Artikel drucken zurück

Immigrant, aber erfolgreich

Die französischen Medien feiern Unternehmer, Fußballstars und Komiker, die trotz ihrer Herkunft Spitze sind – ein Zeichen für die gelungene Integration von Einwanderern ist das nicht von Mathieu Rigouste

Es gibt kleine Wörter, die ganze Welten in sich tragen. Das unscheinbare „aber“ begegnet uns seit Anfang der 1990er-Jahre ständig in immer mehr Artikeln der großen französischen Zeitungen.1 Es ist das Verbindungswort zwischen der Darstellung des „Immigranten“ in den Medien und dem herrschenden Diskurs zur damit untrennbar verbundenen Thematik „Integration“.

Ende Januar 2004 erschien in Le Parisien eine Serie von sechs Artikeln unter dem Titel „Muslime – Beispiele einer erfolgreichen Integration“, belegt durch Fotos der Betroffenen. „Dunkelgrauer Anzug, blau gestreiftes Hemd und passende gelbe Krawatte, das Haar streng nach hinten gekämmt: Karim, vor 24 Jahren in Mantes-la-Jolie geboren, hat gerade einen gut bezahlten Posten als kaufmännisch-technischer Angestellter aufgegeben, um sein eigenes Unternehmen zu gründen.“2 „Die Leiterin des Hauses, Najiia el-Mouna Cifi, 46, scheint einem Werbespot entsprungen. Mit Kurzhaarschnitt, rechteckiger Sonnenbrille, dunklem Pulli und perfekt geschminkt, hebt sich die für Altenhilfe ausgebildete Sozialarbeiterin in verblüffender Weise ab vom Dekor im Stil Tausendundeiner Nacht.“3 „Gepflegter Spitzbart und durchdringende Mandelaugen, eine hagere, stolze, fast herrische Erscheinung … Auch in Jeans und schlichtem Pullover sieht Allam Farourou aus wie ein Berberfürst. In einem Beruf wie seinem ist das Charisma ein unschätzbarer Trumpf. Der aus Algerien stammende Franzose unterrichtet Elektronik an der Berufsoberschule Marcel Cachin in Saint-Ouen.“4

Diese Artikel sind besonders repräsentativ für eine Art der Darstellung, die seit der ersten Kopftuchaffäre 1989 in den großen französischen Zeitschriften üblich geworden ist. Die erfolgreiche „Integration“ bemisst sich gewöhnlich am wirtschaftlichen und sozialen Status, der sich durch eine gewisse mimetische und individuell motivierte Erscheinung bemerkbar macht. Die erfolgreich „Integrierten“ scheinen sich auf dem Weg der Mimikry dem Mythos vom „echten Franzosen“ anzuähneln – wie „einem Werbespot entsprungen“. Auf ihr Gesicht wird eine weiße Maske gesetzt.

Nach dem Prinzip, dass die Ausnahme die Regel bestätigt, wird über das rhetorische Mittel des Kontrasts derjenige definiert, der es nicht geschafft hat, sich zu integrieren: wer arm ist, wer nicht dazu gehört, wer nicht imstande war, sich von den zahlreichen kulturellen, religiösen und phänotypischen Kriterien zu emanzipieren, die nach und nach als Gegensatz zur „französischen Identität“ zum Bild des Immigranten zusammengefügt wurden. Die Person wird dabei notwendig auf ihren Ursprung verwiesen und eine Ausgangssituation dargestellt, in der die Integration noch nicht stattgefunden hat: Beim ersten Beispiel steht die Herkunft aus Mantes-la-Jolie in Kontrast zum Managerstyling und Unternehmergeist, sodass der Begriff der Integration vom ökonomischen Aufstieg hergeleitet wird. Im zweiten Fall wird der Unterschied zu „Tausendundeiner Nacht“ hervorgehoben, der Erfolg also auf der kulturellen, religiösen und geografischen Ebene angesiedelt, während das dritte Beispiel auf den Gegensatz zwischen dem Status eines Lehrers und dem der Berufsoberschule von Saint-Ouen abhebt.

Abgesehen von der semantischen Unschärfe im Umgang mit den Begriffen „Islam“, „Maghreb“ und „Immigration“ zeichnen die Artikel ein Bild von der „gescheiterten Integration“ „muslimischer“ oder „maghrebinischer“ Einwanderer, das unterschwellig vor allem eine Botschaft hat: Wer wirklich seinen Willen dareinsetzt, kann sich integrieren; die anderen haben den Misserfolg folglich gewollt oder sich mit der Situation des Scheiterns abgefunden: „Es gibt keine Panne, die Integrationsmaschine läuft bestens.“

Das Neue an diesen Medienfiguren – Immigranten als Bürochefs, Techniker, Unternehmer, Lehrer oder Präfekten – besteht darin, dass sie Führungsrollen innehaben und dass Integration durch positive Diskriminierung abgebildet wird. Das mediale Abbild des in Algerien geborenen Präfekten Aissa Dermouche – nacheinander als „der Muslim-Präfekt“, „Einwanderer-Präfekt“ und „Modell der Integration“ bezeichnet – bestand aus systematischen Verweisen auf die Gegenfigur des „glühenden Muslims“, der gegen das Kopftuchverbot und somit Fundamentalist ist. Die neue Figur des Integrierten knüpft also an eine ältere an, bei der die Darstellung des Andersseins im Vordergrund stand.

Der Sieg der französischen Nationalmannschaft „Black-blanc-beurs“ (Schwarz-weiß-maghrebinisch) bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 trug sehr zur Rechtfertigung dieser speziellen Figur des erfolgreichen Immigranten bei: Dieser zeichnet sich durch sportliche Brillanz aus und stellt selbige in den Dienst der Trikolore. Die Presse hat sich seiner angenommen und den „Sieger“ zur Gegenfigur des „Kriminellen“ oder „Terroristen“ gemacht.

Das Thema Integration und die Bilder des „Integrierten“ werden von den großen Medien mit großer Vorsicht und streng antirassistisch präsentiert, zum Ausgleich für eine Rhetorik der Bedrohung. Dennoch tragen sie entscheidend dazu bei, das Stigma der Andersartigkeit als quasi erblich auf all jene Franzosen zu übertragen, die, wie es so schön heißt, „Franzosen durch Einwanderung“ (issu de l’immigration) sind und die ständig dazu angehalten werden sich doch zu „integrieren“.

Das Vorbild: mutig, servil, leistungsstark

Seit 1995 tritt – beschränkt auf die Welt des öffentlichen Spektakels – vermehrt der Typus des erfolgreich Integrierten als Sänger, Komiker, Star oder Sportler in Erscheinung: Ein Immigrant, der geschätzt wird, weil er sich eindrucksvoll zur Schau stellt, und der gewöhnlich als mutig, seiner Sache ergeben, servil und leistungsstark dargestellt wird. Aus der Kombination solcher „positiven“ und „negativen“ Charaktereigenschaften ergibt sich die doppelte Quintessenz: „In der Regel stellt der Immigrant eine Bedrohung dar, aber er kann sich ausnahmsweise integrieren, jedenfalls auf der Bühne.“ Kurz, eine gewisse positive Repräsentation des „Integrierten“ wird eingesetzt, um, wie es der herrschenden Linie entspricht, einen wohlwollenden Umgang mit dem Thema Immigration zu beweisen, während das Gros der anderen ausgeschlossen wird.

Worum geht es? Was kommt dabei heraus, wenn „Erfolg“ und „Integration“ im Wesentlichen dem beliebten Sänger, dem begnadeten Sportler oder dem sympathischen Komiker zugeschrieben werden? Ein öffentlicher Diskurs, der die Masse der Einwanderer diffamiert.

Es gibt kleine Wörter, die ganze Welten in sich tragen. Dieses „aber“ ist ein solches Wort. Nicht so sehr, weil es „Immigration“ und „Erfolg“ in Gegensatz zueinander stellt. Es geht auch nicht darum, hier über den Begriff „Erfolg“ zu polemisieren. Interessant ist vielmehr die Frage, warum an bestimmten Orten zu einer ganz bestimmten Zeit ein bestimmter Diskurs über „erfolgreiche Immigranten“ vorherrscht. Wie kommt es, dass diese Bilder, legitimiert durch das konformistische Gutmenschentum einer neuen „neuen Linken“, in vermehrter und radikalisierter Form auftauchen, seit ebendiese Linke in den Punkten Einwanderung, Armut und Islam auf die Linie der Rufer nach innerer Sicherheit eingeschwenkt ist?5

Von der Presse werden besagte Bilder zu einem Zeitpunkt nobilitiert, da das Thema „Immigration“ zum Aufhänger sämtlicher Artikel über alles gemacht wird, was die Identität, die Einheit, die innere Sicherheit und die Souveränität des französischen Staates gefährden könnte. Das „aber“ wird zum Dreh- und Angelpunkt eines politischen Denkens, das die Einwanderung auf ihren Sicherheitsaspekt beschränkt.

Die Entwicklungsgeschichte des medialen Umgangs mit dem Thema Immigration lässt sich in drei Schritten darstellen. Die Figur des „Gastarbeiters“: Damit war es vorbei, als die Einwanderung von Arbeitskräften 1973/74 gebremst und schließlich gestoppt wurde. Bis dahin hatte die postkoloniale Arbeitsmigration den Arbeitgebern willige und billige Arbeitskräfte für die bei Vollbeschäftigung am wenigsten gefragten Jobs geliefert. Dementsprechend zeichneten die Medien damals ein paternalistisches Bild vom insgesamt gelehrigen und bedauernswerten Gastarbeiter, der allerdings immer mal wieder in die Kriminalität abrutschen konnte. Eine Art schicksalhaftes Anderssein, könnte man sagen. Zuvor war die dem Kolonialkrieg gemäße Darstellung üblich gewesen, der zufolge der typische Immigrant irgendetwas zwischen dem „Eingeborenen“ und dem „Fellachen“ war. Dieses Anderssein war kriegsbedingt. Und schließlich gibt es die Darstellung, die uns heute beschäftigt: Die Ökonomie in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit und der Abbau des Sozialstaats haben die symbolischen Bezüge destabilisiert, den Blick auf den Anderen beeinflusst, zur Wahrnehmung einer Bedrohung geführt und zwangsläufig die vorherrschende öffentliche Meinung verändert.

Die übergroßen Figuren des erfolgreichen Immigranten auf der einen wie des immigrierten Feindes auf der anderen Seite – hier Figuren wie der Fußballspieler Zidane, der Rai-Musiker und Popstar Khaled oder der Komiker Jamel Debbouze, auf der anderen Seite vor allem Khaled Kelkal6 und Zacarias Moussaoui7 – tragen dazu bei, in der physischen Präsenz der Immigranten eine wirtschaftliche, soziale, politische, religiöse und kulturelle Bedrohung zu sehen.

Die Vorstellung, die man sich vom Anderen und von der Immigration macht, ist ein Ventil für symbolische Krisen. Althergebrachte Begriffspaare leben wieder auf: Immigration gleich Arbeitslosigkeit, Immigration gleich mangelnde Sicherheit, Immigration gleich Islam gleich Kulturverlust. Gewöhnlich sind solche Gleichsetzungen Sache der extremen Rechten, jetzt geistern sie kreuz und quer durchs gesamte politische Spektrum und mehr oder weniger nuanciert durch die Presse.

Die Artikel über die erfolgreichen Immigranten scheinen auszusagen, dass die Einwanderung in ihrer ganzen Bandbreite, nicht auf der Bühne, sondern innerhalb der Zivilgesellschaft, erhebliche Gefahren mit sich bringt: ökonomisch für den Arbeitsmarkt durch den „Ansturm arbeitsloser Immigranten“, politisch und sozial für Staat und Bevölkerung durch „Terroristen“ oder „Unzivilisierte“, demografisch für den von „Einwandererströmen überschwemmten“ Lebensraum, religiös und kulturell wegen der „Überfremdung“ durch den Islam.

In Zeiten der Anfechtung hat die Kolonialherrschaft die Bilder des Anderen zur eigenen Rechtfertigung benutzt und dazu Persönlichkeiten herangezogen, die die Wohltaten der Kolonisation für die Einheimischen zu repräsentieren schienen. Die Figuren des „weisen und ergebenen“ algerischen Helden Abd El-Kader8 oder der „Eingeborenen-Diva“ Josephine Baker, die die Massen begeisterten, haben den Franzosen ermöglicht, weiter von der geglückten Integration der Unterworfenen in die Republik und durch die Republik zu reden. Das Publikum konnte in dieser Darstellung ein aufgewertetes Bild von sich selbst erkennen, das Bild des „Herrn“, der den Wilden die Zivilisation bringt, des „Eroberers“ oder auch des „Lehrers“, des „Erziehers“, des „Vaters“. Die gleiche Dynamik macht den „Weltmeister Zidane“ zum Träger des Mythos von einem postkolonialen Frankreich, in dem der Immigrant aus den einstigen Kolonien Erfolgschancen hat, wenn er sich nur Mühe gibt.

Sehen wir uns die Gegenfigur Khaled Kelkal an: jung, maghrebinischer Herkunft, aus dem einschlägigen Vorstadtmilieu, erst kriminell, dann Terrorist, ein zum Islamisten gewordener Muslim. Von der Presse wurde dieses Bild im Zusammenhang mit den Metro-Attentaten von 1995 immer wieder abgerufen. Die meisten Medien haben ihn zum Symbol der zeitgenössischen Ängste erhoben, zu einer Symbiose aus innerem Feind und Verräter: In ihm verbindet sich die Gefahr der „Immigranteninvasion“ mit der drohenden Revolte, dem möglichen Abdriften der Muslime in den Fundamentalismus und der Gefahr, dass die Jugendlichen in den Armen- oder Immigrantenvierteln rebellisch werden. Kelkal inkarniert die Krise in einem Diskurs, der das Scheitern der Immigranten zur Bedrohung erklärt. Die gesamte Presse hat sich auf ihn gestürzt, als sei er der leibhaftige Beweis für alle Verdächtigungen, die sie selbst den Immigranten auf den Leib geschrieben hat.

Die Figur Kelkal ist eine Art des kriegsbedingten Andersseins. Dennoch ziehen sich die gleichen Aussagen, die ihm gelten, durch die Artikel zum Thema Integration. Die Symbolfiguren der Gefahr entspringen dem allgemeinen Wunsch nach Sicherheit, die des Erfolgs dem Wunsch, ebenfalls Erfolg zu haben.

Die Bilder vom erfolgreichen Immigranten sind kein Zeichen eines Fortschritts bei der medialen Darstellung sichtbarer Minderheiten: Sie dienen zur Rechtfertigung und Verbreitung einer Sicherheitsbotschaft. Sie sind nicht mehr und nicht weniger als die andere Seite einer Kriegserklärung: gegen die Immigration, gegen die Kriminalität, gegen sozial benachteiligte Jugendliche, gegen die Muslime und den Islam.

Fußnoten: 1 Auf der Grundlage einer sozialhistorischen Untersuchung umfangreichen Materials, das 1 600 Artikel aus „L’Express“, „Le Parisien“, „Le Monde“ und „Minute“ von 1995 bis 2002 umfasst. Siehe Mathieu Rigouste, „Les cadres médiatiques, sociaux et mythologiques de l’image colonial. La représentation de ‚l’immigration maghrébine‘ dans la presse francaise de 1995 à 2002“, Paris 2002. 2 Philippe Baverel, Artikel zu der Serie „Ces musulmans qui ont réussi leur intégration“, in „Le Parisien“, 28. Januar 2004, S. 13. 3 Claire Chantry, ebenda, 29. Januar 2004, S. 11. 4 Charles de Saint-Sauveur, ebenda, 30. Januar 2004, S. 10. 5 Diese Wende fand 1997 statt, genau genommen auf dem Kolloquium von Villepinte zum Thema „Sichere Städte für freie Bürger“ vom 24. bis 25. Oktober 1997. Bei diesem Treffen beschlossen die Sozialisten und die „neue Linke“, die Rechtsextremen bei der Präsidentschaftswahl auf ihrem bevorzugten Terrain zu schlagen und die Sicherheitsfrage zum Schwerpunkt ihrer eigenen Wahlkampagne zu machen. 6 Kelkal war der mutmaßliche Drahtzieher der Metro-Attentate von 1995. Er wurde am 29. 9. 1995 von der Polizei erschossen. 7 Moussaoui wurde in den USA der Mitwirkung an den Attentaten des 11. September 2001 beschuldigt. 8 Abd El-Kader, Emir und Sufilehrer, der gegen die französische Kolonialarmee kämpfte, sich 1847 ergeben musste und später für seine weltoffene und tolerante Sichtweise des Islam bekannt wurde. Aus dem Französischen von Grete Osterwald Mathieu Rigouste ist Wissenschaftler am Institut Maghreb Europe, Université Paris 8.

Le Monde diplomatique vom 10.06.2005,