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Nickel aus Moramanga

Nickel aus Moramanga

Hundert Kilometer östlich von Antananarivo erinnert in Moramanga (der Name bedeutet „Wo die Mangos billig sind“) nur noch das heruntergekommene Denkmal mitten auf einer Straßenkreuzung an die hunderttausend Toten der Unabhängigkeitsrevolte von 1947, die von französischen Kolonialtruppen blutig niedergeschlagen wurde. Gerade bereitet sich die Stadt auf die Eröffnung des neuen Bergwerks vor, das in den nächsten 27 Jahren insgesamt hunderttausend Tonnen Nickel und Kobalt fördern soll. Schon seit Monaten ist der Tagesrhythmus in Moramanga komplett auf die Baustelle abgestimmt. Im Morgengrauen fahren die Arbeiter in gelben Autobussen zur 15 Kilometer entfernten Zeche und kehren bei Anbruch der Nacht zurück.

Das Erz soll samt Abraum als zähflüssiger, erdiger Schlamm durch eine 220 Kilometer lange Pipeline gepumpt werden, die quer durch die majestätischen Wälder Madagaskars führt. Zielpunkt ist die Raffinerie in Toamasina, der wichtigsten Hafenstadt des Landes an der Ostküste. Das „Ambatovy-Projekt“, wie das riesige Bergbauvorhaben heißt, ist die größte ausländische Investition, die jemals auf der Insel getätigt wurde. Schon die französische Kolonialmacht hatte sich hier auf die Suche nach wertvollen Mineralien gemacht, und der IWF und die Weltbank unterstützen seit 30 Jahren Bergbauvorhaben. Mitten in einer der vielen politischen Krisen des Landes wurde 1999 mithilfe der Weltbank ein neues Bergbaurecht sowie 2002 ein Gesetz über Bergbauinvestitionen (LGIM) verabschiedet. Seitdem gehört Madagaskar zu den attraktivsten Standorten für die multinationalen Bergbauunternehmen. Die Förderabgabe beträgt nur 1 bis 2 Prozent, die Steuer auf Dividenden lediglich 10 Prozent. Hinzu kommen Steuererleichterungen für die Unternehmen. Das günstige Klima für hohe Gewinnmargen kommt nicht zuletzt dadurch zustande, dass der Staat auf einen Großteil seiner Hoheitsrechte verzichtet.1

Darauf baut auch der kanadische Energiekonzern Sherritt International Corporation mit seinem Joint-Venture-Projekt „Ambatovy“. Dass sich der Konzern nicht zu viel verspricht, bestätigt auch ein unabhängiger Experte, der auf einen vertraulichen Bericht der Afrikanischen Entwicklungsbank2 von 2007 verweist: „Nach den vorsichtigen Rentabilitätsberechnungen der Projektbetreiber wird der Staat in der gesamten 27-jährigen Abbauphase lediglich 2,5 Milliarden Dollar an direkten Steuereinnahmen erzielen, während die Aktionäre im selben Zeitraum 10 Milliarden Dollar Dividenden einstreichen.“ Die Personalkosten werden auf weniger als 10 Millionen Dollar pro Jahr geschätzt. „Würde man die Dividenden nur um 2,5 Prozent senken, könnte man den Lohn der Arbeiter verdoppeln“, meint unser Experte.

Die Moramangaer kennen diese Zahlen zwar nicht, aber sie haben längst begriffen, dass der Slogan des Ambatovy-Projekts – „Wir unterstützen das Wachstum und die Entwicklung in Madagaskar“ – eine Lüge ist. Die Stadt ist bereits von der Krise gezeichnet und wird demnächst noch tausende arbeitslose Bauarbeiter versorgen müssen, die nach Fertigstellung der Zeche entlassen werden. Nur ein winziger Teil hat einen Job im Bergwerk bekommen, auf der Basis von Zeitverträgen und unter Konditionen, die skrupellose Subunternehmer bestimmen.

Für alle, die aus dem Umland auf der Suche nach Arbeit in die Stadt gekommen sind, aber auch für die Alteingesessenen, deren Mieten in der Zwischenzeit ins Astronomische gestiegen sind, ist das Minenprojekt eine riesige Enttäuschung. Ende 2010 probten einige hundert den Aufstand und blockierten mit brennenden Reifen für 48 Stunden die Straßen zum Bergwerk. Doch die Aktion blieb nahezu unbemerkt. Den Machern des Ambatovy-Projekts ist es gelungen, ein großes Netzwerk von Experten, Beratern und NGOs an sich zu binden und ein Informationsmonopol zu errichten. Und die madagassische Presse lässt sich von dem Konzern bestechen, der mit einigen „sozialen Projekten“ (Schulen, Notaufnahmen, Fußballfelder) punktet und damit nur von seinen fetten Gewinnen ablenken will.

Thomas Deltombe

Fußnoten: 1 Siehe Raf Custers, „Neue Regeln für Afrikas Bodenschätze“, in: Le Monde diplomatique, Juli 2008. 2 Die Afrikanische Entwicklungsbank (AFDB) hat das Ambatovy-Projekt mit 150 Millionen Dollar mitfinanziert, weitere Gelder kommen von der Europäischen Investitionsbank (EIB), Export Development Canada, BNP-Paribas und der Société Générale: www.ambatovy.com.

Le Monde diplomatique vom 09.03.2012,