Die traurige Geschichte des Messali Hadj

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Die traurige Geschichte des Messali Hadj - von Alain Ruscio

Die traurige Geschichte des Messali Hadj

Der vergessene Vater der algerischen Unabhängigkeitsbewegung von Alain Ruscio

Es gibt ein ungelöstes Rätsel in der Geschichte des algerischen Nationalismus: Wie konnte es dazu kommen, dass sein Begründer, Ahmed Mesli, genannt Messali Hadj, von seinen geistigen Söhnen verleugnet und am Ende sogar bekämpft wurde, obwohl er doch der Erste war, der nicht mehr nur den Umbau des Kolonialsystems forderte, sondern zum Kampf für die Unabhängigkeit aufrief? In Tunesien und Marokko sind mit Habib Bourguiba und Mohammed Ben Youssef zwei Namen fest im kollektiven Gedächtnis verankert, während um Messali Hadj bis heute ein Geheimnis gemacht wird.

Im Frühjahr 1926 entstand auf Initiative der Kommunisten die Bewegung Étoile Nord-Africain (Nordafrikanischer Stern, ENA), die sich an Frankreichs „koloniale Arbeiter“ wandte. Der Hauptverantwortliche im Kolonialausschuss der französischen KP war damals Abdelkader Hadj Ali, dem jüngere Aktivisten, darunter Messali Hadj, zur Seite standen.1 Im Jahr darauf wurde Messali schon nach Brüssel entsandt, wo er auf dem Kongress der „Liga gegen Imperialismus und für die nationale Unabhängigkeit“ das Programm des Sterns vorstellen sollte. Es war das erste Mal, dass ein Redner auf internationaler Bühne die Unabhängigkeit Algeriens und der Protektorate Tunesien und Marokko forderte: „Die Unabhängigkeit eines der drei Länder kann nur dann erreicht werden, wenn seine Befreiungsbewegung auch von den anderen beiden Ländern unterstützt wird.“2

Der Stern verzeichnete wachsenden Zulauf, vor allem durch die in Frankreich lebenden Algerier. Bereits Ende der 1920er Jahre kam es zu ersten Unstimmigkeiten zwischen Kommunisten und „Etoilisten“. Die Führung um Messali Hadj wollte aber den offenen Konflikt mit der KPF unbedingt vermeiden. Die französischen Kommunisten erhofften sich wiederum von dieser Beziehung Vorteile für ihre eigene Strategie. Das änderte sich – auf beiden Seiten – mit der Bildung der Volksfrontregierung (Front populaire) von 1936.3 Ab diesem Moment konzentrierten sich die Kommunisten nur noch auf Frankreich, und der internationalistische Anspruch der Partei trat in den Hintergrund.

Mit der Regierungsübernahme des Front populaire kristallisierten sich die unterschiedlichen Vorstellungen klar heraus. Was den Umgang mit den Kolonien betraf, so hielt sich die französische Linke an einen vorsichtigen Reformkurs. Sogar der zaghafte Blum-Viollette-Plan schaffte es nie bis ins Parlament: Maurice Viollette, der ehemalige Gouverneur von Algerien, und Premierminister Léon Blum wollten 25 000 bis 30 0000 Algeriern die Möglichkeit eröffnen, die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen, ohne ihren muslimischen Status im kolonialen Algerien aufgeben zu müssen.4

Es war die KPF, die 1939 den Begriff der „Nation im Werden“ prägte. Nach diesem Konzept, das sich als vollkommen unangemessen erwies, sollte die neue Nation aus europäischen und berberarabischen Bevölkerungsgruppen gebildet werden. Die Programmatik der Etoilisten hingegen änderte sich nicht, sie hielten an der Überzeugung fest, dass das algerische Volk in erster Linie auf die eigenen Kräfte bauen müsse. „Meine Brüder, ihr dürft euch jetzt nicht auf die faule Haut legen und glauben, der Kampf sei zu Ende: Er hat gerade erst begonnen“, warnte Messali Hadj.

Was folgte, war eine zuerst verhaltene und dann offene Kampagne gegen die Etoilisten. Mit Verweis auf die Gesetze gegen „aufrührerische Vereinigungen“ zerschlug die Regierung unter Léon Blum den Nordafrikanischen Stern am 26. Januar 1937. Robert Deloche, der innerhalb der KPF mit der Algerienfrage betraut war, verteidigte die Maßnahme in der Zeitung L’Humanité vom 12. Februar; damit war der Bruch endgültig vollzogen.

Messali Hadj und seine Anhänger gründeten daraufhin die Parti du Peuple Algérien (Partei des algerischen Volkes, PPA), die, anders als der Nordafrikanische Stern, auch in Algerien aktiv war. Nicht lange danach, am 27. August 1937, wurde Messali festgenommen, man warf ihm die „Wiederherstellung einer aufgelösten Organisation“ vor. Nach diesem Prozess nach dem Muster kolonialer Tradition begann für Messali Hadj ein anderes Leben: Von den 37 Jahren zwischen August 1937 und seinem Tod im Juni 1974 verbrachte er 22 Jahre entweder im Gefängnis oder unter Hausarrest, je nach Gutdünken der Regierung; zuerst unter der ausgehenden Dritten Republik, dann unter dem Vichy-Regime und zuletzt unter der Vierten und Fünften Republik.

Wettbewerb der Freiheitskämpfer

Während des Zweiten Weltkriegs wies Messali Hadj alle Avancen zurück, die Nazideutschland den nationalistischen Bewegungen in den kolonialisierten Ländern machte, was seine moralische Autorität wachsen ließ. Beim Sturz des NS-Regimes kam es dann zu einer verhängnisvollen zeitlichen Koinzidenz: Ausgerechnet am 8. Mai 1945 wurde in der nordalgerischen Region Constantine eine Demonstration für die Unabhängigkeit, die zeitgleich zur Feier des alliierten Sieges stattfand, brutal niedergeschlagen.5 Das Massaker, das mehrere tausend Tote forderte, blieb für die nationalistische Bewegung Algeriens nicht ohne Folgen: Für die Aktivisten der jungen Generation war dieser Tag der Beginn des Algerienkriegs.

Das Gebot der Stunde war nun die Vorbereitung auf den bewaffneten Kampf. Messali Hadj, der nicht mehr in Algerien lebte, hielt dagegen am klassischen Ansatz fest, dass sich zuallererst das gesellschaftliche Bewusstsein ändern müsse. Die Aufrufe zum Aufstand hielt er für „Angeberei“ und „dummen Linksextremismus“.6

1954 führten diese Konflikte innerhalb der algerischen Unabhängigkeitsbewegung zur Spaltung, und die Autorität von Messali Hadj, Gründer und Präsident der PPA, wurde infrage gestellt. Innerhalb der Nachfolgepartei der PPA, die 1946 von den französischen Behörden aufgelöst worden war und nun „Bewegung für den Sieg der demokratischen Freiheiten“ (Mouvement pour le triomphe des libertés démocratiques, MTLD) hieß, verlief der Graben zwischen den Messalisten und Zentralisten – so genannt, weil sie im MTLD-Zentralkomitee die Mehrheit stellten.

Unterdessen sagte sich eine kleine autonome Zelle der „Organisation spéciale“ (OS), des klandestinen Arms des MTLD, der den bewaffneten Kampf vorbereiten sollte, von beiden Lagern los. Auf der konstituierenden Sitzung des „Revolutionskomitees für Einheit und Tat“ (Comité révolutionnaire pour l’unité et l’action, CRUA) vom 23. März 1954 wurden schließlich die konkreten Schritte für den bewaffneten Aufstand besprochen. Kurz zuvor, im Februar, war Mustapha Ben Boulaïd, einer der neun Gründer des CRUA, an Messali herangetreten, um dessen Unterstützung zu gewinnen; der aber wies die Pläne dieser „Dilettanten“ verächtlich zurück. Heute wissen wir, dass er selbst – aber aus welcher Überzeugung heraus? – einen Aufstand um den 15. November 1954 ins Auge gefasst hatte.

Zwischen den beiden Fraktionen begann ein gnadenloser Wettbewerb, obwohl sie doch dieselben Ideale hatten und sehr ähnliche Strategien verfolgten; uneins waren sie nur hinsichtlich des Zeitplans. Dieses Problem hätte man vermutlich lösen können, doch die mögliche Einigung scheiterte an zwei Faktoren: In Frankreich ließ der offenbar gut informierte Innenminister François Mitterrand den unter Hausarrest stehenden Messali im September in ein neues Quartier verlegen: nach Sables-d’Olonne an der französischen Atlantikküste, was ihn nahezu völlig isolierte. Und in Ägypten, wo das CRUA seine Rückzugsbasis eingerichtet hatte, betrieb der seit dem Sturz von König Faruk am 23. Juli 1952 regierende Gamal Abdel Nasser die Entmachtung Messalis, der als weniger gefügig galt als die jungen Nationalisten. Unter Letzteren war auch Ahmed Ben Bella, der 1962 der erste Präsident des unabhängigen Algeriens wurde.

Der Aufstand begann am 1. November 1954. Ein neuer Name bestätigte den Bruch mit der Vergangenheit: Die von Ahmed Ben Bella im gleichen Jahr gegründete revolutionäre Partei nannte sich Nationale Befreiungsfront (Front de Libération Nationale, FLN). Auch Messali gründete mit der Algerischen Nationalbewegung (Mouvement National Algerien, MNA) eine neue Partei, die rasch als Konkurrent der FLN in Erscheinung trat. Damit begann eine der schmerzlichsten Episoden des algerischen Befreiungskampfs, denn ab 1956 wurde der Konflikt zwischen den verschiedenen nationalistischen Lagern innerhalb kürzester Zeit immer brutaler.

Die Historiker sind sich darin einig, dass es der FLN war, der die ersten Zusammenstöße provozierte, um den Messalisten ihre jahrzehntelange Vorherrschaft streitig zu machen. In Algerien attackierten FLN-Kämpfer die vermeintlichen Hochburgen des MNA, so zum Beispiel das Dorf Melouza, wo im Mai 1957 über 300 Menschen umgebracht wurden; und natürlich schlachtete die französische Propaganda das Massaker aus.

Trotz der Schwäche und Isolation Messali Hadjs stand in Frankreich die überwältigende Mehrheit der algerischen Einwanderer auf der Seite der Messalisten. Ab 1957 begann der FLN damit, die Parteiführer des MNA zu ermorden, um ihre Auffassung von der Revolution durchzusetzen. Am 1. September 1957 richtete Messali noch einen Appell an seine Widersacher („diese Morde und Verbrechen werden mit jedem Tag mehr, und dabei kämpfen doch alle Landsleute für dasselbe Ziel“)7 , kurz darauf schlug der MNA zurück.

Innerhalb des Algerienkriegs entflammte ein Bürgerkrieg, der bisweilen von der Kolonialmacht Frankreich noch geschürt wurde. Der Historiker Gilbert Meynier schätzt die Zahl der Opfer, die dieser Konflikt allein in Frankreich forderte, auf 4 000.8 Sie verteilten sich auf drei mehr oder weniger gleich große Gruppen: ein Drittel MNA-Mitglieder, die der FLN auf dem Gewissen hat, ein zweites Drittel in der umgekehrten Konstellation und das letzte Drittel Algerier, die sich weder dem Befehl des einen noch des anderen Lagers unterordnen wollten.9

Die Messalisten unterlagen in Algerien 1957 und in Frankreich drei Jahre später. Aus Mangel an Kämpfern musste sie ihre Aktionen einstellen; der FLN hatte seinen Alleinherrschaftsanspruch durchgesetzt. Als die Regierung de Gaulle 1959 beschloss, Messali Hadjs Exil zu beenden, war dieser ein gebrochener Mann; er zog sich in ein kleines Haus in Chantilly im Pariser Umland zurück. Sein Überleben verdankte er wahrscheinlich auch noch der diskreten Protektion durch eben jenen Staat, der zur gleichen Zeit einen vernichtenden Krieg gegen das algerische Volk führte.

Messalis politisches Denken ruhte stets auf zwei Säulen: dem Kampf für die Unabhängigkeit und dem Erhalt der Solidarität zwischen den drei Völkern des Maghreb – zuerst im Kampf, und dann in der wiedergewonnenen Freiheit. 1962 war er mit gutem Grund verbittert. Zwar hatte Algerien seine Unabhängigkeit erkämpft, aber der Preis dafür war die Isolation. Das Algerien, von dem er geträumt hatte, ein von einer starken Arbeiterbewegung getragenes Land, das auf die in der Immigration und den politischen Kämpfen gesammelte Erfahrung zählen konnte, blieb Fantasie. Er musste mit ansehen, was er vermutlich schon lange gefürchtet hatte: Eine militärbürokratische Kaste riss die Macht in Algier an sich, und diese Entwicklung verstärkte sich noch nach dem Staatsstreich von Houari Boumedienne im Juni 1965.

Die offizielle Geschichtsschreibung in Algerien feierte nur die neuen Herren; den grundlegenden Beitrag des Messalismus zur Nationalbewegung ignorierte sie. Messali Hadj hatte von der Einheit der drei Länder des Maghreb geträumt; auch daraus ist nichts geworden. Nach ihrer Unabhängigkeit gingen Bourguibas Tunesien, Mohammed Ben Youssefs Marokko und Ben Bellas Algerien getrennte Wege und bekämpften sich mitunter sogar. Messali Hadj starb am 3. Juni 1974 im französischen Gouvieux; Algerien hat er nie wiedergesehen.

Fußnoten: 1 Siehe Messali Hadj, „Mémoires, 1898–1938“, hg. von Renaud de Rochebrune und Jean-Claude Lattès, Paris 1982; und Benjamin Stora, „Messali Hadj“, Paris (Hachette) 1982. 2 L’Ilkdam, Oktober 1927, zitiert von Mahfoud Kaddache in „Histoire du nationalisme algérien“, Bd. 1, Paris/Algier 2003. 3 Die Volksfront (Front populaire) war ein linkes Parteienbündnis, das Frankreich in den Jahren 1936 bis 1938 regierte. 4 Bis 1947 waren die „indigenen“ muslimischen Algerier keine französischen Staatsbürger und unterlagen dem Recht des „Code de l’indigénat“. 5 Siehe Mohammed Harbi, „8. Mai 1945 in Sétif. Von den Anfängen des Algerienkriegs“, Le Monde diplomatique, April 2005. 6 Stora, „Messali Hadj“, siehe Anm. 1. 7 Stora, siehe Anm. 1. 8 Gilbert Meynier, „Le FLN. Documents et Histoire 1954–1962“, Paris (Fayard) 2004. 9 Paul-Marie Atger, „Le Mouvement national algérien à Lyon. Vie, mort et renaissance pendant la guerre d’Algérie“, Vingtième Siècle, Nr. 104, Oktober/Dezember 2009. Aus dem Französischen von Barbara Schaden Alain Ruscio ist Historiker. Von ihm erschien unter anderem „Le credo de l’homme blanc. Regards coloniaux français XIXe–XXe siècles“, Brüssel (Complexe) 2002.

Le Monde diplomatique vom 08.06.2012, von Alain Ruscio

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