13.11.2025

Nützliche Narcos

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Nützliche Narcos

Frankreichs fehlgeleitete Drogenpolitik

von Laurent Bonelli

Franziska Goes, Field of Dots / Orange Yellow White, 2025, 180 × 210 cm, Acrylfarbe, Sand und Texturpaste auf Leinwand
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Schon Karl Marx schrieb über die produktive Seite des Verbrechens. Heute, da die politische Kaste in Frankreich den Drogenhandel beziehungsweise „Narcotrafic“ zur schlimmsten gesellschaftlichen Plage erklärt hat, lohnt sich, wie so oft bei Marx, eine neuerliche Lektüre seiner originellen Analyse aus den 1860er Jahren.

Im Widerspruch zu der Kriminologie seiner Zeit, die Verbrechen als eine Art mentale oder soziale Krankheit bezeichnete, hob er deren Einfluss auf die „produktiven Kräfte“ hervor: „Das Verbrechen, durch die stets neuen Mittel des Angriffs auf das Eigentum, ruft stets neue Verteidigungsmittel ins Leben und wirkt damit ganz so produktiv wie strikes auf die Erfindung von Maschinen.“1

Der französische Soziologe ­Émile Durkheim (1858–1917) entwickelte Marx’ Ansatz weiter, indem er auf den sozialen Nutzen verwies, den als „Verbrechen“ definierte Verhaltensweisen erfüllten. Dieser Nutzen liegt nach Durkheim in der moralischen Grenzziehung zwischen den mehrheitlich „anständigen“ Mitgliedern der Gesellschaft und den minoritären „Kriminellen“.2

Heutzutage kann Marx’ Aufzählung der verschiedenen Professionen („Polizei und Kriminaljustiz, Schergen, Richter, Henker, Geschworene usw.“), die ihre Existenz dem Verbrechen verdanken, noch um die Politik- und Medien­elite ergänzt werden, die sich bevorzugt um die sogenannte Sicherheitsfrage kümmert. Die startete ihre Karriere zu Beginn der 1970er Jahre in den USA unter dem Etikett Law and Order. 30 Jahre später zählte sie von Europa bis Lateinamerika zu einem der politischen Topthemen. Selbst Parteien, die traditionell für Präven­tion und die Verteidigung der Freiheit eintraten, beteiligten sich an einem Überbietungswettbewerb aus Gesetzen und Verlautbarungen, die eine härtere Gangart forderten und alles andere als „Gutmenschentum“ und „Laisser-faire-Versagen“ abkanzelten.

Mit der Trennung der Sicherheit von der sozialen Frage, in die sie früher eingebettet war, hat diese Dynamik die Rahmenbedingungen für Justiz und Polizei, aber auch für Schulen und so­zia­le Dienste einschneidend verändert.3 Die Gefängnisse sind überfüllt – in Frankreich kamen am 1. Juli 2025 auf 62 509 Plätze 85 000 Gefangene.4 Zugleich ist weder absehbar, dass die Kriminalitätsrate sinkt, noch dass dieses offensichtliche Scheitern den öffentlichen Diskurs verändern würde.

Aber darum geht es auch gar nicht. Die Strafverschärfung folgt einer Dramaturgie, bei der Worte mehr zählen als Taten und die Ankündigung von Gesetzen oder Reformen mehr Aufmerksamkeit generiert als deren Konsequenzen. Unterstützt von schlagzeilensüchtigen Medien, fördert sie martialische Posen und verschärft den Wettbewerb zwischen Politiker:innen, die „härter“ wirken wollen als die Konkurrenz. Sie

verpflichtet auch dazu, die „Bedrohung“ der sozialen oder nationalen Ordnung regelmäßig neu zu beschwören. Nach den „Banden“, der „Jugendgewalt“ und der „politischen Radikalisierung“ ist jetzt offenbar der Narcotrafic an der Reihe.

„Überschwemmung! Der Begriff drängt sich auf, um das Phänomen zu beschreiben, mit dem Frankreich zu tun hat“, heißt es in einem Untersuchungsbericht des Senats vom 7. Mai 2024. Keine Region und keine soziale Schicht bleibe mehr verschont. „Die Dealerei breitet sich überall aus und zieht immer mehr Gewalt nach sich. Kriegsszenen, wie sie manche Bürger erleben müssen, verschärfen das, was man als ‚Narco-Terrorismus‘ bezeichnen könnte und was ein Klima der Angst und Unsicherheit verbreitet.“5

Laut Innenminister Bruno Retailleau fegt „ein weißer Tsunami über Frankreich“ (Le Monde, 22. August 2025). Die Narco-Banden seien überall, weshalb man sie „mit erbarmungsloser Entschlossenheit bekämpfen“ müsse: „Wir haben heute die Wahl zwischen einer allgemeinen Mobilisierung und der Mexikanisierung des Landes“ (Le Parisien, 1. November 2024). Deshalb verkündete Gérald Darmanin, der Justizminister, er wolle die „hundert größten Narco-Händler“ allesamt in einem Hochsicherheitsgefängnis isolieren (LCI, 12. Januar 2025).

„Die Gefahr steht vor der Tür“, schrieben die Senatoren in ihrem Bericht von 2024 und forderten, unverzüglich zu reagieren. Ein Jahr später, am 13. Juni 2025, wurde ein Gesetz ratifiziert, das „Frankreich aus der Falle des Narcotrafic“ befreien soll. Nach dem Vorbild der Staatsanwaltschaft für Terrorismus (PNAT) gibt es nun die Staatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität (PNACO) und neue Hochsicherheitstrakte in zwei Strafvollzugsanstalten: Das Gefängnis im nordfranzösischen Vendin-le-Vieil (Département Pas-de-Calais) wurde erst im Juli eröffnet, das zweite steht in ­Condé-sur-Sarthe (Département Orne in der Normandie). Des Weiteren soll zukünftig die Kronzeugenregelung eine größere Rolle spielen, illegal erworbenes V­ermögen kann leichter eingefroren und beschlagnahmt und Sanktionen und Strafen können schneller verhängt werden.

Beim Einsatz von Spezialtechnik für die polizeiliche Ermittlung hat der Verfassungsrat allerdings einige Maßnahmen zur digitalen und algorithmischen Überwachung wegen schwerwiegender Verletzung der Privatsphäre wieder einkassiert. Gleichzeitig wurden die Befugnisse und die Mittel für das erst 2019 gegründete Amt zur Rauschgiftbekämpfung (Office anti-stupéfiants, Ofast) ausgebaut. In dem genannten Senatsbericht wurde sogar vorgeschlagen, das Ofast nach US-amerikanischem Vorbild in eine Drug Enforcement Agency umzuwandeln.

Verglichen mit der bisherigen Anti-Drogen-Strategie überrascht das Ausmaß dieser politischen und medialen Kampagne. Denn die semantische Verschiebung ist keineswegs neutral. Mit der Bezeichnung Narcotrafic assoziieren viele die Situation in Latein­amerika, die sie vor allem aus erfolgreichen TV-Serien („Narcos“ von 2015 oder „El Chapo“ von 2017) und Filmen kennen, wie etwa Steven Soderberghs „Traffic – Macht des Kartells“ aus dem Jahr 2000. Doch dieser Vergleich ist lächerlich. Die Mordrate ist in Frankreich 20-mal niedriger als in Mexiko oder Kolum­bien (1,3 auf 100 000 Einwohner im Vergleich zu 24,9 in den beiden lateinamerikanischen Ländern). Zudem sinkt sie beständig; seit 1990 hat sie sich halbiert.6 „Vergeltungsakte zwischen Kriminellen“ betreffen nur 9 Prozent der 900 jährlich registrierten Mordopfer.7

Die alarmierende Rhetorik der Politiker könnte auch ein ungeschickter Versuch sein, den tatsächlich steigenden Drogenkonsum in Frankreich zu thematisieren. Nach Angaben der Französischen Beobachtungsstelle für Drogen und Sucht (OFDT) ist die Zahl der Personen zwischen 18 und 85, die schon einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert haben, zwischen 1992 und 2023 von 12,9 auf 50,4 Prozent gestiegen.8 Während der Konsum von Heroin relativ stabil ist (2 Prozent in 2023), hat der von Kokain zwischen 2017 und 2023 ebenfalls zugenommen (von 5,6 auf 9,4 Prozent); auch synthetische Drogen verzeichnen einen Zuwachs, 2023 lag der Anteil von MDMA (Ecstasy) bei 8,2 Prozent, von Amphetaminen bei 4,3 Prozent und Poppers bei 14,9 Prozent. Der Konsum von Drogen ist also ein weit verbreitetes Phänomen, das alle Schichten betrifft, von der Zeit­ar­bei­te­r:in über Studierende bis zu Abgeordneten und Unternehmer:innen.

Alarmismus und neue Knäste

Die von den Ministern und Abgeordneten beschlossenen Maßnahmen und ihre Analysen gehen jedoch von falschen Annahmen aus, weil sie die Drogenmärkte mit dem „organisierten Verbrechen“ gleichsetzen und den Fokus auf die Ver­käu­fe­r:in­nen setzen und nicht auf die Konsument:innen.

Natürlich ist der Drogenhandel, wie viele kriminelle Aktivitäten, organisiert. Das Ausmaß dieser Organisation ist jedoch weitgehend ungeklärt. Es gibt nur wenige Quellen, und parlamentarische Untersuchungskommissionen übernehmen ebenso wie die Presse unhinterfragt die In­forma­tio­nen, die sie von der Polizei bekommen. Die wiederum hat grundsätzlich die Tendenz, die Bedrohung zu übertreiben, die sie bekämpft.

„Man muss übertreiben, wenn man will, dass die Dinge wahrgenommen und gehört werden“, gibt etwa ein Polizeikommissar im Gespräch unumwunden zu. Nur so kann man eine Ausweitung der personellen, technischen und juristischen Mittel erreichen. Hinzu kommen der Gewinn an Prestige und Selbstlegitimation.

Dies gilt insbesondere für neuere Institutionen, die noch nicht so stark in der Verwaltung verankert sind. Besonders aufschlussreich war in diesem Zusammenhang etwa der Ofast-Bericht „Stand der Bedrohung in Verbindung mit dem Drogenhandel“, der im Juli 2025 erschien. Eigentlich sollte er nur einer ausgewählten Leserschaft zugänglich gemacht werden, wurde dann aber an die Presse durchgestochen.

Laut diesem Bericht sind am organisierten Drogenhandel in Frankreich weniger als 100 Großimporteure, 5000 Halbgrossisten und 200 000 Akteure in lokalen Netzwerken und Dealertreffpunkten beteiligt. Einfache Boten verdienen im Schnitt 20 bis 30 Euro am Tag; Nachschublieferanten, Portionierer, Späher und Werber schon 50 bis 100 Euro und Dealer und Buchhalter zwischen 50 bis 250 Euro.

Am 5. August 2025 titelte die Tageszeitung Le Monde: „Drogen: immer bedrohlichere Netzwerke“ und veröffentlichte eine Doppelseite mit Infografiken, die auf den Daten des Ofast-Berichts basierten. Der Ofast kam die plötzliche Aufmerksamkeit sehr gelegen, nachdem ein paar Tage zuvor ihre Büros von der Generalinspektion der Police National (IGPN) durchsucht worden waren. Bei einer Operation mit „kontrollierter Lieferung“ hatten sich nämlich 400 Kilo Kokain in Luft aufgelöst. Gegen mehrere Ofast-Beamte in der Marseiller Zweigstelle wurden daraufhin Ermittlungsverfahren eingeleitet. Aber das war’s dann auch schon. Das Monopol der Polizei bei der Herstellung von Daten zur Kriminalstatistik macht es sehr schwierig, deren Entstehung und Verbreitung ernsthaft zu hinterfragen.

Der US-amerikanische Ökonom Peter Reuter hat aber genau das getan, als er sich Ende der 1970er Jahre daranmachte, Beweismittel aus Durchsuchungen, abgehörte Telefonate, Verhöre von Verdächtigen sowie Gespräche mit Staatsanwälten, Ermittlern und Informanten aus den 1960er und 1970er Jahren auszuwerten, um zu verstehen, wie die Mafia funktioniert.9

Zuvor hatte die President’s Commission on Law Enforcement and the Administration of Justice das organisierte Verbrechen in einem Bericht von 1967 als eine Gesellschaft beschrieben, „die mit ebenso komplexen Strukturen arbeitet wie jedes große Unternehmen und die strengeren Gesetzen unterworfen ist als die der offiziellen Regierungen.“ Bei Pferde- und Sportwetten, illegalen Lotterien und Wucherkrediten habe die Mafia eine herausragende Stellung erlangt, indem sie ihre Konkurrenten mit Gewalt aus dem Weg räume und Polizisten, Abgeordnete und lokale Beamte besteche. Mario Puzos Roman „Der Pate“ von 1969 und vor allem die nach dem Roman gedrehte Trilogie von Francis Ford Coppola (1972–1990) fassen diese Vorstellung gut zusammen.

Reuters Untersuchungen, die 1983 publiziert wurden, zeichnen dagegen das Bild eines zerstückelten Universums, in dem jeder Versuch einer Monopolisierung zum Scheitern verurteilt ist. Kriminelle Organisationen sind eben keine konventionellen Unternehmen. Sie beruhen vor allem auf engen Beziehungen zwischen Einzelpersonen mit gemeinsamen Erfahrungen (Kindheit in demselben Stadtviertel, Migrationshintergrund, Gefängnisaufenthalt und so weiter). Doch wenn die Organisation wächst, wird diese Stärke zur Schwäche. Da die Verteilung von Posten, Revieren und Gewinnen weder festgelegt noch vertraglich geregelt ist, kann sie schnell ungerecht und willkürlich wirken.

Die Loyalität für die Gruppe schwindet auch, je weiter man sich von ihrem Zentrum entfernt. Aus der Kombination dieser beiden Faktoren erwächst eine ständige Tendenz zur Zersplitterung in konkurrierende Gruppen, die manchmal mit einer geradezu selbstzerstörerischen Gewalt einhergeht. Andererseits zieht eine größer werdende kriminelle Gruppe unvermeidlich die Aufmerksamkeit von Polizei und Justiz auf sich. Ermittlungen und mögliche Verhaftungen destabilisieren sie. Sie verschärfen die Konkurrenz und die internen Streitigkeiten um Machtpositionen, die ebenfalls zur Aufspaltung führen können.

Reuters Analyse wurde auch in Arbeiten über die global operierenden Drogenkartelle, insbesondere die mexikanischen und kolumbianischen, breit rezipiert. Oswaldo Zavala, Journalist und Professor für lateinamerikanische Literatur und Kultur an der City University of New York, hat gezeigt, wie sich im Kontext einer Neuausrichtung der nationalen US-Sicherheitsdoktrin der Narco-Begriff, der sehr unterschiedliche Realitäten über einen Kamm schert, zunehmend als Regierungsdogma durchgesetzt hat (siehe nebenstehenden Text). So wird verständlich, dass ein Drogenboss den anderen ablöste (El Chapó, El Mayo, El Mencho und so weiter) und sich die führenden Kartelle permanent erneuerten (von Sinaloa über Jalisco Nueva Generación bis zu Santa Rosa de Lima).10

Laut dem kolumbianischen Drogenhändler Gilberto Rodríguez Ore­juela war das sogenannte Cali-Kartell – ein Zusammenschluss verschiedener Kokainproduzenten und -schmuggler aus der Stadt Cali – eine Erfindung der DEA: „Es gab mehrere Gruppen, kein einzelnes Kartell. Die Polizei wusste das. Die DEA auch. Aber sie erfinden lieber einen monolithischen Feind.“ Ein ehemaliges Mitglied des Medellín-Kartells behauptet sogar, dass es gar keine Kartelle gebe, sondern nur „viele einzelne Drogenhändler. Manchmal arbeiten sie zusammen, manchmal nicht. Die amerikanischen Staatsanwälte nennen sie nur Kartelle, um sich die Arbeit zu erleichtern.“11

Es sind ebenjene Staatsanwälte, die einen gewissen Bekanntheitsgrad dadurch erlangten, dass sie ein ums andere Mal behaupteten, man habe dem Drogenmarkt mal wieder einen „endgültigen Schlag“ versetzt. Von Polizisten hört man dagegen eher, dass dieser einem Fass ohne Boden gleicht.

Wenn die italo-amerikanische Mafia und die lateinamerikanischen Kartelle also zumindest zum Teil eine Erfindung der Strafverfolgungsbehörden und der Politik sind, gilt dasselbe dann auch für Europa? Auch hier gibt es Differenzen zwischen den Angaben der Polizei und anderen Quellen. Die italienischen Soziologen Alessandro Dal Lago und Emilio Quadrelli zeichneten nach Interviews mit knapp 400 Kriminellen aus der Genueser Unterwelt Anfang der Nullerjahre ebenfalls das Bild einer instabilen und zersplitterten Szene, mit Auftragnehmern unterschiedlicher Herkunft, die in den Milieus aktiv sind, zu denen sie Zugang haben (migrantische Communitys, Studentenkreise, hohe Beamte und so weiter) und die je nach Klientel unterschiedliche Produkte verkaufen.12

In Frankreich kann man ebenfalls eher von „verschiedenen Cliquen als von einem homogenen Milieu sprechen“.13 Das bestätigt ein Polizist im Gespräch: Kleine bis mittelgroße „Unternehmen“ würden sich um den Import und die Distribution der Drogen kümmern: „Wir schalten eins aus, und morgen gibt es ein anderes.“

Diese Feststellung findet sich indirekt auch in der Begriffsbestimmung für eine „organisierte kriminelle Gruppe“ in Artikel 2 des Übereinkommens der Vereinten Nationen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität (Palermo-Konvention), die am 29. September 2003 in Kraft trat. Demnach bezeichnet sie „eine strukturierte Gruppe von drei oder mehr Personen, die eine gewisse Zeit lang besteht und gemeinsam mit dem Ziel vorgeht, eine oder mehrere schwere Straftaten zu begehen, um sich unmittelbar oder mittelbar einen finanziellen oder sonstigen materiellen Vorteil zu verschaffen“. Eine umfassendere Definition lässt sich kaum formulieren, was den von Reuter geprägten Begriff des „unorganisierten Verbrechens“ umso einleuchtender macht.

Was soll man nun angesichts dieser Situation von den „außergewöhnlichen“ Maßnahmen halten, die in Frankreich vom Innen- und Justizministerium angekündigt wurden? Die neuen Spezialeinheiten und Strukturen sollen Tatkraft vermitteln, was jedoch auf Kosten der bestehenden Institutionen geht. Warum werden beispielsweise neue Hochsicherheitsgefängnisse gebaut, wenn die Leiter von normalen Haftanstalten in offenen Briefen regelmäßig darüber klagen, dass sie wegen Überbelegung „am Rand des Zusammenbruchs“ stehen? Und braucht es wirklich eine Sonder-Staatsanwaltschaft, wenn die Gerichte sowieso schon unter den Aktenbergen zusammenbrechen, die die ständigen Strafverschärfungen produzieren?14

Seltsamerweise gehen all diese Maßnahmen gegen den Narcotrafic gar nicht auf den Drogenkonsum als solchen ein, mit dem viele tatsächlich angenehme Gefühle verbinden. Was nicht heißen soll, dass man den Konsum gutheißen muss; ihn aber zu leugnen oder zu ignorieren, ist pure Heuchelei. Schließlich sind auch Alkohol und Tabak ungesund. Jegliche Versuche, deren Konsum zu kriminalisieren, sind übrigens fast immer gescheitert. Man denke nur an die Prohibition in den USA von 1920 bis 1933. Viel nachhaltiger und erfolgreicher sind dagegen Präventions- und Sensibilisierungskampagnen im Auftrag der Gesundheitsämter sowie soziale und medizinische Hilfe für Abhängige oder andere Maßnahmen wie Werbeverbote beziehungsweise -einschränkungen oder das Rauchverbot in Zügen und an anderen öffentlichen Orten.

In Frankreich ist die Anzahl der Personen, die nach eigener Aussage mindestens einmal in der Woche Alkohol trinken, zwischen 2000 und 2021 von 62,6 Prozent auf 39 Prozent gesunken, und die der Erwachsenen, die täglich Alkohol trinken, ist innerhalb von zehn Jahren seit 1992 von 23,9 auf 8 Prozent gesunken.15 Im selben Zeitraum sank die Zahl der Raucher von 30 auf 25,3 Prozent.16

Daraus scheint man in der aktuellen Diskussion jedoch nichts gelernt zu haben. Auf den 629 Seiten des oben erwähnten Senatsberichts taucht das Wort Arzt nur ein einziges Mal auf, und nur eine verschwommene Empfehlung rät dazu, „ernsthafte Anstrengungen bei der öffentlichen Kommunikation gegen den Rauschgifthandel zu unternehmen und die Betreuung der Konsumenten zu verbessern“. Dabei gibt es international zahlreiche Beispiele für nichtrepressive Maßnahmen. Länder wie Deutschland, Kanada, Spanien und Uruguay oder auch manche US-Bundesstaaten wie Colorado, Washington und Oregon haben den Cannabiskonsum legalisiert und versuchen, die legale Produktion zu reglementieren.

Die Fokussierung auf das Drogenangebot erzeugt zudem ein verzerrtes Bild der Drogendealer. So werden ­junge, dunkelhäutige Männer aus sozial benachteiligten Schichten, die die Polizisten bei ihren Racial Profilings ohnehin im Visier haben, allzu oft pauschal als Dealer identifiziert. Sicherlich erleichtern familiäre Beziehungen nach Marokko, besonders zum Rif, wo viel Cannabis angebaut wird, den Ausbau von Netzwerken. Doch es gibt in Frankreich eben auch viele strukturelle Ursachen für das Abrutschen in diese illegale Tätigkeit: Bestimmte Stadtviertel werden systematisch vernachlässigt, staatliche Finanzierungen gekürzt, Hilfsvereine im Stich gelassen.

Bei der Funktionsweise von Drogenmärkten spielen zudem noch ganz andere Aspekte eine Rolle. Am Beispiel des Kokainhandels in Genua zeigen etwa Dal Lago und Quadrelli, dass jede Zielgruppe von anderen Händlern bedient wird: Während Nigerianer für den Straßenverkauf zuständig sind, verkaufen Albaner den Stoff an die Prostituierten am Hafen. Die „anständigen Leute“, die mehr auf Qualität und weniger auf den Preis der Ware achten, treffen dagegen oft auf Dealer, die aus dem gleichen Mi­lieu kommen.

Bei synthetischen Drogen wie Ecstasy, das vor allem in Diskotheken konsumiert wird, sind die Verkäufer wiederum oft Stammgäste, die ein Gespür für den passenden Augenblick haben, um den Stoff unter die Leute zu bringen. Hinzu kommt, dass es im Zeitalter des Smartphones für Dealer und Kundschaft viel einfacher geworden ist, direkt miteinander in Kontakt zu treten.

Der digitale Handel, ebenso wie Nachtclubs, Studentenkneipen und Nobelrestaurants, steht nach wie vor weit weniger im Fokus von Polizei und Justiz als der Straßenverkauf, weshalb dort auch weiterhin die meisten „Täter“ gefasst werden. So entsteht ein scheinbar unanfechtbares Dealer-Stereotyp, das bestimmte politische Akteure, Journalisten und Experten eifrig verfestigen, indem sie zufällige Faktoren wie die Gruppenbildung in einem Viertel oder unter Mi­gran­t:in­nen zu „kulturellen“ Eigenschaften erklären, um daraus unterschiedslos auf angeblich nicht in­tegrierbare Gemeinschaften zu schließen.

Die vorherrschende Darstellung des Narcotrafics – also des Drogenhandels – entspricht in vielerlei Hinsicht dem, was der Soziologe Pierre Bourdieu als „wohlfundierte Illusion“ bezeichnet hat.17 Anders gesagt: Es handelt sich um eine trügerische Fiktion, die aber fortbesteht, weil sie vom Staat ständig reproduziert und kontinuierlich alimentiert wird. Die Vorteile, die manche aus dieser Fiktion ziehen, sind offenkundig. Sie zeugen allerdings eher von Engstirnigkeit, Ineffizienz und Selbstsucht als von einer aufrichtigen Sorge angesichts der realen gesundheitlichen und sozialen Gefahren, die der Drogenkonsum für unsere Gesellschaften insgesamt bedeutet.

1 Siehe Karl Marx, „Abschweifung über produktive Arbeit“ in: Theorien über den Mehrwert, Marx Engels Werke, Band 26.1, Berlin (Dietz Verlag), S. 363 f.

2 Émile Durkheim, „Die Regeln der soziologischen Methode“, übersetzt von René König, Neuwied/Berlin (Luchterhand) 2011.

3 Siehe Laurent Bonelli, „La France a peur. Une histoire sociale de ‚l’insécurité‘ “, Paris (La Découverte) 2010.

4 Evan Le Bihan und Jérôme Moreau, „Au 1er juillet 2025, + 8,3 percent de personnes détenues sur un an“, Infos Rapides Justice, Paris, Juli 2025.

5 Jérôme Durain und Étienne Blanc, „Rapport de la commission d’enquête sur l’impact du narcotrafic en France et les mesures à prendre pour y remédier“, Sénat, Paris, 7. Mai 2024.

6 „Victims of international homicide“, UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung.

7 Xavier Besnard u. a., „Sécurité et société“, Insee Références, Édition 2021, Montrouge, 2021.

8 Alex Brissot u. a., „Les niveaux d’usage des drogues illicites en France en 2023“, Tendances, Nr. 164, Paris, Juni 2024.

9 Peter Reuter, „Disorganized Crime. Illegal Markets and the Mafia“, Cambridge (MIT Press) 1983.

10 Siehe auch Andrew Cockburn, „Gezieltes Töten“, LMd, Juni 2015.

11 Oswaldo Zavala, „La Guerra en las palabras. Una historia intelectual del „narco“ en Mexico (1976–2020)“, Debate, 2022.

12 Alessandro Dal Lago und Emilio Quadrelli, „La Città e le ombre. Crimini, criminali, cittadini“, Mailand (Feltrinelli) 2003.

13 Michel Kokoreff, Michel Peraldi und Monique Weinberger, „Economies criminelles et mondes urbains“, Paris (PUF) 2007.

14 Siehe dazu Jean-Michel Dumay, „Aktenberge in Soissons. Frankreichs Justiz ist hoffnungslos überlastet“, LMd, Mai 2021.

15 „La consommation d’alcool des adultes en France en 2021“, Bulletin épidémiologique hebdomadaire, Januar 2024.

16 „Prévalence nationale et régionale du tabagisme en France en 2021“, Santé publique France, August 2022.

17 Pierre Bourdieu, „ À propos de la famille comme catégorie réalisée “, Actes de la recherche en sciences sociales, Nr. 100, Paris, 1993.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Laurent Bonelli ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Paris Nanterre.

Der US-Drogenkrieg

Im Juni 1971 erklärte Richard Nixon den Drogenmissbrauch zum Staatsfeind Nummer eins. Während die Menschen in seinem Land mit ganz anderen Problemen beschäftigt waren, etwa mit dem Kampf für soziale Rechte und gegen Rassismus, rief der US-Präsident den Krieg gegen die Drogen im In- und Ausland aus. 1973 wurde das Amt für Narkotika und gefährliche Drogen (Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs) in Drogenbekämpfungsbehörde (Drug Enforcement Agency, DEA) umbenannt, die vor allem in Mexiko in Aktion trat. Gemeinsam mit der mexikanischen Armee zerstörten die US-Amerikaner Anbauflächen für Cannabis und Mohn. In dieser Zeit verbreitete sich der Begriff Narcos. Hatte man bis dahin vor allem von gomeros (Bauern, die das Gummi, also das Opium, aus Mohn gewinnen) und mariguaneros (Marihuana-Produzenten) gesprochen, wurden fortan alle als Narcos bezeichnet, die mit dem Anbau, der Herstellung, dem Handel und dem Konsum von verbotenen Substanzen zu tun hatten.

Der Begriff wurde auch in der nationalen Sicherheitsdoktrin verwendet, die Ronald Reagan nach seiner Wahl 1980 noch verschärfte. Im April 1986 unterzeichnete der US-Präsident eine geheime Direktive, die den Drogenhandel als „Bedrohung für die nationale Sicherheit“ bezeichnete und das Verteidigungsministerium zu allen denkbaren Operationen ermächtigte. Als in Ländern wie Kolumbien oder Peru marxistische Gruppierungen den Aufstand probten, diente der „War on Drugs“ vor allem zu deren Unterdrückung. Die Aufständischen wurden als „Narco-Guerilleros“ diffamiert, etwa 1984 vom damaligen US-Botschafter in Kolumbien, Lewis Tambs. Im Windschatten des Anti-Drogen-Kriegs verfolgten die USA auch strategische Ziele (beispielsweise in Panama); sie bauten ihre Militärpräsenz im Ausland aus und sammelten Geheimdienstinformationen.

Der Kampf der US-Regierung gegen den Drogenschmuggel weitete sich immer mehr aus und konnte stets mit der Zustimmung und Finanzierung durch den Kongress rechnen. Er ersetzte zunehmend den Kampf gegen den „Kommunismus“. Einige Monate nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beschrieben die beiden einflussreichen Analysten Linnea P. Raine und Frank J. Cilluffo „das weltweit organisierte Verbrechen“ als „neues Reich des Bösen“.

Dass die politische Instrumentalisierung des Begriffs immer noch aktuell ist, bewies zuletzt Donald Trump, als er den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro als „Narco-Terroristen“ bezeichnete, ein Kopfgeld von 50 Millionen US-Dollar für ihn auslobte und 4500 Marines sowie Kriegsschiffe in der Karibik stationieren ließ. Bis Anfang November starben beim Beschuss von mutmaßlichen Drogenschmuggler-Booten durch die U. S. Navy mehr als 60 Menschen.

Le Monde diplomatique vom 13.11.2025, von Laurent Bonelli