Von Kastellorizo bis Komotini

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Von Kastellorizo bis Komotini

Die griechisch-türkischen Spannungen haben viele Gründe und mehrere Fronten. Im östlichen Mittelmeer geht es um maritime Wirtschaftszonen, auf Lesbos um die Flüchtlinge aus der Türkei, in Westthrakien um eine Minderheit, die offiziell keine türkische sein darf.

von Élisa Perrigueur

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Kastellorizo ist das östlichste griechische Territorium. Die kleine Insel liegt nur zwei Kilometer vor der türkischen Südküste, die nächste griechische Insel, Rhodos, ist 120 Kilometer entfernt. In der einzigen, um die tief eingeschnittene Hafenbucht gruppierten Ortschaft geht es Ende September ruhig zu. Ein paar ältere Fischer sitzen im Kafenion und spielen Karten, an der Kaimauer versuchen Kinder im kristallklaren Wasser Schildkröten anzulocken.

Konstatinos Papoutsis blickt von seinem Kaffee auf und weist gelassen hinüber zur türkischen Küste, die nach Norden den ganzen Horizont einnimmt, und auf die benachbarte Stadt Kaş. „Wir sind eine ruhige Touristeninsel“, sagt der freundliche Mann, der ein Reisebüro betreibt. „Das habe ich auch den ganzen Sommer über unseren Gästen gesagt.“ Einige Gemeinderäte der 500-Seelen-Gemeinde, die im selben Kafenion sitzen, versichern ebenfalls: „Es gibt keine Gefahr auf Kastelorizo!“

Die Blue-Star-Fähre aus Piräus gleitet ins Bild. Das große Schiff, das in diesem kleinen Hafen fast gigantisch wirkt, braucht für die Fahrt bis Kastellorizo 23 Stunden. Nach einer trägen Drehung macht es mit dem Heck an der Landestelle fest. Unter den Passagieren sind etwa 50 junge Soldaten, die am Kai entlang zu ihrer Sammelstelle unterhalb des gegenüberliegenden Felsmassivs marschieren. „Das ist die routinemäßige Trup­pen­ablösung, die gibt es hier alle paar Monate“, erklärt Papoutsis.

Der im Februar 1947 unterzeichnete Vertrag von Paris, der Griechenland die seit 1912 von den Italienern besetzten Dodekanes-Inseln – einschließlich Kastelorizo – zusprach, sieht in seinem Artikel 14 die Entmilitarisierung dieser Inselgruppe im äußersten Südosten der Ägäis vor. Tatsächlich sind, seit die Türkei 1974 Nordzypern besetzt hat, griechische Truppen auf den Inseln stationiert, die alle unweit der türkischen Küste liegen.

Athen rechtfertigt die Militarisierung seiner Inseln in der östlichen Ägäis als völkerrechtlich zulässige Maßnahme zur Selbstverteidigung nach Artikel 51 der UN-Charta. Dabei verweist Athen darauf, dass die Türkei seit ihrer Invasion in Zypern 1974 die Militärpräsenz an der eigenen Ägäis­küste merklich verstärkt hat.

Seit es Anfang 1996 fast zu einem militärischen Konflikt um die bei Kalymnos liegenden Imia-Inseln gekommen wäre, hat Griechenland seine Verteidigung verstärkt.1 Auf dem Rathaus von Kastellorizo verweigert man die Auskunft über die Anzahl der Soldaten, die auf den Felsen über dem Hafen postiert sind.

Die Inselbevölkerung gibt sich zwar gelassen – schließlich will man die in Coronazeiten ohnehin seltenen Besucher nicht abschrecken. Aber man weiß sehr wohl, dass ein Schatten über ihrem kleinen Paradies liegt. Falls der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan seine Drohung wahrmacht, die Land- und Seekarten zugunsten der Türkei zu revidieren, liegt Kastelorizo an vorderster Front des Konflikts.

Seit den 1970er Jahren schwelt zwischen den beiden Nato-Ländern Griechenland und Türkei ein Konflikt um die Dodekanes-Inseln. Ankara stellt die griechischen Hoheitsrechte über mehrere kleine, vor der türkischen Küste gelegene Inseln und Felsen infrage. Vor allem aber geht es um die Ansprüche auf eine ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ). Die Türkei ist eines der 14 Länder, die das UN-Seerechtsübereinkommen (Unclos) von 1992 nicht unterzeichnet haben, das seit 1994 geltendes Völkerrecht ist. Damit weigert sich Ankara anzuerkennen, dass die griechischen Inseln nach Artikel 121 des Unclos über einen eigenen Festlandsockel und damit auch eine ausschließliche Wirtschaftszone verfügen.

Während Griechenland den Großteil der Ägäis als AWZ beanspruchen könnte2 , ist die Situa­tion im östlichen Mittelmeer, zu dem Kastellorizo geografisch gehört, eine andere. In dieser Region ist der Anspruch Athens, dass die nur 9 Quadratkilometer große Insel über eine bis zu 200 Seemeilen nach Süden reichende AWZ verfüge, rechtlich unhaltbar.

Eine solch riesige Zone widerspricht dem Prinzip einer „equitable“ (gerechten und fairen) Aufteilung der Wirtschaftszonen, die der Unclos-Artikel 74 für „halb umschlossene Meere“ vorsieht. Um eine völkerrechtlich bindende Lösung zu erzielen, müssten sich alle vier Anrainerstaaten zwischen Rhodos und Zypern (Griechenland, Türkei, Ägypten und Zypern) auf eine Aufteilung ihrer AWZs einigen.3 Solange das nicht der Fall ist, sind die konkurrierenden Ansprüche Griechenlands und der Türkei rein deklamatorisch.

Mangels gültiger AWZ-Grenzen verstößt allerdings auch Ankaras einseitiges Vorgehen, das die aktuelle Krise heraufbeschworen hat, gegen das Völkerrecht. Seit Juli 2020 hat die Regierung Er­do­ğan das Forschungsschiff „Oruç Reis“4 wiederholt zu seismischen Untersuchungen in das umstrittene Seegebiet entsandt – in der Hoffnung, Gasvorkommen zu entdecken.

Diese Explorationen gehören zu einem strategischen Projekt namens „Blaues Vaterland“ (Mavi Vatan), das die türkischen Nationalisten und Islamisten verfolgen. Das Konzept stammt von Ex-Admiral Cem Gürdeniz und soll die türkischen Ansprüche auf umstrittene Zonen im Schwarzen Meer, in der Ägäis und im Mittelmeer geltend machen.

Er­do­ğan hat in den letzten Monaten seine kriegerische Rhetorik verschärft. Am 26. August 2020, zum Jahrestag der Schlacht von Manzikert 1071, in der die türkischen Seldschuken die byzantinische Armee besiegten, warnte er Griechenland, jeder „Fehler“ werde zu seinem „Ruin“ führen. Wegen solcher Töne hat der konservative Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis der Türkei „imperialistische Fantasien“ und „aggressives Verhalten“ vorgeworfen

Im Konflikt mit Ankara kann Athen auf die Unterstützung von Zypern, Italien und Frankreich zählen. Mit diesen Ländern fanden im Sommer gemeinsame Militärmanöver statt, an denen auch Ägypten5 und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) teilnahmen. Emmanuel Macron, der mit Er­do­ğan bereits wegen Syrien, Libyen und des Bergkarabach-Konflikts über Kreuz liegt, hat entschieden Partei für Athen ergriffen. Eine lohnende Geste: Mitte September 2020 beschloss die Regierung Mitsotakis, 18 Rafale-Kampfflugzeuge des französischen Herstellers Dassault Aviation zu kaufen.

„Macron ist ein wertvoller Verbündeter, den würden wir gern auf unsere Insel einladen“, meint Stratos Amygdalos, der für die Regierungspartei Nea Dimokratia im Gemeinderat von Kastelorizo sitzt. Sein Tischnachbar, der Reiseleiter Konstantinos Raftis, schimpft auf Er­do­ğan: „Der spielt sich auf wie Suleiman der Prächtige, aber im eigenen Land verliert er an Ansehen, die türkische Lira bricht ein. Also versucht er sein Image mit Eroberungsfantasien und nationalen Träumen aufzupolieren.“

Den Vergleich zwischen dem osmanischen Sultan des 16. Jahrhunderts und dem aktuellen türkischen Präsidenten hört man in Griechenland immer wieder. Das Land gehörte von 1430 bis zu seiner 1830 erlangten Unabhängigkeit zum Osmanischen Reich. Der Aufstand gegen die „tourkokratia“ hat die Identität des modernen griechischen Staats geprägt. Bis heute hält sich ein tiefes Misstrauen gegenüber dem missliebigen Nachbarland, dessen Bruttoinlandsprodukt viermal, dessen Territorium sechsmal und dessen Bevölkerung achtmal größer ist.

Außer dem Minarett ist nicht viel übrig vom osmanischen Erbe

Der Argwohn zieht sich quer durch die politischen Lager: Sämtliche griechischen Parteien sind vom Nationalismus durchtränkt. Aus Athener Sicht steht die Doktrin vom „Blauen Vaterland“ für eine neoosmanische, expansionistische Politik, die an die imperiale türkische Vergangenheit anknüpfen will.

An der Einfahrt zur Hafenbucht in Kastellorizo ragt das Minarett einer Moschee gen Himmel. Das einzige Baudenkmal aus osmanischer Zeit – heute ein Museum. Ihr stehen 26 orthodoxe Kirchen gegenüber. Laut Verfassung ist der orthodoxe Glaube die „vorherrschende Religion in Griechenland“; in der Tat sind 95 Prozent der ­Bevölkerung griechisch-orthodox, was bis zum Jahr 2000 sogar im Personalausweis verzeichnet war.6

„Selbst unter dem osmanischen Joch sind wir immer Griechen geblieben“, ereifert sich Konstantinos Raftis, „unsere Vorfahren haben Kastelorizo verteidigt, damit die Insel ihre Identität bewahrt. Und um die zu erhalten, werden wir auch weiterhin kämpfen.“

Für die Inselbewohner dauerte der Befreiungskampf länger als für die übrigen Griechen, erklärt der Sechzigjährige. Nach dem Abzug der Osmanen wurde Kastellorizo 1915 von Frankreich besetzt und 1922 von Italien annektiert. Erst 1947 wurde die Insel mit dem gesamten Dodekanes7 Griechenland zugesprochen.

Seitdem weht hier die blau-weiße Flagge. Die drei großen Fahnen, die Soldaten in Weiß und Blau auf die Felswände gepinselt haben, sind sogar von Kaș aus zu erkennen, dem 8000-Seelen-Städtchen an der türkischen Küste. Wann immer die politischen Spannungen zunehmen, wächst die Zahl und Größe der nationalen Symbole.

Aufgeregt berichtet Raftis von dem jüngsten Vorfall, der alle Inselbewohner extrem nervös gemacht hat. Am 26. September 2020 tauchte eine Drohne, aus der osmanische Kriegshymnen erschallten, über der Insel auf. Zur gleichen Zeit wurde eine der auf den Fels gemalten griechischen Fahnen mit roter Farbe besprüht – rot wie die türkische Flagge. „Das war ein unverzeihlicher Angriff, der bestraft werden wird“, wettert Raftis und mustert die paar unbekannten Gestalten, die vorbeikommen, als könnten türkische Spione unter ihnen sein.

Anders sieht es Tsikos Magiafis, der liebenswürdige Chef einer Taverne, die über dem Hafen liegt: „Spannungen gibt es seit 40 Jahren; doch am Ende renkt sich alles immer wieder ein; die Türken und Griechen müssen eben miteinander reden. Die da drüben sind unsere Brüder, wir sind zusammen aufgewachsen“, sagt Tsikos, der seine Frau Hurigül in Kaş kennengelernt hat. Seit seiner Jugend besucht Tsikos den Basar auf der anderen Seite, und auch den Zahnarzt oder Fachärzte, die es auf Kastelorizo nie gab. Umgekehrt lebt die Insel von den Touristen aus der Türkei, die auch dieses Jahr die Ersten waren, bevor Corona die Saison kaputtgemacht hat.

450 Kilometer nordwestlich liegt die Insel Lesbos. Hier sind es keine von Ankara entsandten Explorationsschiffe, die sich Richtung Griechenland aufmachen, sondern kaum seetüchtige Schlauchboote, mit denen Migranten von der nur zehn Kilometer entfernten türkischen Küste in Richtung Lesbos aufbrechen. Das macht die drittgrößte griechische Insel mit ihren 86 000 Einwohnern zu einem weiteren griechisch-türkischen Krisenherd.

Lesbos ist in den vergangenen zehn Jahren zu einem der wichtigsten Anlaufpunkte für Geflüchtete geworden, die in die Europäische Union gelangen wollen. Zehntausende von ihnen, vor allem aus Afghanistan, Syrien und Irak, wählten die Route über die Türkei, die selbst 4 Millionen Geflüchtete aufgenommen hat. Da die Küste gegenüber von Lesbos touristisch kaum entwickelt ist, können türkische Schlepper von hier aus relativ unbemerkt operieren. Allerdings sitzen die von ihnen abgesetzten Migranten dann auf Lesbos fest, wo sie lange auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge warten müssen.

Das größte Flüchtlingslager in Moria brannte am 8. September 2020 unter ungeklärten Umständen ab, wobei es zum Glück unter den 13 000 Insassen keine Verletzten gab.8 Konstantinos Mou­tzou­ris, der Gouverneur der Region Nord­ägäis, ist überzeugt, dass Erdoğan die Flüchtlinge als di­plo­matische Waffe benutzt: „Wenn er verhandeln will, schickt er sie los. Er verhält sich aggressiver als alle türkischen Regierungschefs vor ihm“, klagt der konservative Lokalpolitiker.

Moutzouris profiliert sich seit Langem als Scharfmacher der systematischen Abschreckung. So forderte er Ende März 2020, allen Neuankömmlingen das Recht auf einen Asylantrag auf Dauer zu verwehren.9 Anfang März hatte die griechische Regierung beschlossen, dieses Grundrecht für einen Monat zu suspendieren. Da sie damit gegen internationale Konventionen und gegen EU-Recht verstieß, musste sie diese Anordnung Anfang April wieder aufheben.

Hintergrund der Märzkrise war die Ansage des türkischen Präsidenten, den mit der EU 2016 geschlossenen Flüchtlingspakt aufzukündigen und die Grenzen für die Migranten zu öffnen. Daraufhin waren Tausende an die türkisch-griechische Landgrenze in Thrakien gekommen, die vom griechischen Militär abgeriegelt wurde. Damals landeten auch ein Dutzend Flüchtlingsboote in Lesbos, woraufhin Extremisten die Bevölkerung zu Protesten anstachelte. „Seitdem kommunizieren wir überhaupt nicht mehr mit den türkischen Behörden“, sagt Moutzouris.

Auch die Regierung in Athen fährt eine harte Linie. Mitte Oktober letzten Jahres zelebrierte sie den Baubeginn für einen zusätzlichen 27 Kilometer langen Stahlzaun an der Landgrenze zur Türkei (siehe Karte). Bereits Anfang 2020 hatte sie angekündigt, die Nordküste von Lesbos durch eine 2,7 Kilometer lange „schwimmende Barriere“ abzuschirmen. Dieser Plan, den Menschenrechtsorganisationen als illegal verurteilten, wurde inzwischen aus praktischen Gründen aufgegeben.10

Es war ein „absurdes“ Projekt, meint der Apotheker Georgios Pallis, der für die linke Syriza-Partei 2019 im Athener Parlament saß. Wir unterhalten uns in einer Kneipe am Hafen der Inselhauptstadt Mytilini. „Den Abbruch des Dialogs zwischen Griechenland und der Türkei müssen die Flüchtlinge ausbaden“, meint Pallis und verweist darauf, dass die griechische Küstenwache „Pushback“-Aktionen praktiziert, also Migranten gewaltsam in türkische Gewässer zurückver­frachtet.11

Am 2. September verkündete der Marineminister stolz vor der Presse, man habe im Jahr 2020 mehrere zehntausend Migranten daran gehindert, ins Land zu kommen. Einen Monat später versuchte der Einwanderungsminister, den fatalen Eindruck zu korrigieren und bestritt jegliche Pushback-Aktion. In Lesbos rufen die Bilder von abgewiesenen Flüchtlingen schmerzhafte Erinnerungen wach, erzählt Georgios Pallis. Erinnerungen an die „kleinasiatische Katastrophe“ von 1922, die für das griechisch-türkische Verhältnis bis heute bestimmend ist.

Damals verloren hunderttausende Griechen ihre Heimat, nachdem die griechische Armee mit der Eroberung des westlichen Kleinasiens gescheitert war. Davor waren die Kleinasiengriechen in der Endphase des Osmanischen Reichs zu Opfern von Verfolgungen und Massakern geworden, die in Griechenland wie auch von nichtgriechischen Historikern als Genozid eingeordnet werden.

1923 unterzeichneten beide Länder den Vertrag von Lausanne, der die Grenzen der modernen Türkei festlegte. Damit war auch der Vertrag von Sèvres aus dem Jahr 1920 revidiert, der Griechenland die Region um Izmir (Smyrna) zugesprochen hatte. Zudem wurde im Namen der „nationalen Homogenität“ ein brutaler Bevölkerungsaustausch nach religiösen Kriterien verfügt. Mehr als eine halbe Million Muslime aus Griechenland wurden nach Kleinasien umgesiedelt, auch aus Lesbos, wo damals 6,5 Prozent der Bevölkerung türkisch waren. Umgekehrt mussten 1,2 Millionen orthodoxe Christen aus der Türkei nach Griechenland ziehen, 30 000 von ihnen nach Lesbos.

Die Flüchtlinge hatten es nicht leicht, erzählt Pallis, der selbst von Kleinasienflüchtlingen abstammt. „Sie waren orthodoxe Christen, sie sprachen Griechisch, aber die Einheimischen sprachen nur abfällig über sie. Man beschimpfte sie als ‚Türkensperma‘ und die Frauen aus dem kosmopolitischen Izmir als ‚Prostituierte‘. Es dauerte zwei Generationen, bis sich das gelegt hat.“ Pallis’ Großmutter kam mit acht Jahren nach Lesbos. Dort musste sie lernen, die Türken zu hassen. „Freundschaft mit ‚der anderen Seite‘ “ war verboten. Sie hat bis zu ihrem 80. Lebensjahr keinen türkischen Boden betreten.“

In der verwinkelten Altstadt von Mytilini führt mich Pallis zu den beiden übriggebliebenen Moscheen. Eine ist nur noch ein ausgeweidetes Gerippe, in dem magere Katzen herumstreichen; die andere dient als Blumenladen. „Die Obrigkeit schert sich nicht um die osmanische Vergangenheit“, sagt Pallis bedauernd. „Der Staat müsste den Wiederaufbau dieser Baudenkmäler finanzieren und den Tourismus aus der Türkei ankurbeln. Solche Investitionen würden der Region mehr Sicherheit bringen als der Kauf von Rafale-Kampfflugzeugen.“

In Westthrakien wird auch auf Türkisch unterrichtet

Im äußersten Nordosten Griechenlands, an der Grenze zur Türkei und zu Bulgarien, ist die osmanische Vergangenheit noch gegenwärtig. In jedem Dorf dieser Region erhebt sich eine intakte Moschee. Von griechischer Seite wird die muslimische Minderheit in Westthrakien auf 90 000 Personen beziffert, weitere 20 000 leben anderswo in Griechenland. Diese Minderheit besteht aus drei ethnischen Gruppen: Roma, Pomaken und türkischstämmigen Muslimen. Die Pomaken sind bulgarofone Slawen, die unter der osmanischen Herrschaft zum Islam konvertiert waren.

Komotini liegt 100 Kilometer von der griechisch-türkischen Grenze entfernt. Hier treffen wir uns mit Moustafa Moustafa, der bis 2019 für die Linkspartei Syriza im Athener Parlament saß. „Wir sind griechische Bürger, aber wir sind auch Türken“, sagt der Mikrobiologe. „Das waren wir sogar schon, bevor die moderne Türkei existierte. Wir sprechen Türkisch und wir haben dieselbe Religion.“ Damit hat er in aller Kürze die ganze Komplexität einer Identität skizziert, die durch die imperialen Vergangenheit dieser Region geprägt ist. Und die auch jetzt wieder zum Objekt des Machtkampfs zwischen Athen und Ankara geworden ist.

Die muslimische Minderheit Westthrakiens musste – sozusagen als Überbleibsel des Osmanischen Reichs – zusehen, wie sich die expandierenden Grenzen Griechenlands um sie schlossen. Doch blieb sie 1923 von dem im Lausanner Vertrag verordneten Bevölkerungsaustausch verschont. Stattdessen musste sich die muslimische und mehrheitlich turkofone Bevölkerungsgruppe in einen Nationalstaat integrieren, dessen Selbstverständnis auf der griechischen Sprache und der orthodoxen Religion basiert.

Die Minderheit hat das Recht auf freie Religionsausübung. Es gibt etwa 130 Grundschulen, in denen die Hälfte der Fächer auf Türkisch gelehrt wird. „Christen und Muslime leben hier problemlos zusammen. Aber gemischte Ehen werden immer noch nicht toleriert“, erzählt Moustafa Moustafa. Seine Heimatstadt Komotini heißt auf Türkisch Gümülcine. Die etwa 55 000 Einwohner leben in christlichen und muslimischen Vierteln, die entlang eines heute zubetonierten Flusses errichtet wurden.

Moustafa sagt über die Türken von Westthrakien: „Wir sind Dörfler, die an dieser Gegend hängen. Wir wollen nur, dass unsere Nachkommen hier in Frieden leben.“ Wie viele griechische Muslime aus dieser Region hat er zwar in der Türkei studiert, ist aber nach Komotini zurückgekehrt.

Der Lausanner Vertrag machte die Türkei zum „Patenstaat“ der griechischen Muslime. Griechische Nationalisten fürchten allerdings, die muslimische Minderheit könnte zu sehr unter den Einfluss Ankaras geraten. Umstritten ist vor allem die Statusfrage. Die Türkei fordert die offizielle Anerkennung als „türkische Minderheit“, wogegen Griechenland jede ethnische Zuschreibung für religiöse Minderheiten ablehnt.

Der Streit spielt sich auf zwei Feldern ab: Bildung und Religion. Ende der 1990er Jahre wollte Athen die Minderheit in das griechische Bildungssystem integrieren, und zwar durch eine Politik der positiven Diskriminierung wie etwa erleichterten Zugang zum Studium. Die protürkischen Muslime hingegen forderten die Einrichtung von mehr zweisprachigen Bildungsstätten.

Im Bereich der Religion geht es um die Ernennung der Muftis. Drei dieser islamischen Rechtsgelehrten, die auch zivilrechtliche Entscheidungen fällen, werden vom griechischen Staat ernannt; zwei wurden mit Unterstützung Ankaras von den einheimischen Muslimen gewählt.

„Wir zahlen für jede diplomatische Krise. Wir sind die Bauern auf ihrem Schachbrett“, sagt Moustafa Moustafa resigniert. Der Sechzigjährige erinnert an die Zeit nach dem Pogrom von 1955 gegen die Griechen in Istanbul oder an die Jahre nach der Besetzung Nordzyperns durch die Türkei 1974. „Damals hat der griechische Staat die Rechte unserer Minderheit mit Füßen getreten. Zum Beispiel durften wir keinen Führerschein machen und kein Land kaufen.“ Ähnlich erging es der griechischen Minderheit in der Türkei. Heute leben nur noch ein paar tausend Griechen in Istanbul.

Die konkurrierenden nationalen Diskurse schaffen eine Atmosphäre des Argwohns. „Für die griechischen Rechtsextremisten sind wir Janitscharen12 , Erdoğan hingegen nennt uns soy­daş, also Auslandstürken“ sagt Pervin Hayrullah, Leiterin der Kultur- und Bildungsstiftung der westthrakischen muslimischen Minderheit. Sie erzählt, wie Erdoğan bei seinem Besuch in Komotini Ende 2017 die „Diskriminierung“ der türkischstämmigen Gemeinschaft durch den griechischen Staat verurteilt hat.

Eine Christin, die anonym bleiben möchte, flüstert uns zu: „Die griechischen Behörden hier stehen auf verlorenem Posten. Die Türkei ist in der Region viel präsenter und mächtiger.“ Ankara unterhalte tausende Spione in der Gegend und lasse dem türkischen Konsulat in Komotini jedes Jahr Millionen Euro zukommen.

Pervin Hayrullah, die mit der türkischen Vertretung zusammenarbeitet, sagt dagegen, das Konsulat komme nur seinem Auftrag nach, genau wie das griechische Konsulat in Edirne, der größten Stadt im türkischen Ostthrakien.

Selim İsa ist der vom griechischen Staat ernannte Vorsitzende der Waqf-Verwaltung, die über die Nutzung der muslimischen Einrichtungen befindet. „Griechenland behandelt uns gut. Es interessiert sich für die Entwicklung unserer Gemeinschaft und lässt uns unsere Religion ausüben“, sagt Isa und zeigt uns Fotos der frisch renovierten Räume einer der 20 Moscheen von Komotini. „Aber je mehr sich das Verhältnis zur Türkei verschlechtert und das Konsulat seinen Einfluss ausweitet, umso lauter wird es die Anerkennung einer ‚türkischen Minderheit‘ fordern“, fügt er vielsagend hinzu. Von der Straße ertönt der Ruf des Muezzins.

Am 11. Dezember beschloss die EU begrenzte Sanktionen gegen türkische Unternehmen und Personen, die in Explorationen in umstrittenen Seegebieten involviert sind. Athen hatte härtere Maßnahmen wie ein Waffenembargo gefordert, wobei man vor allem die Lieferung von sechs deutschen U-Booten der 214-Klasse im Auge hat, von denen Griechenland schon vier besitzt.

Die EU-Regierungschefs haben angekündigt, auf ihrem nächsten Gipfel im März 2021 könnten weitere Sanktionen beschlossen werden, falls Ankara seine „illegalen und aggressiven Aktionen“ fortsetzt.

1 Siehe Niels Kadritzke, „Kriegsgeheul in der Ägäis“, LMd, April 2017.

2 Völkerrechtsexperten gehen davon aus, dass der IGH in Den Haag in einem möglichen Schiedsspruch etwa 80 Prozent der Ägäis als griechische und 20 Prozent als türkische AWZ festlegen würde.

3 Siehe Niels Kadritzke, „Grenzstreit im östlichen Mittelmeer“, LMd, September 2020.

4 Das Schiff ist benannt nach einem berühmten osmanischen Korsaren, der um 1475 in Lesbos als Sohn eines türkischen Vaters und einer griechischen Mutter geboren wurde und sich 1516 zum Sultan von Algier machte.

5 Ägypten hat mit Griechenland Anfang August eine Übereinkunft über ihre AWZ-Abgrenzung unterschrieben, die allerdings nicht das Gebiet südlich von Kastellorizo umfasst.

6 Als die Regierung Simitis diesen obligatorischen Eintrag aus dem Ausweis tilgte, wollte die orthodoxe Kirche dies durch ein (illegales) Plebiszit verhindern.

7 Geografisch liegt Kastellorizo im östlichen Mittelmeer, gehört also nicht zu der südostägäischen Inselgruppe Dodekanes, wurde aber schon 1922 von den Italienern unter dem Namen Castelrosso verwaltungsmäßig in den Dodekanes integriert.

8 Über die Zustände in dem Lager vor dem Brand siehe Yiannis Papadopoulos, „In der Falle von Moria“, LMd, Februar 2020.

9 Efimerida ton Syntakton, 29. März 2020.

10 Die bereits angefertigte „schwimmende Barriere“ soll künftig gegen die Verschmutzung des Meeres eingesetzt werden. Siehe Kathimerini (engl. Ausgabe), 29. August 2020.

11 Die Flüchtlinge werden meist auf mit Planen überdachte Rettungsflosse (liferafts) verfrachtet und in Richtung Türkei geschleppt. Siehe Niels Kadritzke, „Neue Pushback-Aktionen“, Blog Griechenland auf monde-diplomatique.de vom 9. Mai 2020.

12 „The Turkish Language in Education in Greece“, Mercator (European Research Centre for Multilingualism and Language Learning), Regional Dossiers Series, 2019.

Aus dem Französischen von Uta Rüenauver

Élisa Perrigueur ist Journalistin in Athen.

Le Monde diplomatique vom 07.01.2021, von Élisa Perrigueur