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Sparen und ben

Sparen und büßen

Vom Einfluss des Christentums auf die Wirtschaftspolitik von Mona Chollet

Härten, Mühe, Anstrengung, Opfer, Disziplin, strikte Regeln, schmerzhafte Maßnahmen – das Vokabular der Krise ist unüberhörbar moralistisch gefärbt. Klaus Schwab, Gründer und Vorsitzender des Davoser Weltwirtschaftsforums, sprach zuletzt ausdrücklich von den „Sünden der vergangenen zehn Jahre, für die wir nun bezahlen“, und fragte, „ob die Länder, die gesündigt haben, besonders die des Südens, überhaupt den politischen Willen zu den nötigen Reformen aufbringen“.1 Im Pariser Wochenmagazin Le Point erstellte Franz-Olivier Giesbert ein langes Register unserer hemmungslosen Ausschweifungen: „30 Jahre lang Dummheiten, Verrücktheiten, mangelnde Voraussicht – 30 Jahre, in denen wir über unsere Verhältnisse gelebt haben.“2

Spitzenpolitiker und Leitartikler wiederholen nimmermüde die Geschichte einer Misere: Da die Völker Europas sich der Faulheit, der Sorglosigkeit und der Verschwendungssucht hingegeben hätten, sei die Krise wie eine biblische Plage über sie gekommen. Nun sei die Zeit der Buße. Es gelte, „den Gürtel enger zu schnallen“ und die guten alten Tugenden der Sparsamkeit und der Einfachheit wieder ins Recht zu setzen. Als in dieser Hinsicht vorbildlich beschreibt die Tageszeitung Le Monde vom 17. Januar 2012 Dänemark, das bei den Ratingagenturen der Welt mit seiner „Kartoffelkur“ wieder zu Gnaden kam. Und der neue spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy redete zu seinem Amtsantritt im Dezember 2011 seinen Mitbürgern ins Gewissen: „Wir stehen vor einer undankbaren Aufgabe. Es geht uns wie Eltern, die eine vierköpfige Familie durchbringen müssen, obwohl sie nur Geld für zwei haben.“

Es gibt durchaus Einspruch gegen diese verlogene Argumentation, die so tut, als ließe sich das Wirtschaften im Privathaushalt einfach auf ein Staatsbudget übertragen. Sie weicht nicht nur der Frage nach den Verursachern der Krise aus, sondern leugnet auch die schwere Last, die Sparhaushalte Menschen aufbürden, deren Fehltritt darin besteht, dass sie sich eine medizinische Behandlung oder Nachhilfestunden für die Kinder leisten. Für Privatpersonen mag Sparsamkeit eine Quelle des Stolzes und der Zufriedenheit sein. Wenn Staaten das Gleiche tun, treiben sie Millionen Bürger ins Elend oder schaffen sich, wie derzeit Griechenland, als Gesellschaft geradewegs selbst ab.

In Dänemark führte die „Kartoffelkur“ laut Le Monde zu einem rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit. Sozialprogramme wurden drastisch gekürzt, als Folge verloren 60 000 Familien ihre Wohnungen. Der vermeintlich gesunde Menschenverstand schiebt soziale Ungleichheit einfach beiseite und begegnet der Krise mit einer Wirtschaftspolitik, die die Krise nur verschärfen kann, weil sie die Konjunktur abwürgt. „Sparen und Ersparnisse anlegen sind Tugenden für Familien,“ schrieb der Business-Week-Kolumnist Peter Coy am 26. Dezember 2011. „Den meisten Leuten fällt es schwer, einzusehen, dass zu viel Sparsamkeit in den Dimensionen eines Staates eher in die Sackgasse führt.“

Unvernünftig, wenn nicht gar wahnsinnig sind also die Aufrufe zur Sparsamkeit. Doch wenn sie so wirklichkeitsfremd sind – wie kommt es dann, dass sie im ganzen europäischen Raum erschallen? Weil sie, so könnte man antworten, den herrschenden Interessen dienen. Sie bieten eine Gelegenheit, unter dem Vorwand des Schuldenabbaus die sozialstaatlichen Errungenschaften der ersten Nachkriegsjahrzehnte abzuschaffen.

In Frankreich wurde in ähnlicher Weise schon während des Zweiten Weltkriegs mit den Erfahrungen der Volksfront-Regierung verfahren. 1942 versuchte das Vichy-Regime unter Marschall Pétain, in einem Schauprozess den einstigen Premierministern Léon Blum, Édouard Daladier (und anderen) die Schuld an der Niederlage von 1940 gegen die deutsche Wehrmacht zu geben: Die Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Wochenstunden in den Waffenfabriken – und nicht etwa Fehleinschätzungen des Generalstabs – hätten demnach den französischen Truppen das Genick gebrochen. Marschall Pétain nahm sich im Sinne eines „Wiedererstarkens der Nation“ ausdrücklich vor, den „Geist des Genusses“ durch einen „Geist des Aufopferung“ zu ersetzen. Die Tageszeitung Le Matin beschrieb Blum als „den Mann, der das Blut eines Volkes mit dem Virus der Faulheit geimpft hat“.3

Die Franzosen haben damals das Gleiche zu hören bekommen wie heute die Griechen. Und die Portugiesen von ihrem neuen Ministerpräsidenten Pedro Passos Coelho: „Als die europäische Troika in Lissabon arbeitete, um das Hilfspaket für Portugal zu schnüren, war bei uns alles geschlossen, weil alle Leute sich über ein paar Brückentage freigenommen hatten. Die Troika, die Portugal Geld lieh, arbeitete. Das Land machte Ferien. Zum Glück ist es uns inzwischen gelungen, diesen sehr schlechten Eindruck einigermaßen wiedergutzumachen.“4

Doch der Aufruf zu mehr Fleiß, Kasteiung und Selbstverleugnung ist mehr als nur Sand, der der großen Mehrheit in die Augen gestreut werden soll. In ihm schwingt meist ein leidenschaftlicher Unterton mit, der die Vermutung nahelegt, dass diese Sparmoral nicht nur aus zynischem Pragmatismus gepredigt wird.

„Diese Opferbereitschaft, dieser Wunsch nach einer Ordnung des Ethos und des Denkens lässt manche Beobachter in eine Art morbiden Jubel ausbrechen. Im Leid der Bevölkerung erkennen sie eine Dimension der Läuterung“, meint der Soziologe Frédéric Lebaron.5 Schon Pétain rief den Franzosen zu, dass „die Strafe seit Adam eine Aufforderung ist, wieder aufzustehen, ein Versprechen der Erneuerung“.6 Und auch Rajoy weiß: „Die Mühe wird nicht vergeblich sein. Die dunklen Wolken werden sich verziehen, bald gehen wir wieder erhobenen Hauptes, und es kommt der Tag, an dem die Welt wieder gut von Spanien spricht – der Tag, an dem wir nach vorne blicken und nicht mehr an unsere Opfer denken werden.“

Wenn das Volk akzeptable Lebensbedingungen fordert, sind nicht nur diejenigen alarmiert, die ihre Interessen gefährdet sehen; sie lösen auch einen abergläubischen Schrecken aus, als seien sie eine Art Frevel. Der Historiker Marc Bloch hat beschrieben, wie sich 1940 französische Offiziere aus gehobenen Gesellschaftskreisen „mit der Niederlage abfanden, indem sie darin einen furchtbaren Trost fanden: Wenigstens hatten die Deutschen unter den Trümmern Frankreichs auch die verhasste Volksfront-Regierung begraben. Sie akzeptierten demütig eine Strafe, die das Schicksal einer schuldbeladenen Nation gesandt hatte.“7

Die Haltung vieler Protagonisten der aktuellen Krise ist offenbar grundiert von bestimmten kulturellen, will sagen: religiösen Überzeugungen. „Die Fachleute und Politiker vernachlässigen einen Faktor: Gott, genauer gesagt, die Religion allgemein und den Protestantismus lutherischer Prägung im Besonderen“, schreibt Alain Franchon in Le Monde vom 23. Dezember 2011. „Als Pfarrerstochter hat Angela Merkel wie viele ihrer Mitbürger ein Gespür für Sünde. Es gibt in Deutschland manchmal eine Art, über den Euro zu reden, die nach Heiligkeit riecht. Und das hat offensichtlich Auswirkungen auf die Lösungen, die zur Rettung der europäischen Währungsunion vorgeschlagen werden.“

Die bedenkliche Neigung, vorzeitig in Pension zu gehen

Der Einfluss des Protestantismus blieb freilich nicht auf das geografische Gebiet beschränkt, wo er im 16. Jahrhundert seinen Ausgang nahm. Der Soziologe Max Weber hat 1905 in seiner berühmten Untersuchung „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ gezeigt, wie die protestantische Ethik zum Aufstieg des Kapitalismus beigetragen hat.8 Dieser Geist gedieh bald ganz von selbst, koppelte sich von jedem religiösen Bezug ab und ist mittlerweile so allgegenwärtig und unsichtbar wie die Luft, die wir atmen.

Die Historikerin Janine Garrisson zeigt das u. a. am Beispiel von Jean-Paul Sartre, der sich zwar über den protestantischen Glauben seines Großvaters lustig machte, selbst aber „diesem Glauben, seinem Puritanismus, seiner Wertschätzung des Wissens viel näherstand, als er sich eingestehen wollte. Denn derselbe Sartre hat laut und deutlich verkündet, dass ein Intellektueller, der nicht mindestens sechs Stunden am Tag arbeite, kein Anrecht auf diese angesehene Berufsbezeichnung habe.“9

Webers These lautet im Kern, dass der Protestantismus die Askese aus den „Mönchszellen“ holte, in die sie der Katholizismus verbannt hatte. Die calvinistische Prädestinationslehre, nach der jeder Mensch für alle Ewigkeit von Gott auserwählt oder verdammt sei, ohne dass sein Handeln daran auch nur das Geringste ändern könne, hätte durchaus eine neue Form des Fatalismus hervorbringen können. Tatsächlich geschah das Gegenteil: Indem die Gläubigen alle Bereiche ihres Lebens einer strengen Disziplin unterwarfen, investierten sie ihre gesamte Kraft in die Arbeit und suchten in der wirtschaftlichen Bewährung das äußere Zeichen ihres Seelenheils. Damit war nicht mehr der Reichtum selbst verwerflich, sondern sein Genuss und seine Verschwendung. Weber schildert den Fall eines reichen Fabrikanten, dem sein Arzt geraten hatte, im Interesse seiner Gesundheit täglich ein paar Austern zu essen, der sich aber zu einer solchen Prasserei nicht durchringen konnte – und zwar nicht aus Geiz, sondern wegen moralischer Skrupel.

„Als ein Gespenst ehemals religiöser Glaubensinhalte geht der Gedanke der ‚Berufspflicht‘ in unserm Leben um“, schreibt Weber. Denn auch die Arbeitskraft musste erst lernen, „die Arbeit so zu betreiben, als ob sie absoluter Selbstzweck – Beruf – wäre“. Diese heute überall selbstverständliche Auffassung „hat sich in schwerem Kampf gegen eine Welt feindlicher Mächte durchzusetzen gehabt“, nicht zuletzt unter dem Druck einer Niedriglohnpolitik: „Schon Calvin hatte den oft zitierten Ausspruch getan, daß nur wenn das ‚Volk‘, d. h. die Masse der Arbeiter und Handwerker, arm erhalten werde, es Gott gehorsam bleibe.“

In der protestantischen Religion waren die Auserwählten und Verworfenen der Menschheit „durch eine prinzipiell unüberbrückbarere und in ihrer Unsichtbarkeit unheimlichere Kluft getrennt […] als der äußerlich von der Welt abgeschiedene Mönch des Mittelalters, – eine Kluft, die in harter Schärfe in alle sozialen Empfindungen einschnitt“. Auch in England „war es der puritanischen Askese vorbehalten, an jener harten englischen Armengesetzgebung mitzuarbeiten, welche hierin grundsätzlichen Wandel schuf“.

Ob reich oder arm – sich ausruhen, das Leben genießen, „Zeit verschwenden“ kann man ohne schlechtes Gewissen seither nicht mehr. Was die heutige Welt dieser Errungenschaft verdankt, lässt sich episodisch daran ermessen, dass der von Weber zitierte deutsche lutherische Theologe Philipp Jakob Spener schon im 16. Jahrhundert „die Neigung, vorzeitig in Pension zu gehen, als sittlich bedenklich bekämpft“.

Ein anderer deutscher Theologe, Sebastian Franck, erkannte die zentrale „Bedeutung der Reformation darin, daß nun jeder Christ ein Mönch sein müsse sein Leben lang“. Der Einfluss des Christentums und seine Abwertung des irdischen Daseins verschärfte sich durch diese historische Wende entscheidend. Wahrscheinlich schränkt dieses geistige und kulturelle Erbe unsere Spielräume erheblich ein, wenn es heute darum geht, die Angriffe von Eiferern auf unsere Gesellschaften abzuwehren. Die Staaten mögen mehr oder weniger säkular verfasst sein. Die Frage ist, wie säkular unsere Köpfe sind.

Fußnoten: 1 L’Hebdo, Lausanne, 18. Januar 2012. 2 Le Point, 23. November 2011; vgl. Mathias Reymond, „Les éditocrates sonnent le clairon de la rigueur“, Acrimed.org, 12. Dezember 2011. 3 Zitat in: Frédéric Pottecher, „Le Procès de la défaite. Riom Février–Avril 1942, Paris (Fayard) 1989. 4 Expresso.pt, Lissabon, 6. Februar 2012. 5 Frédéric Lebaron, „Un parfum d’années 30‘“, Savoir/Agir, Nr. 18, Dezember 2011. 6 Zitiert in Gérard Miller, „Les Pousse-au-jouir du maréchal Pétain“, Paris (Seuil) 2004. 7 Marc Bloch, „Die seltsame Niederlage. Frankreich 1940. Der Historiker als Zeuge“, Frankfurt am Main (S. Fischer) 2002. 8 Sämtliche Zitate aus: Max Weber, „Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie“, Tübingen (Mohr) 1986: www.zeno.org/Soziologie/M/Weber,+Max/Schriften+zur+Religionssoziologie/Die+protestantische+Ethik+und+der+Geist+des+Kapitalismus. 9 Janine Garrisson, „L’Homme protestant“, Brüssel (Complexe) 2000.

Aus dem Französischen von Herwig Engelmann

Le Monde diplomatique vom 09.03.2012,