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Jackson Mississippi

Jackson, Mississippi

Bericht aus dem Herzen des konservativen amerikanischen Südens von Olivier Cyran

Seite an Seite flattern die Banner der Union und der Konföderierten im Südwind über dem Hauptquartier der Nationalgarde in Jackson, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Mississippi. Hier arbeitet Lindsey Lemmons. Sie ist stolz auf den patriotischen Geist der Miliz, von der sie sagt, sie sei „im Gegensatz zur Polizei von Jackson allgemein beliebt“. Lindsey Lemmons ist weiß, verheiratet, Mutter und hält sich für „ziemlich traditionell“. Morgens beim Joggen trägt sie eine Pistole. Sie entspricht nicht gerade dem Bild, das man sich von einer antikapitalistischen Aktivistin macht.

Doch Mrs Lemmons gehört zur Gruppe Occupy Jackson, dem lokalen Ableger der landesweiten Occupy Wall Street (OWS). Im vergangenen Herbst hielt sie zusammen mit etwa zwanzig Mitstreitern über zwei Monate den Smith Park besetzt, eine öffentliche Grünfläche in Jackson. Beim Joggen im Viertel hatte sie die Besetzer zufällig gesehen und spontan beschlossen, bei der Aktion mitzumachen. „Anders als einige meiner Freunde in der Bewegung bin ich keine Linke. Aber ich bin wie sie gegen die Gier der Banken und Großkonzerne, gegen ihren Einfluss auf das politische Leben in unserem Land und dagegen, dass sie sich alles erlauben können.“ Steht Lindsey Lemmons damit für die Geisteshaltung von „99 Prozent der Bevölkerung“, die OWS zu vertreten behauptet? In Mississippi, einem der ärmsten und konservativsten US-Bundesstaaten, ist das keineswegs selbstverständlich.

Wenn Mrs Lemmons abends nach der Arbeit oder nach einer Versammlung in ihr Auto steigt, fährt sie vorbei an Tankstellen, Einkaufszentren und evangelikalen Kirchen – durch endlose, schnurgerade Straßen, die offenbar eher dafür gebaut sind, das Stadtzentrum fluchtartig zu verlassen, als sich darin aufzuhalten. Im Rückspiegel entschwindet „Downtown Jackson“ mit seinem Kapitol und dem Geschäftsviertel, schließlich die verfallenden Wohnviertel mit ihren heruntergekommenen Häusern, in denen einer von vier Bewohnern unter der Armutsgrenze lebt und wo es einfacher ist, sich in Hinterzimmerlaboren gekochtes Methamphetamin zu besorgen, als ein geöffnetes Café zu finden. In der nördlichen Farish Street, wo vor fünfzig Jahren die Protestmärsche gegen die Rassentrennung stattfanden, wird nur noch ein einziges Gebäude genutzt: das F. Jones Corner, ein Blues-Club, in dem der harte Sound des Mississippideltas bis zum Morgengrauen gegen die Trostlosigkeit ringsum ankämpft.

Ein Golfplatz empfängt Besucher am Ortsrand von Brandon, wo Lindsey Lemmons wohnt. „In den Jahren nach dem Ende der Rassentrennung sind die meisten Weißen aus Jackson weggezogen“, erklärt sie. „Viele haben sich hier niedergelassen.“ Die Zuwanderung aus Jackson verdankt Brandon also der Bürgerrechtsbewegung, die 1964 das Ende der weißen Vorherrschaft einläutete. Hier hat sie sich erhalten, man ist wohlhabend und unter sich. Gemäß der letzten Volkszählung besteht die Bevölkerung von Brandon zu 87 Prozent aus Weißen und verfügt über ein doppelt so hohes Durchschnittseinkommen wie die Bevölkerung von Jackson, die zu 81 Prozent schwarz ist. Manchen in Brandon erscheinen selbst diese Verhältnisse noch zu „gemischtrassig“. „Unter meinen Nachbarn beschweren sich einige, dass immer mehr Schwarze ins Viertel kommen. Es sind schon bald 30 Prozent, und die Leute fürchten, dass ihre Häuser deswegen an Wert verlieren.“

Wer weiß, was solche Nachbarn von Schwarzen halten, die sich ins Reichenviertel Evergreen Estates an den Ufern des stadtnahen Stausees wagen, wo die Häuser großzügig verteilt auf weitläufigen Waldgrundstücken stehen. Doch die alten rassistischen Vorurteile haben nicht nur mit der Angst um den Wert der eigenen Immobilie zu tun. Glaubt man einer jüngeren Umfrage, so finden 46 Prozent der konservativen Wähler im Staat Mississippi, dass Ehen zwischen Schwarzen und Weißen verboten werden sollten.1

Mit Bibel und Pistole

„Gott hat uns aus gutem Grund mit verschiedenen Hautfarben geschaffen“, schreibt eine Bürgerin per E-Mail an das Institut, das die Befragung durchführte. „Wir sollten Seinen Willen achten und nicht jemanden mit einer anderen Hautfarbe heiraten als der, die Er uns mitgegeben hat.“2 Der Sieg des ultrakonservativen Republikaners Rick Santorum bei den Vorwahlen am 13. März hat gezeigt, dass die Kombination Bibel und Schusswaffe hier immer noch viele Wähler überzeugt. Eine Nachbarin von Lindsey Lemmons bestätigt das auf ihre Weise: Obwohl eingefleischte Republikanerin und Christin, ist sie für Abtreibung, weil diese „vor allem die Armen und die Schwarzen aus der Welt schafft“.

Die Niederlage der Sklavenhalter im amerikanischen Bürgerkrieg vor eineinhalb Jahrhunderten ist hier bis heute nicht ganz überwunden: Die Hälfte der konservativen Wähler in Mississippi bedauert, dass die Union der Nordstaaten damals gewonnen hat. Darin unterscheidet sich der Staat von den anderen einstigen Konföderierten wie North Carolina und Georgia, wo sich die Sehnsucht nach den großen alten Zeiten durch den Strom der Zuwanderer aus dem Norden der vergangenen Jahrzehnte aufgelöst hat.3

Auf unvorbereitete Besucher wirkt die Art und Weise, wie hier die Geschichte der Sklaverei verklärt wird, mitunter beklemmend. Die Kleinstadt Vicksburg liegt auf einer Anhöhe über dem Mississippi. Hier mussten die Sezessionisten eine ihrer schmerzhaftesten Niederlagen einstecken. Das Museum im ehemaligen Gerichtsgebäude hat dem kurzzeitigen Präsidenten der Konföderierten Staaten Jefferson Davis einen ganzen Raum gewidmet. An der Wand prangt in großen Lettern ein Ausspruch, der von einem Sklaven des Patriarchen stammen soll: „Jeder Farbige, dessen Besitzer er war, bewunderte ihn.“ Darunter erläutert ein Schild: „Jefferson Davis hatte ein ganz besonderes Verhältnis zu seinen Sklaven. Er war nicht nur ihr Herr, sondern auch ihr Freund.“ Die Sklaverei als ein Verhältnis der sanften Fürsorge? Der Schriftsteller Richard Wright erzählt in seiner Autobiografie „Black Boy“ von seiner elenden Kindheit im Mississippi der 1920er Jahre und von seiner ständigen Angst vor dem weißen Mann. „Ich wusste, dass sich alle Weißen des Südens für Freunde der Neger hielten.“4

Darüber entspinnt sich eine Debatte mit Bill Sanders, einem weißen ehemaligen Farmer, der pleitegegangen ist und seither Landmaschinen repariert. In seiner Freizeit schaut Sanders gern im Museum vorbei, um ahnungslose Touristen aufzuklären. „Es wird viel Unsinn über die Sklavenhalter erzählt, dass sie brutale Rassisten waren und so. Aber in Wahrheit wurden die Schwarzen damals besser behandelt als heute. Kost und Logis für Arbeit ist immer noch besser als Crack auf Stütze, das können Sie mir glauben.“

Sanders sagt, dass er 2 300 Dollar im Monat verdient: „Ein Witz, wenn man Kinder hat, die von der Uni träumen, aber 500 Dollar Miete und nochmal 500 für die Krankenversicherung zahlt.“ Was er von der Wall Street hält? „Gauner und Diebe, und alles Freunde von Obama.“ Trotzdem würde er sich nicht „mit diesen Kommunisten, die unsere Truppen entwaffnen wollen“, zusammentun und einen öffentlichen Park besetzen. Von den Republikanern und ihrem „Mischmasch“ hält er auch nicht viel, aber wenigstens Rick Santorum gefällt ihm: „Das ist ein Kerl mit Ehre im Leib, der glaubt an das, was er sagt.“

Der ehrenamtliche Fremdenführer am Museum von Vicksburg ist ein typischer Vertreter seines Staates: arm, aber politisch auf der Seite der Reichen. Das Durchschnittseinkommen ist hier das niedrigste der USA (35 000 Dollar pro Jahr gegenüber beispielsweise 65 000 in New Hampshire), dennoch stimmen die Wähler seit vierzig Jahren bei jeder Präsidentenwahl für den Kandidaten der Republikaner. Der „Magnolienstaat“ gilt bei den Demokraten als hoffnungslos verloren. Barack Obama hat ihn sogar ganz aus seiner Wahlkampftour gestrichen.

Das war nicht immer so. Lange Zeit waren die mehrheitlich Weißen in Mississippi5 glühende Anhänger der Demokraten. Letztere vertraten einst – im Gegensatz zu den Republikanern, die Abolitionisten waren – ein „Modell des Südens“. Erst mit der Präsidentschaft des Demokraten Franklin D. Roosevelt, der 1933 in Mississippi noch mit 95,98 Prozent der Stimmen gewählt wurde, kam es in den Staaten des Nordens zum Schulterschluss zwischen den schwarzen Wählern und den Anhängern von Roosevelts New Deal. Damit begann in der Demokratischen Partei eine lange Kulturrevolution, die dreißig Jahre später in der Unterstützung der Bürgerrechtsbewegung zum Ausdruck kam.

Die Demokraten des Südens – genannt „Dixiecrats“ – fühlten sich im Stich gelassen und versuchten noch ein paar Jahre, ihr Revier gegenüber den „Verrätern“ aus dem Norden zu verteidigen. Doch irgendwann zerrissen sie schweren Herzens ihre Mitgliedsausweise und schlossen sich den einstigen Erzfeinden an. Inzwischen ist es die Republikanische Partei, die sich als Garant des „Southern way of life“ darstellt. Die Präsidentenwahlen von 1972 besiegelten diese Entwicklung mit einer völligen Umkehr der politischen Kräfteverhältnisse. Im ehemaligen Stammland der Demokraten gewann der Republikaner Richard Nixon 78 Prozent der Stimmen.

Ernest Camel, ein junger schwarzer Aktivist von Occupy Jackson, handelt die Politik des Staates Mississippi mit einer resignierten Geste ab. „Hier ist alles ganz einfach: Die Weißen wählen die Republikaner, die Schwarzen wählen die Demokraten – aus Tradition, weil es die Nachbarn auch machen, wegen der Werbespots im Fernsehen oder der Predigten in der Kirche. Und weil die Weißen doppelt so viele sind wie die Schwarzen, gewinnen immer die Republikaner, nur bei ein paar Lokalwahlen nicht, wie in Jackson. Allgemein stimmen Schwarze wie Weiße in den USA nur selten für die Parteien, die ihre Interessen vertreten.“ Camel gibt die Studentenzeitung der staatlichen Universität von Jackson heraus, an der fast nur Schwarze studieren. Davon kann er „gerade so seine Rechnungen bezahlen“. Er sagt, dass er unter dem Rassismus nicht allzu sehr zu leiden hat – weniger jedenfalls als sein Vater, der zum Arbeiten nach Kentucky ging.

Ernest Camel hat wichtigere Sorgen. Sein Vater bekommt nach einem Arbeitsunfall weder Entschädigung noch Krankengeld und ist auf die Unterstützung der Familie angewiesen. Auch seiner 72-jährigen Großmutter Margareth geht es nicht gut. Sie hat ihr Leben lang gearbeitet, acht Kinder großgezogen und sich neben zwei Aushilfsjobs an einer Baptisten-Universität zur Krankenpflegerin ausbilden lassen – „zu ermäßigten Studiengebühren“, wie sie hinzufügt, „aber unter der Bedingung, dass ich auch Religionsunterricht nehme. Ich konnte mir damals kein einziges Buch leisten.“

Neues Haus, aber unbewohnbar

2005 floh Margareth aus New Orleans, wo der Wirbelsturm „Katrina“ ihr Haus zerstört hatte, und zog zu ihren Verwandten nach Jackson. Zu ihrer geretteten Habe gehörte ein Rollstuhl, den ihr das staatliche Gesundheitsprogramm Medicare zur Verfügung gestellt hatte. Ein paar Wochen später beschloss ein Sachbearbeiter aus unerklärlichen Gründen, dass Margareth keinen Anspruch mehr auf einen Rollstuhl habe. Lag es daran, dass sie keine private Krankenversicherung hatte, ohne die in manchen Fällen keine öffentlichen Versorgungsleistungen gewährt werden? Oder dass es ihr noch zu gut geht, da nur ihr Haus zerstört ist und nur ihre Beine den Dienst versagen? Jedenfalls klopfte eines Morgens eine Abordnung von Medicare an die Tür ihrer Zuflucht in Mississippi, um den Rollstuhl zu holen. „Sie haben mir gesagt, dass der Rollstuhl 6 000 Dollar kostet. Aber so viel Geld hatte ich nicht. Also haben sie ihn mitgenommen.“

Seither musste sie wieder in kleinen Schritten das Gehen lernen, beißt dabei die Zähne zusammen und presst die Hände gegen ihre schmerzenden Hüften. Ihr Haus in New Orleans wurde zwar nicht wieder aufgebaut, aber der Staat hat ihr ein neues zur Verfügung gestellt. Es hat Schimmelspuren an den Wänden, der Brandmelder baumelt an einem dünnen Draht von der Decke, die Steckdosen sind wahllos verteilt, die Heizung funktioniert nicht richtig – das Haus ist neu und schon unbewohnbar. „Willkommen in den Vereinigten Staaten“, stöhnt Ernest Camel.

Quentin Whitwell macht einen deutlich entspannteren Eindruck. Er ist Anwalt, wie schon sein Vater und sein Großvater, und mit seiner schlanken, gepflegten Erscheinung könnte er Werbung für einen Maniküresalon machen. Whitwell ist eine der großen Hoffnungen der Republikanischen Partei. Er ist der einzige Konservative und einer von nur zwei Weißen im Stadtrat von Jackson, wo die Demokraten das Sagen haben. Er ist Gründer der Talon Group, einer Beraterfirma, die Lobbyarbeit für mehrere große Firmen in Mississippi und Louisiana macht. Dieser beruflichen Aufgabe darf er in seiner Eigenschaft als Lokalpolitiker nicht allzu sehr in die Quere kommen.

Was will er gegen die Armut unter seinen Mitbürgern unternehmen? „Wir brauchen weniger Staat und mehr Eigenverantwortung. Wir müssen Unternehmen anziehen, die Arbeitsplätze schaffen, und dafür sorgen, dass die Leute ihre Mentalität als Subventionsempfänger aufgeben.“ Die Bürger sollten seinem Beispiel folgen. „Mag sein, dass ich vom Schicksal begünstigt bin, aber mein Erfolg wurde mir nicht geschenkt. Ich habe ihn mir erarbeitet.“

Wie um das unter Beweis zu stellen, reicht er seinem Besucher ein signiertes Exemplar des Romans, den er soeben auf eigene Kosten veröffentlicht hat. Es handelt sich um ein Werk „in der literarischen Tradition von William Faulkner, Tennessee Williams und Richard Wright“, wie es in aller Bescheidenheit auf dem Umschlag steht. Als der Hobbyschriftsteller später im Gespräch auf seine „große Sympathie für die Afroamerikaner“ verweist, ist man tatsächlich wieder an Richard Wrights „Black Boy“ erinnert.

Das Mantra von Quentin Whitwell – Unternehmen anziehen, Arbeitsplätze schaffen – hat bereits erste Erfolge erzielt. In den letzten Jahren haben sich dutzende Konzerne, darunter Toyota oder Rolls-Royce, in Mississippi angesiedelt. Die Behörde für wirtschaftliche Entwicklung des Staates Mississippi rühmt auf ihrer Website „das überaus günstige Klima“ für Investoren und das Angebot „zahlreicher qualifizierter, nicht gewerkschaftlich organisierter Arbeitskräfte.“

Dem roten Teppich, da da ausgerollt wurde, konnte auch Nissan nicht widerstehen. Ende 2000 entschloss sich der japanische Autobauer unter dem neuen Vorstandsvorsitzenden Carlos Ghosn, seinen dritten Produktionsstandort in den USA in Mississippi zu errichten. Mit der Schlagzeile „Ein Segen Gottes“ begrüßte die Tageszeitung The Clarion-Ledger die Aussicht auf 4 000 neu geschaffene Arbeitsplätze. Für Nissan offenbarte sich die göttliche Barmherzigkeit in Form von 363 Millionen Dollar an staatlichen Zuschüssen, dazu langfristige Steuererleichterungen und ein 32 Hektar großes Grundstück in Canton, etwa 30 Kilometer nördlich von Jackson.

Doch der wahre Trumpf des Deep South ist natürlich seine alte Beziehung zu den Gewerkschaften. Unglaublich, aber wahr: Die United Auto Workers (UAW) kommen im Telefonbuch von Mississippi nicht einmal vor. Die traditionsreiche Gewerkschaft hatte in den 1970er Jahren 1,5 Millionen Mitglieder und behauptet noch heute, 700 000 Beschäftigte in der Automobilindustrie zu vertreten. Sollte sie die Nissan-Werke in Canton einfach übergangen haben? In Wahrheit ist es eher umgekehrt: „Der Gewerkschaft beitreten? Du hast sie wohl nicht mehr alle! Die würden mich sofort rausschmeißen“, ruft im Vorbeifahren ein schwarzer Arbeiter durch sein offenes Wagenfenster, bevor er einen Blitzstart hinlegt.

„Alle hier haben die Hosen voll“, sagt ein anderer beim Tanken am Highway in der Nähe des Firmengeländes. „Sobald du ein falsches Wort sagst oder unangenehm auffällst, setzen sie dich vor die Tür. Die Arbeit ist hart und die Fluktuation hoch. An meinem Band hält es keiner lange aus. Ich halte jetzt seit zwei Jahren durch.“ Er bekommt 12 Dollar die Stunde, etwa halb so viel wie seine UAW-organisierten Kollegen in den Autofabriken von Ohio und Michigan. „Die UAW kenne ich kaum. Ich weiß nur, dass sie hier nicht willkommen ist. Die 12 Dollar sind jedenfalls besser als die 8, die ich vorher bei Wendy’s verdient habe. Fast Food ist wirklich ein elender Job. Also bin ich zufrieden, solange es bei Nissan läuft.“

Der letzte öffentliche Auftritt der UAW in Mississippi fand im Februar 2005 statt. Es war ein Treffen von zwei Stunden in einem Hotel von Jackson, das eine Handvoll Politiker, Pfarrer und Aktivisten auf den gewerkschaftsfeindlichen Kurs von Carlos Ghosn aufmerksam machen sollte. Bereits damals gab es Kritik am Staat, der sich Konzernen andiente, die billige Arbeitskräfte suchen – eine Art „Freihandelszone auf amerikanischem Hoheitsgebiet“, wie es ein Anwalt für Arbeitsrecht nannte. Danach geschah nichts mehr, zumindest nichts Erkennbares.

Nach längerer Suche entdeckt man doch noch einen nichtamtlichen Vertreter der UAW: Doch Charles Rice versichert, dass er „keine wirkliche Gewerkschaftsarbeit“ mehr mache, deshalb will er sich zum Nissan-Werk gar nicht äußern. Immerhin ist er bereit, den Kontakt zu einem geheimnisvollen Kollegen herzustellen, der mehr weiß. Aber auch hier: Fehlanzeige. „Tut mir leid, ich spreche nicht mit Journalisten. Zu riskant.“

Vor einem Jahr kamen aus der 5 000 Kilometer entfernten UAW-Zentrale in Detroit Streikdrohungen gegenüber Autobauern, die gewerkschaftliche Rechte missachten. Sofort erhob sich das Geschrei der lokalen Unternehmer: „Wir kennen die irrwitzigen Forderungen der UAW. Damit schickt sie die Leute, die sie angeblich vertritt, doch nur in die Arbeitslosigkeit. Es ist höchste Zeit, dass wir in Mississippi klar und deutlich sagen, dass wir hier keine Autogewerkschaft brauchen.“6

Kost und Logis statt Bezahlung

In den konservativsten Gegenden von Mississippi gibt es sogar noch Arbeitgeber, die schon die Vorstellung abseitig finden, ihre Angestellten überhaupt zu bezahlen. So geschehen in Vancleave, einem deprimierend adretten 5 000-Einwohner-Städtchen ganz im Süden des Staates, nahe am Golf von Mexiko. Hier sind neun von zehn Einwohnern Weiße und Republikaner. Sally Bevill ist ebenfalls Weiße und Pfarrerin einer Methodistenkirche. Dennoch hat sie 2008 für Obama gestimmt und will auch in diesem Jahr wieder wählen. „Früher habe ich in Biloxi an der Küste gearbeitet. Dort ging es mir besser. Aber eines Tages im Jahr 2005 habe ich meine Kirche für Obdachlose geöffnet, die ihre Häuser beim Hurrikan ‚Katrina‘ verloren hatten. Die Gemeinde und die Oberen meiner Kirche waren empört. Zur Strafe haben sie mich nach Vancleave versetzt, in die reaktionärste Gemeinde der ganzen Gegend. Und das will hier etwas heißen.“

Sally Bevill leistete sich auch in Vancleave einiges: Sie bot Migranten aus Lateinamerika Unterstützung an, die für Hungerlöhne in der Hühneraufzucht schuften – dem seit dem Niedergang der Baumwollindustrie wichtigsten agrarischen Wirtschaftszweig in Mississippi. Ihre Zuneigung zu den Latinos stieß vielen ihrer Schäflein übel auf, aber der eine oder andere sah darin auch eine Gelegenheit, Arbeitskräfte zu finden, ohne eine Agentur bezahlen zu müssen. „Einmal kam ein Farmer und bat mich, ihm ein paar Latinos als Hausdiener zu vermitteln. Er versprach, ihnen Unterkunft und sogar zu essen zu geben.“ Auf Bevills Frage nach den Arbeitszeiten zuckte der Landwirt mit den Schultern und sagte, dass es sich natürlich um eine Arbeit handle, bei der man „schon sehr verfügbar“ sein müsse. Es kam zur Frage des Gehalts. „Er sah mich mit großen runden Augen an. ‚Gehalt? Was denn für ein Gehalt? Ich sage Ihnen doch, dass ich den Leuten Kost und Logis gebe!‘ So denken hier immer noch viele. Die Sklaverei sitzt fest in ihren Köpfen.“

Unter diesen Umständen sind die „99 Prozent“ der Bevölkerung, die Occupy Jackson angeblich vertritt, wahrscheinlich unrealistisch. Lindsey Lemmons, die bewaffnete Joggerin vom Smith-Park, sieht das auch so: „Das Problem ist – abgesehen von der Frage, ob das mit dem einen Prozent so genau stimmt – dass sich 30 bis 40 Prozent einbilden, zu dem einen Prozent dazuzugehören.“ Andererseits ist schon die Entstehung einer Bewegung wie der, bei der sie mitmacht, ein Hinweis darauf, dass auch vermeintlich unerschütterliche Bastionen plötzlich einstürzen können. Ed Yorum zum Beispiel war lange Zeit ein überzeugter Konservativer. Der Vietnam-Veteran leidet an einer seltenen Form der Leukämie, die er sich durch den Kontakt mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange eingehandelt hat. Aber erst die Krise von 2008 und die staatliche Rettung der Banken haben ihn „wütend gemacht“. „Früher hat man die Spekulanten aufgehängt. Heute bekommen sie Boni ausbezahlt! Mit diesem Amerika will ich nichts mehr zu tun haben!“

Kein einziger der zwanzig Besetzer, die mitten in einer Stadt ohne Fußgänger acht Wochen ausgeharrt haben, passte zu der Beschreibung des Camps als „marxistisches Ausbildungslager“, die in den ersten Tagen der Besetzung in der Lokalzeitung The Clarion-Ledger zu lesen war. Unter den Teilnehmern waren Arbeiter ebenso wie Angehörige der Mittelschicht, Schwarze wie Weiße, junge Leute, die zwei oder drei Jobs gleichzeitig machen müssen, und Alte, die immer noch arbeiten müssen. Keiner von ihnen hatte vorher irgendwelche Erfahrungen als Aktivist gesammelt.

Doch ein harter Kern von zwanzig Leuten und 200 bis 300 gelegentlichen Sympathisanten und Unterstützern sind noch lange nicht 99 Prozent der 3 Millionen Menschen, die in Mississippi leben. Aber vielleicht können sie sich wenigstens zugutehalten, dass sie eine spürbare politische Wirkung erzielt haben. Danach sah es jedenfalls aus, als die Gruppe im vergangenen Februar den Stadtrat von Jackson besetzte. Sie wollte die Abgeordneten dazu bewegen, eine OWS-Resolution zu unterzeichnen. Darin wird eine Verfassungsänderung gefordert, um den Einfluss der Wirtschaft auf die US-Politik zu begrenzen. Die Initiative von OWS bezog sich auf eine Entscheidung des Supreme Court vom Januar 2010, die Unternehmen und Lobbyisten ohne jede Einschränkung erlaubt, die Wahlkampfkassen ihrer bevorzugten Kandidaten zu füllen. Gegen diese „vollständige Legalisierung schrankenloser Käuflichkeit“ richtet sich die Resolution: „Wir rufen die politische Führung aller Bundesstaaten auf, die Verfassung der Vereinigten Staaten zu ändern und ausdrücklich zu erklären, dass Großkonzerne nicht das Volk sind – dass sie nicht dieselben Rechte haben wie das Volk und dass Geld keine Form der Meinungsfreiheit ist.“

Der Stadtrat war gespalten. Von den zehn Demokraten unterstützte einer die eher symbolische Initiative. Die anderen zögerten. Sie sahen für sich keinen Nutzen darin, einer Schar von zwanzig „Linken“ einen Gefallen zu tun. Andererseits wollten sie bei den Wählern nicht den Eindruck erwecken, die Konzerne zu verteidigen. Also verschoben sie die Verhandlung der Vorlage von Sitzung zu Sitzung. Quentin Whitwell, der republikanische Lobbyist, hatte erst im Oktober die Besetzung des Smith Park als „schwachsinnig“ bezeichnet und wollte auch jetzt nichts mit einem Beschluss zu tun haben, der ihm nur seine besten Kunden vergrätzen konnte.

In der Zwischenzeit hatte die Resolution, getragen von lokalen OWS-Ablegern und der allgemeinen Unbeliebtheit der Wall Street, ihren Weg durch die Gemeinden des ganzen Landes gemacht. Ende Februar hatten bereits rund hundert Stadträte den Text verabschiedet, darunter Los Angeles und New York, ebenso der Senat des Bundesstaates New Mexico. Im Internet tauchte eine Karte auf, die in kurzer Zeit 300 000-mal angeklickt wurde. Auf ihr haben die Städte und Bezirke, die die Resolution angenommen haben, eine grüne Fahne.

Es ist eine symptomatische Landkarte: Viele grüne Fahnen im Norden und vor allem im Nordosten der USA, südlich einer gedachten Linie zwischen Kalifornien und North Carolina dagegen fast keine – außer in Florida. Der Gegensatz zwischen Yankees und Südstaatlern scheint unüberwindbar. Am 6. März dann die Überraschung in Mississippi: Der Stadtrat von Jackson stimmt mit sechs zu eins für die Resolution. Lindsey, Ernest, Derenda und die anderen konnten sich über ihren Erfolg freuen. Wenigstens einmal hat der Deep South die grüne Flagge gezeigt, wenn auch noch lange nicht auf dem Dach des Hauptquartiers der Nationalgarde.

Fußnoten: 1 „46 Percent of Mississippi Republicans Want Interracial Marriage Banned“, AOL News, 8. April 2011. 2 „The Argument against Interracial Marriage“, www.publicpolicypolling.com, 7. April 2011. 3 „Southern Voters Glad North won Civil War“, www.publicpolicypoling.com, 25. April 2011. 4 Richard Wright, „Black Boy. Bericht einer Kindheit und Jugend“, München (dtv) 1981. 5 Die Weißen stellen heute 60 Prozent der Bevölkerung, die Schwarzen 37 Prozent. 6 Mississippi Business Journal, Jackson, 13. Februar 2011. Aus dem Französischen von Herwig Engelmann Olivier Cyran ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 13.04.2012,