13.11.2025

Sowjetische Moderne in Georgien

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Sowjetische Moderne in Georgien

von Jens Malling

Ministerium für Straßenbau, erbaut 1975 Privatarchiv von Giorgi Tschachawa
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Ein Großteil der interessantesten Gebäude aus der georgischen Spätmoderne (1960 bis 1990) ist verschwunden. In der Welle von Korruption und illegalen Privatisierungen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde vieles abgerissen. Auch die meisten Bauunterlagen und -pläne von damals wurden vernichtet.

Seit einigen Jahren versuchen drei junge Ar­chi­tek­tin­nen den Schaden wiedergutzumachen. 2020 gründeten sie in Verbindung mit der Architektur­bien­na­le in der georgischen Hauptstadt das Tbilissi Architekturarchiv (TAA). Auf taa.net.ge präsentieren Natia Abasaschwili, Mariam Gegidze und Nino Tschatschkjiani ihr bislang gefundenes Material, zu dem Fotos, Skizzen, Visualisierungen, Originalzeichnungen, handschriftliche Notizen und Baupläne gehören.

„Das Tbilissi Architekturarchiv ist sowohl eine digitale Sammlung als auch eine Informationsplattform auf Georgisch und Englisch“, erklärt Mariam Gegidze, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Berlin. „Wir präsentieren Projekte, Biografien und die Arbeiten von Architekten, die überwiegend in Tbilissi gearbeitet haben. Leider gibt es in Georgien keine Institution zur Bewahrung dieses Erbes. Wir hoffen, die öffentliche Debatte zu dieser besonderen Architektur in eine positive Richtung zu lenken und zu ihrem Schutz beizutragen.“

In Zusammenarbeit mit der Kuratorin Nini Palavandischwili hat das TAA einzigartige Dokumente zum berühmtesten Gebäude jener Zeit aufgespürt: dem Ministerium für Straßenbau von 1975.1 Die Nachkommen der beiden Architekten Giorgi Tschachawa und Zurab Jalaghania gewährten den drei Forscherinnen Zugang zu den Privatarchiven. Hier stießen sie auf zahlreiche historische Entwürfen zu dem Gebäude, das inzwischen renoviert wurde und Hauptsitz der Bank of Georgia ist.

Das TAA sammelt auch Informationen zu abgerissenen Gebäuden und erweckt sie online zu neuem Leben, wie den imposanten Komplex, der einst an der Rustaweli-Allee Ecke Freiheitsplatz stand – ein klassisches Beispiel für die georgische Variante der sowjetischen Spätmoderne. Dazu gehörten ein Kaufhaus, eine U-Bahn-Station und ein ­Theater. Zwischen 2015 und 2017 wurde der gesamte Komplex abgerissen und an seiner Stelle ein Einkaufszentrum errichtet.

Verschwunden ist auch das Planetarium auf dem Berg Mtazminda hoch über Tbilissi, das 1960 in der Übergangsphase zwischen sozialistischem Klassizismus und sowjetischer Spätmoderne entstand und Ende der 1990er Jahre abgerissen wurde. Das TAA hat eine genaue Beschreibung und seltene historische Fotos veröffentlicht.

Ebenfalls auf der TAA-Plattform zu finden ist das ehemalige Wassersportzentrum Laguna Vere, über das Mariam Gegidze ihre Dissertation schreibt. Es war berühmt für seine anspruchsvolle Ästhetik und das große Außenbecken; an heißen Sommertagen platzte das Freibad aus allen Nähten. Seit über zehn Jahren ist es schon geschlossen und wegen seines maroden Zustands nun vom Abriss bedroht. 2022 widmeten die TAA-Architektinnen dem Laguna Vere ein Buch und eine Ausstellung.

„Wir haben dieses Gebäude wegen seiner architektonischen und gesellschaftlichen Bedeutung ausgewählt, aber auch wegen seines heutigen Zustands“, erklärt Gegidze. Das Laguna Vere war ganzjährig geöffnet und spielte eine wichtige Rolle im Leben vieler Menschen. Als es geschlossen wurde, verlor Tbilissi einen seiner beliebtesten Freizeitorte: „Mehrere Generationen fühlen sich ihm immer noch emotional sehr verbunden.“

Für die Ausstellung baten Gegidze und ihre Mitstreiterinnen in den sozialen Medien um Bilder und Erinnerungen vom Laguna Vere. Sie bekamen hunderte Privatfotos, alte Eintrittskarten, Tagebucheinträge, Wettkampf­plakate und andere Objekte zugeschickt. Heute plant ein Investor, an diesem Standort das größte Hochhaus der Stadt zu bauen, in einem ohnehin schon dicht bebauten Viertel.

Ein Archiv für nie gebaute Architektur

Unter dem Projektnamen „Biomorphe Pavillons“ präsentiert das TAA auf seiner Website eine Fotoserie mit organisch geformten Bushaltestellen und einem Café in Batumi, die ebenfalls von Tschachawa und Jalaghania in Zusammenarbeit mit den drei Künstlern Zurab Kapanadze, Zurab Lezhava und Nodar Malazonia entworfen wurden. Die psychedelisch anmutenden Bauten sind mit buntgemusterten Mosaiksteinen ausgekleidet. In der kontinuierlich wachsenden digitalen Sammlung sind mittlerweile auch Entwürfe zu sehen, die nie realisiert wurden. Wie zum Beispiel ein Flughafenterminal mitten in Tbilissi, von dem aus die Passagiere in Bussen zum 35 Kilometer entfernt gelegenen Flughafen gebracht werden sollten. Der Entwurf von 1983/84 stammt von Davit Morbedadze, Tamaz Tevzadze und Teimuraz Kandelaki.

Außerdem wirft das TAA in der damals überwiegend männlich dominierten Architekturwelt einige Schlaglichter auf wichtige Frauen: Valeria Hajibeili hat das Nationalarchiv Georgiens in Tbilissi entworfen, Nelli Kvartskhava hat zusammen mit Givi Melkadze das Tsekavshiri gestaltet, die Zentrale der Verbrauchergenossenschaften, die inzwischen abgerissen wurde, und Neli Tsitsischwili hat für den Vake-Park, die größte Grünanlage in Tbilissi, die gesamte Bepflanzung geplant.

Zurzeit sammeln die drei TAA-Forscherinnen Material über die Seilbahnstation in der abgelegenen Bergbaustadt Chiatura. Bei diesem einzigartigen und fantasievollen Werk schwebten die Gondeln in drei verschiedene Richtungen. Die Station wurde 2016 abgerissen. Allerdings sind die finanziellen Mittel, die von der Architekturbiennale in Tbilissi bereitgestellt werden, begrenzt und fließen nur unregelmäßig. Die drei Frauen arbeiten ehrenamtlich für das TAA, neben ihren regulären Jobs.

Einer der wichtigsten Gründe dafür, warum das architektonische Erbe der Sowjetunion dermaßen vernachlässigt wird, hat damit zu tun, dass es mit der langen russischen Dominanz über Georgien assoziiert wird. Noch 2008 marschierte Russland in Geor­gien ein, um die Kontrolle der von Moskau unterstützten separatistischen Gebiete Südossetien und Abchasien durch Georgien zu verhindern.2 Russland lieferte auch die Vorlage für das drakonische Gesetz über sogenannte ausländische Agenten, das von der zunehmend pro-russischen und autoritären georgischen Regierung verabschiedet wurde, was Ende 2024 und 2025 zu massiven Protesten in der Bevölkerung führte.

Die Gründerinnen des TAA widersprechen dem vorherrschenden Narrativ in Bezug auf die sowjetische Spätmoderne und wollen nicht einfach sämtliche Gebäude aus der Sowjet­zeit als grundlegend kolonialistisch oder imperialistisch bewerten. Damit schließen sie sich den Wissenschaftlerinnen des Architekturzentrums Wien an, die mit ihrem Buch über die Sowjetmoderne zeigen wollen, dass diese Architektur keineswegs so gesteuert und uniform war, wie gemeinhin angenommen wird.3

Die meisten wichtigen Gebäude wurden von lokalen Architekten entworfen, die ihre ehrgeizigen Pläne nicht ohne Weiteres umsetzen konnten: „Jedes Projekt, dessen Kosten auf über 3 Millionen Rubel veranschlagt wurden, musste vom Staatskomitee für Bauwesen der Sowjetunion genehmigt werden. Den Architekten und lokalen Planungsbüros war bei den Entwürfen etwa für das Ministerium für Straßenbau oder für das Laguna Vere bewusst, dass sie dafür keine Genehmigung bekommen würden. Deshalb hielten sie die geplanten Kosten mit allen Tricks möglichst niedrig, um die Zentralbehörde zu umgehen“, berichtet Gegidze.

So wurde das Laguna Vere in zwei Projekte mit separaten Budgets aufgesplittet, die jeweils bei etwas unter 3 Millionen Rubel lagen. Und beim Ministerium für Straßenbau wurden die fehlenden Mittel dadurch ausgeglichen, dass heimlich Baumaterial von anderen Baustellen abgezweigt und in das Projekt umgeleitet wurde.

Die Architektur war aber auch von traditionellen Bauverfahren und -techniken beeinflusst. In Anlehnung an den 1600 Jahre alten georgischen Kirchenbau benutzten Architekten für die Verkleidung etwa Sandstein oder sie ließen sich anderweitig inspirieren. Am deutlichsten wird dies vielleicht an dem legendären Hochzeitspalast von 1984 in Tbilissi von Victor Jorbenadze und Vazha Orbeladze. Sie verknüpften das reiche architektonische Erbe des Landes mit dem zeitgenössischen Bauen und entwickelten so einen eigenständigen georgischen Architekturstil innerhalb der sowjetischen Spätmoderne. Eine Besonderheit war etwa, Kunstwerke, die georgische Folklore zitierten, direkt an den Fassaden anzubringen.

Vergleichbare Entwicklungen gab es auch in anderen nicht-russischen Sowjetrepubliken. Ein wachsender Drang nach kultureller Selbstbestimmung materialisierte sich unter anderem in den Bauten und griff auf die Politik über. Die Unabhängigkeitsbewegungen, die in der UdSSR zunehmend an Einfluss gewannen, trugen 1991 zu deren Auflösung bei. Allein dies ist Grund genug, warum diese Gebäude bewahrt und beachtet werden sollten.

Aber es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund: Verkehrsmittel, Bibliotheken, Theater, Universitäten, Sportzentren, großzügige Parkanlagen, Ferienkolonien für Arbeiter – sie alle dienten oder dienen sozialen Zwecken. Dieses Bewusstsein für das Allgemeinwohl, das in der sowjetischen Spätmoderne so sichtbar zutage tritt, steht in starkem Kontrast zur profitorientierten Architektur reizloser Wolkenkratzer für eine wohlhabende Schicht, die heute die georgische Hauptstadt dominieren.

1 Es ist in mehreren Bildbänden zur Architektur im Ostblock abgebildet, siehe u. a. in Frédéric Chaubin, „CCCP – Cosmic Communist Constructions Photographed“, Köln (Taschen) 2011, oder Roman Bezjak, „Socialist Modernism“, Berlin (Hatje Cantz), 2011.

2 Siehe Neal Ascherson, „Ein Staat für sich allein. Abchasien braucht keinen großen Bruder, sondern Nachbarn“, LMd, Januar 2009, und Pierre Daum, „Die Kühe weiden auf der anderen Seite“, LMd, Oktober 2021.

3 Siehe Katharina Ritter, Ekaterina Shaprio-Obermair u. a., „Sowjetmoderne 1955–1991: Unbekannte Geschichten“, Zürich (Park Books) 2012.

Aus dem Englischen von Birgit Bayerlein

Jens Malling ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 13.11.2025, von Jens Malling