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Vergesst den freien Willen

Über den eigentümlichen Reiz deterministischer Thesen von Petra Gehring

Wir sind genetisch bestimmt – diese Befürchtung prägt die Diskussion um Genforschung, Gentechnik und Gentests seit Jahren. Die zum Menschheitsdatum erklärte so genannte Entzifferung des menschlichen Genoms hat die Debatte im Jahre 2001 noch einmal auflodern lassen. Heute wird nicht über Genomforschung geredet, sondern über Neuroforschung. Wir sind nicht genetisch, sondern neuronal bestimmt: Der freie Wille ist eine Illusion. Das Gehirn setzt unsere Entschlüsse in Gang, bevor wir vermeintlich selbst getroffene Entscheidungen überhaupt bewusst denken können.

Die Liste der Meldungen ließe sich verlängern. „Biochemie der Emotionen“: Duftstoffe und Hormone entscheiden, wen wir lieben und wen nicht! „Künstliche Intelligenz“: Computerprogramme übertreffen und lenken letztlich, was das Menschengehirn zu leisten vermag! „Nanoforschung“: Mikroskopische Maschinen wandern in unseren Körper ein und steuern uns unbemerkt!

Deterministische Thesen verdrängen einander förmlich aus dem Rampenlicht – wobei, wenn ein neuer Determinismus auftaucht, bemerkenswert wenig über sein Verhältnis zu den vorherigen, ganz anders gelagerten Determinationsthesen zu hören ist. Auch werden gerade die spektakulären Szenarien selten zurückgenommen oder „widerlegt“ – sehr ernst scheint die Wissenschaft selbst sie nicht zu nehmen. Die Behauptungen altern eher und verblassen. Irgendwann werden sie belächelt. Ein altes Prinzip, denn die Galerie außer Kurs gekommener Determinationsthesen ist lang. Für Unabänderlichkeit sorgte früher das Schicksal, dann die göttliche Prädestination. Seit dem 18. Jahrhundert sind es dann vor allem Formen von „Natur“, aber auch der Lauf der Geschichte, das „Leben“, das Unbewusste, das soziale Milieu.

Im Wissenschaftssystem von heute gibt es durchschaubare Gründe für das laute Geklapper. Wer einen Determinismus glaubhaft machen kann, hat eine Mediensensation in der Tasche und kann mit zusätzlichen Forschungsgeldern rechnen. Auch öffentliche Mittel fließen. Nicht zuletzt steckt ja in jedem Determinismus ein politische Gleichung: Was am Menschen sich in der Experimentalforschung als „determiniert“ herausstellt, das könnte auf lange Sicht auch außerhalb des Labors mit technischen Mitteln kontrollierbar sein. Erbkrankheiten eliminieren, Erbgut verbessern, Verbrechen beseitigen: Determinismusthesen bergen stets sozialtechnologische Verlockungen.

In der Theorie wurden deterministische Naturwissenschaftlerphilosophien noch jedes Mal widerlegt. Im Kern beruhen sie auf einem einfachen logischen Kurzschluss. Sie universalisieren blind; sie verfügen über keine Wissenschaftstheorie ihrer selbst und stützen sich pauschal auf die „Wissenschaftlichkeit“ überspezialisierter Aussagen. Für die Hirnforschung gilt das in besonderem Maße: Sie besitzt keine Theorie darüber, was ihre eigenen Geräte messen; sie hat wenig positives Wissen über ihren beeindruckend komplexen Gegenstand, und sie verfügt über keinerlei Erkenntnistheorie, die darlegt, woher der plötzliche Wissensvorsprung ihrer eigenen Disziplin – die gleichsam der Natur selbst über die Schulter schaut – wohl kommt.

In der Praxis, wie gesagt, widerlegen sich Determinismen nicht, sie erledigen sich eher – zumeist durch allmähliche Modifizierung. So relativierte die Arbeit am „entschlüsselten“ Genom bislang alle mitgebrachten Modelle und hat im Grunde ständig neue Unbestimmtheiten erbracht.

Trotz ihrer fachlichen Schwäche haben deterministische Thesen unter Umständen jedoch erhebliche Wirklichkeitsmacht. Wissenschaftler können auf „das bürgerliche Reich wissenschaftlicher Konsistenzvorstellungen“1 schlicht pfeifen und bewusst auf Gesellschaftsveränderung setzen: auf eine Anpassung der Welt an ihre Theorien. Wollen Deterministen eine sozialpolitische Zukunftsvision realisieren und lösen sich – von der Öffentlichkeit beflügelt – von den methodischen Standards ihres Fachs, so sind nahezu beliebige Selffulfilling-Prophecy-Effekte denkbar. Die Reihe der falschen, experimentell aber „beweisbaren“ Determinationsthesen ist lang: Unter den Prozeduren der Teufelsaustreibung erweist sich der Besessene als vom Teufel determiniert; der der sozialen Anerkennung für immer beraubte Straftäter zeigt sich als „von Natur aus“ gefährlich; ohne Zugang zu Bildung sind Frauen und Neger „objektiv messbar“ dumm.

Ist der Mensch nun determiniert? Ich schlage vor, die Fragestellung zu verändern. Fassen wir nicht die Thesen selbst, sondern ihren Resonanzboden ins Auge: Was eigentlich fasziniert am Determinismus so sehr? Derzeit könne man unbesorgt Bücher in Höchstauflagen drucken, sobald nur im Titel das Wort „Gehirn“ fällt, das hörte ich aus Verlagskreisen. Warum? Worin liegt das Magnetische der Feuilletonthesen der Neuroforscher Gerhard Roth und Wolf Singer, die behaupten, Willensfreiheit sei nur eine „Illusion“ und das Soziale erkläre sich als „Wechselwirkung zwischen Gehirnen“2 ? Was fesselt die Leser der vor einigen Jahren neu auf dem Markt aufgetauchten populärwissenschaftlichen Illustrierten Geist und Gehirn? Blicken wir zurück in die Zeit der Gen-Debatten, so gibt es Parallelfragen: Was war der Charme eines evolutionistischen Reißers wie „Das egoistische Gen“ von Richard Dawkins, der 1976 mit der These aufwartete, wir seien „als Genmaschinen gebaut worden, dazu geschaffen, unsere Gene zu vererben“3 ? Oder, um noch ältere Beispiele zu nennen: Wodurch faszinierten seinerzeit die (heute nicht nur überholten, sondern durch Fälschungsvorwürfe diskreditierten) Instinktbindungs- und Prägungstheoreme von Konrad Lorenz? Was genau reizte an Ernst Haeckels „Monismus“? Et cetera.

Erste Vermutung: Man erschrickt ganz einfach, wenn man mit einer im vollen Ornat der naturwissenschaftlichen Wahrheit daherkommenden Entzauberungsformel konfrontiert wird. Die Idee eines alles regierenden inneren Prinzips des eigenen Seins hat etwas Bedrohliches. Unsere säkulare Normalsicht der Welt ist zwar an die Relativitäten des Alltags gewöhnt, man lebt gut mit dem Zusammenspiel aus Freiheit und Unübersichtlichkeit, das zum modernen Selbst- und Handlungsverständnis gehört. Gleichwohl weiß man nicht recht, ob man Schlagzeilen wie „Wir sind determiniert“4 oder „Ich bin mein Gehirn“5 oder die an Eltern ausgegebene Forderung nach einer „Neuropädagogik“ einfach ignorieren darf. Unangenehme Vorstellung, aber ob nicht vielleicht doch etwas dran ist? Habe ich tatsächlich in einer „Illusion“ gelebt? Pflichtschuldig verunsichert, bangen wir um unser freiheitliches Selbstverständnis, und dieser Sorge verdankt sich das Aufmerken in Sachen Gene oder Gehirn.

Gerade wer sich Sorgen macht, könnte freilich mit wenig Mühe erkennen, wie fragwürdig der Charakter dieser schockierenden Thesen ist. Wer zweifelt, ist nicht allein. Stets klärten in den „Debatten“ seriöse Stimmen, wo die Spekulation beginnt und was vorläufig als heiße Luft betrachten werden kann. Im Falle der Genetik überwog die öffentliche Skepsis über Jahre. Im Falle der Hirnforschung ist es geradezu frappant: Die deutsche Neurodebatte betreiben ganz wenige Protagonisten, die sich überdies auf anderswo längst ausdiskutierte Forschungsergebnisse aus den 1980er-Jahren stützen. Die große Mehrzahl der Teilnehmer an der Neurodebatte schüttelt über die schlichten Thesen der Hirnforscher den Kopf. Gleichwohl hält das Thema die Republik in Atem.

Für die Debatte um die Nanotechnologie gilt Ähnliches. Angefeuert von den transhumanistischen Zukunftsprognosen des US-amerikanischen Ingenieurs Eric Drexler, will das Gedankenspiel um staubkleine Roboter, die am Ende sich und uns umbauen werden, einfach nicht enden. Ist es wirklich nur die Sorge, die die Debatten trägt?

Zweite Vermutung: Die Sache macht dem Publikum Freude. Es muss da eine gewisse Lust mit im Spiel sein, ein spezieller Reiz, der gerade von Determinismusthesen ausgeht. Bietet die Vorstellung eines durch naturwissenschaftlich erschlossene Kausalgesetze regierten Universums vielleicht Trost? Entlastet sie von Verantwortung? Vermittelt die Vision eines die Menschheit programmierenden Genstroms oder des uns alle regierenden Gehirns ein Gefühl des Erhabenen? Verhielte es sich so, dann wäre es wohl eine religiöse Regung, die sich im Interesse am übermächtigen Naturgesetz manifestiert. In diese Richtung weist die zentrale Rolle der Bilder dessen, was da fasziniert: Farbige Darstellungen haben in den 1960er-Jahren das Weltall und das Satellitenbild der Erde, später die DNA-Spirale und heute die bunten Rasteraufnahmen des Gehirns zur Ikone gemacht. Das determinierende Naturobjekt erstrahlt in sakralem Glanz: unnahbar, gebieterisch, schön. „Fürchte dich nicht“, lautet die Botschaft des Hochglanzbildes: Fürchte dich nicht, die Natur ist groß, doch das Wunder Wissenschaft macht sie dem Fortschritt der Menschheit dienstbar. So überwiegt die Lust im heiligen Schauder angesichts verborgener Übermacht.

Dritte Vermutung: Religiöse Anmutungen mögen im Spiel sein, aber sie erklären nicht den hohen Streitwert deterministischer Thesen. Bleibt ein weiterer, der quasiaufklärerische Zug, der die deterministische Geste prägt: Vergesst das bisher Dagewesene! Entlarvt mit uns die alltägliche Sicht der schlecht Informierten als „Illusion“! Die nüchterne Wahrheit ist hart, so lautet die Botschaft, aber wer es wagt, ihr mannhaft ins Auge zu blicken, dem enträtselt sich eine nur für die Dummen und Ängstlichen unerklärbare Welt – zumal die Erklärung ja viel einfacher ist als die komplizierte Weltsicht der Ewiggestrigen. Weg mit langatmigen Einwänden: Alles nur „Gefühl“. Populäre Determinismen locken mit einem Wissensvorsprung, den der naturwissenschaftlich interessierte Laie mit der vermeintlichen Avantgarde der Forschung teilen kann. Aus dieser Sicht läge der Reiz der Frage, ob „wir alle“ programmiert sind oder ob das Gehirn „uns“ denkt, im Grunde darin, dass ich als Leser mich wahlweise als Opfer oder als kleiner Experte fühlen kann. Unter den als unfrei Entlarvten kann man sich selbst immerhin zu denen mit Durchblick, zu den Entdeckern und Verkündern einer These zählen.

Mein persönlicher Eindruck – gewonnen im Dunstkreis öffentlicher Bildungseinrichtungen – ist der, dass gar nicht einmal Techniker und Ingenieure, sondern besonders gern Lehrer, auch gern ältere Lehrer (und auf jeden Fall Männer) die umstürzende Bedeutung der Neuroforschung im Munde führen. Sie sind nicht besorgt, sie bestaunen nichts Erhabenes, vielmehr lieben sie es, sich auf den Einblick in die Wissenschaft zu berufen, und haben gern das letzte Wort. Unter den Unfreien trumpft der Anwalt des Naturgesetzes auf. Es ist, als wachse ihm eine Freiheit zweiter Stufe zu. Hier zeigt der Determinismus sein vielleicht unschönstes Gesicht: Er liefert Totschlagargumente. Er hat eine strukturelle Affinität nicht nur zum Vorgriff auf die Zukunft, sondern auch – sehr gegenwärtig – zur autoritären Rechthaberei.

Bedienen deterministische Thesen männliche Allmachtsfantasien? Zu gern wüsste ich mehr über – sagen wir: über Geschlecht, Ausbildung, Position und Sozialprofil der typischen Leser der Zeitschrift Geist und Gehirn. Auch über die Aura, die Männer wie James Watson, Marvin Minsky, Craig Venter oder Eric Drexler umgibt. Faustische Figuren? Helden, in deren Fußstapfen man treten möchte? Überväter, denen man sich unterwirft?

So oder so entwickeln Determinismusdebatten einen Sog, der auch kluge Köpfe – und manche sicher widerwillig – zum Mitreden zwingt. Dieser Punkt ist besorgniserregender, als er scheint, denn im Dialog mit einer allzu simplen Position nehmen leicht die eigenen Argumente Schaden. Die differenziertere Position braucht Platz. Schon deshalb sieht sie schlecht aus. Wie beweise ich eben schnell, dass eins und eins nicht drei ist? Man lese nach, mit wie viel Hilflosigkeit auf die zwar hummeldumme, von der Neuroforschung jedoch hartnäckig wiederholte Annahme reagiert wurde, aus dem zeitlichen Nacheinander zweier Ereignisse in einem bestimmten Versuchsaufbau6 sei zu folgern, das frühere Ereignis sei für das spätere kausal! Ein naturalistischer Zirkelschluss lässt sich ähnlich schwer widerlegen wie die Behauptung, hinter unserem Rücken würden uns regelmäßig Außerirdische besuchen. Wer sich mit Deterministen anlegt, muss daher Acht geben: Ihr Denkstil färbt ab. Nicht selten verfangen sich Kritiker des Determinismus in einem apokalyptischen Determinismus umgekehrter Art. So geschehen bei Jürgen Habermas. Er tritt der Klonierung (also der gentechnischen Zwillingsherstellung) mit dem Argument entgegen, der Klon werde als Sklave geboren, denn durch den Einsatz der Technik erscheine ein Fremder als der „Autor“ von dessen Biografie.7

An den Genen entschiede sich demnach die Frage von Freiheit oder Sklaverei, die Frage der „Autorschaft“ für ein ganzes Leben? In der Absicht, drastisch vor den Folgen der Klonierung zu warnen, übernimmt hier ein Kritiker selbst das Denkmodell der genetischen Determination. Ein großer Denker scheint in die Falle getappt zu sein. Dergleichen passiert.

Aber noch einmal die Frage: Warum war das fatale Denkmuster so attraktiv? Und warum wird der Standpunkt der Freiheit so überaus rasch und bereitwillig einer – auch als Gefahrenszenario – viel zu einfachen Sichtweise preisgegeben: Aus Sorge? Aus Angstlust? Als Totschlagargument?

Fußnoten: 1 Christian Geyer, „Kunstgriff Hirnforschung. Große Schuhe“, in: „FAZ“ vom 13. April 2005. 2 Wolf Singer, „Ein neues Menschenbild?“, Frankfurt am Main 2003, S. 12. 3 Richard Dawkins, „Das egoistische Gen“ (1967), Berlin, Heidelberg, New York 1978, S. 235. 4 Gerhard Roth, „Wir sind determiniert. Die Hirnforschung befreit von Illusionen“, in: „FAZ“ vom 1. 12. 2003. 5 Holk Cruse, „Ich bin mein Gehirn. Die neuronale Konstruktion der Freiheit“, in: „FAZ“ vom 5. 4. 2004. 6 Es geht um die so genannten Libet-Experimente. 7 Jürgen Habermas, „Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?“, Frankfurt am Main 2001, bes. S. 49 ff., 77, 110 f., dazu S. 107: „Eine genetische Intervention eröffnet nicht den kommunikativen Spielraum, das geplante Kind als eine zweite Person anzusprechen und in einen Verständigungsprozess einzubeziehen.“ © „Le Monde diplomatique“, Berlin Petra Gehring ist Professorin für theoretische Philosophie an der Technischen Universität Darmstadt. Zuletzt erschienen: „Foucault – Die Philosophie im Archiv“, Frankfurt am Main (Campus) 2004.

Le Monde diplomatique vom 13.05.2005,