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Studieren in Vietnam

Unis für die Weltbank

Studieren in Vietnam

In der Sozialistischen Republik zählen nicht nur gute Noten. Man braucht vor allem mehr Geld als die anderen von Xavier Monthéard

Die junge Frau lacht. „Ich hab schon immer gern mit einer Kalaschnikow herumhantiert. So kann ich mich wenigstens vor den bösen Imperialisten verteidigen“, sagt Hien.1 Sie erzählt von der obligatorischen Ausbildung an der Waffe, die man im ersten Monat an der Uni absolvieren muss. Hien kannte das schon von der Schule und ihrer Lehre. Denn die Ausbilder der Volksarmee geben in allen Bildungseinrichtungen des Landes militärische Kurse in Theorie und Praxis. Im ersten Studienjahr sollen sich die Studenten außerdem mit dem „Denken Ho Chi Minhs“ beschäftigen, einem Handbuch in sieben Kapiteln über die Thesen des Gründers der Demokratischen Republik Vietnam im Jahr 1945. Egal ob sie angehende Physiker, Buchhalter oder Lehrer für Bildhauerei sind: Alle müssen sich die offizielle politische Linie aneignen.

Die jungen Vietnamesen, die in einer von drei Jahrzehnten Krieg – zuerst gegen die französischen Kolonialherren, dann gegen die amerikanischen Invasoren – geprägten Gesellschaft aufgewachsen sind, sollen ihre patriotische Kampfbereitschaft schulen. Hien macht sich wie viele ihrer Altersgenossen manchmal darüber lustig. Der Einfluss des Militärs und der reinen Lehre Ho Chi Minhs scheint langsam zu schwinden, was vermutlich auch mit der wachsenden Bedeutung der Hochschulen zu tun hat. Zwischen 1987 und 2009 hat sich hier ein spektakulärer Wandel vollzogen.

Heute gibt es dreimal so viele Dozenten, fast viermal so viele Hochschulen und dreizehnmal so viele Studenten wie vor 25 Jahren.2 In Vietnam studieren heute 1,75 Millionen der 87 Millionen Einwohner, das sind 16 Prozent eines Abiturjahrgangs. Damit liegt Vietnam zwar immer noch weit hinter seinen großen asiatischen Nachbarn. Trotzdem ist es alles andere als selbstverständlich, dass das traditionelle Agrarland heute eine solch beeindruckende Hochschullandschaft besitzt. Hinter diesem in Rekordzeit erreichten Erfolg steckt politischer Wille.

Gleich nach der Unabhängigkeit hatte Ho Chi Minh unter dem Motto „Emanzipation durch Bildung“ eine breite Alphabetisierungskampagne eingeleitet. Das Vorbild der „Bruderländer“ im Ostblock und die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion und deren Satellitenstaaten führten zu einem zentralistischen Modell, in dem die Besten dazu berufen waren, Kader der Nation und der Partei zu werden. Dieses System hat sich mittlerweile durch die kapitalistische Entwicklung in Vietnam und die damit verbundenen enormen Anforderungen stark verändert.

Die Lebensgeschichte unserer Kalaschnikowfreundin ist da sehr aufschlussreich. Hien, Jahrgang 1985, kommt aus der Provinz Bac Ninh. Schon als Sechsjährige schickten sie ihre Eltern, die zwar einfache Bauern waren, aber sich schon früh Gedanken um die berufliche Zukunft ihres Kindes machten, nach Hanoi. Sie sollte von der Stellung des Großvaters, der als Drucker in der Armee arbeitete, profitieren. Als Parteifunktionär und Armeeangehöriger war er in dem Land, das die langen Hungerjahre gerade überwand, doppelt privilegiert. Dank seiner Unterstützung konnte das junge Mädchen nach dem Abitur eine kostengünstige staatliche Druckereischule besuchen (gegen ein Lehrgeld von 1 500 000 Dong im Jahr, das sind weniger als 60 Euro).

Mit dem Diplom, das ihr nach drei Jahren ausgehändigt wurde, bekam sie allerdings nur eine Anstellung als Arbeiterin. Verglichen mit den Möglichkeiten, die ihren Altersgenossen offenstanden, fand die damals 21-jährige Hien, dass ihre Ausbildung praktisch nichts wert war. „Also habe ich beschlossen, die Aufnahmeprüfung für die Nationale Universität zu machen. Ich habe mich ein Jahr lang auf die große Prüfung im Juli vorbereitet.“

In Vietnam bestehen 95 Prozent der Oberschüler das Abitur. Die Aufnahmeprüfungen für die Nationale Universität sind jedoch sehr anspruchsvoll. Hien fiel durch. Sie bekam dann einen Platz an der halb staatlichen, halb privaten Thang Long Universität, wo sie umgerechnet 480 Euro im Jahr zahlen musste (an der Nationalen Universität liegen die Studiengebühren bei 100 Euro). „Weil ich bei meinen Großeltern wohnen kann, zahle ich keine Miete, aber ich kann trotzdem keine großen Sprünge machen. Deshalb habe ich neben dem Studium viel gejobbt.“ Tagsüber arbeitete sie in einem Wein- und Spirituosenhandel, abends paukte sie Handelsenglisch. Im Oktober 2011 machte Hien ihren Abschluss, der etwa unserem Bachelor entspricht. Trotzdem ist damit nicht garantiert, dass sie eine anständig bezahlte Stelle bekommt.

Sogar die Behörden geben zu, dass nur 60 Prozent der jungen Leute mit abgeschlossenem Studium eine Arbeit finden, und davon ein Drittel in einem Bereich, der nichts mit ihrer Ausbildung zu tun hat.3 Seit Mitte der 1990er Jahre löst sich das sowjetische Modell mit seiner strikten Trennung von Akademien für die Forschung und Universitäten für die Lehre in einem eher chaotischen System mit diversen Angeboten auf (siehe Spalte rechts, S. 17). Gegenwärtig gibt es die kurze Ausbildung an Berufsschulen, die vom „sozialistischen“ Staat geförderte duale Lehre, den klassischen Ausbildungsgang an einer Universität und Studiengänge in Kooperation mit ausländischen Institutionen.

In Cau Giay, einem Viertel von Hanoi, sitzen vier Studentinnen beim Abendessen, es gibt wie immer Reis und Gemüse. Nachts schlafen sie zu viert auf dem einzigen Bett, zwei Meter lang und ein Meter fünfzig breit. Sie teilen ohnehin alles. „Für diese achtzehn Quadratmeter zahlen wir 40 Euro im Monat“, sagt Tuoi. Dazu kommen für jede umgerechnet 1,60 Euro für Wasser, 2 Euro für Strom und 3,20 Euro für den Internetzugang. Zwei Freundinnen, die gerade aus der nahe gelegenen Handelsuniversität kommen, stehen auf der Schwelle. Eine bietet merkwürdig dornige Wassernüsse an.

Die beiden beneiden die vier Mädchen, die so nah an der Uni wohnen. Sie haben einen weiten Weg, aber dafür zahlen sie etwa ein Drittel weniger für ihre Unterkunft. Alle sechs kommen aus der Provinz, ihre Eltern sind Bauern oder Arbeiter, die selten mehr als 50 Euro im Monat verdienen. Ihren Studiengang haben sie in erster Linie nach finanziellen Gesichtspunkten ausgesucht.

Die Besten kriegen die billigsten Plätze

Auf der dritten Etage des Studentenwohnheims von der Wirtschaftsuniversität am anderen Ende von Cau Giay sieht es ähnlich aus. Im Zimmer 410, möbliert mit fünf Stockbetten, drängen sich zehn Bewohner. Keine Küche, kein Warmwasser, keine Klimaanlage, zwei primitive Toiletten. Aber der Preis ist unschlagbar: 3,50 Euro im Monat. „Den Platz haben wir auch nur bekommen, weil wir gute Schüler waren“, erklärt die 21-jährige Quynh. „Die Regierung bevorzugt begabte Schüler aus entlegenen und armen Gegenden. Und die bekommen dann auch die preiswerten Wohnheimplätze. Das ist Teil ihrer Bildungspolitik.“4

Neben den vielen Stofftieren, die sich auf den Betten türmen, fallen die Laptops auf. „Wir können für unsere Ausbildung einen Studentenkredit aufnehmen.“ Der PC verschlingt die ganze Summe (rund 300 Euro), aber die Mädchen brauchen die Laptops tatsächlich für ihr Studium und für das soziale Netzwerk Zing. „Unsere Professoren schicken uns per E-Mail ihre Aufgaben oder benachrichtigen uns, wenn eine Vorlesung ausfällt. Leider ist der Internetempfang in diesen Räumen sehr schlecht. Man kann nicht mal online Zeitung lesen.“ Trotz dieser Widrigkeiten und der Enge ist Quynh zufrieden: „Ich lebe seit drei Jahren in diesem Wohnheim. Die Sanitärräume im vorigen waren wirklich übel, dort hat mich sogar eine Maus gebissen! Die Mäuse hier beißen nicht.“

Wenn es um ihre Lehrveranstaltungen geht, sind die Studentinnen weniger gesprächig. Ihren Andeutungen entnimmt man, dass die Professoren nicht besonders engagiert sind. Die Vorlesungen sind anscheinend nichts als ein endloses Wiederkäuen von Sachwissen im Schneckentempo und passen kaum zu einer Generation, die im Internet zu Hause ist. Deshalb versuchen viele ein Stipendium für ein Studium im Ausland zu bekommen.

Eine genauere Vorstellung von den Lehrinhalten könnte man sich natürlich schon verschaffen. Man müsste sich nur durch die verschiedenen Berichte über das staatliche Bildungssystem ackern. Doch das gleicht einer Sisyphosarbeit, denn das Ganze ist dank einer ausufernden Bürokratie und absurden Aufteilung von Zuständigkeiten so hoffnungslos unübersichtlich geworden, dass jeder Versuch, sich einen Überblick zu verschaffen, schier unmöglich ist. Dem Ministerium für Erziehung und Bildung unterstehen nur 14,5 Prozent der 376 Institutionen für Hochschulbildung. Andere Ministerien (etwa für Forschung und Technologie, für Industrie und Handel und so weiter) kontrollieren 31 Prozent, die Volkskomitees (das Äquivalent für Stadtverwaltungen) 33 Prozent, und 21,5 Prozent sind privat.

Die Universität für Wassertechnik zum Beispiel ist dem Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung unterstellt. Sie hat kürzlich ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert. Das rosarote Hauptgebäude verrät nichts von der Last vieler Jahre, und die von blühenden Pflanzen gesäumte Auffahrt bildet einen angenehmen Kontrast zur verschmutzten Luft auf dem angrenzenden Boulevard. Die kleine Universität ist stolz auf die Auszeichnungen, die ihr von der Kommunistischen Partei und der Regierung verliehen wurden, wie die Ho-Chi-Minh-Medaille und den Titel „Held der Arbeit“.

Sie ist berühmt für ihre zukunftsweisende Bildungsstrategie, die Vizerektor Trinh Minh Thu so beschreibt: „Die Ausbildungskosten sind normal, weil wir zur Nationalen Universität von Vietnam gehören. Aber wir haben Videoräume, WLAN für alle, und wir stellen unentgeltlich Lehrbücher zur Verfügung. Wie wir das machen? Wir setzen auf angewandte Forschung und Technologietransfer. In dieser Woche sind zum Beispiel einige Klassen unterwegs zur Beobachtung des Roten Flusses, der von Versandung bedroht ist. Die Studenten setzen sich also mit einem praktischen Problem auseinander. Vielleicht gewinnen wir eine Ausschreibung, falls wir eine bessere Lösung vorschlagen als die Unternehmen. Den Gewinn würden wir in Ausstattung und Gehälter investieren.“

Damit gibt Thu ungewollt zu, dass die öffentlichen Mittel für eine moderne Lehre nicht ausreichen. Obwohl der Bildungsetat 2011 um 2,9 Prozent auf rund 200 Millionen Euro erhöht wurde, entspricht er nicht den Bedürfnissen einer Bevölkerung, die zur Hälfte unter 26 Jahren ist. Auch wenn man es weder allzu laut noch allzu deutlich aussprechen darf: Die Verquickung von Staat und Privatwirtschaft ist seit vielen Jahren Realität. So bekommt ein Dozent an der Universität für Wassertechnik zusätzlich zu seinem staatlichen Gehalt eine Vergütung von seinem privaten Auftraggeber. Die Einrichtung kann technologische Spitzenleistungen vermarkten, schließlich verkauft sich hydraulisches Engineering besser als dramatische Kunst.

Laut Vizerektor Thu reißen sich die Dozenten um Stellen oder Lehraufträge an der Universität für Wassertechnik. „Deshalb ist unser Einstellungsverfahren ziemlich streng. Nur wer promoviert hat, wird automatisch aufgenommen. Bewerber mit nur einem Master oder Bachelor müssen eine Prüfung machen, zum Beispiel in Englisch und Informatik, und eine Probevorlesung halten.“ Die Vorgesetzten üben auch Druck auf die Mitarbeiter aus, sich bei den Aktivitäten der Universität zu engagieren. „Seit 2007 stellen wir allen wissenschaftlichen Mitarbeitern einen Laptop zur Verfügung. Es gibt also keine Ausrede, wenn ihre Kenntnisse nicht auf dem neuesten Stand sind! Auf diese Weise schaffen wir für Professoren wie Studenten gute Arbeitsbedingungen.“

Der Vizerektor, der felsenfest davon überzeugt ist, dass diese Win-win-Lösung mit öffentlich-privaten Partnerschaften unglaublich motivierend ist, vertritt mit dieser Meinung nur eine Minderheit. Die Mehrzahl der akademischen Lehrer hat – aus Überzeugung oder Gewohnheit – wenig Lust auf Veränderungen. Ein Professor, der anonym bleiben möchte, widerspricht seinem Vizerektor mit Nachdruck: „Wir sind auf dem besten Weg, alles andere über Bord zu werfen und das ausländische Modell komplett zu übernehmen! Die Weltbank hat ihre Programme, ihre Lehrmittel und Methoden durchgesetzt. Wissen Sie, ich gehöre noch zur alten Generation: 1976 habe ich angefangen, und in drei Jahren gehe ich in Rente. Während meiner Laufbahn habe ich oft erlebt, wie unter meinen Studenten Freundschaften gewachsen sind. Sie haben die gleichen Kurse besucht und hatten ein gemeinsames Ziel vor Augen. Vom ersten bis zum letzten Jahr haben sie gemeinsam gelernt. Durch den individualisierten Studienablauf heutzutage lockern sich die Beziehungen zwischen den Studenten. Sie lernen auf Englisch, aus dem Internet, wie es gerade kommt, und kennen sich nicht mehr.“ Für ihn ist das kollektive Lernen unter der Autorität des Lehrenden noch immer das Idealmodell.

Zu Neujahr – dem Beginn des Mondjahrs 2007 – schrieb der 80-jährige Vater der vietnamesischen Mathematik, Hoang Thuy, einen Artikel, der viel Staub aufwirbelte.5 Darin geißelte er die „fortwährende Stagnation der nationalen Wissenschaft und Bildung“. Hoang sah deren Ursache nicht nur im Geldmangel, sondern darin, dass „das offizielle Gehalt nur einen Bruchteil der Einnahmen“ darstelle. Durch sein weltweites Renommee geschützt, konnte er noch weitergehen und die Wurzeln der Korruption freilegen: „Es ist natürlich möglich, diesen Widerspruch aufzubeheben, das wäre ideologisch allerdings schwierig, weil es eine Anzahl offizieller Persönlichkeiten treffen würde, die von der intransparenten Wirtschaftsführung profitieren.“

Vier Jahre später diskutieren in einem Physiklabor in Hanoi drei Doktoranden leidenschaftlich über diesen Artikel. „Das Grundgehalt eines Beamten beträgt 75 Euro. Die Professoren bekommen zwar noch einen Unterrichtszuschlag von 40 Prozent, aber die Summe ist viel zu niedrig, erst recht, wenn man Familie hat“, sagt Diep. „Aber die Professoren haben Geld und eine Familie. Demzufolge muss es noch andere Quellen geben. Entweder sie arbeiten nebenbei, was ihrer Lehrtätigkeit schadet, oder sie nutzen ihre Stellung aus, um sich zusätzliche Einnahmen zu sichern.“ Diese „Nebeneinnahmen“ sind in Vietnam heute ein offenes Geheimnis.6 Sie beginnen mit kostenpflichtigen „Abendkursen“, die die Studenten belegen, um gut benotet zu werden, und gehen bis hin zu Schmiergeldern.

Berufswunsch Manager, am besten bei einem Multi

Thao erzählt: „Meine Eltern möchten, dass ich Universitätsprofessorin werde und in meine Heimatstadt zurückkehre, wo sie für mich einen Posten gefunden haben. Meine Qualifikationen reichen aus, aber darauf kommt es nicht an. Um die Stelle zu bekommen, muss man viele Jahresgehälter bezahlen. Man muss jeder Abteilung etwas geben, bis hin“ – sie zögert – „zum Rektor. Wie ich später die Schulden tilgen würde, wenn ich mich darauf einlasse? Ich würde eine kleine Schule aufmachen, wo künftige Lehrer für den Unterricht bei mir bezahlen. Ich würde meine Schüler zahlen lassen, also würde ich meine Stellung ausnutzen. Alle wüssten Bescheid, aber alle würden es akzeptieren.“

Vietnams Wissenschaftler fordern höhere Gehälter, aber der Staat hat kein Geld. Würde sie mehr zahlen, geriete die Regierung außerdem durch eine andere Institution in Bedrängnis, von der sie aber abhängig ist, und das ist die Armee. Die Ursachen für die Missstände in der Bildung liegen tiefer. Der öffentliche Dienst leidet unter stagnierenden Einkommen, während die Lebenshaltungskosten in den letzten zwanzig Jahren beträchtlich gestiegen sind. 2011 lag die Inflationsrate bei 20 Prozent. Die Entwicklung des Arbeitsmarkts treibt die Studenten in Studiengänge, die eine Karriere als Führungskraft versprechen, möglichst als „Manager“, möglichst in einem der multinationalen Unternehmen, wo viel Geld zu verdienen ist.

Hoang spricht ausgezeichnet Englisch. Sein Vater ist Zollbeamter in Haiphong, die Mutter arbeitet für ein ausländisches Unternehmen. Obwohl er erst 22 Jahre alt ist, steigt er gerade in seine dritte Universitätslaufbahn ein. Er hält sich für einen rationalen Menschen auf einer Karriereleiter, bei der nicht Chancengleichheit zählt, sondern die Fähigkeit, alle Trümpfe auszuspielen. „Nach dem Abitur bestand ich die Aufnahmeprüfung der Universität für internationalen Handel in Hanoi. Das ist zweifellos die renommierteste staatliche Universität.“ Aber sein wahres Ziel bestand darin, zum Studium nach Australien zu gehen. „Ich habe drei oder vier Monate im Australian Centre for Education and Training meine Kenntnisse erweitert. Dann war meine Bewerbungsakte gut genug, und ich wurde an der Monash Universität in Melbourne am Fachbereich Banken und Finanzen angenommen.“

Angesichts der Ausgaben von 25 000 australischen Dollar im Jahr (etwa 15 000 Euro) hatte die Familie geplant, dass der junge Mann drei Jahre im Ausland bleiben sollte. Aber die Finanzkrise verhinderte es. 2009 stürzte der Dong, die vietnamesische Währung, in den Keller, erzählt der künftige Banker, der sich nicht weiter über Schicksalsschläge auslassen möchte. Anfang 2010 musste er zurückkommen, ohne seine Ausbildung abgeschlossen zu haben. Hoang findet trotzdem, dass er sehr viel gelernt hat. Er hat sich an die modernen Unterrichtsmethoden gewöhnt und wollte auf keinen Fall zum klassischen vietnamesischen System zurückkehren, das er mit 18 Jahren kurz kennengelernt hat. Deshalb fiel die Wahl der Familie auf ein anderes Institut mit ausländischem Prestige: die Universität der Wissenschaften und Technologien in Hanoi (USTH).

Die USTH ist eine staatliche vietnamesische Universität, die über ein Konsortium von etwa zehn französischen Hochschul- und Forschungseinrichtungen in Partnerschaft mit Frankreich gegründet und entwickelt wurde. Sie ist die zweite binationale Einrichtung nach der in Kooperation mit Deutschland 2008 in Ho-Chi-Minh-Stadt gegründeten Vietnamese-German University (VGU) und verkörpert eine bestimmte Zukunftsvision – die liberale Hochschulbildung, die man hier die „neuen Universitäten“ nennt: transparente Verwaltung, Abschlüsse vom Bachelor bis zur Promotion, Nähe zur Berufspraxis. „Die USTH hätte keinen Sinn, wenn sie rein akademisch bliebe“, erklärt der Rektor, Pierre Sebban. „Wir lassen unsere Studenten Masterarbeiten zu praxisbezogenen Themen schreiben. Wenn man die Unternehmen beteiligt, kann man interessante Forschung betreiben und ausgezeichnete Berufsperspektiven für die Studenten schaffen.“

Frankreich leistet für diese Universität einen Beitrag von 100 Millionen Euro über zehn Jahre. Auch für die Studenten hat die erstklassige Ausbildung ihren Preis: 600 Euro Studiengebühren pro Jahr. Für Hoang ist das immer noch deutlich billiger als Australien, und er hofft, dass das Ergebnis vergleichbar ist: Diplome, die von Frankreich und Vietnam gemeinsam vergeben werden, entsprechen den europäischen Normen.

60 Prozent der Professoren der USTH sind Franzosen, 40 Prozent Vietnamesen. „Bei ihnen haben wir ein Problem“, erklärt Sebban. „Wir würden ihnen gern ordentliche Gehälter zahlen, um wirklich engagierte Lehrkräfte zu haben. Es ist aber eher üblich, dass bei uns Lehrkräfte auf Honorarbasis eingesetzt werden, die noch eine andere Stellung haben.“ Die schwerfälligen Verwaltungsstrukturen, meint er, setzten der Autonomie enge Grenzen.

Das ist möglicherweise kein Zufall. Das Projekt hat viele Gegner, in der Presse wurde es heftig kritisiert. Da die neuen Universitäten nur wenige hundert Diplomierte im Jahr (bestenfalls einige tausend) hervorbringen, wird gefragt, inwiefern sie zur Bildung der Massen beitragen. Verschlingen sie nicht Geld, das man anderswo besser verwenden könnte? Die Asiatische Entwicklungsbank hat einen Kredit von 190 Millionen Dollar für die Einrichtung der USTH bewilligt. Das steht in keinem Verhältnis zu den 50 Millionen Dollar, die die Weltbank Ende 2010 für die Reform des gesamten vietnamesischen Hochschulwesens zur Verfügung gestellt hat. Modernisierung tut not, das ist jedem Vietnamesen klar, aber ist der Staat nicht selbst imstande, einen Wandel einzuleiten, ohne sich von ausländischen Vorgaben abhängig zu machen?

Der Soziologe und Didaktiker Trinh Van Tung, Vizerektor der Universität für Sozial- und Humanwissenschaften (UNV), stellt fest, dass „die zahlreichen Universitätsgründungen in den letzten zehn Jahren Ausdruck einer sehr starken gesellschaftlichen Nachfrage nach Hochschulbildung“ seien. „Bei uns hat die Bildung einen so hohen Stellenwert, dass Eltern alles tun, damit ihre Kinder trotz der Schwierigkeiten die größtmöglichen Erfolge erringen. Die vielen neuen Universitäten schaffen eine Hierarchie. So entsteht Konkurrenz. Meiner Ansicht nach ist das positiv. Ich frage mich nur, ob die Universitäten der Forschung auch genügend Aufmerksamkeit widmen. Was macht ein Philosoph, ein Historiker? Kann man seine Forschungsergebnisse in Dong oder Dollar bewerten? Alle rufen nach sofort verwertbaren Ergebnissen, nach Rentabilität. Aber wenn wir keine Orientierung geben und selbst keine Vision haben, wenn wir die grundlegenden Disziplinen, die Sozial- und Humanwissenschaften vergessen, dann glaube ich nicht, dass sich das Land nachhaltig entwickeln kann.“

Das Risiko besteht darin, dass Vietnam mit seinem raschen Aufschwung und dem Platz, den es in der globalisierten Ökonomie inzwischen einnimmt, in eine ganz andere Richtung getrieben wird. Dann geht es vor allem darum, dass billige Arbeitskräfte billig bleiben und dass der Wachstumsmaschinerie möglichst keine Grenzen gesetzt werden.

Fußnoten: 1 Die Namen wurden geändert. 2 Siehe Gai Sheridan, „Vietnam: Preparing the Higher Education Sector Development Project (HESDP)“, Asiatische Entwicklungsbank, Juni 2010. Falls nicht anders angegeben, stammen die Zahlen in diesem Artikel aus dem Bericht. 3 Laut der englischsprachigen Hanoier Tageszeitung Nhan Dan, 19. September 2011. 4 Nach einem Bericht vom Dezember 2009 über 196 Hochschuleinrichtungen wohnten 20 Prozent der 855 337 Studenten in Wohnheimen. Zitiert in der Tageszeitung Thanh Nien, Ho-Chi-Minh-Stadt, 26. Oktober 2010. 5 Hoang Thuy, „New Year, old story“, Tia Sáng, Hanoi, Februar 2007. 6 Zur Analyse der Korruption in der Schulbildung siehe: Philippe Papin und Laurent Passicousset, „Vivre avec les vietnamens“, Paris (L’Archipel) 2010. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Xavier Monthéard ist Journalist und Asienexperte.

Bildungsreformen

Nach der Wiedervereinigung Vietnams 1976 wurde zunächst landesweit ein Hochschulbildungssystem nach sowjetischem Vorbild eingeführt. Es beruhte auf der strikten Trennung zwischen den Akademien als Forschungseinrichtungen und den Universitäten für die Ausbildung. Diese waren spezialisiert (Ingenieurwesen, Land- und Forstwirtschaft, Wassertechnik usw.). Diese Abgrenzung besteht zum Teil bis heute.

Mitte der 1990er Jahre wurden mehrere Institutionen zur Nationalen Universität Vietnams (NUV) mit verschiedenen Fachbereichen zusammengeschlossen – an zwei Standorten: Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon). Die Universitäten von Hue, Da Nang und Thai Nguyen im Landesinnern verfügen über weitreichende Autonomie. Diese Reorganisation hat aber weder alle Doppelungen beseitigt noch die Probleme bei der Zusammenarbeit zwischen den Institutionen gelöst.

Um die Jahrtausendwende erlaubte die kommunistische Einheitspartei die Schaffung privater Einrichtungen, deren Lehrplan jedoch vom Bildungsministerium genehmigt werden muss. Der private Ausbildungssektor wächst seither rasch: 2009 waren 21,5 Prozent der Einrichtungen privat, mit 12,5 Prozent der Studenten. Er besteht vor allem aus kleineren Instituten wie Management- oder Handelsschulen.

Es gibt einen kurzen Zyklus von drei Jahren und einen regulären von vier (manchmal fünf oder sogar sechs) Jahren, der einem deutschen Diplomstudiengang entspricht. Die Entscheidung zwischen kurzem und langem Zyklus fällt unmittelbar nach dem Abitur, ein späterer Wechsel ist nicht möglich. Die Postgraduiertenausbildung umfasst Masterstudiengänge und Promotionen. Diese Organisation entwickelt sich seit der Einführung eines Systems nach europäischem Vorbild in einzelnen Hochschulen.

Nach dem 10. Parteitag der Kommunistischen Partei (2006) hat die Regierung einen Reformplan bis 2020 beschlossen. Die teilweise unrealistischen Ziele dienen der Annäherung an internationale Normen, um so an Förderungen, vor allem der Weltbank, zu gelangen.

Le Monde diplomatique vom 13.04.2012,