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Vertreibung im Paradies

Bewaffnete Konflikte „balkanisieren“ Melanesien und Nauru

Bevor Australien 2003 militärisch intervenierte, hatten schwere ethnische Konflikte die Salomonen erschüttert. Auf die Zuwanderung von Bewohnern der Insel Malaita nach Guadalcanal reagierten die Einwohner der Hauptstadt mit heftiger Ablehnung. Kämpfe zwischen Milizen forderten mehr als 60 Tote. Etwa 20.000 Malaitaner wurden vertrieben. Der Ozeanienexperte Darrell Tryon bilanzierte: „Die traditionelle Sozialstruktur auf den Salomonen besteht aus Mikro-Communities, die durch Sprachgrenzen definiert sind, selten mehr als 500 Menschen umfassen und von so genannten Großen Männern geführt werden. Einigkeit besteht oft nicht einmal innerhalb einer Insel und über diesen Rahmen hinaus praktisch nie. Begriffe wie Nation oder nationale Regierung sind hier völlig unbekannt.“1

In Vanuatu hat sich ein unübersichtlicher Konflikt entwickelt, der nicht nur durch die Interessen der Sprachgemeinschaften bestimmt war. Es ging auch um Schmuggelgeschäfte und eine korrupte Justiz. In den diversen Koalitionsregierungen herrschte aufgrund der unterschiedlichen Interessen eine Dauerkrise. Die neue Regierung unter Ham Lini, im Dezember 2004 bestimmt, findet die Billigung Australiens.

Auf Nauru herrschte seit den Wahlen vom April 2000 ein politisches Chaos – allein 2003 kam es viermal zu einem Machtwechsel. Der Geldsegen aus der Phosphatgewinnung hat der Insel kein Glück gebracht. Die Unterstützung Canberras für den Reformkurs von Ludwig Scotty trug dazu bei, dass dieser Ende Oktober 2004 als Staatsoberhaupt wiedergewählt wurde.

In Papua-Neuguinea gibt es das Problem der Sezessionisten auf der Insel Bougainville. Weil von den Erlösen aus dem Kupferbergbau in Panguna kaum etwas auf der Insel hängen bleibt, entstanden hier bewaffnete Banden, die für die Unabhängigkeit kämpfen. 1997 beendete ein Waffenstillstand den neun Jahre dauernden Bürgerkriegs, der mindestens 20 000 Menschen das Leben kostete. Doch der Friede ist nicht gesichert; die Regierung fordert die Fortsetzung einer UN-Friedensmission, die am 31. Dezember 2004 endete. Ethnisch begründete Sezessionsbewegungen und interne Konflikte entstanden auch auf den Hochebenen im Süden, wo es bereits zu zahlreichen Zusammenstößen kam. „Kriminelle könnten die Führung in Politik und Wirtschaft übernehmen“, sorgt sich ein Zeitungskommentator. Das Land könnte „in ein halbes Dutzend Kleinstaaten zerfallen, die unregierbar und nicht überlebensfähig wären“2 .

Auf den Fidschiinseln haben die Spannungen zwischen den Melanesiern und der indischstämmigen Bevölkerung mehrfach zu Staatsstreichen geführt. Nach den Putschen von 1987 sprach die neue Verfassung immer 37 der 70 Sitze im Parlament den Melanesiern zu; seit 1997 muss jede Partei, die mehr als 10 Prozent der Sitze innehat, in der Regierung vertreten sein. Doch als nach den Wahlen von 1999 der indischstämmige Fidschi Mahendra Chaudhry an die Macht kam, rebellierte die melanesische Opposition; Bewaffnete stürzten den Ministerpräsidenten. Die Parteigänger einer melanesischen Vormachtstellung hatten das Land noch immer im Griff, während eine Übergangsregierung unter Laisenia Qarase installiert wurde. Bei den Parlamentswahlen Ende August 2001 konnte sich Qarase behaupten. Sein Wahlbündnis errang 31 der 71 Sitze, die Fidji Labour Party von Mahendra Chaudhry gewann 27 Sitze. Qarase weigerte sich, mit Chaudhry zu koalieren. Zugleich warteten die Rebellen auf ihre Aburteilung, wobei sie allerdings auf die Unterstützung durch einflussreiche Kreise der melanesischen Oberschicht zählen konnten.

Premier Qarase weigerte sich – entgegen den Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs und des Verfassungsgerichts –, die Verfassung einzuhalten. Während die EU erneute Hilfszahlungen von der Rückkehr zur Demokratie abhängig machte, beeilte sich Frankreich, die „alte Freundschaft“ zwischen den beiden Ländern zu bekräftigen.3

Die Staatskrisen in den unabhängigen Republiken und in Neukaledonien, wo die Konflikte zwischen Kanaken und Einwanderern wie der interne Streit der kanakischen Unabhängigkeitsbewegung ähnlich strukturiert sind, bestätigen Darrell Tryons Befürchtung: „Die Staaten des Südpazifiks werden balkanisiert.“ Jean-Marc Regnault

Fußnoten: 1 Darrell Tryon, „Guerre civile aux îles Salomon“, in: „Limes“, Villeurbanne (Éditions Golias), S. 136 ff.; ders., „Violence et coutûme en Mélanésie insulaire“, in: Frédéric Angleviel (Hrg.), „Violences océaniennes“, Paris (L’Harmattan) 2004, S. 47–60. 2 La Dépêche de Tahiti (Papeete), 15. 12. 2004. 3 So Präsident Chirac am 28. 7. 2003 in Papeete. Aus dem Französischen von Edgar Peinelt

Le Monde diplomatique vom 10.06.2005,