdgas – beschränkt ist. Das Modell habe nur so lange funktioniert, wie fossile Energieträger ausreichend Devisen einbrachten, um den festen Wechselkurs mit dem US-Dollar garantieren zu können. Diese Darstellung greift jedoch zu kurz: Die positive wirtschaftliche Entwicklung beruhte auch darauf, dass staatlicherseits versucht wurde, die Abhängigkeit von Rohstoffexporten zu beenden, die Verarbeitung der Bodenschätze im Land selbst in Gang zu bringen und den Binnenmarkt zu konsolidieren.

Ab 2015 gingen die Erdgasexporte nach Argentinien und Brasilien zurück, die bisher den Löwenanteil der bolivianischen Ausfuhren ausgemacht hatten. Das lag an der sinkenden Produktion im Land und den alternativen Bezugsquellen der Importeure. Dann kam die Coronapandemie, die von der 2019 durch einen Staatsstreich an die Macht gelangten rechten Regierung1 katastrophal gemanagt wurde: Auf dem Höhepunkt der sanitären Krise überließ sie die Bevölkerung praktisch sich selbst. Die Wirtschaft stürzte ins Chaos.

Auch der 2020 zum Präsidenten gewählte Luis Arce (MAS) konnte die Abwärtsspirale mit seinen Maßnahmen nicht aufhalten: Er beschleunigte die Industrialisierung im Bereich der Energiewende, die aber nicht kurzfristig rentabel war, kürzte Unterstützungsleistungen für Haushalte und Kleinunternehmen und erhöhte die Steuern. Dazu kam noch die Spaltung der Regierungspartei in zwei feindliche Lager: dem von Ex-Präsident Evo Morales (2006–2019), der nicht mehr hatte kandidieren dürfen, und dem der Anhänger Arces.

„Es ist, als wären wir im Jahr 2005 hängengeblieben“, sagte Álvaro García Linera, einst Vizepräsident unter Evo Morales, nach dem ersten Wahlgang der diesjährigen Präsidentschaftswahlen, bei dem erstmals seit 20 Jahren zwei konservative Kandidaten die meisten Stimmen bekamen. „Wir haben nicht verstanden, dass die Leute, denen wir aus großer Armut geholfen haben, nun nach mehr streben. Sie erwarten, nicht mehr als Bedürftige behandelt zu werden, sondern als Menschen, die ­fähig sind, am Wirtschaftsleben teil­zunehmen und etwas zu produzieren.“

Viele Kommentatoren erklären die Wendung früherer MAS-Wähler nach rechts mit dem Aufkommen einer neuen Mittelschicht, die von den Umverteilungsmaßnahmen unter Morales profitiert hat. García Linera meint dazu: „Hat denn das Volk kein Anrecht auf Konsum? Auf einen Fernseher, ein Auto, ein Smartphone? Wollen wir ein Volk von Asketen? Das wäre eine neue Form des Paternalismus.“

Das Anwachsen der Mittelschicht ist nicht die einzige Veränderung, die Bolivien in den vergangenen 20 Jahren erlebte. Nie zuvor spielte der Staat in der Wirtschaft eine so zentrale Rolle: Die Regierung Morales nationalisierte die Bodenschätze, sanierte den öffentlichen Sektor, bekämpfte die Armut. Diese staatlichen Interventionen begünstigen – paradoxerweise – die Marktwirtschaft. Individuelle Leistung und persönliche Bereicherung wurden zunehmend aufgewertet, was teilweise mit den zentralen Prinzipien der plurinationalen Verfassung Boliviens kollidierte: Emanzipation, Rechte der Indigenen und kollektive Entwicklung.

Die neue Hegemonie des Marktes wurde teils durch die lange Tradition der informellen Wirtschaft befördert. Ende der 2000er Jahre waren 70 Prozent der Berufstätigen im informellen Sektor beschäftigt, heute sind es nach Angaben der International Labour Organization (ILO) 84 Prozent. Welche wirtschaftliche Bedeutung er hat, zeigt sich vor allem am Erfolg der Cholos, der indigenen Kaufleute in den Städten, mit ihren Kleinunternehmen an der Grenzen der Steuerlegalität.

Die MAS tolerierte diese Kleingewerbe, denn sie sah darin ein Wählerpotenzial – und ein probates Mittel, um den Binnenkonsum anzukurbeln. Zudem zwang die Situation während der Coronapandemie die Menschen, sich irgendwie durchzuwursteln. Der Staat bot keine Lösungen, und es schien völlig in Ordnung, ihn zu umgehen.

Mit der Verbreitung des Internets, das seit der Verstaatlichung des größten Telekommunikationsanbieters Entel im Jahr 2008 allgemein zugänglich ist, erreichte die Kultur des individuellen Erfolgs auch Bevölkerungsgruppen, die das Konzept vorher so nicht kannten. Viele junge Leute – die 18- bis 35-Jährigen machten 2024 mehr als 43 Prozent der registrierten Wahlberechtigen aus – haben die Diskriminierungen und das Elend in der Zeit vor der Regierung Morales nicht gekannt. Und sie sind überzeugt, dass der normale Weg zum sozialen Aufstieg die Selbstständigkeit ist.

Diese Haltung rührt aus einer speziellen Erfahrung: Die MAS baute Schulen und Universitäten. Sie ermöglichte so einem großen Teil der Jugend den Zugang zu sekundärer Schulbildung und zu einem Hochschulstudium. Die Anzahl der Menschen mit einem Abschluss an öffentlichen Schulen hat sich nach Angaben des Nationalen Statistikinstituts von 2008 bis 2022 mehr als verdoppelt. Doch das Angebot an entsprechenden Arbeitsplätzen hinkt hinterher.

Seit der Pandemie mussten fast 40 Prozent der Menschen mit einem Studienabschluss ihr Fachgebiet aufgeben und wandten sich anderen Tätigkeiten zu, oft im informellen Sektor.2 Stellen für Ingenieurinnen oder qualifizierte Techniker gibt es im Land nur wenige, Berufsperspektiven im Marketing oder in der Kommunikation sind gering, also orientiert man sich auf Kleinstunternehmen. Bei Tiktok wimmelt es von Tutorials, die erklären, wie man schnell und einfach einen Hähnchen-Imbiss eröffnet oder ein Geschäft mit chinesischen Importwaren aufzieht.

Natürlich sind Profitstreben und Steuervermeidung auch für Bolivien nichts Neues. Doch sei deren „Intensität bis in die ländlichen Gebiete hinein“ noch nie so ausgeprägt gewesen, meint der französische Soziologe ­Claude Le Gouill. In der Bergbauregion Potosí beobachtete der Wissenschaftler, wie sich bei der Verteilung der Gewinne aus dem Bergbau extrem individualistische Denkweisen entwickelten – und das in einer Branche, die lange Zeit kollektiv und gewerkschaftlich strukturiert war.

Die Ansprüche der neuen Mittelschicht

Vor diesem Hintergrund ist der Wahlsieg von Rodrigo Paz Pereira, dem Kandidaten der christdemokratischen Partido Demócrata Christiano (PDC) und Verfechter eines „Kapitalismus für alle“, nicht verwunderlich. Er ist eine Identifikationsfigur – eine Rolle, die früher der Kokabauer und Gewerkschafter Evo Morales spielte. Morales durfte laut Verfassung – die er zu umgehen versucht hatte – nicht mehr kandidieren, rief zur Abgabe leerer Stimmzettel auf und unterstützte keinen der beiden Kandidaten der bolivianischen Linken.

Der neue Präsident Paz beabsichtigt, mit dem Etatismus der MAS zu brechen: Die Wirtschaft müsse dem Volk und nicht dem Staat gehören. Gleichzeitig lehnt er den elitären Neoliberalismus der alten konservativen Rechten ab. Nach Meinung des bolivianischen Soziologen Pablo Mamani entspricht diese Auffassung genau den Erwartungen der Kleingewerbetreibenden.

Ansonsten gibt sich Paz als eine Art Outsider – obwohl er seit 20 Jahren in der bolivianischen Politik mitmischt – und spricht von einer Kluft zwischen Elite und Volk: „Es gibt ein Bolivien, das nicht beachtet wird.“ Besonders hoch ist die Zustimmung für ihn in den ehemaligen Hochburgen der MAS, vor allem in den mehrheitlich von Indigenen bewohnten Städten auf dem Altiplano. Dabei hat wohl auch der Populismus seines Vizepräsidenten Edman Lara, bekannt als Capitán Lara, eine wichtige Rolle gespielt. Der ehemalige Polizist wurde als Politiker bekannt, indem er im Internet gegen staatliche Korruption und unternehmerische Hindernisse wie Steuern, Zölle und Regulierungen zu Felde zog.

Das Duo gibt sich in den sozialen Medien volksnah und authentisch. Seine Anti-Establishment-Erzählungen fanden hier jede Menge Resonanz und schafften es, frühere Wähler der MAS anzusprechen. So konnten die beiden einen Sieg der traditionellen Rechtskonservativen verhindern, die im Oriente, im reichen tropischen Tiefland, immer noch stark vertreten sind.

Repräsentiert wurden diese von Jorge „Tuto“ Quiroga, der ein freies Wahlbündnis anführte und damit als Zweitplatzierter in die Stichwahl gelangte. Quiroga war Vizepräsident unter Hugo Banzer, der von 1971 bis 1978 an der Spitze einer Militärdiktatur gestanden hatte und im Jahr 1997 per Wahl wieder an die Regierung gelangt war. Nach Banzers Tod 2001 wurde Quiroga Interimspräsident (bis 2002). Beim Staatsstreich von 2019 spielte er erneut eine zentrale Rolle. Im Wahlkampf propagierte er die alten neoliberalen Rezepte der 1990er Jahre.

Der bolivianische Wechsel in der Wählergunst entspricht einer allgemeinen Tendenz überall auf dem südamerikanischen Kontinent. Der Niedergang der rosa-roten Ära, der vor einem Jahrzehnt begonnen hat, macht heute den Weg frei für die populistische Rechte.

Die macht sich zum Sprachrohr der ärmeren Bevölkerung, nimmt aber, wenn auch auf andere Weise, die bekannten Dogmen des wirtschaftlichen Liberalismus auf und orientiert sich wieder an Washington. Beide Stichwahl-Kandidaten, Paz wie Quiroga, flogen während des Wahlkampfs in die USA, um Kredite auszuhandeln und sich der Unterstützung durch die Trump-Administration zu versichern.

Wie erwartet begrüßte das State Department Paz’ Wahlsieg und beteuerte auf X das wiedererwachte Interesse der USA an der Region: „Wir hoffen auf gute Zusammenarbeit mit dem gewählten Präsidenten Rodrigo Paz, um die wirtschaftliche Stabilität wiederherzustellen, das Wachstum der Privatwirtschaft anzukurbeln und die Sicherheit zu verstärken.“ Der neue Präsident wird die ausgestreckte Hand sicher nicht ausschlagen.

1 Siehe Renaud Lambert, „Das Ende der Ära Morales“, LMd, Dezember 2019.

2 Siehe Luis Fernando Romero Torrejón, „Bolivia, baja desocupación, pero alta informalidad“, Agencia de noticias Fides,18. Juli 2024.

Aus dem Französischen von Heike Maillard

Maëlle Mariette ist Journalistin, Franck Poupeau ist Soziologe am Forschungs- und Dokumentationszentrum für Amerika (CREDA, CNRS, Université de Sorbonne).

Le Monde diplomatique vom 13.11.2025, von Maëlle Mariette und Franck Poupeau