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Im Gänsemarsch auf die höchsten Gipfel

Alle wollen den Mount Everest besteigen von François Carrel

Der sagenumwobene Mount Everest im Himalaja ist mit 8 848 Metern der höchste Berg der Erde. Der französische Bergführer Ludovic Challéat bezwang ihn 2007 von der tibetischen Seite aus. „Der Everest“, erzählte er anschließend, „gilt oft schon nicht mehr als krönender Abschluss nach vielen anderen Erfahrungen in extremer Höhe, sondern viele sehen ihn wie eine Art Konsumprodukt. Hunderte von Sherpas1 schleppen praktisch ununterbrochen Zelte, Sauerstoffflaschen, Kocher, Gas, Lebensmittel und Schlafsäcke den Berg rauf und runter. Bis auf wenige Ausnahmen wird ab Höhe 7 700 Metern systematisch künstlicher Sauerstoff verwendet. Die Erfolgsquote ist ziemlich hoch, und Unfälle sind für einen Berg solcher Höhe relativ selten.“

Im Frühjahr 2007 erreichten 630 Bergsteiger die Spitze des Mount Everest – so viele wie in den 40 Jahren zwischen 1953, dem Jahr der Erstbesteigung durch die Briten, und 1993.

Bis Ende der 1960er-Jahre lockten die 14 Achttausender des Himalaja zwischen Pakistan, Indien, Tibet und Nepal lediglich eine kleine Bergsteigerelite. Der sportliche Wettbewerb wurde damals noch durch nationalistisch motivierte Rivalitäten angestachelt. Seit Anfang der 1990er-Jahre aber nahmen Bergbesteigungen explosionsartig zu. Die Himalajisten von heute sind vor allem Hobbybergsteiger; sie haben weniger Klettererfahrungen als frühere Sportler, zum Teil sind sie sogar noch Anfänger. Und durch die geopolitischen Unruhen im Krisenbogen Himalaja (Bürgerkrieg in Nepal, tibetische Rebellion, indisch-pakistanischer Konflikt, islamistische Gewalt in Pakistan etc.) lassen sie sich nicht stören: Die Gipfelstürmer fanden schon immer ihre Pfade abseits der unsicheren und verbotenen Gebiete. Die Entwicklung des dortigen Bergsteigertourismus – westliche oder lokale Reisebüros organisieren die Expeditionen, die Himalaja-Länder stellen die touristische Infrastruktur – hat erheblich zur Popularisierung der Achttausender beigetragen.

Zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Ersten Weltkrieg durchstreifte eine Handvoll Bergsteiger, „angetrieben von Forschergeist und Eroberungswillen in der Epoche des Expansionismus und Kolonialismus“2 diese weitgehend unbekannten Gegenden am Rande von Indien, China und Russland. Die meisten kamen damals aus Großbritannien, wie der Alpinist Albert Mummery, der 1895 mit seinen beiden nepalesischen Begleitern am Nanga Parbat verschollen ist. Oder sie waren Forschungsreisende wie der Italiener Luigi Amadeo von Savoyen, Herzog der Abruzzen, der 1909 mit einer Expedition den K 2 erkundete. Damals bekamen die hohen Berge ihre englischen Namen oder sie wurden kurzerhand umgetauft.

Fürs Vaterland auf die Berge

In der Zwischenkriegszeit erfolgte die Eroberung der Siebentausender, und mit verbissenem Ehrgeiz und mitunter tragischem Ausgang machte man sich zugleich an die Erstürmung der Achttausender. Die Briten – bemüht, ihren durch den Krieg beschädigten Ruf als militärische und ökonomische Großmacht sowie als große Alpinisten wieder aufzurichten – konzentrierten sich auf den für sie symbolisch wichtigen Mount Everest: Zwischen 1921 und 1938 organisierten sie sieben vom Militär geleitete Expeditionen.

In den Alpen, wo die Engländer im 19. Jahrhundert die Pioniere gewesen waren, rivalisierten derweil die Deutschen, Österreicher und Italiener um die Vorreiterposition. Sie entwickelten neue Techniken und bezwangen mit den Dolomiten und den Nordwänden des Mont Cervin, der Grandes Jorasses und des Eiger die letzten alpinen Gipfel. Dies geschah in einer zunehmend nationalistischen, durch die Faschisten in Italien und die Nazis in Deutschland angeheizten Atmosphäre: „Der Duce und der Führer überschütteten die Bergsteiger mit Medaillen und Preisen. Nation und Volk sollten sich in den Leistungen dieser Männer gespiegelt sehen.“3

Der patriotische Wettkampf verlagerte sich schließlich ganz auf die Achttausender. Deutsche Bergsteiger versuchten sich 1929 und 1931 am Kangchenjunga. 1932 und noch einmal 1936 und 1937, jetzt mit voller Unterstützung der NS-Regierung, wandten sie sich dem „Schicksalsberg“ Nanga Parbat zu, der als einer der am schwierigsten zu besteigenden Berge der Welt gilt. Die Briten waren beunruhigt: „Die Besteigung des Mount Everest (...) ist für die Nation und das Empire von großer Bedeutung. In der gegenwärtigen Lage drohen wir uns zu blamieren. Die Deutschen und die Amerikaner haben bereits versucht, den Everest zu erstürmen. Wenn wir uns in Zukunft nicht ranhalten, wird es äußerst schwierig sein, unseren exklusiven Anspruch auf den Mount Everest aufrechtzuerhalten“, empörte sich die Morning Post am 17. Oktober 1936, zwei Monate nach den Olympischen Spielen in Berlin.

Die Italiener waren durch den dramatischen Unfall der „Italia“, einem Kielluftschiff, das im April 1928 zu einer Forschungsreise über den Nordpol aufgebrochen war, erschüttert und blieben bei den Alpen. Die Franzosen erfassten den Geist der Zeit – unter dem Motto „Für das Vaterland auf die Berge“, den der Club Alpin Français damals ausgab –und initiierten 1936 eine groß angelegte Expedition auf den noch jungfräulichen Achttausender Hidden Peak (oder Gasherbrum I, dt.: Schöner Berg). Die Amerikaner wiederum versuchten sich 1938 und 1939 am K 2.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann das „Heroische Goldene Zeitalter“: Zwischen 1950 und 1964 wurden alle 14 Achttausender bezwungen. Die mit militärischer Disziplin durchgeführten Expeditionen waren immer noch stark patriotisch motiviert. In diesen Jahren erhöhte sich die Zahl der Himalaja-Bergsteiger auf 100 bis 200 jährlich. Angeführt wurde die Chronik der Erstbesteigungen von den Franzosen, die am 3. Juni 1950 den Gipfel des Annapurna erklommen, gefolgt von den Briten und den Deutschen gemeinsam mit den Österreichern, die 1953 ans Ziel ihrer jeweiligen Obsession gelangten und es auf den Everest bzw. den Nanga Parbat schafften. Jede erfolgreiche Gipfelbesteigung war vom Aufflackern patriotischer Begeisterung begleitet, instrumentiert von Kriegsmetaphern wie dem britischen und italienischen „Sieg über den K 2“ von 1953 bzw. 1954. Die Industrie arbeitete eng mit den Expeditionsteams zusammen, die Expeditionen zeigten den technologischen Fortschritt der Nationen.

Es ging um viel, und dafür wurde auch viel ausgegeben: große Klettermannschaften, Sauerstoffflaschen, über weite Kilometer befestigte Seile, zahllose Träger und natürlich jede Menge Amphetamine, mit denen sich die Franzosen am Annapurna, die Deutschen und Österreicher am Nanga Parbat und die Italiener am K 2 aufputschten. Jedes Land wollte „seinen“ ersten Achttausender. Und fast alle erreichten ihr Ziel – in einer Region, in der sich die geopolitischen Verhältnisse seit 1949 tiefgreifend gewandelt hatten: Die Staaten Indien und Pakistan waren gegründet, Nepal hatte sich für Ausländer geöffnet, während China Tibet besetzt und dessen Grenzen geschlossen hatte.

Schließlich stiegen auch Indien, Japan und China in das Rennen um die Achttausender. Die Japaner machten sich an den Manaslu; den Chinesen, die den Zugang zur Everest-Nordwand verboten hatten, gelang 1960 bei einer Expedition mit hunderten von Kletterern die Erstbesteigung am Nordostgrat.

Ohne Sauerstoff auf alle Achttausender

Andere Versuche ähnlicher Größenordnung wurden unternommen, vor allem von den Indern und den Amerikanern, die Expeditionen mit jeweils mehr als 60 Bergsteigern schickten. Diese Ära endete mit der Erstbesteigung des Shisha Pangma 1964 durch China. Ab 1966 bis zum Ende des Jahrzehnts fanden keine Expeditionen mehr statt: Infolge der Spannungen mit China sperrten Nepal, Pakistan und Indien die Grenzgebiete, so dass die Berge einige Jahre für Ausländer nicht mehr erreichbar waren.

In der folgenden Phase, den 1970er- und 1980er-Jahren erreichte die Zahl der Bergsteiger ein neues Niveau: Jedes Jahr waren nun 300 bis 800 Kletterer im Himalaja unterwegs. Grenzen wurden überschritten, und daran hatte vor allem der Südtiroler Reinhold Messner wesentlichen Anteil: Ohne künstlichen Sauerstoff, ohne Fixseile, ohne Sherpas und mit nur einem einzigen Zelt im Rucksack eröffnete Messner 1975 gemeinsam mit dem Österreicher Peter Habeler während einer viertägigen Expedition eine neue Route über die Nordwestwand des Gasherbrum I. Ein Berg und eine unabhängige, leichte und schnelle Seilschaft, wie in den Alpen; dieser „alpin“ genannte Stil war von nun an der neue Standard bei den Himalaja-Touren.

Zwar wurden für die nationalen Erstbesteigungen des Mount Everest (Japan 1970, Jugoslawien 1979, Kanada und UdSSR 1982) oder des K 2 (Frankreich 1978) noch Expeditionen unter militärischem Kommando unternommen, doch war dieses Vorgehen eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Der alpine Stil, in dem sich Bergsteiger-Ethos und die Sparsamkeit der Mittel vereinigen, galt unter den Höhenbergsteigern aller Nationalitäten von nun an als die wahre Kunst. Messner war der Erste, der zwischen 1970 und 1986 alle Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff erklomm: Die „Herausforderung der 14 Achttausender“ war geboren. Zugleich starteten die ersten kommerziell organisierten Expeditionen.

Ab 1990 wurden – vor allem in England – Reisebüros gegründet, die auf Touren zum Mount Everest und Cho Oyu oder den schönen nepalesischen Berg Ama Dablam spezialisiert waren. Zwischen 1 000 und 3 000 Bergsteigertouristen reisten nun jährlich zum Himalaja. Der Boom verdankte sich zum einen den medienwirksamen Feiern zum 50. Jahrestag der Erstbesteigungen, vor allem aber der Konkurrenz zwischen China, Nepal und Pakistan, die durch sinkende Preise für die Aufstiegserlaubnis und eine bequemere Infrastruktur den Anbietern und ihren Kunden zugutekam: Das chinesische Basiscamp des Mount Everest ist heute über eine Straße zu erreichen, zum nepalesischen gelangt man mit dem Hubschrauber.

Diese neuen Himalajisten lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: zum einen die Kunden von kommerziellen Expeditionen, die von Führern und ihren Sherpa-Teams begleitet werden und pro Person 30 000 bis 40 000 Euro für eine Everest-Tour hinblättern; zum anderen die mehr oder weniger erfahrenen Bergsteiger, die ohne Führer losziehen. Letztere organisieren sich untereinander, indem sie sich die Kosten für den Aufstieg und für die von den lokalen Reisebüros bereitgestellte Logistik im Basislager teilen und manchmal gemeinsam Höhenträger engagieren. Oft nutzen sie gegen Entgelt das Equipment der kommerziellen Touren. Zwischen 2000 und 2006 gehörten zum Beispiel zwei von drei Everest-Besteigern dieser zweiten Kategorie an: Insgesamt waren 1 800 Kletterer „privat“ unterwegs und beschäftigten 1 160 Sherpas, während 938 Personen an kommerziellen Everest-Expeditionen teilnahmen, die von 996 Sherpas und Führern begleitet wurden.4

Im Sommer 2008 war auch der Gasherbrum II (G 2) übervölkert: An die 170 Bergsteiger (die pakistanischen Träger nicht mitgezählt), verteilt auf 17 verschiedene kommerzielle und private Expeditionen, tummelten sich im gemeinsamen Basislager von Gasherbrum I und II. Unter ihnen die portugiesischen Höhenbergsteiger Paulo Roxo und Daniela Teixeira, die noch nicht oft im Himalaja gewesen waren und schon immer davon geträumt hatten, den Achttausender Gasherbrum II zu schaffen. Zutiefst enttäuscht berichteten sie von ihren Erfahrungen: „Fixseile sollten eigentlich nur für die Sicherheit an extremen Steilwänden sorgen, aber oft sind sie die Voraussetzung für den Betrieb einer kommerziellen Maschinerie. Damit schaffen es viele Leute auf den Gipfel, die gar nicht das technische Können haben. Wir haben erlebt, wie ernsthafte Fehler begangen und Techniken angewandt wurden, die leicht zu tödlichen Unfällen hätten führen können. Den meisten scheint es nur um ihr Ego zu gehen, auf der Suche nach ein bisschen Ruhm. Das sind gar keine echten Alpinisten.“ Besonders entsetzte sie, wenn Lügen über erfolgreiche Aufstiege erzählt, Gefährten auf gefährlichen Gletschern allein zurückgelassen und Träger wie Dinge behandelt wurden.

Die meisten Bergsteigertouristen kommen aus den reichen Industrieländern, um für einen finanziell wie physisch hohen Preis die Konfrontation mit den höchsten und immer selben Gipfeln zu suchen. Die Expedition zum Himalaja gleicht der Reise in einen mythischen Raum – wie der, von dem Pioniere und Nationalhelden umgeben sind. „Der zunehmende Leistungskult seit den 1980er-Jahren und ein gesteigerter Individualismus unterwerfen uns alle dem Druck zur sogenannten Selbstverwirklichung. Die Leute begeben sich auf eine Expedition (…), um als Helden gefeiert zu werden. Der Himalaja-Tourismus stellt die konkreten Mittel bereit, die eigenen Grenzen zu überschreiten und Abenteuer zu erleben. Das gilt heute als Heldentat“, schreibt der Kulturwissenschaftler Eric Boutroy.5 Nach seiner Rückkehr aus dem Himalaja kann der „Eingeweihte“ dann seine private Heldengeschichte erzählen und mit Vorträgen, in Büchern und Interviews symbolisch wie finanziell ausschlachten.

Die drei französischen Bergführer Christian Trommsdorff, Yannick Graziani und Patrick Wagnon, „TGW-Seilschaft“ genannt, gehören zu den Spitzenkletterteams unter den Himalaja-Touristen. Ein paar Siebentausender-Erstbesteigungen im reinsten alpinen Stil gehen auf ihr Konto. Sie repräsentieren eine Bergsteigerelite, die sich von dem Massenansturm auf die Achttausender distanziert und auch den Medienrummel scheut. Nur echte Profis wie sie besteigen die Achttausender im Winter und kundschaften neue Routen aus.

Im Sommer 2008 wollte die „TGW-Seilschaft“ eine neue Route auf dem K 2 eröffnen. Sie akklimatisierten sich im Basislager, kamen mit den zirka 60 Bergsteigern, die auf der normalen Route unterwegs waren, ins Gespräch, beobachteten sie auf dem Berg und erlebten eine Überraschung nach der anderen. Es gab keine kommerziellen, von Führern geleitete Expeditionen, dafür aber viele gesponserte professionelle Abenteurer aus den Niederlanden, den USA, Südkorea oder Serbien. Hier, wie überall am Fuß der Achttausender, definiert man sich einzig über die Anzahl der bezwungenen Berge. 16 Höhenbergsteiger haben bisher alle 14 Achttausender bestiegen, acht davon ohne künstlichen Sauerstoff, und die Jagd – von den Medien begeistert begleitet – geht weiter. Frauen genießen besondere Aufmerksamkeit; fünf Bergsteigerinnen haben bis jetzt neun bis zwölf Achttausender geschafft.

Die „TGW-Seilschaft“ kam damals am K 2 zu der Erkenntnis: „Die ‚Achttausender-Jagd‘ ist ein neuer Sport. Mit einer guten körperlichen Kondition, ein paar Kenntnissen im Hakeneinschlagen, etwas Sauerstoff und einem Jumar [Klemme, mit deren Hilfe man an einem fixierten Seil aufsteigt] kann fast jeder auf einen Achttausender klettern! Das hat nichts mit Bergsteigen zu tun: Man klettert nicht, man zieht sich an den Seilen hoch. Da gibt es keine Eigenständigkeit mehr: Man sucht sich nicht selbst seinen Weg, man spürt die Anstrengung nicht, die jeder Fortschritt bedeutet. Dieser Himalaja-Tourismus hat keinen Respekt vor den Bergen, das ist wie eine kollektiven Vergewaltigung“, empörte sich Trommsdorff.

Und sein Kollege Patrick Wagnon sagt über die Ausstattung des typischen „Achttausender-Jägers“: „Er erklimmt die hohen Gipfel allein oder in der Gruppe, bewaffnet mit seinem Jumar und den perfektesten Kommunikationsapparaten. Die äußeren Hilfsmittel, die er verwendet, reichen von Fixseilen – von ihm selbst befestigt oder von anderen, die er für diesen ,Service‘ bezahlt – bis hin zu Dopingpräparaten, in erster Linie künstlichem Sauerstoff.“ Damit lassen sich 8 000 Meter bewältigen, als wären es 7 000 oder sogar nur 6 000 Meter: Sauerstoff ist das einzige Dopingmittel, zu dem sich die „Achttausender-Jäger“ bekennen. Man weiß aber, dass im Verborgenen mancher Zelte gut gefüllte Hausapotheken lagern. Corticoide und Diamox (ein Mittel gegen die Höhenkrankheit) beispielsweise sind durchaus gebräuchliche Präparate.

Als die „TGW-Seilschaft“ Ende Juli 2008 begeistert von der Aussicht auf einen vom Wetterrouter angekündigten „summit day“ das Basislager verließ, sah Trommsdorff ganz klar: „Der K 2 ist ein gefährlicher Berg, auf den sich nur völlig unabhängige und erfahrene Bergsteiger wagen sollten. 80 Prozent der Kletterer, denen wir begegnet sind, haben hier nichts zu suchen: Ohne kollektive Logistik, Träger und Fixseile können die sich kaum auf den Beinen halten!“

Und das ist beileibe keine elitäre Attitude, wie sich nach dem tödlichen Unfall von elf dieser Bergsteiger am K 2 in der Nacht vom 1. auf den 2. August 2008 herausstellte: Sieben „Achttausender-Jäger“ und mit ihnen vier ihrer pakistanischen und nepalesischen Begleiter starben einer nach dem anderen kurz vor Erreichen des Gipfels.

Das Wetter war perfekt gewesen. Sie waren sehr langsam, aber die Dynamik der Gruppe zog sie mit. Sie verloren das notwendige Timing und mussten bei Nacht wieder absteigen, der Sauerstoff ging ihnen aus, und sie waren vor allem unterhalb des Gipfels ohne Fixseile, was für sie extrem riskant war. Ohne die Logistik für kommerziellen Expeditionen, wie sie auf dem Everest oder dem Cho Oyu gang und gäbe sind, war es ihnen nicht gelungen, den oberen Teil des K 2 beim Aufstieg vollständig zu präparieren. Zudem hatte am späten Nachmittag eine Eislawine einen Teil der Seile, die sie vorher befestigt hatten, weggerissen.

Wie viele Himalaja-Bergsteiger, aus dem Westen wie aus Pakistan und Nepal, meint auch Patrick Wagnon,6 dass nach diesem Drama die Notbremse gezogen werden müsse. Der Bergführer und Pastor Paul Keller, der in den 1950er-Jahren ein Pionier des Höhenbergsteigens im Himalaja war, beschreibt, was das Bergsteiger-Ethos ausmacht: „Ein Bergsteiger vereinigt in sich technische Kompetenz, ein Bewusstsein für die Gefahren und eine aus Vertrautheit und Respekt gespeiste Liebe zum Berg.“ Auch er verurteilt die Himalaja-Touristen, die den Berg nur nutzen, um ihr Ego zu füttern.7

Derlei Kritik prallt an den Initiatoren der „Achttausender-Jagd“ ab. In der irrwitzigen Woche zwischen dem 18. und 23. Mai 2009, als Hunderte an den beiden Wänden des Everest hochkraxelten, wurde auf der Internetseite mounteverest.net, wimmelndes Zentrum der Achttausender-Blogosphäre, verkündet: „Das Treiben auf dem Everest scheint nur die Himalaja-Veteranen und Ökos zu beunruhigen. Alle anderen wollen dabei sein: ‚Wann ist die nächste Everest-Besteigung?‘, fragen uns die Leser per Mail. ‚Sagen Sie mir so schnell wie möglich Bescheid, damit ich mit dem Training anfangen kann!‘ Die Zukunft ist nicht aufzuhalten.“

Fußnoten: 1 Himalaja-Volk. Sherpas sind an den Bergbesteigungen als Führer und Träger beteiligt. Sie stammen ursprünglich von einer nepalesischen, tibetischstämmigen Ethnie ab. 2 Michel Raspaud, „L’aventure himalayenne. Les enjeux des expéditions sur les plus hautes montagnes du monde 1880–2000“, Grenoble (Presses universitaires de Grenoble) 2003. 3 Michel Raspaud, siehe Anmerkung 2. 4 Everest Expeditions Statistics 2000–2006, www.adventurestats.com. 5 Eric Boutroy, „L’ailleurs et l’altitude. Ethnologie de l’alpinisme en Himalaya“, Idemec/Université d’Aix-Marseille 1, 2004. 6 Patrick Wagnon, „Réflexions à propos de l’accident du K 2“, Montagnes Magazine, Nr. 337, Grenoble, Januar 2009. 7 Paul Keller, „La montagne oubliée“, Chamonix (Edition Guérin) 2005.

Aus dem Französischen von Uta Rüenauver

François Carrel ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 11.09.2009,