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Mobilität, freier Warenverkehr, Konsum: Was den Tourismus kennzeichnet, machte ihn aus Sicht der internationalen Organisationen zu einem wichtigen Vehikel der Globalisierung. Die Welttourismusorganisation UNWTO (eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen) geht noch weiter und erklärt ihn zu einem „entscheidenden Motor des sozioökonomischen Fortschritts“.1 Zum Welttourismustag 2006 startete die UNWTO eine Werbekampagne mit dem Slogan: „Tourismus – gut für die Menschen, die Familien, die Gemeinschaften und die Welt“.

Diese Aktion sollte vor allem „die positiven Wirkungen aufzeigen“, als da sind: „Wirtschaftliche Vorteile, Völkerverständigung, neue Arbeitsplätze in ländlichen Gebieten, Schutz der Umwelt“ und anderes Schönes mehr. Auf den altbekannten Slogan „Trade not Aid“ (Handel statt Hilfe) folgt nun offenbar die aktuelle Aufforderung „Travel not Aid“. Reisen statt Hilfe – fürwahr eine idyllische Perspektive. Aber entspricht sie der Realität?

Aus Sicht der UNWTO bietet der Tourismus dem globalen Süden eine der wenigen Chancen, etwas an Kunden aus dem Norden zu verkaufen: den ganzen Reichtum an Natur und Kultur, der häufig die einzige Einnahmequelle der armen Länder darstellt. Damit sollen dann gerade den ärmsten Schichten neue wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnet werden: Kaufkräftige Konsumenten aus der reichen Welt treffen im Urlaubsland auf das Angebot örtlicher Produzenten und kleiner Hotelbetriebe. Das ist angeblich auch für die Gleichberechtigung gut, denn weltweit liegt der Frauenanteil in der Tourismusbranche bei 70 Prozent. Zudem soll der Tourismus die Kontakte zwischen Menschen aller Länder stärken und damit die sozialen Beziehungen „universalisieren“. Damit werde er zur Quelle von so schönen Dingen wie „Stolz auf die eigene Kultur“ oder „Wertschätzung und Bewahrung des Eigenen“, aber auch „Frieden und gegenseitiges Verstehen“.2

Bei diesem idyllischen Bild fehlt jedoch der Hinweis, dass der Tourismus in erster Linie eine Industriebranche ist, die von transnationalen Unternehmen wie TUI Travel oder Accor beherrscht wird und die sich durch eine weltweite technische und kommerzielle Verflechtung auszeichnet.

Der Generaldirektor der Internationalen Vereinigung der Reiseveranstalter hat bereits 2001 bei einer Veranstaltung der Welthandelsorganisation (WTO) erläutert, wohin die Einnahmen aus einer in Belgien, Deutschland oder Großbritannien gebuchten Pauschalreise normalerweise fließen: 20 Prozent verbleiben im Herkunftsland des Touristen, 37 Prozent bekommt die Fluggesellschaft, 43 Prozent bleiben im Urlaubsland hängen. Von den Einnahmen vor Ort sind allerdings die Ausgaben für importierte Waren abzuziehen, die dem Wohlergehen der Urlauber dienen, wie etwa bestimmte Speisen und Getränke, Klimaanlagen oder Fernsehgeräte.

Zudem ist es wenig wahrscheinlich, dass Teilnehmer von Pauschalreisen, für die jeder Schritt und jeder Einkauf vorausgeplant ist, mit den kleinen lokalen Anbietern in Kontakt kommen (ganz zu schweigen von denen, die einen Ferienclub gebucht haben). Ein Beispiel: Ein französischer Tourist zahlt für eine Woche Strandurlaub in Tunesien 600 Euro. Davon bleiben 350 Euro in Frankreich: Mehrwertsteuer, Flughafensteuer, Flugbenzinabgabe, Geschäftsgebühren, allgemeine Kosten und die Gewinnspanne des Reisebüros. Für das Hotel, das einen Vertrag mit dem Veranstalter hat, bleiben also nur 250 Euro. Davon gehen aber noch Flughafensteuer und Mehrwertsteuer sowie die Kosten für Importe und der in den Norden transferierte Gewinnanteil. Am Ende fließen höchstens 150 Euro in die tunesische Wirtschaft.

Ein anderes Beispiel: Ein französischer Reiseveranstalter verkauft eine Woche „Trekking“ im marokkanischen Atlasgebirge: eine Pauschalreise inklusive Air-France-Ticket für 950 Euro. Davon kommen 540 Euro nicht in Marokko an. Anders als beim tunesischen Strandurlaub spielen hier die Kosten für importierte Waren kaum eine Rolle, weil die Trekker lokale Produkte konsumieren. Aber die restlichen 410 Euro werden besonders ungerecht verteilt: Der Staat und die großen Unternehmen kassieren davon 370 Euro (Anteil der marokkanischen Reiseagentur, eine Nacht im Hotel vor Ort, Vergütung für einen Führer, Transport im Kleinbus, Verpflegung im Lager). Den Einheimischen – wie Koch und Maultiertreibern – bleiben lediglich 40 Euro, also nicht einmal 5 Prozent der Summe, die der Trekkingtourist gezahlt hat.

Für die meisten Länder des Südens wirft der internationale Tourismus also nicht viel ab. Und was an Einnahmen verbleibt, fließt oft an die lokale (politische und wirtschaftliche) Oligarchie. Entwicklungsländer mit chaotischen Marktstrukturen sehen sich damit einer gut organisierten, stark konzentrierten Tourismusindustrie gegenüber. Die Reiseveranstalter aus dem Norden können also die Anbieter aus den Urlaubsländern – verschiedene Regionen oder konkurrierende Orte innerhalb derselben Region – zum eigenen Vorteil gegeneinander ausspielen.

Gilles Caire

Fußnoten: 1 Auf der Website der Organisation www2.unwto.org. 2 Siehe „Tourism and Poverty Alleviation“, Madrid (UNWTO) 2002. Aus dem Französischen von Edgar Peinelt Gilles Caire ist Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Poitiers.

Le Monde diplomatique vom 13.07.2012, von Gilles Caire