11.08.2022

Kaliforniens grüne Atomkraftfans

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Kaliforniens grüne Atomkraftfans

In Belgien wird die Laufzeit von AKWs um zehn Jahre verlängert. Die EU adelt neue Atommeiler zu „klimafreundlichen“ Helfern in der Not. Die Klimakrise macht Atomkraft offenbar zur großen Versuchung. Sogar im seismisch gefährdeten Kalifornien kämpfen bekennende Grüne gegen die Stilllegung des letzten AKWs.

von Maxime Robin

Rufai Zakari, Sitting with Hope, 2021, 205 × 262 cm
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Für Umweltschutz sein und Atomenergie gut finden – für Heather Hoff ist das kein Widerspruch. Für sie gehört beides einfach zusammen. Die 43-jährige Mutter fährt leidenschaftlich gern Fahrrad, wandert, besitzt ein gebrauchtes Elektroauto. Und arbeitet als Reaktoroperatorin in der Diablo Canyon Power Plant. Das ist das letzte noch in Betrieb befindliche Atomkraftwerk Kaliforniens, das nach dem Willen der kalifornischen Regierung 2025 vom Netz gehen soll.

Das AKW Diablo Canyon liegt auf halbem Weg zwischen San Francisco und Los Angeles, direkt an der Pazifikküste, inmitten einer friedlichen Landschaft von Hügeln und Tälern, wo braune Kühe weiden. In dieser Postkartenidylle produzieren zwei Reaktoren auf einer Fläche einer großen Farm 10 Prozent des kalifornischen Stroms und mehr als die Hälfte des CO2-neutral produzierten Stroms.

Heather Hoff kämpft für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes – gegen den Willen ihres Arbeitgebers Pacific Gas & Electric (PG&E) – und für die Wiederbelebung der Atomenergie in den USA. Sie sieht sich als „ultimative Umweltschützerin“, auch wenn sie damit einem seit 50 Jahren behaupteten Grundprinzip der Umweltbewegung widerspricht. „Ich könnte nichts Sinnvolleres für die Umwelt tun“, findet sie. „Als Jugendliche wollte ich für die Rettung von Walen kämpfen und für den Erhalt natürlicher Lebensräume. Aber die Unterstützung von Atomkraft bewirkt indirekt dasselbe.“

Wir treffen uns in einer Bar in San Luis Obispo, der dem Atomkraftwerk am nächsten gelegenen Stadt. Hoff trägt einen Anhänger um den Hals, der aus Thorium, einem fluoreszierenden, schwach radioaktiven Metall ist. Auch selbst produzierte Sticker hat sie dabei, die man auf Laptop oder Trinkflasche kleben kann. „I ♥ U235“ steht darauf. Ein anderer Sticker zeigt ein Herz, das von kleinen Elektronen umkreist wird. „Wenn man Atomkraftwerke schließt, werden sie durch fossile Brennstoffe ersetzt. Es hat eine Weile gedauert, zugegeben, bis mir das aufgegangen ist.“

Das AKW in der Teufelsschlucht

2016 stand die Entscheidung über eine Verlängerung der Betriebsgenehmigung für Diablo Canyon an, wie für alle Atomkraftwerke nach 40 Jahren Betrieb. Zur allgemeinen Überraschung einigten sich die Betreiberin PG&E und der Staat Kalifornien auf die Stilllegung. Da in Kalifornien die Regel gilt, dass bei der Stromerzeugung bevorzugt auf erneuerbare Energien zu setzen ist, wären die beiden Reaktoren von Dia­blo Canyon nur die halbe Zeit in Betrieb gewesen. Das aber hätte das Kraftwerk unrentabel gemacht, erklärte die PG&E, die ein privates, börsennotiertes Unternehmen ist.

Nach der Stilllegung von San Onofre 2013 geht mit Diablo Canyon das zweite und letzte kalifornische AKW vom Netz. Damit wird der Anteil von Atomstrom am Strommix des Bundesstaats, der 2013 noch bei 20 Prozent lag, 2025 auf null sinken. Bis dahin sollen die Kapazitäten bei den erneuerbaren Energien verdreifacht werden.

Kalifornien ist die Heimat der überaus umweltschädlichen IT-Branche mit Firmen wie Apple, Google, Meta (früher Facebook) und Uber und sieht sich gern als Avantgarde in Sachen Umweltschutz. In den letzten Jahren hat Kalifornien das Aus für die Atomenergie beschlossen und zugleich das Ziel festgeschrieben, ab 2045 für die Stromerzeugung auf fossile Energien zu verzichten. Das entsprechende Gesetz wurde 2018 verabschiedet; es verbietet zudem ab 2035 den Verkauf von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor, was zu einer massiv steigenden Stromnachfrage führen wird.

Hoff hält die Stilllegung ihres Kraftwerks für absurd, wenn der CO2-Ausstoß sinken soll, also der Strombedarf weiter steigt. Gemeinsam mit einer Kollegin, der Ingenieurin Kristin Zaitz, gründete sie am Earth Day (dem 22. April) 2016 die Organisation „Mothers for Nuclear“. Auf ihrer Website finden sich lauter Fotos von Frauen, die Atomkraft unerlässlich finden – im Kampf gegen die globale Erwärmung und für eine lebenswerte Zukunft ihrer Kinder.

Auf der Website werden die Vorteile ausführlich gewürdigt: CO2-freie Energieerzeugung, flexibel steuerbare Kapazitäten, begrenzte Flächennutzung. Das alles würde die Risiken bei Weitem überwiegen, behauptet Hoff penetrant und ereifert sich: „Kaum jemand kämpft für den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke, Umweltschützer am allerwenigsten. Dabei sollten doch gerade diejenigen, die sich wie wir für den Umweltschutz einsetzen, am ehesten dafür kämpfen.“

Was Sonnen- und Windenergie betrifft, so erkennt Heather Hoff deren Beitrag durchaus an, doch sie allein könnten wegen ihrer geringeren Energiedichte und ihrer ungleichmäßigen Produktion den gegenwärtigen Bedarf nicht decken, und den künftigen erst recht nicht. Die Physikprofessorin Jennifer Klay, eine der Aktivistinnen der Gruppe, sieht das auch so: „Wind- und Solarenergie sind großartig. Aber sie reduzieren die Nutzung fossiler Energieträger nur, wenn der Wind weht und die Sonne scheint; die Kernenergie dagegen kann fossile Brennstoffe rund um die Uhr ersetzen.“

Deshalb hält Klay das Konzept, Diablo Canyon zu schließen und zu versprechen, der Atomstrom sei kurz- bis mittelfristig zu 100 Prozent durch erneuerbare Energien ersetzbar, für magisches Denken. Hoff und ihre Mitstreiterinnen wünschen sich für den kalifornischen Strommix eine „solide nukleare Basis“, die zumindest in den Nebenzeiten den reduzierten Bedarf voll abdecken könnte. Der Rest soll von erneuerbaren Energien kommen: Wasser- und Windkraft, Sonnenenergie und Geothermie.

Als Mothers for Nuclear gegründet wurde – wohlgemerkt ohne Gelder von der Atomlobby –, war Atomstrom in Kalifornien kein Thema. Doch seitdem sind gerade hier die Folgen des Klimawandels in Form von Dürren und Waldbränden zu einer massiven Bedrohung geworden. Die Zweifel wachsen, dass die Abschaltung von Diablo eine gute Idee ist, und plötzlich erfährt die Gruppe viel Unterstützung.

Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Stanford University vom November 2021 wirkte wie eine verspätete Ini­tial­zün­dung. Sie kam zu dem Ergebnis, dass eine Laufzeitverlängerung der kalifornischen Atomkraftwerke um zehn Jahre den CO2-Ausstoß um 10 Prozent senken und damit auch die Abhängigkeit Kaliforniens von Gas reduzieren würde.1 In konkreten Zahlen: Ein Weiterbetrieb von Diablo Canyon bis 2045 würde bis zu 21 Milliarden US-Dollar an Kosten für das Stromnetz einsparen; zugleich könnte man 364 Quadratkilometer Land „retten“, die sonst für die Erzeugung erneuerbarer Energien genutzt werden müssten. Die Studie empfahl außerdem, die Energie von Diablo für den Betrieb einer Entsalzungsanlage zu nutzen, um den chronischen Trinkwassermangel in Kalifornien zu beheben.

Anfang Februar 2022 forderten 75 Wissenschaftler – darunter Steven Chu, Nobelpreisträger für Physik und Obamas Energieminister – in einem offenen Brief an den demokratischen Gouverneur Gavin Newsom, die Laufzeit des Atomkraftwerks zu verlängern. Sie argumentieren, die Bedrohung durch den Klimawandel sei „zu real und zu dringlich, als dass wir vorschnell handeln sollten“. Die Stilllegung von Diablo mache es „viel schwieriger und teurer, das Ziel zu erreichen, bis 2045 eine zu 100 Prozent kohlenstofffreie Stromversorgung zu erreichen“.

Tatsächlich waren nach der Abschaltung des Atomkraftwerks San Onofre im Jahr 2013 die CO2-Emis­sio­nen der kalifornischen Stromerzeuger um 35 Prozent angestiegen. Und da die Wasserkraftwerke wegen der chronischen Dürre weitgehend ausfielen, wurde die Nachfrage vor allem aus gasbetriebenen Kraftwerken gedeckt.2

Wassermangel, Waldbrände, marodes Stromnetz

In Washington gibt es zwar mit dem Nuclear Energy Institute eine Lobby der Stromversorger, die AKWs betreiben. Doch die setzen nicht allein auf die Atom-Karte, sondern zugleich auf Gas- und Kohlekraftwerke. „Ihre Haltung zur Atomenergie ist unklar“, erläutert der Energieexperte Edward Kee.3 Es handle sich weniger um eine schlagkräftigen Lobby als um einen Zusammenschluss von Unternehmen mit unterschiedlichen und manchmal widersprüchlichen Interessen.

Die Mothers for Nuclear bedauern die unklare Haltung der Atomindustrie und versuchen, die strategische Lücke zu nutzen – mit bislang bescheidenem Erfolg. Sechs Jahre nach ihrer Gründung hatte die Gruppe gerade einmal 5600 Follower auf Twitter. Das reichte immerhin, um Aufmerksamkeit auch in Europa zu erregen, wo es inzwischen einige kleine Ableger gibt. Im Juli 2022 reisten europäische Mothers for Nuclear nach Straßburg, um vor dem EU-Parlament für die Aufnahme von Atom- und Gasenergie in die Liste der „ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsaktivitäten“ zu demonstrieren. Was dieses Gremium dann – zum Missfallen der europäischen Umweltorganisationen – tatsächlich beschlossen hat.

In Kalifornien hatte die grüne Bewegung nicht immer gegen die Atomkraft opponiert. In den 1960er Jahren waren ihr AKWs lieber als Wasserkraftwerke, durch die Täler geflutet und Habitate der Wasserfauna zerstört wurden. Selbst Kohle galt damals als das kleinere Übel. Doch die grünen Posi­tio­nen änderten sich je nach Einschätzung der jeweils aktuellen Bedrohung.

Im Zuge der wachsenden Anti-Atomkraft-Bewegung in den 1970er Jahren schafften es gerade die kalifornische Umweltgruppen, den Ausbau der AKWs zu begrenzen. Das gelang auch in Diablo, wo zunächst sechs Reaktoren geplant waren. Dort kam es 1981 – zwei Jahre nach der Reaktorhavarie von Three Mile Island, Pennsylvania – zu einer Protestkundgebung, an der sogar buddhistische Mönche teilnahmen. Es war die größte Anti-Atomkraft-Demonstration, die jemals in den USA stattgefunden hat, 2000 Teilnehmende wurden damals festgenommen. Freilich sind die Atom­kraft­geg­ne­r:in­nen in die Jahre gekommen, wie man neulich bei einer Veranstaltung über Diablo am Altersdurchschnitt des Publikums sehen konnte.

Die Central Coast Region von Kalifornien war lange Zeit eine Art Schlaraffenland mit einem mediterranen Mikroklima, in dem Wein und Zitronen gedeihen. Hier baute in den 1920er Jahren der Zeitungsmagnat William Randolph Hearst (Vorbild für Orson Welles’ Citizen Kane) seinen legendären Palast, weit genug vom Moloch Los Angeles entfernt. Doch gerade jetzt erlebt Kalifornien wie schon seit Jahren einen extrem trockenen Sommer. Wegen dieser „Jahrtausenddürre“ musste der Wasserverbrauch stärker eingeschränkt werden als je zuvor. Mit der Hitze steigt der Stromverbrauch durch die Klimaanlagen, was zur Überlastung des Stromnetzes führt, vor allem in den Abendstunden, wenn die Solaranlagen nichts mehr hergeben. Dann muss der Staat, um Blackouts zu vermeiden, notgedrungen auf fossile Energiequellen zurückgreifen.4

Als eine der Ursachen für die wiederkehrenden riesigen Brände in der Region gilt das marode und für die herrschenden Klimaverhältnisse unzureichende und störanfällige Stromnetz. Aus diesem Grund musste der Energieriese PG&E die Schuld am „Camp Fire“ vom November 2018 einräumen, das die Stadt Paradise von der Landkarte getilgt hat, wobei 19 000 Gebäude zerstört und 85 Menschen getötet wurden. Zwei Monate später musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. Weil PG&E die Instandhaltung der Netz­infra­struk­tur vernachlässigt hatte, sah es sich mit Schadenersatzforderungen in Höhe von 30 Milliarden US-Dollar konfrontiert.5

Das kalifornische Stromnetz ist überdies völlig ungeeignet für die Aufnahme und Verteilung von Strommengen, die von vielen dezentralen und weit verstreut liegenden Solar- und Windkraftanlagen erzeugt werden. Die altehrwürdige Wasserkraft, laut der Internationalen Energieagentur (IEA) neben der Atomkraft das Rückgrat der CO2-freien Energie, wird in Zukunft nicht mehr liefern können: Im gesamten Westen der USA trocknen die Flüsse und Stauseen aus. Allein in diesem Sommer wird sich die Stromerzeugung durch Wasserkraft voraussichtlich halbieren. Das gibt einen Vorgeschmack auf die kommenden Dürrejahre, in denen der Wassermangel allerdings auch für AKWs zum Problem werden dürfte, weil nicht genügend Kühlwasser zur Verfügung stehen wird.

In der Bewegung gegen den Klimawandel ist die Atomenergie grundsätzlich verpönt. Sie zu verteidigen gilt weithin als Verrat oder Sakrileg. Tatsächlich gibt es gegen Strom aus AKWs massenhaft Argumente: die extrem hohen Risiken bei Unfällen und Angriffen; das unlösbare Problem der Endlagerung über Jahrtausende; die alles andere als klimaneutrale Gewinnung von Nuklearbrennstoffen; das Alter und der schlechte Wartungszustand der Anlagen: All diese Argumente gegen die Atomenergie kann man in den Programmen von Umweltorganisationen nachlesen, in den USA und anderswo.6

Doch angesichts des Mangels an rasch verfügbaren CO2-freien Ressourcen melden sich zunehmend andere Stimmen. Schon vor zwei Jahren erläuterte die Britin Zion Lights, ehemals Sprecherin von Extinction Rebellion, gegenüber der BBC ihren Sinneswandel in Sachen Klimawandel. „Jeder ra­tio­nale, fundierte Ansatz zeigt, dass eine Strategie, die Atomenergie einschließt, die einzige realistische Lösung ist, um die Emissionen in dem erforderlichen Umfang und mit der erforderlichen Geschwindigkeit zu reduzieren.“7

Auch der Weltklimarat (IPCC) sieht in seinen 2019 entworfenen Szenarien zur Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad nicht nur einen sehr starken Ausbau erneuerbaren Energien vor, sondern auch erheblich mehr Atomkraftwerke im globalen Maßstab. In Deutschland läuft derzeit vor dem Hintergrund der Gasknappheit ebenfalls eine energiepolitische Kontroverse: Sollen Atomkraftwerke tatsächlich abgeschaltet werden, wenn sie durch fossile Energieträger, zumal Kohle, mit hohem CO2-Ausstoß ersetzt werden?

Das Lager der AKW-Gegner zieht in dieser Debatte nicht nur die Umweltverträglichkeit, sondern auch die Wirtschaftlichkeit und Zuverlässigkeit dieser Technologie in Zweifel. In Frankreich mussten in diesem Hitze- und Dürresommer mehrere Meiler wegen fehlendem oder zu warmem Kühlwasser heruntergeregelt werden. Um sie nicht ganz abschalten zu müssen, wurden sogar die gesetzlichen Temperaturgrenzwerte erhöht.8

In den USA liegen die Prioritäten anders. Der Boom des hydraulischen Frackings hat die Supermacht längst zum größten Gas- und Ölproduzenten der Welt gemacht. Damit wurden alle Pläne für neue AKWs hinfällig. „Erdgas ist reichlich vorhanden und billig“, sagt Kee. „Ein Gaskraftwerk lässt sich in kürzester Zeit hochziehen. Es ist einfacher und wirtschaftlich weniger riskant als ein AKW. Bisher haben die USA die Klimaziele des Pariser Abkommens nahezu erreicht. Dazu mussten sie nur Kohle durch Erdgas ersetzen. Das ist sehr schädlich, aber nur halb so schädlich wie Kohle, weshalb die Emissionen automatisch reduziert wurden.“

Mit 93 aktiven Reaktoren verfügen die USA zwar immer noch über die meisten AKWs der Welt, aber deren Anteil an der nationalen Stromerzeugung liegt mit 20 Prozent weit unter dem in Frankreich, dem Atomkraft-Cham­pion. Das Know-how schwindet in dem Maße, in dem die Reaktoren wie auch das technische Personal in Ruhestand gehen. Im ganzen Land sind nur zwei neue Reaktoren im Bau, aber von ­Vogtle 3 und 4 in Georgia werden ständig Kostenüberschreitungen und Verzögerungen gemeldet.

Lediglich im Bundesstaat Washington ist die Atomkraft auf dem Vormarsch: 2019 trat hier der Clean Energy Transformation Act in Kraft, der die Stromversorger verpflichtet, bis 2030 eine CO2-neutrale Bilanz auszuweisen. Da die Wasserkraft an ihre Grenzen stößt, bemüht sich der Staat um die Entwicklung neuartiger, kleinerer Kernreaktoren, sogenannter Small Modular Reactors (SMR) – die allerdings nicht weniger problematisch sind als ihre Vorgänger. Die ersten vier sollen am Ufer des Columbia River gebaut werden. Im Bundesstaat Wyoming plant das Unternehmen TerraPower, an dem Bill Gates beteiligt ist, den Bau eines Kraftwerks der neusten Genera­tion auf dem Gelände eines Kohlekraftwerks.

Der Bau eines neuen AKWs ist in den westlichen Industrieländern ex­trem teuer. Dagegen sei die „alte“ Atomkraft die billigste CO2-freie Stromquelle auf dem US-Markt, weil die Anlagen sich längst amortisiert hätten, behauptet die IEA. Dieser Rechnung liegen allerdings nur die Wartungskosten zugrunde, nicht aber die Kosten für Endlager, Entsorgung und Rückbau der Reaktorbauten.

Nach der Kostentabelle der IEA liegen Solar- und Onshore-Windkraftanlagen auf den nächsten Plätzen, gefolgt von neuen AKWs und Offshore-Windparks als teuerste Technologie.9 Die Regierung Biden nimmt diese Statistik ernst und verkündete am 19. April, man werde die Laufzeitverlängerung von AKWs mit 6 Milliarden US-Dollar subventionieren. Angesichts dessen will Kaliforniens Gouverneur Newsom die Abschaltung von Diablo überdenken, sofern ein Teil der Milliarden in seinen Bundesstaat fließen.

Während Betrieb und Bau von AKWs weitgehend privatisiert sind, ist die Entsorgung Sache der öffentlichen Hand und wird von Washington aus gesteuert. Ein 1982 verabschiedetes Gesetz verpflichtet die Bundesregierung, den privaten AKW-Betreibern Endlager zur Verfügung zu stellen. In der Praxis ist aber wenig geschehen. Die Regierung dachte zeitweise an die Nutzung eines unterirdischen Endlagers in Yucca Mountain, Nevada, nicht weit von Las Vegas, was aber an praktischen und politischen Hürden scheiterte. So türmen sich die radioaktiven Abfälle seit vierzig Jahren an rund 60 Standorten direkt neben den Kraftwerken, während die Bundesregierung wegen Vertragsbruch pro Jahr hunderte Millionen Dollar an die AKW-Betreiber zahlt, die diese nicht einmal für die Lagerung ausgeben müssen.

Das Problem der Entsorgung des Atommülls ist ein Dauerbrenner, eine Lösung ist nicht in Sicht. Dennoch geben sich die Mothers for Nuclear hemmungslos optimistisch. „Die Abfälle werden vor Ort extrem sicher in wasserdichten Behältern gelagert, man kann gefahrlos auf ihnen schlafen“, behauptet Kay. „Welche andere Industrie dieser Dimension lagert ihren Abfall total abgeschlossen von der Umwelt?“

Sorgen macht Atomkraftgegnern auch der Standort von Diablo am berüchtigten San-Andreas-Graben, einer seismischen Gefahrenzone. Eine der drei Verwerfungslinien, die das Gebiet durchziehen, wurde erst nach dem Bau des Kraftwerks entdeckt. Da dieses nur für ein Erdbeben der Stärke 6,5 ausgelegt war, musste es nachgerüstet werden, um einem Beben der Stärke 7,5 standzuhalten. Das letzte Erdbeben in der Region von 2003, mit einer Stärke von 6,5, hat das Kraftwerk problemlos überstanden. Aber was ein Erdbeben der Stärke 9,1 wie in Fukushima und ein anschließender Tsunami anrichten würde, möchte man sich lieber nicht ausmalen.

David Weisman kennt sich mit solchen Themen aus. Der ehemalige Journalist ist Sprecher der Alliance for Nuclear Responsibility, die seit Langem für die Stilllegung von Diablo Canyon kämpft. Weisman wohnt in Morro Beach, in der Evakuierungszone des AKWs. Er sieht neben den Problemen der Überalterung und Sicherheit auch eines der Wirtschaftlichkeit: „Atomkraft ist schlicht zu teuer, das sage nicht ich, sondern die PG&E.“ Kalifornien müsse auf Energiesparen setzen und zusätzliche Strommengen importieren.

Etikettenschwindel mit grüner Energie aus Wyoming

Große Hoffnungen setzt Weisman auf die Windenergie aus Wyoming, die in Zukunft über eine 1500 Kilometer lange Hochspannungsleitung in das kalifornische Stromnetz eingespeist werden könnte. Finanziert wird das Vorhaben von Warren Buffet, einem der reichsten Menschen der Welt, und dem Milliardär Philip Anschutz, der sein Vermögen mit Öl gemacht hat und Eigentümer zahlreicher Top-Profisportunternehmen ist. Beide Herren zeichnen sich nicht durch den Hang zum Energiesparen aus.

Der emeritierte Professor Gene Nelson ist Rechtsberater der Vereinigung „Kalifornier für grüne Kernenergie“ und trägt bei seinen öffentlichen Auftritten ein grünes Stirnband. Nelson hat den Kampf für die Rettung der Umwelt und der Atomenergie zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Die Hoffnung auf sauberen Strom aus Wyoming ist in seinen Augen wie der Glaube an den Weihnachtsmann. Die Windparks auf der windigen Hochebene eines dünn besiedelten Gebiets entstanden, weil die Obama-Regierung mittels Steuervergünstigungen eine gute Rendite garantierte. Deren Gesamtleistung ist jedoch lächerlich gering im Vergleich zur gigantischen Menge an Kohle, die in Wyoming gefördert wird und die noch heute ein Viertel der gesamten in den USA verbrauchten Energie liefert.

Bundesstaaten wie Washington haben die Einfuhr von schmutzigem Kohlestrom verboten, Kalifornien jedoch nicht, kritisiert Nelson. Der kalifornische Gesetzgeber erfand 2009 den juristischen Euphemismus der „nicht spezifizierten Importe“, der es dem Staat erlaubt, importierte Energie aus der eigenen CO2-Bilanz herauszurechnen. Der Strom aus Wyoming garantiere nur scheinbar eine makellose Bilanz, und das Versprechen von grüner Windkraft aus Wyoming sei nichts anderes als Greenwashing. Seine Rechnung lautet: „Die Kalifornier werden doppelt verlieren, wenn sie Diablo aufgeben; sie zahlen dann nur noch mehr für einen noch schmutzigeren Strom.“

In der Debatte um den künftigen Strommix in Kalifornien – immerhin die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt – geht es um diffizile Abwägungen. Und die werden alle Staaten vornehmen müssen, wenn sie auf erneuerbare Energien mit schwankender Ausbeute wie Solar- und Windenergie setzen und das Problem der Speicherung nicht gelöst haben. Zum Beispiel erzeugen kalifornische Photovoltaikanlagen in der Mittagszeit überschüssigen Strom, der häufig mit Verlust an Nachbarstaaten verkauft wird. Doch auch da gibt es heute Solaranlagen – und dasselbe Problem: Die teuren Lithiumbatterien sind innerhalb weniger Stunden leer und haben eine Lebensdauer von nur fünf bis zehn Jahren.

Eine Alternative sind Pumpspeicherkraftwerke: Mit dem überschüssigem Strom wird Wasser in einen flussaufwärts angelegten künstlichen See gepumpt, das dann wieder abfließt und Turbinen antreibt, die wieder Strom erzeugen. In Kalifornien gibt es bereits zwei solcher Anlagen, in Helms und Castaic. Wollte man weitere bauen, müssten die wegen der relativ bescheidenen Effizienz gigantische Dimen­sio­nen haben und große Flächen beanspruchen. Weitere Optionen stecken noch im experimentellen Stadium; zudem mangelt es an Investitionen.10

An Ehrgeiz, den alternativen Energiesektor zu entwickeln, mangelt es Kalifornien jedoch nicht. In diesem Frühjahr wurden in San Luis Obispo Pläne für einen Offshore-Windpark vorgestellt, der 40 Kilometer von Diablo Canyon entfernt entstehen soll, damit nach Stilllegung des AKWs dessen Stromnetz weiter genutzt werden kann. Das Projekt ist Teil des ersten nationalen Plans für Offshore-Windenergie in den USA. Es ist in jeder Hinsicht gigantisch und soll bis 2030 über eine installierte Kapazität von 3 Gigawatt verfügen; allerdings wird als tatsächlich abgegebene Leistung – wegen der Windunsicherheiten – nur die Hälfte angenommen. Das wäre dennoch dreimal so viel wie die Leistung der bislang größten Anlage der Welt: Hornsea 1 in der Nordsee mit ihren 174 Windrädern.

Eine Batteriespeicheranlage ist ebenfalls in Planung – auch sie wäre die größte der Welt, wie das texanische Unternehmen Vistra ankündigt. Die Anlage soll in Morro Bay an der Pazifikküste auf dem Gelände eines ehemaligen Kohlekraftwerks entstehen und 80 000 Lithium-Ionen-Batterien mit einer Leistung von 600 Megawatt umfassen. Die Lokalpresse ist begeistert, denn das Projekt verspricht dem County, das mit Diablo einen wichtigen Arbeitgeber verlieren wird, neue Jobs und Einnahmen.

PG&E plant bereits, das Gebiet rund um das Atomkraftwerk dem indigenen Volk der Northern Chumash zu übergeben. So wäre das Ende von Diablo Canyon durchaus ein Segen. Doch es gibt auch hier skeptische Stimmen. Scott ­Lathrop, ein Sprecher der Chumash, plädiert für eine Laufzeitverlängerung, bis man etwas Besseres gefunden hat. Von der geplanten Offshore-Windkraftanlage ist er nicht sehr begeistert: „Da muss ein neuer Hafen gebaut werden, um die Turbinen auf das offene Meer zu schleppen. Eine neue Industrie wird aus dem Nichts erschaffen und bringt weniger Energie als eine Anlage, die man schon hat. Ich frage mich, ob das wirklich die beste Lösung ist.“ Im Übrigen glaubt Lathrop, dass die großen Gewinner die Gasproduzenten sein ­werden.

1 „An Assessment of the Diablo Canyon Nuclear Plant for Zero-Carbon Electricity, Desalination, and Hydrogen Production“, Stanford Energy Research, November 2021.

2 „California Emissions Rise in 2012 on Gas-Fired Power Output“, Bloomberg, 4. November 2013.

3 Edward Kee, „Market Failure: Market-Based Electricity is Killing Nuclear Power“, Washington, D. C., (Nuclear Economics Consulting Group) 2021.

4 „To avoid blackouts, California may tap fossil fuel plants“, Associated Press, 30. Juni 2022.

5 „California Regulators Back PG&E Bankruptcy Plan“, The New York Times, 28. Mai 2020.

6 Siehe etwa Cédric Gouverneur, „Wohin mit dem Atommüll?“, LMd, Mai 2022; sowie Teva Meyer, „Geopolitik der Brennstäbe“, LMd, Juni 2022.

7 „Extinction Rebellion: Nuclear power ‚only option‘ says former spokeswoman“, BBC, 10. September 2020.

8 Ralf Streck, „Frankreichs Atomkraftwerke: Probleme wegen Hitze“, Telepolis, 18. Juli 2022.

9 „Levelised cost of electricity in the United States, 2040“, IEA, 18. November 2019.

10 „The Renewable-Energy Revolution Will Need Re­new­able Storage“, The New Yorker, 25. April 2022.

Aus dem Französischen von Nicola Liebert

Maxime Robin ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 11.08.2022, von Maxime Robin