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Nur noch Büro

Nur noch Büro

Der Pariser Vorort Saint-Denis war einmal eine Arbeiterhochburg von Anaëlle Verzaux und Benoît Bréville

Am Bahnsteig La Plaine-Stade de France strömen die Leute in Scharen aus der RER-Bahn der Linie B und streben, in der einen Hand das Handy, in der anderen ein Aktenköfferchen, mit eiligen Schritten zu den verglasten Bürotürmen. Mehr als 40 000 Pendler fahren täglich in das Geschäftsviertel La Plaine von Saint-Denis, zehn Bahnminuten von Paris entfernt.

Als der Stadtplaner Georges-Eugène Baron Haussmann Mitte des 19. Jahrhunderts beschloss, die Fabriken aus der Pariser Innenstadt in die Vororte zu verlegen, entstand hier das erste Industriegebiet Europas. Auf den Äckern ließen sich zwischen 1850 und 1900 über 300 verschiedene Industriezweige nieder, vom Chemiewerk bis zur Leder-, Textil- oder Metallfabrik. Anfang der 1920er Jahre eroberte die Kommunistische Partei das Rathaus von Saint-Denis. Damals waren 68 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung Arbeiter und 20 Prozent Angestellte.

Als in den 1960er Jahren die Regierung beschloss, eine „industrielle Dezentralisierung“ Frankreichs in die Wege zu leiten, die das Ungleichgewicht zwischen der Pariser Region und den anderen Landesteilen korrigieren sollte, kam es zu den ersten Standortverlagerungen. Diverse Steuervergünstigungen lockten die Unternehmen in die Provinz: Die Maschinenbauer Sipam und Promecam ließen sich im bretonischen Quimper und Château-du-Loir nieder. Der Schiffsbauer Chantiers de l’Atlantique, der in Saint-Denis Heizkessel und Motoren hergestellt hatte, verlegte die Produktion nach Nantes, und die Chemiewerke Rochas und Sifa zogen von Saint-Denis nach Poissy und Compiègne. Zwischen 1958 und 1968 verlor der Pariser Vorort über 14 000 Industriearbeitsplätze.1

In den folgenden Jahrzehnten gaben viele Traditionsbetriebe ihre Fabriken in Saint-Denis auf: So schloss der Silberwarenhersteller Christofle 2004 – nach 128 Jahren – sein Werk in Saint-Denis; der Klavierbauer Pleyel, der hier seit 1885 ansässig war, produziert seit den 1970er Jahren in Deutschland; es verschwanden der Rüstungs- und Automobilkonzern Hotchkiss-Brandt, der 1875 ein großes Werk in Saint-Denis eröffnet hatte, die Werkzeugmaschinenfabrik Cazeneuve, die Metallfabriken Segal und Someca und viele andere.

Die kommunistische Stadtverwaltung verteidigte 20 Jahre lang den Industriestandort La Plaine, griff streikenden Arbeitern finanziell unter die Arme, organisierte Demonstrationen und Fabrikbesetzungen und versuchte mit dem Flächennutzungsplan die Ansiedlung unproduktiver Gewerbe zu verhindern – alles vergebens.

Nach 100 Jahren Industrialisierung und 40 Jahren Deindustrialisierung war La Plaine Mitte der 1990er Jahre eine einzige gigantische Industriebrache. Die Arbeitslosenrate, zu Beginn der 1970er Jahre noch rückläufig, stieg 1982 auf 10,7 Prozent und 1990 noch einmal auf 14 Prozent an. Als die Stadtväter einsahen, dass die Industriebetriebe nicht zu halten waren, änderten sie ihre Strategie.

1991 gründeten die kommunistischen Stadträte von Saint-Denis, Saint-Ouen und Aubervilliers die Trägergesellschaft „Plaine Développement“, die die Brachflächen aufkaufte und bewirtschaftete und versuchte, Investoren aus dem Dienstleistungssektor anzulocken.

Die Fußballweltmeisterschaft 1998 sollte zum Comeback für Saint-Denis werden: Auf dem ehemaligen Gasometer-Feld von Gaz de France entstand das Stade de France, das landesweit größte Stadion mit 80 000 überdachten Sitzplätzen, zwei neuen Regionalbahnhöfen und einer komplett umgebauten Metrostation. Die Kosten für den Ausbau der Autobahn A1, die quer durch das Industriegebiet führt, übernahm die Regierung.

Zehn Minuten von Paris und dem Flughafen Roissy entfernt, verwandelte sich La Plaine, wo die Gewerbemieten halb so hoch sind wie im Pariser Stadtzentrum, in ein Eldorado für Immobilienfirmen wie Morgan Stanley, Bouygues oder Kaufman & Broad.2 Blaumänner sieht man dort kaum noch. Stattdessen prägt jetzt das Businessoutfit der Belegschaft von Generali France, GMF Assurances, Société Générale, Crédit Lyonnais, Hugo Boss, Endemol France, Attitude Studio, ThyssenKrupp Ascenseurs, Schneider Electric France, Publicis Events und Veolia das Straßenbild von Saint-Denis.

Die Stadt, mittlerweile wieder von einem Kommunisten regiert, hofft nun vor allem auf bessere Arbeitsangebote für ihre Steuerzahler und setzt dabei auf die 2005 geschaffene „Charte entreprise-territoire“, mit der die unterzeichnenden Firmen eine Art Selbstverpflichtung eingehen, bevorzugt Arbeitnehmer aus der Region einzustellen. Laut einer Jahresbilanz von 2009 für den Gemeindeverband Plaine Commune3 sollen auf diese Weise 2 500 Stellen geschaffen worden sein.

Tatsächlich muss die Hälfte der erwerbstätigen Bevölkerung des Departement La Seine-Saint-Denis täglich pendeln.4 In der Stadt selbst gibt es zwar 61 000 Arbeitsplätze – allein 45 000 in La Plaine –, doch die Arbeitslosenrate in der 105 000 Einwohner zählenden Gemeinde liegt inzwischen bei über 20 Prozent. In manchen Vierteln, wie Franc-Moisin, Allende oder Floréal, beträgt sie sogar über 40 Prozent, genauso viel wie die Jugendarbeitslosigkeit. Auch die Einkommen der „Dionysiens“ – wie sich die Einwohner von Saint-Denis nach dem Namenspatron ihrer Stadt, dem Heiligen Dionysius, nennen – sind äußerst niedrig: 16 000 Euro pro Jahr und Haushalt, kaum mehr als die Hälfte des Durchschnittseinkommens in der gesamten Île-de-France, das bei 30 770 Euro jährlich liegt.5

Rachid Khitmene, der in einem der zwölf Plattenbauten von Franc-Moisin wohnt, erzählt, wie er sich 2007 nach seinem Fachhochschulabschluss in Finanzbuchhaltung bei allen möglichen Firmen in der Plaine Commune beworben hat: „Jeden Monat hundert Briefe. Nach 300 Bewerbungen hatte ich 30 Antworten. Ich bekam Aufträge von France Télécom in Issy-les-Moulineaux, dann von EDF in Clamart. Ich habe in den elf Jahren, seit ich in Saint-Denis wohne, nie einen Job in La Plaine gefunden! Und ich bin nicht der Einzige. Es ist nicht zu fassen: Bei Venteprivee.com, die die Charte entreprise-territoire unterzeichnet hat, arbeiten 400 Leute, und 30 von denen sind Dionysiens!“

„Erstens kann man den Unternehmen nichts vorschreiben. Eine Charta bleibt eine Charta. Sie enthält keine Verpflichtung, jemand Bestimmtes einzustellen. Zweitens gibt es da ein echtes Problem mit der Vermittelbarkeit: Die meisten Dionysiens haben keine adäquate Ausbildung.6 Aber das ändert sich gerade. Schulen wie das Lycée Suger haben Programme entwickelt, die auf die Unternehmen hier zugeschnitten sind“, erklärt uns auf der Terrasse des Rathauscafés der sozialistische Stadtrat Georges Sali.

Der Gewerkschafter Alban Scamorri arbeitet bei Generali, Frankreichs zweitgrößter Versicherung, die seit Dezember 2003 vor dem Bahnhof der RER-Linie D residiert. Er ist trotz allem skeptisch: „Hier arbeiten kaum Leute aus Saint-Denis, auch wenn das Unternehmen in seinen Imagekampagnen das Gegenteil behauptet.“

Dasselbe hört man bei der France-Télécom-Tochter Orange Business Services, die im März 2010 ihre Pariser Büros im 13. Arrondissement gegen einen Büroturm in Saint-Denis eingetauscht hat, mit einem gläsernen Treppenhaus und schicken Antisuizidbalustraden. „Hier gibt es nur fünf Dionysiens unter 1 800 Beschäftigten“, berichtet Catherine Larrère, eine der wenigen gewerkschaftlich Organisierten. „Das Unternehmen hat sich nicht an seine Selbstverpflichtung gehalten, sie haben ihre eigenen Leute mitgebracht. Nicht einmal die Kellner in der Cafeteria sind von hier.“

Ein großes Thema ist auch die öffentliche Sicherheit. Saint-Denis führt die „Rangliste von Frankreichs gewalttätigsten Städten“ an, die der Figaro 2008 „nach den unanfechtbaren Zahlen der Kriminalpolizei“ aufgestellt hat. „Wir haben zwar weniger Probleme mit der Kriminalität als La Défense, aber viele Leute sagen, dass sie sich hier nicht sicher fühlen“, klagte kürzlich der kommunistische Vizepräsident von Plaine Commune, Pierre Quay-Thévenon.7 „Schlimm ist diese Panik, wenn die Mitarbeiter erfahren, dass ein Kollege überfallen wurde“, erzählt Scamorri, „dann bombardieren sie sich mit Mails: ‚Passt besser auf!‘, ‚Geht nicht allein raus!‘ und werden völlig paranoid.“ Inzwischen hat die Stadt 66 Mediatoren eingestellt, um „die Wege der Beschäftigten sicherer zu machen“.

Und Veolia und die BNP-Bank haben einen weißen Kleinbus gemietet, der morgens, mittags und abends zwischen dem RER-Bahnhof und den Firmensitzen hin und her fährt. „Das sind zehn Minuten zu Fuß“, spottet ein Dionysien, „aber die haben Angst vor der Meute. Zehn, zwanzig, dreißig oder was weiß ich wie viele Busse karren die Angestellten zum Bahnhof. Wenn sie damit wenigstens Arbeitsplätze für unsere Leute geschaffen hätten, als Busfahrer!“

So gibt es tatsächlich wenig Berührungspunkte zwischen den Pendlern aus Paris und den Dionysiens. Generali hat sich sein eigenes kleines Stadtzentrum geschaffen, mit drei großen Innenhöfen, Blumenbeeten und Parkbänken. In der Eingangshalle verkaufen fliegende Händler Handtaschen, T-Shirts und Damenunterwäsche.

Auch bei Orange Business findet man – abgeschirmt von der Außenwelt – eine etwas seltsame Mischung aus Shoppingmall und Spielplatzatmosphäre vor, mit einem großen Selbstbedienungsrestaurant, einer Cafeteria, Kickertischen, Tischtennisplatten und einer Wäscherei. Der überraschte Besucher entdeckt sogar einen kleinen Gemüsegarten, drei rote Tomaten auf einer grünen Wiese und einen Bestellservice für Präsentkörbe mit Bioprodukten.

In der Rue du Landy, gleich hinter dem Polizeirevier, wartet Mahmoud, der seit 20 Jahren in Saint-Denis lebt, in seinem Bistro auf Kundschaft: „Mein Umsatz? Ein Euro pro Tag. Das war’s. Ein Gast, ein Kaffee, ein Euro“, frotzelt er. Während die alten Läden ums Überleben kämpfen, wurde hier und da schon eine Nobelboutique eröffnet. Zwischen zwei Dönerbuden in der Avenue du Président Wilson gibt es seit 2010 ein Paradise Sushi. Als wir mittags vorbeikommen, sind die Köche beschäftigt, aber die Tische leer – das Essen wird direkt in die Büros geliefert.

Eine Veolia-Angestellte bleibt vor Mahmouds Bistro stehen. „Einen Kaffee?“, fragt er. „Nein, danke, ich hab‘s eilig.“ Sie sucht nur nach dem Weg. Obwohl sie schon seit zwei Jahren in La Plaine arbeite, kenne sie sich hier immer noch nicht aus, erzählt sie. „Die Unternehmen florieren“, sagt Bürgermeister Paillard, aber die Angestellten machen um die alten Arbeiterviertel von La Plaine einen Bogen.

Seit der Jahrtausendwende wurden in der Stadt der Könige einige luxuriöse Wohnanlagen hochgezogen, die „Villas Torpedo“, „Jardins d’Aragon“, „Villas du stade“, „Jardins Pleyel“ oder „Carré des rois“ heißen. Der Kaufpreis für die Energiesparhäuser mit Balkon oder Terrasse und Tiefgarage liegt weit über dem Marktniveau. Zwischen 2000 und 2006 haben sich die Immobilienpreise in Saint-Denis verdoppelt. „Unsere typischen Kunden“, erklärt der Chef der 2008 eröffneten Agentur La Plaine Immobilier, „sind junge Paare, die erstmals eine Wohnung erwerben, oder Geschäftsleute, die im Bahnhofsviertel investieren wollen.“

Die Hälfte der Wohnungen in Saint-Denis sind Sozialwohnungen, das bedeutet einen gewissen Schutz vor Gentrifizierung. „Die Neubürger werden hier kaum auf Gleichgesinnte treffen“, sagt die Soziologin Marie-Paule Thomas, Autorin einer Studie über die soziale Durchmischung in der Pariser Banlieue. „Es fällt ihnen nicht leicht, sich in dem Viertel einzuleben.“8 Die meisten wollen sowieso nicht bleiben: „Die Leute kommen, machen einen finanziellen Gewinn und verkaufen so schnell wie möglich wieder.“

Fußnoten: 1 „Situation de l’emploi à Saint-Denis“, Mairie de Saint-Denis, April 1969. 2 Laut Figaro vom 27. Januar 2012 dürfte die französische Staatsbahn SNCF ihre Mietkosten halbieren und damit 10 Millionen Euro einsparen, wenn sie 2013/14 ihre Zentrale vom 14. Pariser Arrondissement nach La Plaine verlegt. 3 Zu dem 2000 geschaffenen Gemeindeverband Plaine Commune gehören die Städte Aubervilliers, Epinay-sur-Seine, La Courneuve, L’Île-Saint-Denis, Pierrefitte, Saint-Denis, Stains und Villetaneuse. 4 „Seine-Saint-Denis: le développement des emplois qualifiés accentue les déplacements domicile-travail“, Institut national de la statistique et des études économiques (Insee) – direction départemental de l’équipement de Seine-Saint-Denis, Juli 2010. 5 Insee-Bericht: „Emploi et salaires“, 4. Mai 2011. 6 In Saint-Denis haben nur 10 Prozent der Erwerbstätigen einen Studienabschluss (in Paris sind es 40 Prozent); siehe „Portrait de la Seine-Saint-Denis“, conseil général de Seine-Saint-Denis – Atelier Parisien d’Urbanisme, 2010. 7 „Le plan pour la sécurité des salariés de La Plaine“, Le Parisien, 15. November 2011. 8 Marie-Paule Thomas, „Les visages de la gentrification. Analyse comparée de la trajectoire de six quartiers d’Île-de-France“, École polytechnique de Lausanne 2006.

Aus dem Französischen von Martine Hénissart und Thomas Laugstien

Anaëlle Verzaux und Benoît Bréville sind Journalisten.

Le Monde diplomatique vom 09.03.2012,