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Die Ninjas von Sanaa

Die Ninjas von Sanaa

Verschleierte und unverschleierte Gesichter der Emanzipation von Charlotte Wiedemann

Ihre Handschuhe sind schmutzig; sie hatte schon unter den Toten gesucht an diesem Nachmittag. Dann sieht sie den Sohn auf dem Boden des Lazaretts liegen, würgend an den Folgen eines Reizgasangriffs. Sie greift den Erschöpften, richtet ihn auf, damit er beim Würgen Luft bekommt, umfängt ihn. Die Intimität dieses Moments, fotografisch festgehalten, macht Mutter und Sohn einer Skulptur ähnlich, die dem westlichen Betrachter vertraut ist – eine jemenitische Pietà.

Zum zweiten Mal hat eine westliche Jury aus dem weiten Feld der arabischen Aufstände eine Frauengestalt des Jemen herausgegriffen. Zuerst ging der Friedensnobelpreis an Tawakol Karman, die Revolutionärin mit offenem Gesicht; nun der World Press Photo Award an Samuel Aranda für das Bild einer vollverschleierten Mater Dolorosa. Auf den ersten Blick zwei Modelle von Frausein, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Die furchtlose Kämpferin an der Spitze einer Bewegung. Und die entsagungsbereite, fromme Mutter, das schützende, dunkle Hinterland der Emotion, während vorne die Männer Geschichte machen.

Auf den zweiten Blick beginnt die Eindeutigkeit zu verschwimmen: Tawakol Karman, die so sehr zur Identifizierung einlädt, ist Mitglied einer islamistischen Partei. Und Fatima al-Qaws, die Mater Dolorosa, war selbst aktiv in der Revolution, ging auf Demonstrationen, äußerte sich im Fernsehen. Neben dem 18-jährigen Zayed, den sie an jenem Oktobertag suchte, hat sie drei weitere Kinder; die ganze Familie war häufig in der Zeltstadt des Widerstands gegen das autoritäre Regime von Ali Abdullah Saleh in Sanaa.

Im Jemen wurde der Fotopreis wie zuvor der Nobelpreis als Anerkennung für eine sonst wenig beachtete Revolution verstanden – und nicht als Statement zur Geschlechterfrage. Die arabische Revolte durch ein Motiv zu illustrieren, das Schwäche und Mitgefühl ausdrückt, trifft bei jungen Jemeniten auf besondere Empfänglichkeit: weil ihr Land sonst nur als Hort von Extremismus und al-Qaida gesehen wird. So sagt Sumood Abdulhadi, eine junge jemenitische Fotografin: „Dieses Bild zeigt unser Leiden und unsere Menschlichkeit.“

Aus der Sicht eines westlichen Feminismus, der vom Jemen nichts weiß, ist diese Pietà das Gegenteil von human, steht vielmehr für „islamistische Verkrüppelung“, so die Schweizer Politikwissenschaftlerin Regula Stämpfli.1 „Kein Gesicht, keine Individualität, keine Persönlichkeit hat diese arabische Frau. Sie ist stoffgewordene Religionsfolter.“ Der Schleier sei wie „ein Grabtuch“. Nun kommt unter dem Grabtuch die Stimme von Fatima al-Qaws hervor: „Das Foto macht mich stolz, als Frau, als Mutter, als Jemenitin.“

Die Bedeutung eines Bilds liegt im Auge des Betrachters. Unser Blick kann das Pietà-Motiv stimmig finden, indem wir – ganz liberal und interkulturell – Fatima in dieselbe Vitrine wie die Mutter Maria und die Kollwitz’sche Soldatenmutter stellen. Bloß ist dies eine irrige Stimmigkeit. Denn diese schwarze Ninja aus Sanaa symbolisiert gerade nicht eine zeitlose Duldsamkeit, sondern ein ganz neues Phänomen.

Erstmals in der Geschichte der Arabischen Halbinsel haben Frauen im Niqab bis auf den Sehschlitz verhüllt massenhaft die politische Bühne betreten. Die Jemenitinnen dürfen zwar seit Langem wählen, doch im Parlament sitzt nur eine Frau neben 300 Männern, so stark ist die Macht des Patriarchats, auch in den Köpfen der Frauen. Nun gingen zehntausende von Schwarzverhüllten auf die Straße, um in einer existenziellen Frage mitzubestimmen: beim Sturz des Präsidenten. Das ist der Beginn einer politischen Emanzipation, und – ob es uns gefällt oder nicht – einer Emanzipation im Niqab, nicht vom Niqab.

Das Feldlazarett, wo Fatima al-Qaws ihren Sohn fand, ist eine umfunktionierte Moschee, mitten in der Zeltstadt der Revolution. Grässliche Verwundungen wurden hier behandelt; allein die ausgestellten Fotos zerschossener Köpfe sind schon mehr, als unsereins ertragen kann. Über Monate haben Frauen hier als Freiwillige gearbeitet, Ärztinnen, Krankenschwestern. Die OP-Schwester, vollverschleiert, zog sich die sterile grüne Maske über den Niqab. Frauen sind auch im Sicherheitskomitee der Zeltstadt, im Medienkomitee. Demonstrantinnen brachten ihre Töchter mit; kleine Mädchen lernten neue Rollenbilder. Später erhoben sich ganze Mädchenschulen gegen ihre korrupten Rektorinnen. Noch kann sich niemand das alles so richtig erklären.

Die Jemeniten sind mehrheitlich keine besonders strikten Muslime; sonst würde sich die Männerwelt nicht jeden Nachmittag zum Kauen der Qat-Blätter versammeln; die Droge ist in Saudi-Arabien verboten. Und die Komplettverschleierung der Frauen ist keineswegs eine urjemenitische Tradition. Der Gesichtsschleier kam mit der osmanischen Herrschaft in die Städte und erreichte dort erst Anfang des 20. Jahrhunderts die unteren sozialen Schichten. Im ländlichen Jemen zeigten Frauen noch lange ihr Gesicht, trugen bunte Tücher. Wenn im Dorf jedoch die Moderne ankam in Gestalt einer gepflasterten Straße, dann verhüllten sich die Frauen.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die schwarze Abaya aus Polyester weite Teile der jemenitischen Frauenwelt uniformiert – Ausdruck eines Neokonservatismus, der aus Saudi-Arabien kommend das Klima zunehmend prägt. Zugleich wuchs langsam, aber stetig die öffentliche Präsenz von Frauen, teils aus schierer Not, denn ihre Einkommen werden gebraucht.2 Auf diesen sensiblen Kreuzungspunkt zweier Tendenzen hat die Revolution mit gewaltiger Schubkraft eingewirkt.

In den Demonstrationskolonnen der Schwarzverhüllten verbargen viele sogar ihre Hände in Handschuhen, wie Fatima al-Qaws. In dieser radikalen Keuschheitsmode riefen sie zum radikalen „Reinemachen“ auf: zur Reinigung des Landes von einem korrupten und repressiven Regime. Schwer zu sagen, wie viele dieser Frauen durch die sehr heterogene islamistische Partei Islah („Reform“) mobilisiert wurden. Allein in Sanaa zählt sie 20 000 weibliche Mitglieder, keine andere Partei hat eine so aktive Frauensektion.

In der Zeltstadt der Revolution riefen die religiösen Frauen: „Jetzt ist die Zeit des Kampfes gegen Unterdrückung; dafür braucht ihr keine Einwilligung von euren Vätern oder Ehemännern.“ Frauen werden gebraucht für den Sturz des Regimes; dahinter hat alles andere zurückzustehen. Patriotisch legitimiert, mit religiöser Billigung, dürfen sich Frauen öffentlichen Raum erobern. Eine Ermächtigung zur Emanzipation – auf Zeit. Was ist, wenn die Nation nicht mehr ruft?

Um bei Kundgebungen die Geschlechtertrennung zu wahren, zogen Männer zunächst ein Seil, daraus wurde ein Plastikvorhang, zum Schluss ein Bretterzaun wie um ein Viehgehege. Frauen, die das kritisierten, hörten von anderen Frauen: Es gibt jetzt Wichtigeres! Manche aber ignorierten einfach das für sie vorgesehene Gehege.

Wenn Tawakol Karman, die Friedensnobelpreisträgerin, von einer Auslandsreise zurückkehrt, dann betet sie am Flughafen; für einen Moment sieht es aus, als küsse der Papst die Erde. Eine Geste der Demut und des Stolzes; die 33-Jährige unterstreicht so ihre Frömmigkeit ebenso wie ihren herausgehobenen Status. Sie hat eine große Begabung, sich auf eine ganz natürlich wirkende Weise in Szene zu setzen – phänomenal in einem Land, das Frauen dazu erzieht, sich im öffentlichen Raum unwohl zu fühlen.

Die kleine Zahl von Jemenitinnen, denen es gelingt, so mühelos alle Barrieren hinter sich zu lassen, haben eines gemeinsam: einen liberalen Vater. Im Fall von Tawakol ein ehemaliger Justizminister; er wandte sich vom autoritären Saleh-Regime ab, als sie fünfzehn war. Sie diskutierte viel mit dem Vater – und erlebte, dass Männer Partner sein können. Das Wort ist wichtig für sie; später wird sie sagen, die Jemeniten hätten sie in ihrem Kampf „nicht als Frau, sondern als Partner“ betrachtet. Im Westen wird Tawakol Karman gern eine Frauenrechtlerin genannt, doch ihr Erfolg liegt gerade darin, dass sie im Jemen nicht so gesehen wird. Jemeniten sagen, dass der Einsatz für Frauenrechte in diesem armen Land deshalb als „egoistisch“ gelte, weil es dafür immer Geld aus dem Westen gäbe.

2005 gründete Tawakol mit sieben anderen Journalistinnen „Reporterinnen ohne Grenzen“3 ; schnell wurde daraus eine Organisation, die für Menschenrechte und Meinungsfreiheit kämpft. Und Tawakol, damals bereits Mitglied der islamistischen Islah-Partei, entwickelte eine eigenständige politische Position: gegen westliche Bevormundung ebenso wie gegen die einheimische Repression. Als das Saleh-Regime im berühmten Streit über die dänischen Prophetenkarikaturen populistisch den Volkszorn anstachelte, stellte sich Tawakol couragiert dagegen. „Als Muslime brauchen wir die Freiheit der Meinung nicht zu fürchten“, schrieb sie in einem Aufruf. „Ich will die Beleidigung unseres Propheten nicht verniedlichen. Aber ich wehre mich dagegen, durch meine Liebe zu ihm instrumentalisiert zu werden.“

2007 begann sie, an jedem Dienstagmorgen, wenn das Kabinett tagte, vor dem Regierungssitz zu demonstrieren. Sie machte aus dem Freiheitsplatz einen Ort, an dem öffentlich Forderungen erhoben werden. Nun kamen Männer zu ihr, suchten ihre Unterstützung. Irgendwann, anlässlich einer Konferenz, auf der sie sprach, entschloss sie sich, den Gesichtsschleier abzulegen; weil er „wie eine Mauer“ die Kommunikation erschwere. Erst viel später, im Februar 2012, nimmt sie öffentlich zu dieser Frage Stellung: „Der Niqab hat nichts mit dem Islam zu tun. Ich rate Frauen, keinen Niqab zu tragen, denn er behindert ihre Produktivität.“ So sagt sie bei einem Interview in Kairo; im Jemen wiederholt sie diese Äußerung nicht – viele in ihrer Partei sind gleichwohl entsetzt.

Als Islah eine Feier für die Nobelpreisträgerin ausrichtet, sind fast alle Frauen im Saal bis zum Unterlid verschleiert. Das sichtbar Weibliche ist delegiert an tanzende kleine Mädchen, die sich in Tüllkleidchen kokett in Posen werfen; dazu singt eine Männergruppe: „Der neue Jemen wird kommen wie eine schöne Braut“. Tawakol hat in der Partei Bewunderer und Feinde. Gerade erst hat Islahs prominentester Geistlicher, ein Salafisten-Scheich mit rotgefärbtem Rauschebart, eine gefährliche Fatwa unterschrieben: Sie brandmarkt die Schriftstellerin Bushra al-Maqtari, eine andere Frontfrau der Revolution, als vom Glauben abgefallen. Religion ist da nur Vorwand; bezweckt wird die politische Einschüchterung der radikalsten Stimmen der Zivilgesellschaft.

Tawakol lebt bereits mit Morddrohungen, vonseiten des alten Regimes und durch al-Qaida. Sie weiß: Es wäre unklug, die Partei jetzt zu verlassen. Also taktiert sie, nimmt öffentlich zu allem Stellung, außer zur Islah. Vielleicht ist das der Preis, den sie zahlen muss. In nur sieben Jahren wurde sie zu einer Führungsfigur, die von einer islamistischen Partei mit der Nationalhymne gefeiert wird. Um ihre drei Kinder kümmern sich Verwandte; ihr Mann steht bescheiden im zweiten Glied. Sie verletzt diverse Regeln ihrer Kultur und darf doch mitten auf der Bühne stehen – es gibt nicht viele Gesellschaften, die das bei einer Frau tolerieren. „Unsere Revolution ist politisch und sozial“, rief sie an diesem Mittag in die Halle. „Wir verlangten nicht nur vom Diktator, zu gehen, wir verlangen auch von der schlechten Kultur: Geh! Ich sage den Frauen: Hebt euren Kopf in Stolz, weicht niemals mehr zurück!“

Der Niqab als Rüstung im Alltag von Sanaa

Wieder ein Dienstagmorgen, Kabinettssitzung. Auf dem Platz, wo Tawakol Karman einst mit den Protesten begann, stehen nun große Pulks von Staatsangestellten, sie demonstrieren gegen Korruption, verlangen die Entlassung ihrer Bosse. Saleh, der bisherige Präsident, ist gegangen, doch nicht sein System. Annan al-Mehdar schützt sich gegen die Sonne durch einen Schirm in Nationalfarben. Mehr als dreißig Jahre lang war sie in ihrer Bank eine stille Sekretärin; nun führt sie eine Riege rebellischer Kolleginnen an, alle im Niqab. Sie brachten die Machenschaften ihres Chefs ans Licht, der hetzte seine Bodyguards auf die Frauen, ließ auf sie schießen. Annan, eine Mutter von sieben Kindern, Altersfältchen im Sehschlitz, pfeift unter dem Schleier auf zwei Fingern, reckt die Faust zum Sprechchor.

Ihr Mann Raid, ein arbeitsloser Computertechniker, ist immer in ihrer Nähe, unterstützend. Wir besuchen das Paar zu Hause: Annan, 47, wirkt ohne ihren schwarzen Schleier viel jünger; sie hat sich geschminkt, trägt ein buntes Kleid. Ihr Mann sitzt im blütenweißen Gewand, den Krummdolch in der Goldschärpe, auf dem Sitzpolster, schwenkt eine Gebetskette und meint, es sei doch „ganz normal“, sich die Hausarbeit zu teilen. Die beiden haben sich in ihrer Bank kennengelernt, es war eine Liebesheirat. Raids Eltern stammen aus dem liberaleren Südjemen. „Ich wurde nicht dazu erzogen, eine Frau zu unterdrücken“, sagt er. Als wir schon gehen wollen, die Überraschung: Annan und Raid sind aktive Mitglieder der alten Regimepartei, sie hängen an Expräsident Saleh wie an einer Vaterfigur. „Er war Präsident, als ich zu arbeiten begann, als ich heiratete, er war Präsident bei jeder meiner Geburten! Wie sollte ich ihn nicht lieben?“, sagt Annan und wischt sich die Augen.

Eine Frau, ein Ehepaar, schillernd im Umbruch der Zeiten. Dem autoritären alten Regime verhaftet und doch angesteckt vom neuen Rechtsbewusstsein. Zu Hause Ansätze von Gleichberechtigung – und draußen der Niqab. Vielleicht ist er der Preis, den diese berufstätige Mutter für den häuslichen Frieden entrichtet. Sie selbst findet den Niqab nicht erwähnenswert.

Vor mehr als zehn Jahren gründete die Anwältin Nabila al-Mofti mit zwei Kolleginnen Jemens erste Frauenkanzlei. Alle hatten abgeraten, sogar die besten Freundinnen: Frauen würden keine Mandanten finden. Es kam anders: Binnen zweier Wochen hatte die Kanzlei genügend Fälle, sogar ungebildete Männer vom Land vertrauten sich ihr an. Mit Spott und Beleidigungen reagierten hingegen die Kollegen des eigenen Berufsstands, Richter und Anwälte. „Wenn ich im Gefängnis einen Mandanten besuchte“, erinnert sich Nabila, „dann höhnten sie: ‚Was hat eine Frau unter all den Männer zu suchen?‘ “

Ihre Kanzlei sieht im Frühjahr 2012 genauso aus wie damals: die dunkelgeblümten Sessel, der überhohe Schreibtisch, die Kalligrafien. Doch wie viel hat sich verändert! Nabila, Anfang vierzig, ist eine bekannte und gefragte Verteidigerin. Die Vorurteile ihrer Kollegen hat sie niedergekämpft, wurde sogar zur Vorsitzenden eines nationalen Komitees der Anwaltsvereinigung gewählt. Früher schien es ihr unmöglich, ohne Gesichtsschleier vor Gericht zu erscheinen: Der Niqab war ihre Rüstung. Nun braucht sie die Rüstung nicht mehr.

Der Erfolg dieser Anwältin hat seinen Preis: Sie lebt allein. Früh geschieden, der Sohn jetzt erwachsen. Auf die Frage, ob sie noch einmal heiraten wolle, antwortete Nabila schon vor einigen Jahren: „Diese Chance gibt es für mich nicht.“ Ihr Ton verriet kein Selbstmitleid. „Frauen wie ich stellen für Männer eine rote Linie dar.“ Trotz ihres Erfolgs bleibt sie beruflich verwundbar, nur weil sie eine Frau ist. Gegner könnten leicht ihren Ruf beschädigen. Oft kommt sie erst spätabends aus dem Büro; da braucht nur jemand verbreiten, er habe sie aus einem Apartment kommen sehen.

Wenn eine Frau den Gesichtsschleier ablegt, befreit sie sich damit von einem patriarchalischen Diktat ihrer Gesellschaft – doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn wer offen geht, exponiert sich. Ohne Niqab ist eine Frau verletzlicher; wer sie beleidigt oder belästigt, sieht ihre Reaktion. Und die Macht sexueller Belästigung ist gewaltig im Jemen, besonders im städtischen Alltag. Wenn sich eine Frau mit einem Taxifahrer nicht auf den Fahrpreis einigen kann, bekommt sie bereits ein einschlägiges Schimpfwort an den Kopf geworfen. Der Niqab, so paradox es klingt, erlaubt auch Freiheiten, die sich seine Trägerinnen sonst nicht nehmen würden: In diesem Sinne war es gerade nicht erstaunlich, dass so viele komplett verhüllte Frauen demonstrierten.

Nabila al-Mofti, die Anwältin, bereitet jetzt eine Kampagne vor: für die politischen Rechte von Frauen. Wenn es nach dem Ende der Saleh-Ära auch für die Frauen einen neuen Jemen geben soll, müssen sie dafür gewaltigen Druck machen. Das Auftreten der schwarzen Ninjas während der Revolution war für viele im Land ein Schock. Doch aus der Beteiligung auf der Straße wird nirgendwo automatisch Teilhabe in den Institutionen. Erst recht nicht im Jemen, wo sich für die Frauen der Kampf um die eigene Kultur und gegen die eigene Kultur in so vielen Facetten übereinanderschiebt.

Fußnoten: 1 www.nachrichten.ch/kolumne/529536.htm. 2 30 Prozent der Frauen gelten als ökonomisch aktiv, jedoch nur zwischen 8 und 20 Prozent (je nach Quelle) als formell erwerbstätig. Informell heißt das: nähen, waschen, Handwerk für lokale Märkte. In der Landwirtschaft leisten Frauen etwa 70 Prozent der Arbeit, als Tagelöhnerinnen oder unbezahlt in der Familie. 3 Später „Journalistinnen ohne Fesseln“ genannt.

Charlotte Wiedemann ist Journalistin und Autorin. Im April 2012 erscheint die aktualisierte Neufassung ihres Buchs: „Ihr wisst nichts über uns! Meine Reisen durch einen unbekannten Islam“, Freiburg (Herder). © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.03.2012,