Giftiger Goldrausch
Wegen der steigenden Goldpreise boomt in Ghana der illegale Bergbau. Die ökologischen Folgen sind fatal
von Jocelyn C. Zuckerman

Die Landschaft in der zentral gelegenen ghanaischen Region Ashanti wirkt wie eine riesige Baustelle. Zu beiden Seiten der mit Schlaglöchern übersäten Straße nach Konongo ragen hinter spärlicher Vegetation zimtfarbene Erdhügel empor. Große Bagger stehen verstreut am Straßenrand und zwischen den Feldern, auf denen sich trübe, schlammige Teiche gebildet haben.
Das war hier nicht immer so. „In diesem Fluss sind wir als Kinder geschwommen“, sagt Bobby Bright und deutet aus dem Fenster unseres kleinen Mitsubishis. „Wir haben das Wasser zum Trinken genutzt und unsere Kakaofarmen damit bewässert.“
Der Fluss hat nun die Farbe von Milchkaffee. Eine Fließrichtung ist nicht auszumachen.
Der 50-jährige IT-Spezialist Bright, der zum Umweltaktivisten geworden ist, wuchs in Konongo auf dem Bauernhof seines Großvaters auf. Nach dem Abschluss seines Studiums kehrte er 2017 nach Konongo zurück, um wie seine Vorfahren wieder als Kakao- und Palmölbauer zu arbeiten.
Doch vor Ort waren alle Bäume abgeholzt. Brights Onkel hatte, wie viele andere Grundbesitzer in der Region, das Familienland an Goldgräber verkauft und sich mit dem Geld aus dem Staub gemacht. Auch die Maniok-, Mais- und Kochbananenfelder, die für die Region Ashanti typisch sind, waren verschwunden. An ihrer statt stehen nun wild durcheinandergewürfelt Betonhäuser inmitten hässlicher Erdhügel und trüber Teiche. Es sind die Überbleibsel eines zerstörerischen Goldrauschs, der nicht zum ersten Mal das Leben in Ghana auf den Kopf gestellt hat.
Seit Jahrhunderten ist das Gold für diese Region Segen und Fluch zugleich. Dank der Goldvorkommen stieg das Königreich der Ashanti Ende des 17. Jahrhunderts zu einem der mächtigsten Akteure Westafrikas auf. Und ebendiese Goldvorkommen führten auch zu seinem Untergang, als die Briten, angelockt von dem kostbaren Metall, einfielen und das Land im 19. Jahrhundert schließlich kolonisierten. Die Ghanaer erlangten erst 1957 ihre Unabhängigkeit.
Der jüngste Goldrausch wird allgemein auf die globale Instabilität der letzten Jahre zurückgeführt, die durch den Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 ausgelöst wurde. Nach diesem Schock stürzten sich Investoren rund um den Globus auf Gold, das wegen seiner Wertbeständigkeit als sichere Geldanlage gilt.
Der Goldpreis schoss in die Höhe. Eineinhalb Jahre später ließ ihn die durch den Gazakrieg verursachte Unsicherheit noch weiter steigen. Die Amtsübernahme Donald Trumps Anfang dieses Jahres tat dann ein Übriges: Seine Zolldrohungen beschleunigten die Entwicklung zusätzlich, sodass der Goldpreis im April 2025 ein Allzeithoch erreichte.
In Ghana führte das zu einer wertmäßigen Verdopplung der Goldexporte und einer epidemieartigen Ausbreitung des illegalen Bergbaus. Diese unerlaubte Ausbeutung ist eine Mutation des handwerklichen Goldabbaus, des sogenannten Galamsey – der durch Zusammenziehung des Ausdrucks „gather them and sell“ gebildete Begriff bedeutet auf Deutsch „sammeln und verkaufen“.
Das Galamsey hat explosionsartig zugenommen, da ausländische Player, vor allem aus China, davon profitieren und junge, verzweifelt nach Arbeit suchende Einheimische die Gelegenheit beim Schopf packen. Heute macht der illegale Abbau mehr als ein Drittel der jährlichen Goldproduktion Ghanas aus.1
Der Boom hat sich schnell zur Katastrophe entwickelt, dabei spielen mehrere miteinander verflochtene Krisen eine Rolle. Besonders gravierend sind die Auswirkungen auf die Umwelt. Mit der Ausbreitung des Galamsey wurden Wälder abgeholzt, die Böden aufgerissen und einst unberührte Landschaften mit Schwermetallen verseucht. Blei, Zyanid, Kadmium, Arsen und insbesondere Quecksilber haben die Erde wie das Wasser vergiftet.
„Die Zerstörung, die wir in unseren Wäldern und Gewässern sehen, ist mehr als alarmierend“, sagt Muhammad Malik von der Climate Change Africa Initiative mit Sitz in Accra. „Der illegale Bergbau laugt den Boden aus, verschmutzt Flüsse und zerstört Ökosysteme. Wenn wir das nicht stoppen, wird Ghana einen ökologischen Kollaps erleben, von dem wir uns vielleicht nie wieder erholen.“
Zerstörte Wälder und vergiftete Gewässer sind aber noch nicht alles. In Mitleidenschaft gezogen wird auch Ghanas eminent wichtige Kakaoindustrie. Ghana ist nach Côte d’Ivoire der zweitgrößte Kakaoproduzent der Welt. Das Land zählt mehr als 1 Million Kakaobauern, von denen die meisten kleine, seit Generationen im Familienbesitz befindliche Plantagen von nur wenigen Hektar bewirtschaften. Der Sektor ist nach wie vor von zentraler Bedeutung für die ghanaische Wirtschaft und macht mehr als 20 Prozent der Exporteinnahmen aus.
Doch während die Goldexporte des Landes sprunghaft angestiegen sind, ist die Kakaoproduktion eingebrochen: Nahmen die Erlöse im Goldsektor von 5 Milliarden US-Dollar 2021 auf 11,6 Milliarden US-Dollar 2024 zu,2 schrumpften sie im Kakaobereich im gleichen Zeitraum um mehr als ein Drittel von 2,9 Milliarden US-Dollar auf 1,7 Milliarden US-Dollar.3
Viele Kakaobauern, die bereits mit Wetterkapriolen in Folge des Klimawandels und einem grassierenden Baumvirus zu kämpfen haben, verkaufen ihr Land gegen Bargeld an die Bergbauunternehmen. Andere, wie Bright, werden von ihrem Land vertrieben. Im Mai berichtete Ransford Abbey, Chef des staatlich kontrollierten Ghana Cocoa Board, dass 50 000 Hektar Farmland gefährdet seien, unter anderem durch den illegalen Goldabbau. „Wir stehen vor der schwersten Krise in der Geschichte dieses Sektors“, sagt Abbey.
Bevor Bright und ich in Konongo den verschmutzten Fluss erreichen, macht er mich auf junge Männer in kniehohen Gummistiefeln aufmerksam, die mit Hilfe von laut rumpelnden, auf Metallgestänge montierte Maschinen Gold waschen. Rote und blaue Schläuche schlängeln sich über Erdhügel und in schlammige Tümpel. „Das ganze Land ist im Belagerungszustand“, sagt Bright.
So sah der Bergbau in Ghana traditionell nicht aus. Seit den 1980er Jahren wird die Goldindustrie hier von multinationalen Konzernen wie AngloGold Ashanti und Gold Fields dominiert – Großunternehmen, die zwar Geld aus dem Land abziehen, sich aber größtenteils an die Umwelt- und anderen Gesetze halten. Und seit Jahrzehnten suchen Kleinbauern mit Pickeln und Schaufeln nach Goldstücken unter der Erdoberfläche, um ihre mageren Einkünfte aufzubessern.

Auf Kosten des Kakaoanbaus
Aber seit die chinesische Regierung ab 2013 im Rahmen ihrer Belt and Road Initiative (BRI) mit dem Bau von Infrastrukturprojekten in Ghana begann, verändern industriell arbeitende Bagger und Bulldozer das Gesicht des handwerklichen Bergbaus. Galamsey wurde zu einem großen Geschäft.
Bright wurde das alles 2018 bewusst, als seine Familie ihren Grund und Boden verloren hatte. Zusammen mit einigen Freunden begann er, die Polizei über den illegalen Bergbau in der Region zu informieren. Er wusste, dass es riskant war, konnte aber nicht einfach tatenlos zusehen, wie immer größere Gebiete der Ashanti Region verwüstet wurden.
In Accra erhielt er dann die schockierende Nachricht: Drei seiner Freunde waren auf dem Weg zu einer illegalen Abbaustätte in einen Hinterhalt geraten. Zwei von ihnen starben durch Machetenhiebe, ihre Leichen wurden vor Ort liegen gelassen. Der dritte konnte entkommen. Nach Berichten von Einheimischen hatten Polizisten die drei Männer für Geld an die Bergleute verraten. Niemand wurde jemals strafrechtlich verfolgt.
Seitdem hat Bright seinen Widerstand weit über Ashanti hinaus ausgeweitet. Er wirft mehreren ghanaischen Regierungen vor, bei einer wirksamen Regulierung des illegalen Bergbaus und beim Schutz der natürlichen Ressourcen des Landes versagt zu haben. Zum Beispiel war der Bergbau in Waldschutzgebieten bis vor drei Jahren nach ghanaischem Recht weitgehend verboten.
Dies änderte sich 2022, als unter der Regierung von Präsident Nana Akufo-Addo ein Gesetz verabschiedet wurde, das ihn legalisierte. Der Schritt wurde allgemein als Gegenleistung für Wahlkampfspenden angesehen. Im Februar 2025 teilte der ghanaische Minister für Land und natürliche Ressourcen dem Parlament mit, 44 der 288 Waldschutzgebiete Ghanas, die sich über 6 seiner 16 Regionen erstrecken, seien durch illegalen Bergbau verloren gegangen.
Als wir an einem weiteren schlammigen Fluss vorbeifahren, hören wir das Ticken einer Maschine, die hier überall „Changfan“ genannt wird. Das ghanaische Gesetz verbietet eigentlich den Bergbau im Umkreis von 100 Metern um größere Gewässer. Trotzdem verwenden die Goldgräber diese in China hergestellte Konstruktion – mit Motorpumpen und Maschinen zur Goldwäsche ausgestattete Flöße –, um direkt aus den Flüssen Gold zu fördern.
Hierzu werden Flusswasser und Schlamm über die Waschrinnen gepumpt, um die potenziell goldhaltigen Feststoffe abzutrennen. Die Leute, die wir vom Auto aus sehen, werden laut Bright wahrscheinlich von wohlhabenden Ghanaern bezahlt, die mit Chinesen Geschäfte machen. Politisch gut vernetzte Einheimische wissen genau, wie sie sich die ghanaischen Gesetze zunutze machen und Lizenzen bekommen können.
80 Prozent des Landes werden „traditionell verwaltet“. Das heißt, die Chiefs der Stämme entscheiden, wer welches Land nutzen darf und zu welchem Zweck. Die chinesischen Partner stellen die Bagger und Changfans zur Verfügung. Und Goldschürfer unter den mehr als 1 Million jungen Ghanaern zu finden, die verzweifelt Arbeit suchen, ist das geringste Problem.
Die improvisierten Minen stürzen regelmäßig über Bergleuten ein. Und die künstlichen Seen und Gruben, die zurückbleiben, haben bereits mehrere Menschen verschlungen. In Konongo, so Bright, haben Bergleute auch unter Häusern und Geschäften so viel Land ausgehoben, dass „jetzt die Stadt selbst in der Luft hängt“. Im Jahr 2022 wurde eine junge schwangere Frau im nahegelegenen Dorf Odumase lebendig begraben, als die Außentoilette einbrach, die sie gerade betreten hatte.
Als wir in Atronsu ankommen, einem kleinen Kakaobauerndorf mit Lehmhäusern in der Western Region, erzählt uns der 63-jährige Bauer Tomas Badu, was vor Jahresfrist passiert ist: Eine kleine Gruppe von Ghanaern, die niemand im Ort kannte, tauchte auf und suchte nach Land für den Bergbau. „Das ganze Dorf war dagegen“, sagt Badu und betont, wie wichtig der nahegelegene Bach für die Trinkwasserversorgung und die Bewässerung der Kakaobäume ist.
Ohne dass Bewohner:innen von Atronsu vorab informiert worden wären, bahnte sich schon bald ein Bagger seinen Weg in ihre Richtung. Zwei Haushalte hatten offenbar zugestimmt, insgesamt 2,5 Hektar Land an die Bergleute abzutreten. Das Land grenzt an das Grundstück, das Badus Familie seit fünf Generationen bewirtschaftet.
Er führt uns auf einem Pfad durch einen Hain von Bananenpalmen. Wir gehen unter einem imposanten Weihrauchbaum hindurch und in einen Kakaowald hinein, wo wir durch raschelndes Laub am Boden laufen. Die Kühle des Waldes weicht plötzlich, als vor uns eine weite, baumlose Fläche aus aufgewühlter Erde auftaucht, aus der kleine säulenartige Formationen herausragen.
Badu zeigt auf eine fußballfeldgroße Senke mit stehendem braunem Wasser. Die Bergleute hätten die riesige Grube ausgehoben und den örtlichen Bach dorthin umgeleitet, das Wasser über die Waschrinne gepumpt und die giftigen Abfälle zurückgelassen, sagt er. Die Grube sei mindestens 20 Fuß tief: „Jeder, der hineinfällt, stirbt.“
Als die Goldgräber in Atronsu ankamen, wandte sich die Gemeinde an die Umweltorganisation Eco-Conscious Citizens. Die startete eine Kampagne, die schließlich zur Inhaftierung der Eindringlinge beitrug. Die Männer waren aber schon bald wieder frei und sind längst weitergezogen. Mit der Giftgrube müssen Badu und seine Nachbarn nun allein fertigwerden.
Im Februar 2021 erhielt Paul Poku Sampene Ossei, der als forensischer Pathologe an der Kwame Nkrumah University of Science and Technology in Kumasi tätig ist, den Anruf eines Gerichtsmediziners des Bibiani Government Hospital in der ghanaischen Western North Region. Eine 20-jährige Frau aus einem nahegelegenen Bergbaugebiet war bei der Geburt ihres Kindes gestorben. Der zuständige Beamte hoffte, Sampene könne das ungeborene Kind aus dem Mutterleib holen, um eine separate Beerdigung zu ermöglichen.
Obwohl sich das Kind bereits in der 40. Schwangerschaftswoche befunden hatte, waren seine Augen kaum entwickelt und sein Kopf stark deformiert, wie Sampene bestürzt feststellte. Beide Hände des Kindes hatten sechs Finger, beide Füße sechs Zehen. Die Genitalien waren so unterentwickelt, dass der Arzt das Geschlecht des Babys nicht bestimmen konnte.
Einen Monat später wurde Sampene gerufen, um eine weitere junge Frau zu untersuchen, die auf mysteriöse Weise ebenfalls während der Geburt gestorben war. Als er sah, dass die Zwillinge, die sie trug, ähnliche Missbildungen wie das erste Baby aufwiesen, entnahm der Arzt Proben aus dem Gehirn, der Leber, den Nieren und dem Knochenmark der Föten sowie aus der Plazenta der Mutter und der Nabelschnur. Alle Proben wiesen hohe Konzentrationen an Blei, Quecksilber, Zyanid, Kadmium und Arsen auf, womit eine Verbindung zum Goldabbau auf der Hand lag.
Diese Elemente kommen alle natürlich in der Erde vor, sind tief in der Erdkruste vergraben und werden bei der Mineralgewinnung an die Oberfläche befördert. Dazu kommt, was schwerer wiegt, dass beim Abbau und der Verarbeitung von Gold Quecksilber eingesetzt wird, um das Edelmetall aus dem umgebenden Gestein zu isolieren.
Quecksilber und Gold verbinden sich zu einem Amalgam; durch Erhitzen lässt sich beides wieder voneinander trennen. Das Quecksilber verdampft dabei und landet in der Luft, im Wasser und im Boden. Heute ist der handwerkliche Goldabbau für sage und schreibe 38 Prozent aller weltweiten Quecksilberemissionen verantwortlich.4 Das ist mehr, als bei jeder anderen menschlichen Aktivität, einschließlich der Kohleverbrennung, in die Umwelt gerät.
Sampene hat in den Jahren nach den ersten Fällen 13 weitere Kinder obduziert. Außerdem hat er die Plazenten von mehr als 1450 Frauen untersucht, die in von illegalem Bergbau betroffenen Gebieten leben. Auf einem Regal in seinem Labor in Kumasi bewahrt er präparierte Föten in hohen Gläsern auf. In einem befindet sich ein Fötus mit einer sehr großen Gaumenspalte und in einem anderen einer mit vier Beinen, die horizontal aus seinem Unterbauch wachsen.
Eine 2025 in der Publikation Environmental Monitoring and Assessment veröffentlichte Studie hat ergeben, dass die Quecksilber- und Kadmiumwerte im Boden der Goldabbaugebiete der Ashanti Region deutlich über den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegten Grenzwerten liegen. Der gemessene Quecksilbergehalt war mit 9,33 Milligramm pro Kilogramm (mg/kg) fast fünfmal so hoch wie der WHO-Grenzwert von 2 mg/kg; der Kadmiumgehalt lag mit 17,02 mg/kg ebenfalls weit über dem Grenzwert der WHO von 3 mg/kg.5
Das Nervengift Quecksilber stellt für die Entwicklung des Kindes im Mutterleib eine besondere Gefahr dar und kann zu spontanen Fehlgeburten und angeborenen Fehlbildungen führen.
Die ghanaische Kommission für Wasserressourcen hat kürzlich erklärt, mittlerweile seien mehr als 60 Prozent der Flüsse des Landes mit Schwermetallen verseucht. In einigen Kläranlagen ist die Trübung so extrem, dass die Pumpen ausgefallen sind. Experten warnen, das Land müsse möglicherweise bereits ab 2030 Wasser importieren.
Derweil sind einige der 7 Millionen Ghanaer:innen, die in extremer Armut leben und sich kein abgefülltes Wasser oder sogenanntes Sachet Water – gefiltertes oder desinfiziertes Wasser in kleinen Plastikbeuteln – leisten können, auf das verschmutzte Wasser angewiesen.
Kürzlich berichtete Ernest Yoke, Vizepräsident der Ghana Medical Association, wichtige Lebensmittel seien mittlerweile ebenfalls mit Schwermetallen belastet. „Reis, Fisch und sogar Vieh weisen Spuren von Quecksilber und Zyanid auf, was für die Verbraucher äußerst gefährlich ist“, so Yoke.
Eine Studie aus dem Jahr 2023 ergab, dass Tomaten, Frühlingszwiebeln und Salat, die in der Western Region angebaut wurden, über den WHO-Grenzwerten liegende Arsen-, Kadmium-, Blei- und Quecksilberwerte aufwiesen.6 Nicht nur die Menschen in den Bergbaugemeinden müssen sich also Sorgen machen. Auch in Accra und Kumasi sind die Verbraucher mittlerweile skeptisch, was Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte aus ländlichen Gebieten betrifft.
Nachdem wir mit Sampene gesprochen haben, kämpfen Bright und ich uns noch am selben Tag durch den dichten Verkehr von Kumasi zum Campus des Komfo Anokye Teaching Hospital. Dort treffen wir den Kinderarzt Anthony Enimil. Er erzählt uns von Kindern, die mit geschwollenen Füßen in seine Praxis kommen, und von vergifteten Grundschüler:innen, die eine Dialysebehandlung benötigen.
2023 konstatierte die Pediatric Society of Ghana, dass beim illegalen Goldabbau freigesetzte Schwermetalle wesentlich zum Tod von Kindern beigetragen haben. Laut Enimil haben er und seine Kolleg:innen in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg chronischer Nierenerkrankungen bei jugendlichen Patient:innen aus den betroffenen Gebieten festgestellt.
Dies deckt sich mit einem Bericht von Yoke aus dem Jahr 2024, in dem „ein starker Anstieg von Nierenerkrankungen in Bergbaugemeinden“ ermittelt wurde und vor einer „großen Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit“ gewarnt wird. Enimils bittere Schlussfolgerung: „Wir zerstören uns selbst.“
Ein Lichtblick in all dieser Düsternis bietet sich uns in der Stadt Jema, einer grünen Enklave in der Region Bono East. Dort treffen wir einige lokale Kakaobauern, die sich widersetzen. „Wir sterben lieber, als Bergbau zu betreiben“, sagt uns der 60-jährige Patrick Fome. Und das, obwohl die Kakaobauern in Ghana weniger als 100 US-Dollar im Monat verdienen und der Verkauf ihres Landes oder der Einstieg in den Bergbau ihnen kurzfristig zweifellos mehr Geld einbringen würde.
2019 sind die fast 8000 Einwohner:innen von Jema unter der Führung ihres Chiefs Nana Enuku Ano II., der schon sein ganzes Leben lang Kakao anbaut, mit ihrer Position an die Öffentlichkeit gegangen. Sie unterzeichneten eine Petition, die sie schließlich dem ghanaischen Präsidenten überreichten.
Illegale Goldgräber aus China
Voriges Jahr gründete die Stadt mit Hilfe des Franziskanermönchs Joseph Kwame Blay die Bürgerwehr Jema Anti-Galamsey Advocates, um die Bergleute auf Abstand zu halten. „Wir sind jeden Tag an den Grenzen unserer Ländereien im Einsatz“, sagt Fome. „Wir wollen von vornherein verhindern, dass sie bei uns eindringen.“
Er führt uns einen Pfad entlang durch die Kakaobäume zu einem plätschernden Bach. Es ist das erste klare Wasser, das wir seit einer Woche zu sehen bekommen. Durch das Gebiet von Jema fließen rund 50 unberührten Flüsse. Sie sollen einmal das Herzstück eines Ökotourismusprojekts bilden, das die Stadt derzeit entwickelt.
Blay, eine lokale Berühmtheit mit kurzgeschnittenem grauen Haar und der Aura eines Heiligen, erzählt uns von den Plänen. Das Projekt soll einen 4 Hektar großen Biodiversitätswald sowie einige Fischfarmen umfassen. Es ist mit der Hoffnung verbunden, eine Art Zertifizierung für die „galamseyfreie“ Produktion der lokalen Lebensmittel zu erhalten.
Wir durchqueren eine Ortschaft, die aus Lehmgebäuden besteht, und gelangen zum Haus von Chief Nana. Seine Frau empfängt uns. Der Chief selbst, seit einem Schlaganfall vor rund zehn Jahren geschwächt, sitzt zusammengesunken und wachsam am Rand eines Doppelbetts.
Ich habe es bereits gehört: Er hat geschworen, seine Vorfahren niemals zu verraten, indem er die Ausplünderung ihres Landes erlaubt. Angestrengt flüsternd bestätigt er mir dieses Versprechen. Die Goldschürfer haben ihm offenbar bis zu 700 000 Cedis (über 65 000 US-Dollar) geboten und eine medizinische Behandlung in Südafrika versprochen. „Er hat ihnen gesagt, sie sollen ihr Geld behalten“, erzählt Fome.
Im Laufe der Jahre haben Ghanas Staatschefs verschiedene Initiativen ins Leben gerufen, um gegen die Bedrohung durch Galamsey vorzugehen. Während seiner ersten Amtszeit von 2012 bis 2017 hat der kürzlich wiedergewählte Präsident John Mahama nach Razzien in illegalen Bergbaustätten 4500 chinesische Staatsangehörige des Landes verwiesen. 2017 richtete Akufo-Addo einen interministeriellen Ausschuss zum illegalen Bergbau ein, ebenso eine Task Force mit 400 Soldaten. Von 2017 bis 2019 verhaftete die Truppe mehr als 2200 illegale Goldgräber, darunter auch Ausländer.
Aber Korruption ist weit verbreitet. Das reicht von der Polizei, die uns alle 10 Meilen angehalten und Bestechungsgeld erwartet hat, bis zu den Politiker:innen, die für Wahlkampfspenden gern einmal wegschauen. Eine Dokumentation des preisgekrönten Filmemachers Anas Aremeyaw Anas von 2019 hat zum Beispiel gezeigt, wie hochrangige Beamte des interministeriellen Ausschusses Bestechungsgelder angenommen und im Gegenzug den illegalen Bergbau gefördert haben.
Ein 2023 vom Stabschef des Präsidenten in Auftrag gegebener Bericht stellte mit Blick auf die Arbeit der Aufsichtsbehörden des Landes erhebliche Mängel fest, darunter auch bei den Kommissionen für Mineralien und Wälder. Im Bericht wurden insbesondere uneinheitliche Vorgehensweisen bei der Erteilung von Bergbaulizenzen moniert. Außerdem wurde festgestellt, dass Personen, die wegen illegalen Bergbaus oder der Finanzierung illegaler Minen angeklagt waren, darunter ein Parlamentsabgeordneter, nur milde oder gar nicht bestraft wurden.
Dass viele chinesische Goldgräber in den letzten Jahren ziemlich schnell wieder aus der Haft freikamen, hat zu Korruptionsvorwürfen gegenüber der Polizei geführt. Und laut Recherchen von Transparency International hat die ghanaische Regierung ein großes Gerichtsverfahren eingestellt und einen angeklagten chinesischen Goldgräber abgeschoben, anstatt ihn entsprechend dem nationalen Recht streng zu bestrafen. Kein Wunder – China ist Ghanas größter Handelspartner und eine wichtige Quelle von Auslandsinvestitionen.
Darüber hinaus werden die illegalen Abbauaktivitäten zunehmend militarisiert: Bewaffnete – oft auf Tramadol oder Kokain – bewachen Standorte tief in den Waldschutzgebieten.
Die Lage wird sich womöglich bald noch weiter verschlechtern. Im Februar kündigten die EU und Japan an, künftig Kakaoimporte aus Ghana auf Schwermetallverunreinigungen zu untersuchen.7 Noch gravierender klingt die Warnung des niederländischen Botschafters in Ghana. Demnach besteht die Gefahr, dass der im Land produzierte Kakao – 20 Prozent des weltweiten Angebots – von der EU pauschal zurückgewiesen wird.
Derweil hat die Katholische Bischofskonferenz einen nationalen Gebetsmarsch gegen Galamsey organisiert, und die ghanaischen Gewerkschaften drohten mit einem landesweiten Streik. Der Popstar Black Sherif zeigte in einer Unterbrechung seines Konzerts Aufnahmen von verschmutzten ghanaischen Flüssen.
In Accra kommt es regelmäßig zu Protesten. Die Demonstrierenden tragen Schilder mit Aufschriften wie „Gier tötet Ghana“ und „Stoppt den Ökozid“ und schwenken Flaschen mit trübem, braunem Inhalt. Der illegale Goldabbau war bei den Präsidentschaftswahlen 2024 eines der Topwahlkampfthemen.
Zumindest nach außen hin gibt sich die neue Regierung kämpferisch. In diesem Jahr hat sie ein Ghana Gold Board gegründet und die erste kommerzielle Raffinerie des Landes eröffnet, beides mit dem Ziel, Kriminalität und Schmuggel einzudämmen. Die Nachrichten sind voll von Meldungen über Razzien gegen Galamsey-Banden – mit Angaben zur Zahl der festgenommenen Ghanaer und Chinesen sowie zu beschlagnahmten Baggern, Bulldozern, Changfans, Pumpguns und Motorrädern.
Doch Gruppen wie Eco-Conscious Citizens und andere Akteure fordern mehr – insbesondere die Aufhebung des Gesetzes, das den Bergbau in Waldschutzgebieten erlaubt, sowie die Stationierung von Militär in jedem einzelnen Reservat. Aus Brights Sicht ist die Situation so schlimm, dass die Weltgemeinschaft Gold und Kakao aus Ghana boykottieren sollte, so wie sie es in der Vergangenheit mit Holz aus Liberia und Blutdiamanten aus Sierra Leone getan hat.
„Wenn der Kakaosektor zusammenbricht“, so Ransford Abbey, der CEO des Cocoa Board, „kollabiert auch die Wirtschaft Ghanas.“ Und viele Ghanaer:innen sagen, dass Galamsey auch ein Sicherheitsrisiko für das Land bedeutet.
Immer wieder wird auf die glorreiche Vergangenheit verwiesen, auf die rauschhaften Tage kurz nach der Unabhängigkeit und die darauf folgenden Jahrzehnte des Friedens und des Wohlstands. „Ghana war früher so gut“, sagt Pater Blay. „Jetzt kann man nicht einmal mehr allein reisen.“
Anthony Enimils Augenmerk liegt auf den Kindern. „Ich weiß, was das für ihre Zukunft bedeutet. Wir hinterlassen ihnen nichts“, sagt der Kinderarzt. „Ich wünsche mir wirklich, dass sich die Dinge ändern, denn es ist noch nicht zu spät. Aber wir haben nicht mehr viel Zeit.“
2 „Ghana Sees $12 Billion a Year From Small-Scale Gold Mining“, Ghana Gold Board, 22. Mai 2025.
Aus dem Englischen von Markus Greiß
Jocelyn C. Zuckerman ist Autorin mit dem Themengebiet Landwirtschaft und Umwelt im Globalen Süden. Der Beitrag entstand in Kollaboration von The Nation und dem Food & Environment Reporting Network.
© The Nation; deutsche Übersetzung LMd, Berlin


