Die Erfindung der Disko
von Julien Bécourt

Die ersten Nachtclubs waren keine Orte für private Freizeitveranstaltungen, sondern Zentren der performativen Kunst: Mitte der 1960er Jahre suchten in Europa, Nordamerika und Japan mehrere avantgardistische Künstlerkollektive nach Möglichkeiten, mit traditionellen Ausstellungsformaten zu brechen, andere Präsentationsformen zu entwickeln und sie als Modell einer Gegenkultur zu etablieren.
In Italien etwa schossen überall die sogenannten Divertimentifici wie Pilze aus dem Boden. Zwar blieben diese Orte eng mit dem Aufstieg der Konsumgesellschaft verbunden, doch hinsichtlich ihres Designs waren sie revolutionär und setzten neue Maßstäbe. In diesen Nachtclubs sollte das Verhältnis von Raum und Körper völlig umgekrempelt werden.
Wie viele europäische Länder erlebte Italien damals ein Wirtschaftswunder. Doch zugleich brachen die „bleiernen Jahre“ an, in denen das Land eine Phase politischer Gewalt durchlebte.
Bei der Gestaltung der Diskotheken wollte man alle baulichen Konventionen über Bord werfen. Das Dancing Lutrario in Turin, ein vom Architekten Carlo Mollino 1959/60 restauriertes Kino, ist ein typisches Beispiel für die damalige Tendenz zu überladenem Neokitsch und Rokkoko – ein Vorläufer der psychedelischen Ästhetik: künstliche Felsen auf der Tanzfläche, Marmor- und Terrazzoböden, geflieste Flure mit Rosettenmuster, stufenförmig-rechtwinklige Nischen, Geländer und Stühle aus buntem Metall, vielfarbige Leuchtkörper, die spiralförmig von der Decke hingen.
Die gewohnte Bühnenempore, auf der bei traditionellen Tanzveranstaltungen das Orchester spielte, wich einer zentralen Tanzfläche. Die Musiker wurden durch einen Discjockey ersetzt. Seine Kabine befand sich exponiert oberhalb der Tanzfläche, der DJ darin wie ein Astronaut in seiner Raumkapsel.
Das Thema Weltraum war in der Ästhetik europäischer Diskotheken der 1960er und 1970er Jahre allgegenwärtig. Unter dem synergetischen Einfluss von psychodelischen Drogen, Sciencefiction, Progrock, elektronischer Musik und New-Age-Esoterik zielte man darauf ab, eine „Parallelwelt“ zu erschaffen.
Die Musik, die gespielt wurde, versprach Exotik und Trance, von Psychedelic Rock und synthetischem Proto-Disco bis hin zur World Music mit kolonialistischem Beigeschmack. Die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Leben verwischten: Nachtclubs wurden nicht mehr nur als Ort des Müßiggangs und der Zerstreuung angesehen, sondern als Objekte künstlerischer Offenbarung und politischen Widerstands, so naiv das heute auch erscheinen mag.
In ihnen sollte sich das emanzipatorische Element des Tanzes entfalten, seine kreative und potenziell subversive Dimension. Die Disko sollte einen Weg für kollektive Kunst eröffnen, mit dem gemeinsam Erlebten als schöpferischem Objekt. Der Ort ist nichts ohne die Menschen, die sich in ihm bewegen und die ihn durch ihre Gestik, ihre Aufmachung und ihren Tanz prägen.
Das Piper, eine legendäre Diskothek in Turin, wurde von den Designern Giorgio Ceretti, Pietro Derossi und Ricardo Rosso entworfen. Seine Blütezeit hatte der Club von 1966 bis 1969, als dort viele bekannte Persönlichkeiten der italienischen Künstlerszene wie etwa der Schauspieler und Regisseur Carmelo Bene ein- und ausgingen.
Zum Interieur gehörten Schaumstoffsofas, die Wände zierten Skulpturen des Künstlers Piero Gilardi. Selbst ein Pflanzenbiotop samt Gemüsegarten gab es, das die Besucher:innen auf einem Pfad aus Steinplatten durchqueren konnten.
Als Labor für Utopien und Raum für die abwegigsten futuristischen Hirngespinste boten Diskotheken wie das Piper auch eine Bühne für Auftritte, Performances und andere kollektive Happenings – etwa der Künstlergruppe Lo Zoo de Pistoletto –, wozu auch die Interaktion mit dem Publikum gehörte. Licht und Klang traten in ein Resonanzverhältnis zum Körper und erweiterten die sinnliche Erfahrung.
Was jedoch schon die frühen Clubs vor allem auszeichnete, war ihre Abschirmung gegen alle Einflüsse der Außenwelt. Raumgestaltung und Atmosphäre verstärkten das Gefühl, von der Realität abgeschnitten zu sein, um den Imaginationen des Körpers freien Lauf zu lassen und die Ärgernisse des Alltags hinter sich zu lassen.

Leuchtkörper, künstliche Felsen, Spiegelwände
Als fensterloser Raum löste die Disko zudem die Abfolge von Tag und Nacht auf. Man vergisst den Tag und feiert die Nacht – ein eigener Kosmos abseits der Welt. Und im Gegensatz zum Theater oder Kino, wo der Zuschauer in einem Zustand der Passivität verharrt, appellierte der Club an die Bewegungsaktivität, reizte zu körperlicher Verausgabung.
Die Architekten der 1960er Jahre betrachteten die Diskothek als den Ort der Moderne schlechthin. Die radikalsten Gruppen taten sich mit entsprechenden Projekten hervor, wie der Architekt Emanuele Piccardo berichtet: „In Florenz entwarf Superstudio – eine Gruppe avantgardistischer Architekten – 1967 das Mach 2, zwei Jahre später konzipierte und betrieb die Gruppe 9999 das Space Electronic, den wohl berühmtesten von radikalen Architekten geschaffenen Club.“1 In ihm organisierte die Gruppe Konzerte junger britischer Bands, Happenings und experimentelle Theatervorstellungen.
Die Diskothek Piper, entworfen und geführt vom Architekten und Designer Pietro Derossi, wurde 1966 in Turin eröffnet und war damals ein Treffpunkt für Künstler der Arte-Povera-Bewegung. Das Piper erfreute sich unter den Nachtschwärmern großer Beliebtheit, und bald entstanden weitere Clubs mit ähnlicher Ausrichtung. Der radikale Architekt Andrea Branzi sah darin, ähnlich wie Derossi, eine Möglichkeit, Orte zu schaffen, an denen die „sittliche“ und die politische Revolution zusammengeführt werden konnten. Man war fest davon überzeugt, die bestehende Ordnung stürzen zu können.
Auch in Frankreich entfachte der Wirtschaftsaufschwung der „Trente Glorieuses“ (1945–1975) einen Fortschrittsglauben, der neue gesellschaftliche Horizonte eröffnete. Kühne Pläne für die Stadtentwicklung der Zukunft räumten der Disko einen besonderen Platz ein.
Der kinetische Künstler Nicolas Schöffer, Erfinder der Spatiodynamik und Autor des Buchs „Die kybernetische Stadt“ (1969), wagte sich an ein großes Projekt: die völlige Umgestaltung der Städte nach Maßgabe der aufstrebenden Elektrotechnik, die wie eine „neuronale Massage“ wirken sollte.
Sein erklärtes Ziel war ein von den Zwängen der Arbeit befreiter Urbanismus, in dem der Nachtclub als „Freizeitkomplex“ vorgesehen war. Man könne sich dieser Form von Freizeit nicht widersetzen, die, im Gegensatz zu intellektuellen Beschäftigungen, mehr Entspannung biete, „und das, was ich ‚sexuelle Freizeit‘ nennen würde“, meinte Schöffer damals. Aber man könne dieser Form der Freizeit eine Orientierung geben und ihr „ein ästhetisches Element hinzufügen“.2
1966 wurde er zusammen mit dem Architekten Paul Bertrand mit der Konzeption des Voom Voom in Saint-Tropez beauftragt. Diese Diskothek, zu deren Gästen zum Beispiel Brigitte Bardot zählte, präsentierte sich als „luminodynamischer Nachtclub“, der eine veränderbare Raumstruktur und mit Spiegeln verkleidete Wände besaß, die falsche Perspektiven erzeugten.
Unter dem Titel „Nächte des Jahres 2000 in einer Metallhöhle“ lieferte die Wochenzeitung Jours de France damals eine detaillierte Beschreibung der Szenerie: „Alles spielt sich im Inneren einer großen Skulptur ab, die sich aus einem ‚multiplen Prisma‘ zusammensetzt, das aus Spiegeln und einer ‚Lichtwand‘ besteht, durch welche die Tänzer hindurchtreten können und sich unendlich oft gespiegelt sehen, wobei sich ihr Abbild im Rhythmus der Musik bewegt.“3
Angesichts des Erfolgs dieser innovativen Clubs witterten bald auch Unternehmer und Industrielle ein lukratives Business. Ein Goldesel war geboren: das Clubbing-Geschäft. Bald passten sich die Diskotheken der sozialen Herkunft ihrer jeweiligen Besucher:innen an. Jede entwickelte ihr eigenes Design entsprechend ihrem Zielpublikum und schuf eine Art Parallelgesellschaft en miniature, in der man die Sorgen des Alltags vergessen konnte.
Alle utilitaristischen Ziele blieben hier scheinbar ausgeklammert – aber nur scheinbar, denn zugleich waren es Orte, um gesehen zu werden, wo sich das Berufliche mit dem Privaten vermischte, zugunsten einer frenetischen Jagd nach Vergnügen. Ein Vergnügen, das jedoch einen entsprechend großen Geldbeutel voraussetzt.
Die egalitären und kommunitaristischen Ideen, die die Pioniere des Nachtclubs verwirklichen wollten, verblassten schnell. Schon bald gingen die Preise durch die Decke, und am Eingang wurde streng selektiert. Der emanzipatorische Anspruch wich dem schnöden Mammon.
2 Denise Miège und Nicolas Schöffer, „Les merveilleux mirages de Schöffer“, Arts, 17. August 1966.
3 Jours de France, 6. August 1966.
Aus dem Französischen von Birgit Bayerlein
und Christian Hansen
Julien Bécourt ist Journalist. Autor von „ ‚Club life‘: des attitudes aux formes“, in: Vincent Chanson (Hg.), „Techno & co – Chroniques de la culture dance électronique“, Paris (Éditions Amsterdam) 2025, aus dem dieser Text entnommen ist.


