Kein neuer Kalter Krieg
Was die Konfrontation zwischen China und den USA von der früheren Systemrivalität unterscheidet
von Daniel Marwecki

Es hat etwas Beruhigendes, neuen Dingen alte Namen zu geben, weil es die Angst vor dem Unbekannten mildert. Das Einkleiden des Neuen in das Alte vermittelt uns die vermeintliche Sicherheit zu wissen, wie es zu steuern sei. So verhält es sich auch mit der Frage, welchen Namen man der heutigen Großmachtrivalität zwischen den USA und China geben soll, und damit auch der Weltneuordnung im Allgemeinen. Handelt es sich bei der amerikanisch-chinesischen Rivalität, die seit der ersten Amtszeit von Donald Trump offenbar geworden ist, um einen „Neuen Kalten Krieg“?
Schnappt die „Thukydides-Falle“ zu, weil, so ein auf den antiken griechischen Geschichtsschreiber zurückgehender Gedanke, eine aufstrebende Macht die bisher dominierende Macht so sehr verunsichert, dass ein Krieg wahrscheinlich wird? Ähnelt die heutige multipolare Gemengelage der Situation vor dem Ersten Weltkrieg in Europa? Könnte alles gleichzeitig der Fall sein?
Weil in der Geschichte selten etwas vollkommen Neues auftaucht, ist der historische Abgleich sinnvoll. Bekanntes lässt sich so vom potenziell Neuen unterscheiden, Kontinuität und Wandel auseinanderhalten. Da wir unser Geschichtsbild nach gegenwärtigen Vorstellungen und politischen Prämissen bilden, sollte man sich allerdings davor hüten, voreilig nach dem zu greifen, wonach man sucht – so verpasst man das Neue.
Es liegt nahe, die Rivalität zwischen den USA und China mit dem Kalten Krieg zu vergleichen. Schließlich gilt die Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion als die letzte bekannte Geschichtsepisode, in der sich zwei Großmächte um globale Hegemonie stritten, ohne sich dabei in eine direkte, womöglich atomare Auseinandersetzung zu begeben. Doch die Unterschiede zu heute sind groß. Mindestens drei springen ins Auge.
Der Konflikt zwischen den USA und China ist einer zwischen verschiedenen Varianten des Kapitalismus. Im Kalten Krieg dagegen standen sich wirtschaftlich getrennte Blöcke gegenüber, die verschiedene Wirtschaftsmodelle propagierten. Der Aufstieg Chinas vollzog sich mittels der Integration in einer von den USA dominierten Weltwirtschaft. China bringt also gegen den Westen kein fundamental anderes Wirtschaftssystem in Stellung. Im Gegenteil: Chinas Wirtschaft wuchs im Gehäuse eines globalisierten, vom Westen her aufgespannten Kapitalismus heran. Aus diesem Gehäuse wuchs es hinaus – das ist der eigentliche Kern des Konflikts.
Der britische Philosoph und Mathematiker Bertrand Russel schrieb 1922 nach einer Chinareise: „Die Amerikaner, aus Geschäfts- und Investitionsgründen, wünschen sich in China eine stabile Regierung, wachsende Kaufkraft und ein Ende territorialer Aggression durch andere Mächte. Aber sie wollen nicht, dass die Chinesen stark genug werden, ihre eigenen Eisenbahnen und Minen aufzubauen, und sie werden sich gegen alle Versuche ökonomischer Unabhängigkeit wehren.“1
Ersetzt man die Eisenbahnen und Minen durch Halbleiterchips und künstliche Intelligenz, so gilt die Aussage auch über 100 Jahre später noch. China wiederum will den USA den Rang als führende Industrie- und Technologienation streitig machen. Mit Blick auf Schlagworte wie die „Entkopplung“ der ineinander verschränkten Wirtschaften oder der „Deglobalisierung“ bewegen wir uns womöglich erst auf eine Situation zu, die dem „alten“ Kalten Krieg ähnlich scheint, als die beiden Blöcke wirtschaftlich voneinander getrennt waren. Erst eine solche Trennung könnte einen „heißen“ Krieg wahrscheinlicher machen, weil man dann wirtschaftlich weniger zu verlieren hätte.
Der Kalte Krieg war im Gegensatz zu heute nicht zuletzt ein „Religionskrieg“, in welchem sich mit dem liberalen Kapitalismus und dem autoritären Kommunismus zwei große Ideologien der Moderne gegenüberstanden, die jede auf ihre Weisen mit dieser Moderne rangen und sie zu kanalisieren versuchten. In den Dekaden nach 1945 stritt sich die westliche Historiker-Zunft darüber, wie ideologisch und expansiv die Sowjetunion ausgerichtet ist. Ging es Stalin und seinen Nachfolgern um den eigenen Machterhalt und die Sicherung der Union der Sowjetrepubliken innerhalb der nach 1945 gezogenen Grenzen? Oder hatte man es hier mit einem primär ideologischen Projekt des globalen Revolutionsexports zu tun?

Ideologische Erschöpfung der Gegenwart
Heute hat der Exportdrang der chinesischen Industrie jedenfalls keine politische Entsprechung in Form einer kolonialen Zivilisierungsmission oder postkolonialen Demokratisierungsmission. Welche „Religion„ würde China auch exportieren wollen? Seine recht spezifische Mischung aus Entwicklungsnationalismus, Maoismus, Konfuzianismus und Techno-Paternalismus? China kennt seine Stärken. Die liegen vor allem im effizienten Aufbau von Infrastruktur und günstigen Industriegütern, weniger in der ideologischen Überzeugungskraft seines gegenwärtigen Gesellschaftsmodells.
Wer glaubt, dass China die Welt chinesisch machen will, unterschätzt überdies den chinesischen Nationalismus. China ist modern, ohne westlich zu sein – weswegen der Westen auch nicht chinesisch werden wird. Die einzige Zukunft, die gesichert chinesisch ist, ist die chinesische. Das chinesische Ordnungsmodell ist ein anderes als das der USA. Es beruht erklärtermaßen auf Souveränität und dem, was zivilisatorische Vielfalt genannt wird. Jüngere chinesische Initiativen wie die „Global Civilisation Initiative“ zeugen davon.
Die US‑amerikanische Politologin Jessica Chen Weiss, eine der gefragtesten China-Stimmen ihres Landes, argumentierte bereits während Trumps erster Amtszeit, dass die USA im Begriff sind, die von China ausgehende Bedrohung stark zu übertreiben. China sei nicht darauf aus, die US-Demokratie zu unterminieren. Es gehe China nicht um eine große ideologische Gegnerschaft. Auch sei China nicht daran interessiert, die internationale Handelsordnung abzuschaffen. Das Ziel Chinas sei stattdessen „the world safe for autocracy“ zu machen, die Welt also dergestalt einzurichten, dass China darin eine dominante Rolle spielen und die Kommunistische Partei ihren Machterhalt sichern kann. Dafür sei es aber nicht nötig, so Chen Weiss, demokratische Regierungsformen anderswo zu unterhöhlen. Die Autorin schlussfolgert, dass die USA sich auf die Verbesserung der eigenen Demokratie fokussieren sollten. Das sei die beste Antwort auf die chinesische Herausforderung.2
Aus der ideologischen Erschöpfung der Gegenwart resultiert auch, dass es heute vor allem ums Geschäft geht – und nicht ums politische System. Besonders deutlich lässt sich das an Javier Milei feststellen, dem amtierenden Präsidenten Argentiniens. Milei sieht sich selbst im Geiste der 1980er Jahre als Anarcho-Kapitalisten. Mit seiner Verehrung von Milton Friedman, Donald Trump und Elon Musk dürfte er die ideologisch prowestlichste Führungsfigur außerhalb der westlichen Kernländer sein. Während seines Wahlkampfs im September 2023 verkündete er noch, mit „Kommunisten keine Geschäfte“ machen zu wollen. Heute jedoch vertiefen Argentinien und China ihre Wirtschaftsbeziehungen.
Im Unterschied zur Konfrontation des Kalten Krieges steht dem Nato-Westen keine entsprechende Militärallianz gegenüber. China, das ähnlich wie Deutschland von einer globalen und möglichst freien Handelsordnung profitiert, hat wenig eigenes Interesse daran, einen Block anzuführen, solange es sich nicht aus Gründen der Wahrung der eigenen Sicherheit dazu gedrängt sieht. Gruppierungen wie die Brics oder die Shanghaier Organisation für Kooperation (SCO), die 2001 von Russland und China ins Leben gerufen wurde, müssen zwar als Gegengewicht zum Westen verstanden werden, doch handelt es sich hier eher um konsensorientierte, institutionalisierte Gesprächsformate zwischen Ländern, die so viel trennt wie eint – und nicht um Allianzen im Sinne der Nato. Eine gegenseitig zugesicherte Verteidigungshilfe gibt es nicht, auch wenn sich beispielsweise Russland dies in Bezug auf die SCO wünscht.
Wo die geschlossenen Feindesreihen nicht existieren, müssen sie erdacht werden. Deswegen sprechen in Deutschland manche Politiker von einer „Crink-Allianz“, wenn es um die sich vertiefenden Beziehungen zwischen China, Russland, Iran und Nordkorea geht. Dieses quer im Mund liegende Akronym erinnert an die „Achse des Bösen“ aus den neokonservativen Zeiten eines George W. Bush. Mit Iran und Nordkorea haben sich zwei Teilnehmer der alten Achse erhalten. China und Russland sind neu hinzugekommen. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 galten beide Länder den USA noch als Verbündete im Kampf gegen den Terrorismus. So schnelllebig ist manches, was „Allianz“ genannt wird. Die wandelbaren und sich stetig wandelnden Konstellationen der internationalen Politik müssen ideologisch aufgeladen und fixiert werden, um an ihnen eine Politik der Feindschaft ausrichten zu können.
Die israelischen Militärschläge gegen Iran vom Juni 2025 haben gezeigt, dass von einer „Allianz“ zwischen China und Iran keine Rede sein kann. Warum sollte sich Peking von ideologisch agierenden Akteuren wie dem Regime in Teheran abhängig machen, wenn es gleichzeitig wichtigere Geschäftsinteressen im Persischen Golf zu pflegen gilt? Was gerade im Vergleich zum Kalten Krieg heraussticht, ist die Seltenheit wirklicher Allianzen.
Die Unterschiede zur Geschichtsepoche, die wir als Kalten Krieg kennen, sind also groß. Der Begriff selbst ist aber älter als die bipolare Weltaufteilung nach 1945. Er lässt sich auf den deutschen Sozialisten Eduard Bernstein zurückführen, der die Bezeichnung „kalte Kriegsführung“ beziehungsweise „Kalter Krieg“ für den deutschen Rüstungswettlauf mit den anderen europäischen Großmächten vor dem Ersten Weltkrieg verwendete. In diesem worthistorischen Sinne wirkt die Bezeichnung Kalter Krieg wiederum aktuell: ein Wettrüsten, ein ständiges Erhöhen der Kriegsbereitschaft, ohne in eine direkte Großmachtkonfrontation zu gehen.
Diese Referenz zur europäischen Vorkriegszeit, in der die Katastrophen des 20. Jahrhunderts geboren wurden, ist noch auf andere Weise mit der Gegenwart verknüpft. Die heutige amerikanisch-chinesische Dynamik lässt sich mit der britisch-deutschen Dynamik des späten 19. Jahrhunderts vergleichen: Ein ökonomischer Aufsteiger droht einer hegemonialen Macht ihren Platz streitig zu machen.
Der Harvard-Politologe Graham Allison hat sich mit diesen Aufstiegsdynamiken und der Gefahr von hegemonialen Ablösungskriegen in seiner Studie über die Thukydides-Falle befasst.3 Allison stellt eine Überlegung des griechischen Historikers in den Vordergrund, derzufolge die Ursache des Peloponnesischen Krieges im 5. Jahrhundert v. Chr. der Aufstieg Athens war. Denn dieser Aufstieg löste bei Sparta eine Angst aus, von seiner Dominanzposition verdrängt zu werden, was den Krieg wahrscheinlich machte. Da heute kaum jemand Thukydides gelesen hat, kann man mit derart weit zurückreichenden historischen Beispielen in Leitartikeln und in der Politik punkten. Sowohl Barack Obama als auch Xi Jinping haben sich dank Allison bereits auf Thukydides berufen, um die Beziehungsdynamik ihrer Länder zu beschreiben.
Wenn aber schon der vor wenigen Jahrzehnten vergangene Kalte Krieg keine passende Referenz für die Großmachtrivalität der Gegenwart darstellt – kann es ein über 2000 Jahre zurückliegender Krieg zwischen einem Bündnis griechischer Inseln unter der Führung Athens und einer Allianz von Stadtstaaten mit Sparta an der Spitze sein? Was Allison außerdem auslässt, ist, wie viel Wert Thukydides auf die Debatten und Entscheidungsträger in Sparta und Athen gelegt hat. Thukydides ist ein Ur-Denker struktureller Dynamiken, in denen sich internationale Politik gefangen sieht. Doch letzten Endes wird Politik immer noch von Menschen gemacht und nicht von unsichtbaren historischen Zwängen. Nur wer die Struktur erkennt, hat überhaupt erst die Möglichkeit, sich von ihr zu befreien. Wären in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg vor allem in Deutschland fähigere Politiker an der Macht gewesen – der Krieg hätte verhindert werden können. Auch das ist eine Warnung an die Gegenwart.
Was Thukydides uns womöglich eigentlich lehrt, ist nicht die Unvermeidbarkeit des Krieges, sondern die Notwendigkeit der Diplomatie. Zu einfach ist es, katastrophale Entscheidungen mit Verweis auf höhere Zwänge zu begründen. Was Allison als Mahnung meint, kann schnell zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Wer so handelt, als würde die Thukydides-Falle existieren, fällt irgendwann in sie hinein.
1 Bertrand Russel, The Problem of China, London, 1922.
Daniel Marwecki lehrt internationale Beziehungen an der University of Hong Kong. Der vorliegende Text ist ein Vorabdruck aus seinem neuen Buch, das am 13. Oktober erscheint: „Die Welt nach dem Westen. Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahrhundert“, Berlin (Ch. Links) 2025.
Wir danken dem Verlag für die Abdruckgenehmigung.


