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Der Anfang vom Ende vom Anfang

Vor 20 Jahren begann die Perestroika von Jean-Marie Chauvier

Schon seit geraumer Zeit schaufelten die Maulwürfe ihre Gänge und Höhlen unter der Betondecke der Uniformität. Einen „Augenblick der Wahrheit“, einen, der sich nicht schon „am Tag zuvor“ angekündigt hätte, hat es nicht gegeben.

Entgegen den Schreckensbildern, die unsere Medien aus der UdSSR verbreiteten, hatte sich das Land nach Stalins Tod 1953 tief greifend gewandelt: die Macht, das System, die Gesellschaft, die Kultur, die Mentalitäten – nichts war beim Alten geblieben. Tatsächlich waren spätestens seit Beginn der 1980er-Jahre immer mehr Anzeichen einer großen Veränderung sichtbar geworden, auch wenn sie für Westler mit antikommunistischer Brille unsichtbar blieben. Auf und unterhalb der offiziellen Ebene vollzogen sich Umstrukturierungen, entstanden neue Verhaltensweisen, lebten religiöse und nationale Identitäten wieder auf, entwickelte sich ein gewisser Pluralismus in Literatur und Film, Musik und Jugendkultur.

Im Frühjahr 1985 geschah das „Undenkbare“: Der Kreml schlug einen neuen Kurs ein. Auf dem Turm der roten Festung erschien der Mann, Michail Gorbatschow, dessen Werk das Angesicht der Welt verändern würde. Unter Breschnew war das Land ab 1968 in Konservatismus, Korruption, abenteuerlichen Militäreinsätzen (in Afghanistan) und in Senilität erstarrt. Im Februar 1982 löste die Krise einen Alarm auf höchster Ebene aus.1 Die Atmosphäre im Lande, berichtet Gorbatschows späterer Ministerpräsident Nikolai Ryschkow, war unendlich bedrückend: „Erstmals seit dem Krieg war das Realeinkommen der Bevölkerung nicht mehr gestiegen. Alles stagnierte: der Lebensstandard, der Wohnungsbau, der Handel … Am schlimmsten war die allgemeine Mutlosigkeit.“2

Der ehemalige KGB-Chef Juri Andropow, im November 1982 zu Breschnews Nachfolger gewählt, erkannte die Missstände genau und brachte erste Reformen in Gang. Doch nach seinem Tod im Februar 1984 folgte ein weiteres Jahr Stillstand, da der Breschnew-Gefolgsmann Tschernenko zu Andropows Nachfolger gewählt wurde . Als dieser am 11. März 1985 starb, wurde noch am selben Abend ohne nennenswerten Widerstand Michail Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU und damit zum Parteichef gewählt.3 Seine wichtigsten „Komplizen“ im Politbüro wurden der neue Außenminister Eduard Schewardnadse und der Chefideologe Alexander Jakowlew.

1984 hatte Gorbatschow wiederholt zu „einer Neuorganisation des gesamten ökonomischen, sozialen und kulturellen Lebens“ aufgerufen und sich so als Neuerer profiliert. In London hatte er gegenüber Margaret Thatcher ein für einen Sowjetführer ungewöhnliches Credo abgelegt: „Europa ist unser gemeinsames Haus. Ein Haus, und keine Bühne für Militäroperationen.“ In Rom hatte er erschüttert miterlebt, wie das italienische Volk dem verstorbenen Eurokommunisten Enrico Berlinguer die letzte Ehre erwies: Sollte es einen „anderen realen Kommunismus“ geben?

Grünes Licht für die „radikale Umgestaltung“ erhielt er zunächst auf dem Plenum des Zentralkomitees im April 1985, dann auf dem XXVII. Parteitag der KPdSU im Februar/März 1986. In Wirklichkeit wollte die Oberschicht der Nomenklatura4 nur eine behutsame Erneuerung. Doch die Vordenker – die meschdunarodniki (die Internationalen) des ZK und der Diplomatie, die Ökonomen der Wissenschaftszentren in Sibirien und Moskau – hatten sehr viel kühnere Pläne. Sie wollten weit mehr als nur „ein bisschen Reformen“.

An die Rampe drängten damals Schriftsteller, Filmemacher, Dichter, Sänger und Journalisten, die „bittere Wahrheiten“ aussprachen, Tabus und Verbote brachen und herzzerreißende Appelle zum Umdenken mit der Hoffnung auf eine gerechtere Welt verknüpften. In dieser spannungsgeladenen, schmerzlichen und romantischen Atmosphäre überschlug sich die Begeisterung für „Glasnost“. Dissidenten wurden freigelassen. „Ein Volk findet seine Würde wieder“, sagte Gorbatschow. Das waren die Anfänge; sie dauerten bis 1988. Überall entstanden autonome soziale Initiativen – die nach 1991 wieder verschwanden.

Ein letzter Hauch von Utopie

Die Glasnost-Jahre ließen damals „alternative“ sozialistische, humanistische, ökologische Wertvorstellungen erblühen, doch von den „hundert Blumen“ überlebte einzig und allein die Handelsflora. Für manche waren diese Jahre ein letzter Hauch von Utopie vor dem Begräbnis aller Illusionen, für andere waren sie wie ein Befreiungsschlag – je nach Blickwinkel oder nach Inhalt des Geldbeutels. Im Rückblick erscheint die Perestroika, „politisch korrekt“ betrachtet, als ein Wartesaal, in dem die Dichter dem Publikum die Zeit vertrieben, bevor sich alle auf das neue Flaggschiff des Heil bringenden Marktes begaben.

Zwischen 1985 und 1987 agierten die Autoren der Zukunftsprosa noch unter ihren Masken – als „kommerzielle Vertreter“ des Komsomol, der autonomisierten Firmen, der privaten „Kooperativen“, der Joint Ventures, der mafiosen Netzwerke. Hier formierten sich die künftigen Oligarchen des Finanzkapitals, die sich bald Stützpunkte auf Zypern, in Gibraltar oder in der Schweiz schaffen sollten.

Hinzu kamen die Einwirkungen von außen. US-Präsident Ronald Reagan initiierte seiner „Strategischen Verteidigungsinitiative“ (SDI) gegen das „Reich des Bösen“ mit dem Ziel, die Sowjetmacht in die Knie zu zwingen. Das US-Außenministerium, die CIA, der Kongress, Radio Free Europe, Radio Swoboda und zahllose Stiftungen verschrieben sich dem Kampf gegen den Kommunismus. 1983 bereits entstand Endowment for Democracy – eine der Institutionen, die in jüngster Zeit die „Revolutionen“ in Georgien, der Ukraine und Kirgisien beeinflusst haben. Dissidenten erhielten finanzielle wie moralische Unterstützung, darunter die polnische Solidarność-Bewegung und, nach dem ausgeklügelten Konzept des Globalstrategen Zbigniew Brzezinski, der afghanische Widerstand mit seinen „islamistischen“ Netzwerken. Nicht zu vergessen die historische Rolle von Papst Johannes Paul II. und alle, die sich sonst noch an der „Front“ versammelten: Die antikommunistische Weltliga (WACL), die Liga der „antibolschewistischen“ Nationen (in der sich die nationalistischen Emigranten aus dem Baltikum und der Ukraine betätigen), die Moon-Sekte und andere Gruppierungen der strammen Rechten.

Auch die Medien mischten mit in diesem Kalten Krieg, der sich am Konflikt um die Mittelstreckenraketen entzündete. Die UdSSR wurde verteufelt: Ein „Orwell’sches System“, „die größte Großmacht aller Zeiten“, die den Planeten zu verschlingen drohe, eine „totalitäre“ Gesellschaft und Kultur, in der keine Veränderungen vorstellbar seien. Und die Geschichte vom „Reformer“ Gorbatschow wurde als eine Erfindung von KGB-Agenten hingestellt. Doch die „Illusion“, von der die Journalisten sprachen, zog rasch liberale Wirtschaftsberater an: Der Ökonom Anders Åslund (der gemeinsam mit Jeffrey Sachs und dem Internationalen Währungsfonds die Reformen der Ära Jelzin entwarf) war schon ab 1984 in der UdSSR, der Finanzier George Soros gründete 1987 in Moskau seine erste Stiftung – zwei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer. Doch letzten Endes waren es – jenseits der Ideen oder der einflussreichen Leute – an allererster Stelle die materiellen Gegebenheiten, die einen Wandel unabdingbar gemacht hatten.

Zunächst zeigte sich, dass die Rohstoffe nicht „unerschöpflich“ sind. Die Ölförderung stagnierte, während zugleich weltweit die Preise sanken. Die Binnenpreise lagen bei 20 Prozent des Weltniveaus. Selbst die sozialistischen Bruderländer wurden mit Öl weit unterhalb des internationalen Preisniveaus beliefert. Die mehrheitlich in Russland gelegenen Unternehmen sollten für den Export produzieren und möglichst hohe Devisenbeträge realisieren.

Des Weiteren zeigte sich, dass Modernisierungsinvestitionen dringlich, aber schwer zu machen waren. Das lag zum einen an dem US-Embargo – vor allem nach dem Jackson-Vanik-Amendment von 1975, das erweiterten Handel vom Auswanderungsrecht der sowjetischen Juden abhängig machte –, zum anderen an der Weigerung, sich dem ausländischen Kapital zu öffnen.

Doch nicht nur die Devisen, auch die Arbeitskräfte wurden knapp. Der Wanderungsstrom vom Lande in die Städte (93 Millionen Menschen zwischen 1926 und 1979) war versiegt. In den slawischen Republiken ging das Bevölkerungswachstum zurück, während es in den muslimischen Republiken zunahm (wo allerdings gleichzeitig Unterbeschäftigung herrschte).

Der Traum vom sibirischen Far East rückte in weite Ferne, für Großprojekte wie die neue transsibirische Baikal-Amur-Magistrale (BAM) gab es nicht genügend Arbeiter und Devisen. Es gab keine Migration mehr, weder von West nach Ost noch umgekehrt. Die Romantik der Pioniere war vorbei, und auch hohe Löhne zogen kaum noch Menschen an.

Die „Schattenwirtschaft“, unkontrollierte Handels- oder Tauschgeschäfte, Plünderung des öffentlichen Eigentums und Schwarzarbeit brachten die Planwirtschaft aus dem Gleichgewicht. Diese „informelle“ Welt wurde von clanartigen kriminellen Netzwerken kontrolliert, die den Sowjetstaat auflösten und später Jelzins Russland „kolonisierten“.5 Schließlich war der von den USA angeheizte Rüstungswettlauf finanziell nicht mehr durchzuhalten, zumal der technologische Vorsprung der Amerikaner, wie das SDI-Programm zeigte, uneinholbar war.

Kurz, das Modell der extensiven Entwicklung war am Ende. Das System konnte die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mehr beherrschen. Auch im internationalen Wettbewerb war ihm die Luft ausgegangen: Kuba und kommunistische oder antiimperialistische Bewegungen konnten nicht mehr unterstützt werden.

Dennoch war die Sowjetunion im Jahr 1985 keineswegs das „Obervolta mit Atomraketen“, wie einige behaupten, die Moskau damals in die Klemme brachten. Die Wirtschaft war sowohl im primären Sektor (Kohle-, Stahl- oder Brennstoffproduktion) wie im technologischen Bereich hoch entwickelt. Es gab erfolgreiche Raumfahrt- und Nuklearprogramme, Grundlagenforschung, gut ausgebildete Ingenieure und Schulbildung für alle. Die Flugzeuge, Raketen, Waffensysteme, Werkzeug- und Landwirtschaftsmaschinen, die Getreideproduktion, die Bücher und Filme, die Forschungszentren und renommierten Lehrstätten für Mathematik, Physik und Agronomie – das alles war keineswegs „fiktiv“.

Ein einheitliches Elektrizitätsnetz versorgte 220 (der 280) Millionen Einwohner. Über 800 Städte besaßen Großheizwerke für ihr kommunales Heizsystem. In den 1980er-Jahren waren 48 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in der Industrie beschäftigt, gegenüber 30–35 Prozent in den 1950er-Jahren, die Mehrheit der sowjetischen Bürger lebte also in Städten,6 auch wenn die Lebensformen in den Kleinstädten nach wie vor ländlich waren. Das Konsumniveau, die Technisierung der Haushalte und neue Freizeitangebote ließen die bescheidenen Verhältnisse der Nachkriegszeit vergessen.7

Die frustrierte Konsumgesellschaft

Doch trotz der materiellen Verbesserungen war die Stimmung schlecht, was sich etwa in den Werken der Schriftsteller und Filmemacher, der Sänger und Rockmusiker ausdrückte. Zwar gab es soziale Sicherheiten, kostenlose Bildungseinrichtungen, eine medizinische Grundversorgung, und die Bürger hatten Anspruch auf billige Verkehrsmittel, Wasser-, Wärme- und Stromversorgung. In Lauf der 1970er-Jahre überwanden auch die ländlichen Gebiete ihre Jahrzehnte währende materielle und soziale Unterentwicklung. Auch die Dorfbewohner erhielten jetzt Ausweise, die ihnen freies Reisen innerhalb der Sowjetunion gestatteten. Ausdruck dieses Modernisierungsprozesses waren auch die größere soziale Mobilität und das wachsende Interesse an Literatur, Kunst und Forschung.8

Aber die Fortschritte im Sozial- und Gesundheitsbereich gerieten ins Stocken. Die durchschnittliche Lebenserwartung – die 1923 noch bei 34 Jahren lag – war 1965 auf 64,6 für Männer und 73,3 Jahre für Frauen gestiegen, also etwa auf das Niveau Westeuropas. In der Folgezeit stagnierte sie jedoch oder sank sogar, ehe sie bis 1987 (nach einer Antialkoholkampagne; Anm. d. R.) noch einmal anstieg (65 und 74,9), um dann aber in den 1990er-Jahren wie viele andere Indikatoren im Gesundheitsbereich abzustürzen. In der Summe führten die sinkenden Geburtenraten und die starke Zunahme der Mortalität zu einem absoluten und unaufhörlichen Bevölkerungsschwund.9

Schon unter Breschnew hatte sich der Lebensstil „verwestlicht“. Das zeigte sich in der Freizeitkleidung und im Drang nach westlichen Waren, aber auch im Zerfall des traditionellen, noch bäuerlich geprägten Gemeinschaftslebens. Was dafür entstand, war eine (frustrierte) Konsumgesellschaft, die von den Erfolgen des Westens völlig fasziniert war. Doch die (schlecht) administrierte Wirtschaft litt auch noch unter spezifischen Belastungen, etwa dem überproportionalen Gewicht von Bergbau und Schwerindustrie, den Entwicklungsrückständen im agroindustriellen Bereich, in der Chemieindustrie, der Elektronik und der Computerisierung. Wobei diese Planwirtschaft auch noch die Umwelt auf dieselbe unverantwortliche Weise schädigte, wie man es in den westlichen Industriegebieten in den 1930er- bis 1950er-Jahre erlebt hatte.10

Ein weiterer Indikator illustriert, wie sich der Rückstand vergrößerte: Bei den Exporten sank der Anteil an Maschinen und technischem Gerät von 20 Prozent in den 1960er-Jahren auf 15,5 Prozent im Jahr 1987, während der Anteil der Brennstoffe und Energieträger von 20 auf 60 Prozent anstieg.11

Glasnost brachte die Befunde der Ökonomen unters Volk: abnehmende Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts und der Arbeitsproduktivität, sinkende Erträge des investierten Kapitals, immer mehr unvollendete Infrastrukturprojekte, Rückstände in der komplexen Mechanisierung, der Automatisierung, der Computerisierung. So gab es in der UdSSR 1987 ein paar zehntausend PCs, in den USA dagegen 17 Millionen. Der Anteil an veralteter technischer Ausstattung nahm stetig zu, und das war nur der Anfang.12 Hinzu kamen die ökologischen Katastrophen: altbekannte wie die Belastung der Wolga und des Baikalsees oder die Austrocknung des Aralsees, aber auch unvorhergesehene wie Tschernobyl 1986.

Mit der Zeit erreichte die Krise das „Herz des Systems“. Die Wirtschaftsexperten konstatierten eine „Krise der Arbeit“ mit den Symptomen geringe Produktivität, Absentismus, „Krankfeiern“, ständige Zigarettenpausen, gewerkschaftliche, sportliche und kulturelle Aktivitäten während der Arbeitszeit. Als Gründe für diese Krise wurden genannt: fehlende materielle Anreize, nivellierte Löhne, aufgeblähte Belegschaften und unkündbare Arbeitsplätze. Man ging davon aus, dass 10 Millionen der 131,5 Millionen Erwerbstätigen an ihrem Arbeitsplatz „überzählig“ waren, während anderswo die Arbeitskräfte fehlten, denn 25 Prozent der Stellen waren unbesetzt.

Die Prinzipien der „wissenschaftlichen Betriebsführung“, des Taylorismus, führten in der Sowjetunion so wenig zum Erfolg wie der Fordismus. Denn auch ein höherer Verdienst blieb als Anreiz zur Produktivitätssteigerung unwirksam, solange das entsprechende Angebot an Konsumgütern fehlte. Die Menge der produzierten Waren hatte sich von 1971 bis 1985 verdoppelt, die des Geldes dagegen verdreifacht. Die Wahl des Arbeitsplatzes erfolgte häufig nicht nach der Bezahlung, sondern danach, was das Unternehmen in puncto Wohnung sowie Krippen- und Kindergartenplätze zu bieten hatte.

Das Scheitern des sowjetischen Taylorismus

Bei diesen sozialen Kräfteverhältnissen war die Arbeitgeberseite im Nachteil. 1985 forderten die Unternehmen das Recht, Arbeitskräfte zu entlassen, und setzten durch, dass die 1984 konzipierte Reform zur stärkeren Berufsorientierung in den weiterführenden Schulen beschleunigt umgesetzt wurde. Seit den Reformen von Kossygin im Jahr 1965 hatten technokratische Eliten leise, aber deutlich Schritte in Richtung eines „heimlichen Kapitalismus“ gefordert: Orientierung an Profit und Rentabilität, eine flexiblere, weniger zentralisierte Lohnpolitik, einen Arbeitsmarkt und die Offenlegung der tatsächlichen Arbeitslosigkeit. Man wollte auch ein Management nach amerikanischem Vorbild, mit Chefs, die wirklich das Sagen haben, das Recht auf persönliche Bereicherung, freien Wettbewerb und kommerzielle Werbung, Arbeitserlaubnis für Kinder und Jugendliche, ein Ende der sozialen Absicherung, die Öffnung der Grenzen und so weiter.

Damals bestand die Gesellschaft zum allergrößten Teil aus Lohnabhängigen.13 Das Ende des Wachstums bedeutete auch das Ende der sozialen Aufstiegschancen. Diese Karriereblockade der Manager wurde nur durch die Aussicht aufgelockert, dass man Eigentum erwerben und sich neue Quellen persönlicher Vermögensbildung erschließen konnte. Doch die Masse der Arbeiter, die sich von den Verheißungen der Selbstverwaltung oder des kollektiven Eigentums getäuscht sah, blieb von der großen Umverteilung der gesellschaftlichen Güter faktisch ausgeschlossen. Die sowjetische „Mittelklasse“ (Lehrer, Ingenieure, Ärzte, Forscher), die zwar nicht übermäßig viel verdiente, aber durch die sozialistische Ideologie (mit ihrer Überbewertung der Kultur) symbolisch privilegiert war, gehörte zu den Schichten, die durch den Markt am schwersten ruiniert wurden. Dagegen entwickelten sich die neuen Geschäftsleute, die Medienintellektuellen und die modernistische Nomenklatura zur gesellschaftlichen Basis des Neoliberalismus.

Die Reformen von 1986 bis 1988 schufen in den Betrieben und Kooperativen Raum für private Initiativen. Für die Schattenwirtschaft ergab sich damit die Chance zu Geldwäsche und neuen Finanzeinlagen, die sich am Ende dank der Zerschlagung des staatlichen Außenhandelsmonopols in irgendwelche Offshore-Steueroasen verflüchtigten. Das sowjetische Territorium wurde ausgeplündert, das Land zerfiel. Die Mannschaft um Jelzin propagierte die Auflösung der Sowjetunion und schürte so die vorhandenen nationalistischen Tendenzen. Unter diesen Bedingungen erfolgte der irreversible Bruch, von dem die russischen Eliten profitierten: durch die Freigabe der Preise, durch eine umfassendere Privatisierung und durch die private Aneignung der Profite aus dem Ölgeschäft. Die Barrieren von 1985 brachen endgültig zusammen. Es begann die Zeit der stimulierenden Ungleichheiten, es begann der Run aufs Geld und der Kampf ums Überleben. Und man setzte auf eine jungen Generation, „die es wissen will“.

Die Metamorphose der Nomenklatura

Die „Krise der Arbeit“ erledigte sich auf andere, brachiale Weise: Die meisten Arbeiter wurden sozial deklassiert und zur „Flexibilität“ gezwungen. Eine Werbung des Moskauer Business Journal aus dem Jahr 2004 fasste die neue Arbeitsdoktrin mit einem Spruch von Henry Ford d. Ä. zusammen: „Es gibt zwei Mittel, die Leute zum Arbeiten zu bringen: entweder man setzt auf den Anreiz des Lohns oder auf die Angst vor dessen Verlust.“14

Der entscheidende Faktor für den Umschwung war die Metamorphose der Nomenklatura, die heute gemeinsam mit den neuen, von den Machtzentren geförderten biznismeni die besitzende Klasse bildet. Gab es eine Alternative zum Zusammenbruch des Systems und der Auflösung der UdSSR? Der Historiker Wiktor Danilow, ein herausragender Spezialist für die Kollektivierung der 1930er-Jahre, bestreitet die These von der Zwangsläufigkeit: „Es gab keinen Zusammenbruch der UdSSR, weder der Wirtschaft noch der Gesellschaft, also keinen ‚Krach‘, zumindest nicht bis zum Herbst 1988. Es waren egozentrische Interessengruppen, die das Chaos herbeigeführt haben.“

Andere Kritiker, die man als Keynesianer bezeichnen könnte, sind der Meinung, Gorbatschow habe die Gelegenheit eines graduellen, staatlich kontrollierten Übergangs verpasst, den Ökonomen wie Abel Aganbegjan, Leonid Abalkin oder Nikolai Petrakow ihm noch 1988 empfohlen hatten. Es wäre eine lange Übergangszeit von zehn bis fünfzehn Jahren geworden. Man hätte behutsam Marktmechanismen einführen können, ohne den Staat und die sozialen Sicherheiten der Sowjetunion zu gefährden. „Die Perestroika stand noch hoch im Ansehen, die Stimmung war optimistisch, die UdSSR existierte. Die demokratischen Kräfte waren in der Vorderhand. Außerdem hätte Gorbatschow seine gesellschaftliche Basis durch die Schaffung einer neuen kommunistischen Reformpartei erweitern können.“15

Doch dank der von Egor Gajdar und seinen Beratern Anders Åslund und Jeffrey Sachs verordneten „Schocktherapie“ kam alles anders. Eine Geschichte der Perestroika müsste Licht in die Abfolge der Reformen und politischen Entscheidungen bringen, die auf diesen „Ausgang“ hingewirkt haben. Ein weiterer Faktor war der internationale Druck. Die Auslandsschulden waren in den Jahren von 1985 bis 1989 von 28,9 auf 54 Milliarden Dollar angewachsen. 1990/91 verwiesen die G 7 und der Weltwährungsfonds auf den Weg, den Moskau einzuschlagen habe. Damals wurden genau jene Privatisierungen empfohlen, deren Legitimität heute weithin angezweifelt wird. Präsident Jelzin akzeptierte die konditionierten Kredite, womit die russische Regierung praktisch unter Vormundschaft gestellt war. Der „Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaft“ hatte endgültig begonnen.

Die Umverteilung der Reichtümer und der Macht, ihre inegalitäre und konfliktträchtige Dynamik führten – vor dem Hintergrund des Zerfalls der Union und der Öffnung des sowjetischen Raums für auswärtige Interessen – zu Krisen ganz neuer Art, die sich heute, zwanzig Jahre nach 1985, weiter verschärfen. Die „Revolutionen“ in der Ukraine, in Transkaukasien oder in Zentralasien erscheinen als das „zweite Echo“ der Perestroika. Sie stellen zum einen die Fortsetzung des Zerfallsprozesses dar, zum anderen aber das Resultat neuer Konstellationen, die zu Spannungen führen, die wiederum von den westlichen „Demokratieverkündern“ geschickt ausgenutzt werden.

Aber wer hätte gedacht, dass die sowjetische Führung tatsächlich schon seit 1985 vom Kapitalismus „unterwandert“ war? In einem Memorandum an Gorbatschow empfahl Jakowlew, der Chefideologe der KPdSU, am 3. Dezember 1985 die Wiedereinführung der Marktwirtschaft: Die Eigentümer müssten zu „Trägern von Freiheiten“ werden, die Abläufe der Wirtschaft müssten „in Verbindung mit den Banken“ geregelt werden, ein Kapitalmarkt müsse entstehen – und der Monopolanspruch der Partei müsse abgeschafft werden. Für Jakowlew, den „Architekten der Perestroika“, war die KPdSU zu diesem Zeitpunkt zu einer Art „Schwertträgerorden“ degeneriert.16

Fußnoten: 1 Abel Agambegian in „Prawda“, 14. Februar 1982. 2 Nikolai Ryschkow, „Perestroika: istoria predatelstv“, Moskau (Novosti) 1992. 3 Auf Vorschlag von Außenminister Andrei Gromikow, dem letzten „historischen Führer“, was Gorbatschow einhellige Zustimmung sicherte. 4 „Nomenklatura“ meint nur die oberste Schicht der Führungskräfte und nicht etwa die gesamte Bürokratie oder Intelligenzia. 5 Siehe Nadine Marie-Schwarzenberg, „La Russie du crime“, Paris (PUF) 1997. 6 Unter anderem natürlich auch in halbländlichen Ballungsräumen und „Land“-Städten. 7 Siehe dazu Basile Kerblay, „La société soviétique contemporaine“, Paris (Armand Collin) 1980. 8 Zur Modernisierung der Sowjetunion, sieh Moshe Lewin, „Le siècle soviétique“, „Le Monde Diplomatique“/Fayard, Paris 2003. 9 Vgl. Claude Cabanne und Elena Tchistiakova, „La Russie. Perspectives économiques et sociales“, Paris (Armand Colin) 2002. 10 Vgl. „Du communisme fictif au capitalisme réel“, in: „Les conflits verts“, Brüssel (GRIP) 1992. 11 Abel Aganbegjan, „Soulever les montagnes. Pour une révolution de l’économie soviétique“, Paris (Laffont) 1989. 12 Zwanzig Jahre später fällt die Diagnose noch düsterer aus: Technische Geräte, Infrastruktur, öffentliche Verkehrsmittel, Wohnungen, alles ist hoffnungslos veraltet. 13 Auf dem Land muss man unterscheiden zwischen den landwirtschaftlichen Lohnarbeitern der Staatsbetriebe und den Halbangestellten der Kooperativen, die von ihrem Familienbetrieb und von Entlohnung in Geld und Naturalien oder von Sozialbeihilfe leben. 14 „Izwestija“, Moskau, 28. Dezember 2004. 15 I. Kosals und R. V. Ryvkina, „Sotsiologiia perekhoda k rynku v Rossii“, Moskau (Edition URSS) 1998. 16 Alexander Jakowlew, „Gorkaia Tchacha“, Verkhne-Volzhkoie Izdatelstvo, Jaroslaw 1994. Deutsch von Grete Osterwald Jean Marie Chauvier lebt als Journalist in Brüssel.

Le Monde diplomatique vom 10.06.2005,