Artikel drucken zurück

Die Muslime und die Demokratie

Etwa zwei Drittel der 192 Staaten der Welt sind parlamentarische Demokratien. Von den 47 Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit ist es aber nur ein Viertel. Vom Sonderfall Libanon abgesehen, fällt kein einziger arabischer Staat in diese Kategorie. Zur Begründung kann man häufig hören, in der muslimischen Welt fehlten eben jene Grundwerte, die in der westlichen Kultur zur Entstehung der Demokratie geführt hätten. Empirische Belege dafür gibt es nicht – wir wissen bislang wenig über die Einstellungen und Werte der muslimischen Bevölkerungen. Interessante Hinweise finden sich nun in den groß angelegten Meinungsumfragen, die World Values Survey1 in zwei Etappen, 1995–1996 und 2002, in fünf arabischen2 und neun muslimischen Ländern3 durchgeführt hat.

Ganz gegen die Behauptung eines „Kampfs der Kulturen“ zwischen dem Orient und der übrigen Welt zeigen diese Umfragen, dass die Demokratie weltweit in sehr hohem Ansehen steht – und gerade auch in den arabischen Ländern. So fand die Aussage: „Die Demokratie mag eine Reihe von Problemen haben, aber sie ist die beste Form der Regierung“, in den arabischen Ländern bei 61 Prozent der Befragten starke Zustimmung – in 16 Ländern Westeuropas dagegen nur bei 52 Prozent, in den USA, Kanada, Australien und Neuseeland nur bei 38 Prozent. Rechnet man jene Befragten hinzu, die sich für einfache Zustimmung zu dieser Aussage entschieden, so ergeben sich überwältigende Mehrheiten für die Demokratie. In den übrigen muslimischen Ländern lauteten die Ergebnisse (einfache und starke Zustimmung zusammen): Iran 69 Prozent, Indonesien 71 Prozent, Türkei 88 Prozent, Bosnien 92 Prozent, Albanien 95 Prozent.

Fußnoten: 1 Siehe Ronald Inglehart, „The Worldview of Islamic Publics in Global Perspective“, 2005, www .worldvaluessurvey.org. 2 Algerien, Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien, Marokko. 3 Albanien, Aserbaidschan, Bangladesch, Bosnien, Indonesien, Iran, Kirgisien, Pakistan, Türkei.

Le Monde diplomatique vom 08.07.2005,