13.01.2022

Wer ermordete Juan Moncada?

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Wer ermordete Juan Moncada?

In Honduras terrorisieren Paramilitärs die Landrechtsbewegung

von Jared Olson

Tegucigalpa, 6. April 2021: Erst fünf Jahre nach dem Mord an der Umweltaktivistin Berta Cáceres beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Auftraggeber ELMER MARTINEZ/picture alliance/ap
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Es war im letzten Sommer, als Daniel García um 19.30 Uhr eine SMS mit Anhang bekam. Das Bild zeigte die Mündung einer AK-47, dahinter war unscharf eine Straße zu erkennen. „Du lebst noch, weil Gott groß und mächtig ist“, schrieb der anonyme Absender, „aber ich glaube nicht, dass du diese Woche noch mal so viel Glück haben wirst. Bis bald, mein Lieber.“

García wusste, dass die Warnung ernst gemeint war. Es gingen Gerüchte um, er stünde mit vier weiteren Landrechtsaktivisten auf einer Todesliste. Den ersten, seinen Freund Juan Ma­nuel Moncada, hatten sie vor vier Tagen ermordet.

Gegen 22 Uhr machten die Unbekannten ihre Drohung wahr. Vier oder fünf Männer mit Sturmhauben, schusssicheren Westen und Kalaschnikows fuhren auf Motorrädern vor und stellten sich rund um Garcías Grundstück auf. Sie unterhielten sich und rauchten, während sie immer wieder über den Stacheldrahtzaun in sein Lehmhaus blickten. Drinnen lag García, starr vor Angst.

Er sagt, die Männer hätten wie Soldaten ausgesehen. Doch es waren keine. Es handelte sich um eine paramilitärische Schlägertruppe, die sich eine Landrechtskooperative vorgeknöpft hatte. Die Kooperative versuchte ihr Land zu schützen, das sie gerade wieder einem großen Palmölkonzern abgetrotzt hatte.

Daniel García lebt in der Siedlung Panamá im fruchtbaren Aguán-Tal im Norden Honduras. Seit den frühen 1990er Jahren gibt es hier Landkonflikte. Damals begann der Konsumgüterkonzern Corporación Dinant, spezialisiert auf Palmöl, gemeinschaftlich genutzte Anbauflächen aufzukaufen, bis er schließlich den größten Teil des Ackerlands in der Gegend besaß. Diese Landkäufe waren flankiert von Morden an Bauernführern oder Gemeindevertretern, manche verschwanden spurlos.

Nach dem Militärputsch von 2009 mit Unterstützung der USA1 nahmen zahlreiche Kleinbauern ihr vormaliges Land erneut in Besitz. Es folgte eine Reihe gezielter Morde durch private und staatliche Kräfte an mehr als 150 Menschen. 2014 sorgte Druck aus dem Ausland für ein vorüber­gehendes Ende der Gewalt, doch danach trat der Landkonflikt in eine neue Phase, in dem paramilitärische Gruppen die Hauptrolle spielten.

Deren Strategie besteht darin, zivilgesellschaftliche Bewegungen zu unterwandern, Schlüsselfiguren zu töten und Bewaffnete in die Gemeinden zu schicken, um die Menschen durch Terror einzuschüchtern oder ins Exil zu zwingen. Das lässt sich durch Augenzeugenberichte, Interviews mit Betroffenen und eidesstattliche Erklärungen Asylsuchender in den USA belegen. Sollten die Paramilitärs damit Erfolg haben, bedeutete es das Ende der Landrechtsbewegung in Honduras. Und die Palmölplantagen, die Dinant beansprucht, werden dem Konzern gehören.

Nach Aussagen von Menschen aus dem Aguán-Tal sind die honduranischen Streitkräfte mitschuldig an der Brutalität der Paramilitärs. Die einen sagen, die Armee habe sogar Waffen geliefert, andere weisen darauf hin, dass in der gesamten Region Soldaten stationiert sind, die wissen, was vorgeht, und nichts dagegen tun. Dieser Verdacht erhielt neue Nahrung, als im Frühjahr 2021 in den sozialen Medien Fotos zirkulierten, die den Anführer einer paramilitärischen Gruppe gemeinsam mit honduranischen Soldaten bei einer Veranstaltung zeigten.

Bereits Mitte der 2010er Jahre hatten honduranische Spezialkräfte Verbindungen zu einer paramilitärischen Gruppe unterhalten, die zu dieser Zeit eine Bauernorganisation im Dorf La Confianza unterwanderte. Das geht aus der eidesstattlichen Erklärung hervor, mit der zwei Honduraner ihren Asylantrag in den USA begründet haben. Darin heißt es, ein ehemaliger Elitesoldat namens Celio Rodríguez sei mehreren Landrechtsorganisationen beigetreten, auch der Kleinbauernbewegung von Aguán (Movimiento Unido Campesino del Aguán, Muca), und dort in eine Führungsposition aufgestiegen, indem er vorgab, die Gemeinschaften vor Gewalt schützen zu können.

Später stellte sich heraus, dass er eine Todesschwadron aufstellte, die sogenannte Celio-Gruppe. Ihre Mitglieder wurden häufig mit dem Offizier Germán Álfaro gesehen, Kommandant der honduranischen Eliteeinheit Xatruch und später Chef der Spezialeinheit Fusina im Aguán-Tal. Die Celio-Gruppe wurde auf einer Palmölplantage dabei beobachtet, wie sie Soldaten trainiert hat. Der inzwischen wegen mehrerer Morde an Bauernführern verurteilte Osvin Caballero2 nahm ebenfalls daran teil.

Ein Sprecher der Xatruch, den wir befragen konnten, wollte sich nicht über die Paramilitärs im Aguán-Tal äußern. 2016 wurde die Elitetruppe selbst beschuldigt, als Todesschwadron aktiv zu sein.3 Die Xatruch ist eine der honduranischen Einheiten, die von der US-Armee ausgebildet wurden, um, so das Pentagon, partnerschaftlich „länderübergreifende Kriminalität zu bekämpfen“.

US-Streitkräfte trainieren Todesschwadronen

Auch im Juli 2021 bestätigte uns der Xatruch-Sprecher, dass seine Truppe gerade von Streitkräften der U.S. Joint Task Force-Bravo trainiert werde, die in der nahegelegenen US-Militärbasis in Puerto Castilla stationiert seien. „Im Augenblick üben sie mit uns, wie wir Operationen durchführen und Kriminalität bekämpfen“, sagte er. Das Pentagon und das US-Außenministerium haben auf Nachfragen zu diesem Training nicht reagiert.

Der Dinant-Konzern pflegt ebenfalls Verbindungen zur Xatruch. Bis 2018 hatte er ein Gebäude auf seinem Gelände an die Eliteeinheit vermietet. Das geht aus einem Dokument vom April 2015 hervor4 , das der Konzern bei der Interna­tio­nal Finance Corporation (IFC) eingereicht hatte. Diese Entwicklungsbank für Privatunternehmen, die zur Weltbank gehört, unterstützte den Konzern mit Millionenkrediten. „Dinant gewährte den Mitgliedern der Spezialeinheit, die in den Gemeinden rund um die Plantage patrouillieren, für kurze Zeit eine vorübergehende Unterkunft“, bestätigt uns auch Firmensprecher Roger Pineda Pinel.

Dinant hat in den letzten zehn Jahren häufig die Unterstützung von Militär und Polizei angefordert, um Kleinbauern von Anbauflächen zu vertreiben.5 In einem Zivilverfahren klagten im Jahr 2017 Familien aus dem Aguán-Tal gegen die IFC, weil sie mit der Vergabe von Krediten an Dinant praktisch Menschenrechtsverletzungen unterstützen würde. Die Kläger werfen dem Konzern vor, paramilitärische Todesschwadronen angeheuert und Mörder gedungen zu haben.6 In einer Untersuchung von Human Rights Watch von 20147 ist in 13 von 29 Mordfällen im Aguán-Tal von „der möglichen Verwicklung privater Wachleute“ die Rede. Dinant lehnte jede Verantwortung für die Gewalttaten ab.8

Der Palmölkonzern stellt sich selbst als Opfer dar

Auf unsere Fragen antwortet der Unternehmenssprecher von Dinant, dass der Konzern „eine Null-Toleranz-Strategie bei Übergriffen“ verfolge und „eine korrekte, gesetzmäßige Geschäftsführung“ pflege. Dinant sei rechtmäßiger Besitzer der umstrittenen Ländereien im Aguán-Tal und verfüge über keinerlei Verbindung zu „sogenannten paramilitärischen Gruppen“. Weiter schreibt er: „Wie wir bereits erwähnt haben, gab es im letzten Jahrzehnt mehrere glaubwürdige und unabhängige Prüfungen und Untersuchungen bei Dinant.“9

Er bezieht sich dabei auf das Monitoring durch den IFC10 , einen Bericht des Internationalen Strafgerichtshofs über Honduras11 und eine Prüfung durch die internationale Anwaltskanzlei Foley Hoag, die Dinant selbst in Auftrag gegeben hat. „Alle diese Untersuchungen haben keinerlei Beweise gefunden, dass Dinant jemals illegale Aktivitäten unternommen, unangemessene Gewalt angewendet oder ein Komplott gegen eine Person oder Organisation geschmiedet hätte.“

Pineda fügt hinzu: „In einem sorgfältiger recherchierten Artikel über das Aguán-Tal würde man lesen, dass immer mehr bewaffnete Kriminelle private Landwirtschaftsbetriebe überfallen, die Anlagen beschädigen, Produkte entwenden, Menschen und Arbeitsplätze vor Ort bedrohen; dass manche Plantagen seit über drei Jahren von kriminellen Gangs besetzt werden, die straflos bleiben; dass die ständige Bedrohung der lokalen Wirtschaft schadet und zu Arbeitslosigkeit führt, so dass hart arbeitende Familien verzweifelt wegziehen.“

Leute aus dem nahen Dorf La Confianza berichteten uns im Oktober, uniformierte Polizisten und ein Kommunalpolitiker hätten bekannte Mitglieder der Celio-Gruppe zu Hause besucht. Am 10. Oktober wurde Oscar Javier Pérez – Augenzeuge zweier Morde, die von der Celio-Gruppe begangen wurden – in seinem Haus in der Nähe von La Confianza ermordet.12

Die Paramilitärs in Panamá und La Confianza sind im ganzen Aguán-Tal berüchtigt. Die Behörden suchen gewöhnlich die Schuld für gewalttätige Übergriffe bei den Landrechtlern selbst, erzählt Jaime Cabrera, ein Aktivist aus Panamá, der von bewaffneten Gruppen bedroht wurde und ebenfalls auf der Todesliste stand. „Die Verlautbarungen der Regierung“, sagt er, „laufen immer darauf hinaus, dass die Kleinbauern sich halt gegenseitig umbringen.“

Seit Juan Manuel Moncada die ersten Drohbotschaften mit höhnischen Beschimpfungen erhielt, wusste er, dass man ihn ermorden würde. Die anderen Männer auf der Todesliste bekamen nahezu gleichlautende Nachrichten. „Liebste, sie werden mich töten“, habe er in den Wochen vor seinem Tod gesagt, erzählt seine Witwe Esmilda Rodas. Seine Freunde erinnern sich, dass Ma­nuel Moncada, der sonst heiter und unbekümmert war, in den letzten Wochen verzweifelt gewesen sei. Am 6. Juli wurde er von zwei Männern in einer überfüllten Bankfiliale in der Innenstadt von Tocoa erschossen.

„Er hat nie etwas Böses getan“, sagt Rodas, die unter Bananen- und Guavenbäumen vor ihrem Lehmhaus sitzt. Nach dem Attentat bekam sie Angst um ihren ältesten Sohn und schickte ihn ohne Papiere auf den Weg in die USA – er ist einer von vielen jungen Honduranern, die in den letzten Monaten ihre Heimat verlassen mussten, darunter auch zwei führende Köpfe der Landrechtsbewegung in Panamá.

Juan Moncada war eigentlich geschützt: Er gehörte zu jenen Mitgliedern der Gregorio-Chávez-Bewegung, die 2019 unter das staatliche Schutzprogramm (SNP) für bedrohte Aktivisten gestellt wurden, nachdem sie Beweismaterial für den systematischen Terror gesammelt und vorgelegt hatten. Moncada konnte die Polizei rufen, wenn er sein Leben bedroht sah. Doch seine Frau und seine Freunde bezeugen, dass die Polizei nicht kam, wenn er anrief. „Es gab Schutzmaßnahmen“, sagt Daniel García, „aber nur zum Schein. Die existieren nur auf dem Papier.“

Die Menschen aus Panamá erzählen, eine paramilitärische Gruppe unter der Führung eines gewissen Santos Torres habe sich auf einem Teil der Paso-Aguán-Plantage names El Ocho niedergelassen, um die Kleinbauernkooperative „Gregorio Chávez“ aufs Korn zu nehmen. Die Bewegung ist nach einem Landrechtsaktivisten und Laienprediger benannt, der 2012 mutmaßlich von privaten Wachleuten im Dienste Dinants ermordet wurde. (Dinant streitet dies ab.) Die Kooperative hält etwa die Hälfte von Paso Aguán in der Nähe des Dorfs Panamá besetzt. Torres arbeitete zunächst als Wachmann für Dinant, schloss sich 2012 der Landrechtsbewegung an und soll ab 2014 heimlich in Kontakt mit Dinant gestanden haben. 2018 gründete er seine bewaffnete Gruppe.

Satellitenaufnahmen vom August 2020 zeigten in El Ocho eine Ansammlung von Hütten, die mit den Beschreibungen der Einheimischen übereinstimmt. Dinant-Sprecher Pineda erklärt, das Unternehmen könne nicht feststellen, ob die Torres-Gruppe ihren Sitz auf der Plantage habe, denn man habe keinen Zugang mehr zu dem Gelände, das „von gesetzlosen Kriminellen illegal besetzt wurde“.

Den Einheimischen zufolge patrouilliert die Torres-Gruppe fast täglich auf Motorrädern durch den Ort, meist am späten Nachmittag oder Abend. Sie kämen auf zwei bis vier Motorrädern, auf jedem zwei Männer mit Kalaschnikows oder M-16-Sturmgewehren und schusssicheren Westen. Häufig schlenderten sie durch die engen, holprigen Hintergassen und stünden mit der Waffe im Anschlag vor den Häusern von Menschen, denen sie den Tod angedroht hätten.

Die Torres-Gruppe habe seit 2018 mindestens acht Menschen ermordet, sagen die Leute von Panamá, und einige meinen, es gebe noch mehr Opfer. Viele gehörten der Landrechtsbewegung an, aber manche hatten auch auf andere Weise die Aufmerksamkeit der Paramilitärs auf sich gezogen. Der ehemalige Kleinbauer Santos Anselmo Molina, der als Wachmann für Dinant arbeitete, wurde im Juni 2020 von drei Bewaffneten in einen Hinterhalt gelockt und getötet. Man habe ihn beschuldigt, den Standort der Todesschwadron an die Gemeinde verraten zu haben, sagte uns ein Verwandter, der seinen Namen nicht öffentlich nennen wollte.

Zum Arsenal der Einschüchterung gehören wahllose Schießereien bei Gemeindeveranstaltungen, oder man folge Leuten nach Hause und lungere vor ihrem Haus herum. Das Ziel der Paramilitärs sei es, die Kleinbauernkooperative von ihrem Teil der Paso-Aguán-Plantage zu vertreiben. „Wir leben hier unter Terror“, sagt Bertulia Castro, die ebenfalls in Panamá wohnt. Ihr Haus wurde im Juli 2021 zweimal von bewaffneten Männern auf Motorrädern umzingelt. Sie seien so gut ausgerüstet, dass man sie kaum von regulären Soldaten unterscheiden könne.

Bertulia Castro war von 1999 bis 2017 bei Dinant als Erntehelferin für Palmfrüchte beschäftigt. Sie kann berichten, dass Santos Torres regelmäßig bei Treffen von Managern und Angestellten der Firma gesehen wurde. 2015, als Torres bereits regelmäßigen Kontakt zu Dinant gepflegt haben soll, befragten Journalistinnen das Unternehmen zu seiner Rolle bei den gewaltsamen Landkonflikten. Daraufhin ließ der Palmölgigant Radiospots mit Santos Torres in seiner damals noch offiziellen Rolle als Kleinbauernsprecher produzieren, in denen er erklärte, er werde „in den Straßen Blut fließen lassen“, um Paso Aguán zurückzugewinnen.13

2018 verkündete Santos Torres in Panamá, er hätte nichts mit der Gregorio-Chávez-Koopera­tive zu tun und würde sich mit seinen Anhängern nach El Ocho zurückziehen. „Ich will nicht, dass irgendjemand von euch da hinkommt“, soll er gesagt haben. Noch im selben Jahr begann er später mit anderen bewaffneten Männern durch die Siedlung zu patrouillieren.

Dinant-Sprecher Pineda erzählt uns, Santos Torres habe nie direkt für Dinant gearbeitet, aber möglicherweise für Orion, einen inzwischen aufgelösten privaten Sicherheitsdienst, der vor 2014 bei Dinant unter Vertrag gestanden habe. Pineda erklärt, er habe Torres 2013 getroffen, als er noch Mitglied der Kooperative war, doch Dinant „hatte zu keiner Zeit eine direkte Beziehung zu Herrn Torres“.

Am 26. Juni 2021 wurde Santos Torres während einer Messe in der Kirche von Panamá ermordet. Der Angriff wurde von einer Überwachungskamera aufgezeichnet, die an einem gegenüberliegenden Haus hing. Nach Angaben eines Zeugen, der sich das Video mehrfach angesehen hatte, bevor es als Beweismaterial von der zuständigen Ermittlungsbehörde Atic eingezogen wurde, sieht man darauf acht Männer, die sich mit großkalibrigen Waffen, schusssicheren Westen und Sturmhauben dem kleinen Kirchengebäude nähern. Die Hälfte habe Militäruniformen getragen, die anderen waren komplett schwarz gekleidet. Zwei der Bewaffneten seien in die Kirche gegangen.

Ein Sprecher des Justizministeriums, dem die Atic Aguán-Tal unterstellt ist, wollte sich zu den näheren Umständen der Tat nicht äußern. Er fügte hinzu, es werde sowohl im Fall Santos Torres als auch im Fall Manuel Moncada ermittelt.

Agenten unterwandern Bauernkooperativen

„Die Armee will die Paramilitärs mit dem übelsten Ruf loswerden“, sagt ein altgedienter Landrechtsaktivist im Aguán, der seinen Namen nicht genannt haben will. „Gleichzeitig nutzen sie die Gelegenheit, um die Landrechtler zu kriminalisieren und Hass zu schüren.“ Honduranische Medien bezeichneten Santos Torres als „Klein­bauern­führer“14 und griffen damit auf das verbreitete Narrativ zurück, demzufolge die Gewalt auf Konflikte unter den verschiedenen Kleinbauernkooperativen zurückzuführen sei und nicht von außen komme.

Mitglieder von Gregorio-Chávez in Panamá haben sich über die Jahre immer wieder bei den zuständigen Behörden schriftlich über die Torres-Gruppe beschwert. Diese Berichte, von denen uns einige vorliegen, beschreiben en détail die Todesdrohungen, ungeklärten Morde und Dorfpatrouillen bewaffneter Männer auf Motorrädern. Allerdings hätten die Behörden kaum reagiert, erklären die Menschen vor Ort.

Erst nach dem Mord an Santos Torres passierte etwas. Jaime Cabrera erzählte, er habe in derselben Nacht den Anruf eines Polizisten erhalten, offenbar aus der weit entfernten Hauptstadt Tegu­ci­galpa. „Ich habe gehört, es gab einen Mord auf dem Land“, sagte der Beamte. „Wissen Sie etwas davon?“

Cabreras Haus liegt etwa 800 Meter von dem Tatort entfernt, und da es heftig regnete, konnte er die Geräusche auf der Straße schlecht hören, er habe daher nicht gewusst, dass ein Verbrechen geschehen war. Der Beamte legte auf, bevor Cabre­ra fragen konnte, woher er denn von einem Mord wisse.

Einen Monat später wurde Daniel García zusammen mit einem weiteren Mitglied der Gregorio-­Chávez-Kooperative von Atic-Beamten festgenommen und zum Mord an Santos Torres befragt. (Das zweite Mitglied möchte aus Sicherheitsgründen seinen Namen nicht öffentlich nennen.) Das war eine Warnung: Mitglieder dieser Ermittlungsgruppe, die mit Hilfe der USA gegründet wurde15 , sollen Beweismittel gefälscht16 , soziale Bewegungen unterwandert17 und außergerichtliche Exekutionen18 durchgeführt haben.

García und sein Kollege erklären, die Atic-­Beamten hätten ihnen Schutz und ein Visum für die USA oder Europa versprochen. Dafür sollten sie aussagen, dass die beiden Leiter der Kooperative in Panamá, Hipólito Rivas und ­Jaime Cabrera, hinter dem Mord an Torres steckten. García erinnert sich, dass einer der Beamten zu ihm sagte: „Du bist jung, und du kannst ein ganz anderes Leben haben. Ich kann dich über die Grenze bringen und dir Geld verschaffen.“ Die beiden weigerten sich, ihre Freunde zu verraten, und machten sich stattdessen wie so viele andere auf den gefährlichen Weg nach Norden, Richtung USA.

Trotz der drohenden Gefahr schlossen sich die Kleinbauern im Aguán-Tal weiterhin zusammen, um ihr Land zurückzubekommen. Seit dem 1. April 2021 besetzen Bauern aus dem San-­Isi­dro-­Viertel in Tocoa die Plantage Los Laureles, die Dinant 1992 erworben hatte. Die Aktivisten erklären, nur 3 der 44 Genossenschaftler hätten damals dem Verkauf zugestimmt. Der Konzern, der sich als rechtmäßiger Eigentümer der Landflächen betrachtet, rief noch am Tag der Besetzung die Polizei zu Hilfe. Die konnte jedoch nicht einschreiten, weil die Bauern Dokumente vorlegten, aus denen hervorging, dass das Land ihnen gehörte. (Kopien liegen The Intercept vor.)

„Sie haben geglaubt, dass wir bewaffnet sind“, sagt Pedro Antonio Vindel, der Vorsitzende der Laureles-Kooperative. „Aber wir haben keine Waffen, weil wir keine brauchen. Unsere Waffen sind die Dokumente. Und wegen dieser Dokumente konnten sie uns nicht loswerden, weil sie keine Argumente gegen uns haben.“ Dinant-Sprecher Pineda erklärt dazu, man habe keine Kenntnis dieser Dokumente, die Landrechtsaktivisten hätten das Eigentumsrecht des Unternehmens bislang nicht vor Gericht angefochten.

Inzwischen ist die Plantage von Polizisten und privaten Dinant-Wachleuten umstellt, die in Jeeps patrouillieren. Den ganzen Tag fliegen Drohnen über die Köpfe der Landrechtler und folgen ihnen überallhin, man hört von unten ihr sanftes, hornissenartiges Surren. Mehrfach wurden Besetzer, die mit Palmölfrüchten durch das rostige Metalltor nach draußen gingen, von der Polizei verhaftet.

An einem Abend im Juli 2021 hielt Sprecher Yoni Rivas eine Rede an die Menge, die sich mit ihren Macheten vor dem behelfsmäßigen Lagerhaus unter den Palmen versammelt hatte. „Sie versuchen die Schwachen unter euch zu finden, sie zu bezahlen, zu bewaffnen und die Kleinbauernbewegung von innen heraus zu destabi­li­sieren.“

Einheimische erzählen, sie haben bereits drei junge Männer beobachtet, die sich regelmäßig nachts mit Leuten getroffen hätten, die ihrer Meinung nach Dinant-Wachleute waren. Im Oktober wurden in Los Laureles, Panamá und einer weiteren Gemeinde, in der es einen Landkonflikt gab, insgesamt fünf misshandelte, blutüberströmte Leichen gefunden; bei einem Mann waren die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Landrechtsorganisationen fürchten seitdem noch mehr Gewalttaten. „Wir haben Angst“, sagt Abraham ­Leon, Sekretär der Los-Laureles-Koopera­tive. „Ich fühle mich in der Kooperative nicht mehr sicher.“

1 Siehe Maurice Lemoine, „Staatstreich“, LMd, August 2009.

2 „UMVIBA logra sentencia condenatoria contra asesino de dirigentes campesinos“, Honduranisches Justizministerium (Ministerio Público), 25. Mai 2021.

3 „Berta Cáceres‘s name was on Honduran military hitlist, says former soldier“, The Guardian, London, 21. Juni 2016.

4 „Update of draft for consultation Dinant Enhanced Action Plan“, International Finance Corporation, April 2015.

5 „Honduras: Acciones de desalojo al Movimiento Autentico Reivin­dicador Campesino del Aguán a la cual CIDH otorgó medi­das caute­lares“, Cloc – La vía campesina, 21. Mai, 2014, cloc-via­cam­pesina.net.

6 Sasha Chavkin, „Lawsuit: World Bank arm aided firm that hired ‚death squads‘ “, International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ), 7. März 2017.

7 „There Are No Investigations Here“, Human Rights Watch, 12. Februar 2014.

8 Abrufbar unter www.hrw.org/sites/default/files/reports/Annex2.pdf.

9 Nachzulesen unter www.documentcloud.org/documents/­21098654-dinant-response, 26. Oktober 2021.

10 Liste der IFC-Berichte: „IFC Updates Related to Corporación Dinant’s E&S Action Plan“.

11 „Situation in Honduras: Article 5 Report“, Internationaler Strafgerichtshof, 28. Oktober 2015.

12 Dina Meza, „En el Bajo Aguán: Asesinan a testigo protegido de crímenes contra líderes campesinos de MUCA“, Pasos de Animal Grande, 11. Oktober 2021.

13 Sasha Chavkin, Cecile S. Gallego und Shane Shifflett, „ ‚Bathed In Blood‘: World Bank Arm Gave Loan Amid Deadly Land War“, International Consortium of Investigative Journalists, 9. Juni 2015.

14 „Líder campesino hondureño habría sido asesinado al interior de una iglesia en Colón“, HRN Radio, 27. Juni 2021.

15 „195 jóvenes asumen reto para integrar las filas de ATIC y DLCN“, La Tribuna, 14. August 2017.

16 „Julissa Villanueva denuncia amenazas de muerte por investigación de caso de jefa de la Atic“, La Prensa, 17. Juli 2018.

17 „Agente de la ATIC declara que autoridades de la UNAH infiltraron movimiento estudiantil“, criterio.hn, 7. Juni 2018.

18 „Una ejecución extrajudicial que embarra a la ATIC“, criterio.hn, 3. September 2018.

Aus dem Englischen von Sabine Jainski

Jared Olson lebt als freier Journalist, Übersetzer und Autor in Honduras.

© The Intercept, erstmals erschienen am 6. November 2021;

für die deutsche Übersetzung LMd, Berlin.

Le Monde diplomatique vom 13.01.2022, von Jared Olson